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StartseiteBüchermarktErfrischend anders17.12.2005

Erfrischend anders

Jonathan Stroud schreibt Fantasy-Bücher der besonderen Art

Nach dem großen Erfolg des Buches "Das Amulett von Samarkand ”, dem ersten Band der Bartimäus-Trilogie des englischen Schriftstellers Jonathan Stroud, ist nun das zweite 670 Seiten starke Buch: "Bartimäus - Das Auge des Golem” erschienen. Es sind Fantasy-Geschichten, in denen die Zauberer weder spitze Hüte noch lange Bärte tragen, es keine Weltuntergangsszenarien gibt und sein Held Nathanael auch nicht über besondere Fähigkeiten verfügt.

Von Karin Hahn

Jonathan Stroud's Bartimäus ist anders als andere Fantasy-Bücher. (AP Archiv)
Jonathan Stroud's Bartimäus ist anders als andere Fantasy-Bücher. (AP Archiv)

Die Zauberer sind aus der aktuellen Fantasy-Literatur einfach nicht mehr wegzudenken - Joanne K. Rowling hat es vorgemacht und die Begeisterung der Leser für dieses Genre hat gezeigt, dass Bücher über magische Abenteuer, ob von Stephen Elboz, Eoin Colfer, Jenny Nimmo und Jonathan Stroud ihren Platz immer wieder aufs Neue behaupten können.

Der quirlige und jungenhaft wirkende britische Autor Jonathan Stroud schreibt Geschichten, seit er sieben Jahre alt ist. Neben seiner langjährigen Tätigkeit als Lektor für Kindersachbücher verfasste er immer auch seine eigenen Geschichten und man merkt, dass Jonathan Stroud weiß, wie er seine Leser gekonnt fesseln kann – mit Humor, Spannung und Magie.

"Wenn man den Leser nicht vom ersten Moment an seiner Seite hat, dann wird er das Buch in die Ecke werfen. Ich versuche immer in regelmäßigen Abständen viel Action und Humor einzubauen und wechsle ebenso regelmäßig die Perspektive des Erzählers. Der Leser muss immer in Bewegung bleiben, er weiß nicht genau, was ihn erwartet und das ist meine Art, die Aufmerksamkeit des Lesers zu erreichen. "

Jonathan Stroud sucht aber auch bei Lesungen den intensiven Kontakt zu seinen Zuhörern, er reagiert schnell auf Einwürfe und liest sehr ausdrucksstark und gestenreich aus seinen Bartimäus-Bänden. Nebenbei unterhält er sein Publikum mit witzigen Zeichnungen. Allerdings fesseln seine Malereien nicht so wie seine Fantasy-Geschichten, in denen die Zauberer weder spitze Hüte noch lange Bärte tragen, es gibt keine Weltuntergangsszenarien und sein Held Nathanael verfügt auch nicht über besondere Fähigkeiten.

Bei Stroud ist alles erfrischend anders. Er kombiniert die alt vertrauten Fantasy-Muster auf originelle Weise mit den übernatürlichen Luft- und Feuerwesen: den Dämonen. Aber er mixt auch intelligent weitere Genres hinzu, wie den Entwicklungsroman oder die Politsatire. Mit dem 5.000 Jahre alten Dschinn Bartimäus hat Stroud einen einzigartigen Wüstengeist erfunden, der als exzentrischer Prahlhans mit seinem trockenen Sarkasmus dem sehr jungen und unerfahrenen Magier Nathanael gegenübersteht.

"Ich habe eine Geschichte über einen Magier und einen Dschinn gewählt, weil ich eine Handlung bauen wollte, die sich von der traditionellen Struktur unterscheidet, wo die menschlichen Magier die Guten und die Dämonen die Schlechten sind.
Ich wollte das wechseln, so dass die überirdischen Figuren eine Art Held sind und die menschlichen Figuren aus moralischer Sicht gesehen sich doch eher fragwürdig verhalten. Es ist für mich faszinierend, diese beiden Charaktere zu haben, da beide aus der moralischen Perspektive betrachtet ambivalent sind, aber zusammen wieder das Gleichgewicht herstellen. Das ist das Herz des ganzen Buches."

