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StartseiteSprechstundeWenn Kinder keine Linien zeichnen03.06.2014

ErgotherapieWenn Kinder keine Linien zeichnen

Kindertherapeuten warnen vor dem "Schwinden der Sinne" - viele Kinder haben Probleme mit Balance, Kraft oder Koordination. Die Probleme sind vielfältig, liegen oft im Umfeld. Gerade hier können Eltern aber unkompliziert eingreifen.

Von Andrea Westhoff

Zwei Kinder schauen durch Lupen auf die Kamera hinab, ihre Gesichter sind deswegen zum Teil vergrößert zu sehen. (dpa/picture alliance/Jörg Carstensen)
Kinder sollten sich früh in der Natur bewegen - das fördert Motorik und Koordination. (dpa/picture alliance/Jörg Carstensen)
Weiterführende Information

Sprache, Motorik und Sehvermögen auf dem Prüfstand (Deutschlandfunk, PISAplus, 31.07.10)

"Was haben wir denn hier noch: jede Menge Bälle. Dann haben wir noch Ringe, Reifen, Sandsäcke, und so weiter. Hier in der Halle sehen Sie auch noch ein großes Seil gespannt, und das lieben die Kinder, in einer Riesenhängematte hier zu schaukeln."

Eine Turnhalle in einer ergotherapeutischen Ambulanz: Hier werden Kinder behandelt, die "in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt sind", wie es in der Ergotherapie-Definition heißt.

"Bei Kindern versucht man vor allen Dingen, spielerisch heranzugehen. Vielleicht denken Eltern, die ihr Kind bringen, na die spielen ja nur, aber hinter diesem Spielen steht natürlich ein Konzept und ganz klare Übungsaufträge", sagt Ulrike Ott, Dozentin für Ergotherapie an der Wannsee-Schule Berlin.

"So würde man zum Beispiel in einem Bewegungsraum einen Parcours aufbauen, wo es hoch und runter geht, wo man irgendwo durchkriechen muss, irgendwo drumherum laufen muss, und dazu würde man dann eine spannende Geschichte entwickeln von Piraten, die irgendwo landen und dahinter würde eben zum Beispiel stehen, dass das Kind bestimmte Eigenschaften und Fertigkeiten übt, also Balancieren, Gleichgewicht, Kraft, Ausdauer, und das gar nicht dabei merkt."

Die Indikationen und Behandlungskonzepte der Ergotherapie sind sehr vielfältig: Es gibt spezielle für autistische Kinder, für Kinder mit geistiger oder körperlicher Behinderung oder mit psychischen Erkrankungen. Am häufigsten aber wird sie verordnet bei Entwicklungsverzögerungen oder -störungen, die meistens bei Reihenuntersuchungen in den Kitas oder zur Einschulung auffallen, erklärt Gerlinde Gröbl von der Ambulanz des Gesundheitsamtes Steglitz-Zehlendorf in Berlin.

"Erst mal fallen die Kinder durch motorische Defizite auf, indem sie vielleicht hinfallen oder ständig blaue Flecken holen oder nicht richtig den Stift halten können, nicht richtig schneiden können oder einfach auch eine Verhaltensauffälligkeit zeigen, dann werden diese Kinder von den Kinder- und Jugendgesundheitsdienstärzten hier zu uns überwiesen in die Ambulanz, und dann werden sie über einen standardisierten Test erst mal untersucht."

Die Basissinne schulen

Es gibt verschiedene Testverfahren für die unterschiedlichen Störungen, aber zur genauen ergotherapeutischen Diagnostik gehört unbedingt die Beobachtung sowohl des Kindes, als auch des sozialen Umfeldes. Das versucht Ulrike Ott den angehenden Ergotherapeuten besonders zu vermitteln:

Zum Beispiel wenn es um Interaktion in der Familie geht, kann sehr aufschlussreich die Situation sein, indem ein Familienmitglied das Kind in die Praxis bringt und ihm die Schuhe auszieht. Durch den Test würde ich sehen, das Kind ist in diesem Punkt altersgemäß entwickelt, es kann Schuhe selbständig an- und ausziehen, durch die Beobachtung würde ich mitbekommen, obwohl es das Kind kann, wird es ihm gemacht.

"Also Rollbretter, wo sie hier durch den Raum fahren können, oder hier diese wunderbaren Wackelbretter, wo die Kinder drauf stehen müssen, um ihr Gleichgewicht zu halten, oder taktile Geschichten wie Sand."

