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StartseiteBüchermarktErinnerungen einer öffentlichen Person02.06.2008

Erinnerungen einer öffentlichen Person

Wole Soyinka schreibt über Afrika

Der nigerianische Schriftsteller und Nobelpreisträger Wole Soyinka spannt in seinem autobiografischen Buch "Brich auf in früher Dämmerung"einen großen Bogen über ein halbes Jahrhundert afrikanischer Geschichte. Soyinkas Darstellung ist näher am Geschehen, als irgendein anderer Autor es sein könnte. Seine Sicht wird fortan zu den unentbehrlichen Quellen unseres Wissens über das moderne Afrika gehören.

Von Christoph Bartmann

Der nigerianische Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka (AP)
Der nigerianische Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka (AP)

Reisender, brich auf / In früher Dämmerung / ich künde Wunder Dir der heil'gen Stunde",

so heißen die Zeilen in Wole Soyinkas Gedicht "Death at Dawn" ("Tod in der Dämmerung"), die seinem großen Erinnerungsbuch den Titel geben. Ein "gewalttätiger Gastgeber" sei die Straße, schreibt Soyinka, ein verheißungsvoller und zugleich ein schrecklicher Ort, an dem in der Dämmerung und nicht nur dann, der Tod warten kann. Der Stamm der Yoruba, dem Soyinka angehört, hat für die Straße einen eigenen Gott: Ogun heißt er, aber er ist nicht der gute Gott, der die Reisenden beschützt, sondern einer, der in sich den Zwiespalt des Unterwegsseins verkörpert. Ogun und die Straße, sie sind für Wole Soyinka und für sein Lebensthema ein Kompass oder, wie er sagt, "mein persönlicher Mentor, mein Mitverschworener und (...) ein bescheidener Schutzschild.

Soyinkas Erinnerungen, der letzte und umfangreichste Band in einer Reihe von Memoirenbüchern, befassen sich nur am Rande mit dem literarischen Schaffen des Nobelpreisträgers. Auch das private Leben - man liest nur ganz am Rande von Frauen und Kindern - kommt so gut wie gar nicht vor. Dies sind die Erinnerungen einer öffentlichen Person. Nicht erst mit dem Nobelpreis 1986 hat sich Soyinka in einen Kulturprominenten verwandelt, der von Tagung zu Tagung eilt, Ehrendoktorate entgegen nimmt und an wechselnden amerikanischen Universitäten eine wie auch immer geartete Lehrtätigkeit ausübt. Eine öffentliche Figur ist Soyinka Zeit seines erwachsenen Lebens gewesen, und dies hat zweierlei Gründe: nämlich Soyinkas durch und durch politisches Naturell und außerdem die zeitlichen und örtlichen Umstände seines öffentlichen Wirkens.

Als Nigeria 1960 von Großbritannien in die Unabhängigkeit entlassen wird, ist der damals 26-jährige Soyinka einer jener jungen Männer, auf die es ankommt - als Autor, als Universitätslehrer und als politischer Aktivist. Obwohl von einfacher Herkunft, zählt Soyinka schon früh zum kulturellen Establishment der jungen Nation. Die rasch wechselnden Machthaber Nigerias haben ihn mal ins Gefängnis geworfen, mal ins Exil gezwungen und ein andermal zum Gespräch gebeten. In jedem Fall haben sie ihn gekannt, respektiert und manchmal gefürchtet. Soyinkas Erinnerungsbuch bezeugt neben Mut und Klugheit ein unerschütterliches Selbstbewusstsein (seine politischen Feinde finden ihn, wie er nicht ohne Stolz bemerkt, "arrogant"). Man findet in diesem Buch Formulierungen zuhauf wie jene, er sei auf diesem oder jenem "berühmten Bild" zu sehen, er habe wieder einmal seinen "leisen Ha-ha-Lacher hören" lassen oder aber die Lächerlichkeit des Regimes hier oder dort schärfer und programmatischer als irgendwer sonst "aufs Korn genommen". Nein, Bescheidenheit ist Soyinkas Sache nicht, und sie kann es vielleicht auch nicht sein, wenn man in Nigeria die Sache der Demokratie vertreten und sie gegen die Einschüchterungen übermächtiger Gegner behaupten will.

Soyinkas Buch spannt einen großen Bogen über ein halbes Jahrhundert afrikanischer Geschichte, von den spätkolonialen Wirren der fünfziger Jahre über die euphorischen Jahre der "Entkolonialisierung" hin zu den nicht abreißenden Krisen der afrikanischen Staaten, für die Nigerias Geschichte eines der dramatischsten Beispiele gibt. Soyinkas Darstellung, manchmal zu weitschweifig, manchmal zu selbstgefällig, aber näher am Geschehen, als irgendein anderer Autor es sein könnte, wird fortan zu den unentbehrlichen Quellen unseres Wissens über das moderne Afrika gehören.

Kein Historiker hat dieses Buch geschrieben, auch kein Staatsmann, sondern ein unerschrockener Zivilist und engagierter Intellektueller. Man hätte Soyinka statt des Nobelpreises für Literatur (oder mit ihm) auch den Friedensnobelpreis verleihen können. Sein Engagement auf dem Theater und das außerhalb des Theaters hängen bei ihm, ähnlich wie bei Václav Havel, notwendig zusammen. Als schon damals renommierter Theaterautor und Dekan der Theaterfakultät der Universität von Ibadan führt Soyinka 1967, am Vorabend der Biafra-Krieges, Geheimgespräche mit dem Gouverneur der abtrünnigen Provinz. Er versucht dann, den Militärchef der Zentralregierung für eine friedliche Lösung zu gewinnen. Oberst Obasanjo, der spätere Staatschef, gibt den Inhalt des vertraulichen Gesprächs, an seine Vorgesetzten weiter, worauf Soyinka wegen Hochverrats angeklagt und für 22 Monate inhaftiert wird. Jahrzehnte des Exils schließen sich an seine Freilassung an, aus dem er erst 1998 wieder nach Nigeria zurückgekehrt ist, als die Herrschaft des Diktators Abacha zu Ende ging.

Wenn Soyinka nicht gerade in den USA lebt und lehrt, dann ist er zu Hause in Abeokuta im Yoruba-Land, wo er sich vom Nobelpreisgeld ein Haus gebaut hat - oder er engagiert sich in der nigerianischen "People's National Conference", die sich 2005 gebildet hat, um Nigeria eine neue Verfassung zu geben. "Heimkehr" heißt das letzte Kapitel von Soyinkas Buch, in dem er seine ambivalente Gefühlslage beim Anflug auf Nigeria beschreibt. Noch immer haben ihn die nigerianischen Verhältnisse in die Fremde gescheucht, aber nichts kann das Band kappen, das ihm bei der Ankunft in Lagos ein zufällig am Flughafen angestimmtes Lied ins Bewusstsein ruft. "Es trug mich", schreibt Soyinka, "zurück zu jenem Tag, an dem ich (...) ohne alle Vorwarnung und ohne alle Vorbereitung hineingenommen worden war in die Kommunion mit den tiefsten Mysterien der Erde und der hochherzigen Großzügigkeit der Ahnen." Wole Soyinka, den Weltbürger, Pan-Afrikaner und Bürgerrechtler, erfasst in diesem Augenblick ein, wie er sagt, "Bauchgefühl", das ihm sagt: "Ich bin zurück an dem Ort, den ich nie hätte verlassen sollen."

Wole Soyinka: "Brich auf in früher Dämmerung. Erinnerungen".
Aus dem Englischen von Inge Uffelmann. Ammann Verlag, Zürich 2008

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