In Jonathan Strouds Mehrteiler bilden die einflussreichen Magier, die sich als die Elite des britischen Weltreiches verstehen, die Regierung. Sie kleiden sich wie Banker und häufen allen Reichtum an. Allerdings verfügen sie nicht über magische Kräfte. Der wahre Ursprung ihrer Macht liegt in den übernatürlichen Fähigkeiten der Mariden, Afriten, Dschinn, Foliot, Kobolde und anderen Monstern, die sie mit Hilfe von Beschwörungsformeln bannen können. Jonathan Stroud hat sich eine Reihe fantastischer, Furchteinflößender, aber auch witziger Figuren ausgedacht. Durch den Wechsel der Sprachregister verleiht er den durch und durch menschlich agierenden Dämonen ihre unverwechselbaren Charaktere. Die Zauberer beuten die Dämonensklaven aus und beherrschen sie ebenso eiskalt wie die rechtlosen Menschen, die die Gewöhnlichen genannt werden. Den Namen seines Dschinns hat der Autor übrigens im Neuen Testament entdeckt. Bartimäus fühlt sich mit seiner Lebenserfahrung dieser Welt der egoistischen Zauberer weit überlegen.

"Bartimäus’ Rolle ist es auf jeden Fall, sich über die Menschen lustig zu machen und insbesondere über die menschlichen Magier. Er schaut aber auch auf die Leser herab, denn er glaubt, er ist viel cleverer als die Leser und das ist komisch. Aber es hat eine Bedeutung, denn in der gängigen Fantasy-Literatur beschäftigen sich die Figuren allzu oft mit sich selbst, sie reden über das Gute und das Böse, und tendieren dazu sehr schwerfällig zu sein. In diesem Buch möchte ich das gern vermeiden und es soll auch satirisch sein und voll Witz. Und da sind auch die Fußnoten von Bartimäus, die die Dinge einfach verändern. Da ist eine sehr bedeutende Sache, die die Magier betrifft und Bartimäus macht dann einen billigen Witz darüber in seiner Fußnote und dreht die Dinge von unten nach oben. Das ist seine wichtige Rolle. "

Durch die Doppelperspektive beschleunigt der Autor in seinen Romanen das Erzähltempo. Bartimäus kann ungehemmt all seine boshaften Anspielungen als Ich – Erzähler loswerden und Nathanaels Sicht wird in der dritten Person wiedergegeben.

"Ich glaube, die beiden Hauptfiguren Bartimäus und Nathanael sind mir sehr nahe. Nathanael ist sehr stolz, er ist ein harter Arbeiter und er ist ein bisschen nervös. Ich war ein bisschen so als ich jung war. Aber Bartimäus ist voll von Energie und Humor und ich glaube, ich bin auch so. So sind die beiden vielleicht ein Teil von mir. "

Vor zwei Jahren und acht Monaten haben sich Bartimäus und Nathanael, so hofft der Dschinn zumindest, im letzten Buch auf Nimmerwiedersehen verabschiedet. Im "Auge des Golem" muss der Leser gut 138 Seiten ausharren bis die respektlose Quasselstrippe von ihrem nun 14-jährigen Zaubermeister erneut beschworen wird. Nathanael hat sich zu einem aufgeblasenen Karrieristen entwickelt. Zu seinem Aufgabenbereich im Staatsapparat zählt das Aufspüren des Widerstands, einer Gruppe Gewöhnlicher, die auf unerklärliche Weise magische Artefakte stehlen und diese gegen die Hexenmeister einsetzen. Ein Mitglied des Widerstands ist Kitty Jones.