Bei Kindern mit Entwicklungsstörungen geht es in der Ergotherapie vor allem darum, die Basissinne anzuregen, zu stärken oder auch "in Ordnung" zu bringen. Das therapeutische Verfahren dazu heißt sensorische Integration: Die Kinder lernen, ihren eigenen Körper wahrzunehmen und die vielfältigen Reize aus der Umwelt sinnvoll zu verarbeiten.

"Das ist das Zimmer, wo hauptsächlich die sensorische Integration stattfindet, auch hier haben wir so einen Träger, wo wir verschiedene Schaukelgeschichten einhängen können, und hier ist unsere wunderbare schräge Ebene, und sie rutschen dort in ein Bällebad."

Mit der sensorischen Integrationstherapie werden beispielsweise Kinder behandelt, bei denen unklar ist, ob sie Rechts- oder Linkshänder sind. Nachdem man früher Linkshänder fälschlicherweise mit Gewalt "umerzogen" hat, glauben viele Eltern und auch manche Lehrer heute, darum müsse man sich gar nicht kümmern. Aber eine echte Beidhändigkeit ist sehr selten, in den meisten Fällen haben Kinder "mit unklarer Händigkeit", wie es heißt, Störungen in ihrer frühen Entwicklung. Ergotherapie ist oft auch Spurensuche:

"Dann erzählen ganz häufig die Eltern, das Kind hat ganz wenig gekrabbelt. Das heißt, die Integration der beiden Körperhälften ist nicht richtig ausgebildet."

Diagonale Linien zeichnen

Gerlinde Gröbl setzt deshalb bei den Übungen auch auf einer früheren Entwicklungsstufe an:

"Ich gehe mit dem Kind in den SI-Raum, und es krabbelt die schiefe Ebene hoch und rutscht runter. Oder ich mache, was viele Kinder auch gerne machen, Überkreuzübungen. Also diese Klatschspiele, (klatscht) ‚Ene mene Mopel' usw. damit noch mal die Hirnhälften ausreifen, um dann den stabilen Handgebrauch zu festigen."

Das ist ein weiteres ergotherapeutisches Prinzip bei Entwicklungsstörungen: nicht direkt an den Defiziten zu arbeiten. In dem Diagnosetest zur visuell-motorischen Wahrnehmung zum Beispiel soll ein Kind bestimmte Striche nachzeichnen, die auf einem Papier vorgegeben sind:

"Auffällig ist dann immer zum Beispiel, wenn Kinder keine Diagonalen malen können. Das klingt erstmal ziemlich banal, aber es ist wirklich so, dass das Kind diese Diagonalen von der Raumwahrnehmung nicht wahrnimmt."

Solche Diagonalen sind essenziell für das Schreibenlernen von Großbuchstaben. Aber es hat keinen Sinn, das Kind stundenlang schräge Striche malen zu lassen. Gerlinde Gröbl geht auch hier zuerst auf die Ebene der Basissinne zurück:

"Ich gehe mit dem Kind in die Turnhalle, lasse es erstmal diagonal durch den Raum laufen. Oder ich lasse ein Auto von Ecke zu Ecke mit dem Kind abfahren, und wenn das Kind das dann in seinem Körperbewusstsein eingebaut hat, was ist eine Diagonale, gehe ich wieder auf die Blatt Papierebene zurück, und dann wird es hoffentlich eine Diagonale malen können und ein A oder ein M oder ein N und so weiter."

Ergotherapeuten nutzen natürlich auch kreativ-handwerkliche Mittel, weil sie die Feinmotorik verbessern und Kinder damit Gefühle und Bedürfnisse ausdrücken können. Außerdem arbeiten sie interdisziplinär mit Logopäden und Physiotherapeuten zusammen.

Ganz wichtig ist schließlich der Kontakt zu den Eltern: Das beginnt schon bei der Diagnostik, denn manche können oder wollen nicht wahrhaben, dass in der Entwicklung ihres Kindes etwas schief läuft. Und sinnvoll ist auch, wenn Eltern sehen, was in der Ergotherapie gemacht wird und was sie zuhause machen können – und sollten:

"Einfache Sachen: Kneten, basteln, rutschen, mit seinem Kind rausgehen, in den Schnee gehen - das leider heute immer mehr nicht mehr gemacht wird."

Kindertherapeuten sprechen von einem "Schwinden der Sinne" bei vielen Kindern heute – und Gerlinde Gröbl sieht das mit ihrer 35-jährigen Berufstätigkeit als Ergotherapeutin genauso:

"Ich kann sehr wohl sagen, dass die Kinder jedes Jahr abnehmen an ihrer Wahrnehmung. Weil zuhause schon mit einem Jahr die Glotze morgens angestellt wird, wenn man so weitermacht, weiß ich nicht, wo das noch hinführt."

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