"Der Charakter von Kitty ist sehr wichtig, sie ist die dritte Hauptfigur, die hinzukommt. Und sie nimmt die Rolle der normalen Menschen ein, der Gewöhnlichen - jemand ohne magische Macht. Im ersten Buch befinden sich Bartimäus und Nathanael in einer geschlossenen Welt - nur die Magier und die Dämonen sind diejenigen, die miteinander kämpfen. Aber Kitty hat keine Macht und wir sehen die Magie aus einer anderen Perspektive. Die Handlung gewinnt so eine Weite und macht es mehr dreidimensional. Kitty ist somit eine Schlüsselfigur und sie ist viel flexibler in ihrem Denken als die beiden anderen Charaktere."

Die zunehmenden Attacken des Widerstands, die Nathanael doch unter Druck setzen, sind jedoch nichts gegen die riesige Zerstörungskraft des Golem, der plötzlich in London auftaucht und mehrere teure Geschäfte auf dem Piccadilly sinnlos dem Boden gleichmacht. Dämonische Kräfte können ihm nichts anhaben. Doch wer ist in der Lage, einen Golem wieder zum Leben zu erwecken? Ein mächtiger Dschinn muss bei der Aufklärung helfen und Nathanael, den die Magier als Emporkömmling ansehen, vor den Intrigen seiner neidischen Konkurrenten retten. Und nun kommt Bartimäus ins Spiel und ein Feuerwerk bissigen Humors und magischer Knalleffekte beginnt. Nathanael und sein Dschinn gelangen in Prag hinter das Geheimnis des Golem, aber die Gewöhnlichen haben inzwischen in London ein wertvolles Magiergrab geplündert. Nathanael ist in großen Schwierigkeiten.

Trotz seiner unbändigen Erzählfreude verliert Jonathan Stroud nie die eigentliche Geschichte aus den Augen. Auch wenn im ersten und zweiten Band inhaltlich jeweils neue Schwerpunkte gesetzt werden, geht es doch immer wieder um Ränkespiele und Machtkämpfe unter den Zauberern und um Regierungskrisen.

"Es ist einfach schön, satirische Elemente über Großbritannien und die Welt heute in die Fußnoten einzuarbeiten. Aber ich mache keine direkten Kommentare über spezifische Parteien oder Politiker. Ich glaube in Großbritannien und vielleicht in Deutschland sind die Leute von vielen Politikern enttäuscht. Sie trauen ihnen nicht und das Buch reflektiert das. "

Jonathan Stroud schreibt in dieser typisch britischen Art, indem er ernsthafte Themen mit Leichtigkeit und Enthusiasmus in humorvollen, wie ironischen Geschichten verarbeitet. Und er kann spannend erzählen und schafft es, verzwickte Handlungsstränge gekonnt in einem bravourösen, temporeichen Showdown zu entflechten. Seine Protagonisten sind ob Magier oder Dämonen nie eindimensional gezeichnet und bleiben bis zum Ende unberechenbar.

"Ich glaube, das Buch schafft einen angenehmen Ausgleich zwischen dem Humor und der Leichtigkeit von Bartimäus, dem Dschinn, der seine Form wechseln kann. Er ist schnell, sehr schnell und macht viele Witze. Die menschlichen Charaktere sind viel ernster und mehr mit der Erde verbunden und da ist ein Ausgleich zwischen Leichtigkeit und Schwere in diesem Buch. Die Politik ist relativ ernsthaft und auch die Erziehung von Nathanael und Kitty. Diese Seite ist etwas pessimistisch. Ich glaube, das ist sinnvoll, da viele Fantasy-Bücher vor den realen Anforderungen des Lebens in eine Scheinwelt fliehen oder mit viel zu vielen Witzeleien und Spezialeffekten aufwarten. Meine Meinung ist, es funktioniert besser, wenn man eine Mischung aus Magie und den irdischen Elementen hat. Das ist eine interessante Inszenierung."

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