• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
StartseiteBüchermarktErinnerungen eines Querdenkers15.05.2007

Erinnerungen eines Querdenkers

Günter Lamprecht schreibt über sein Schauspielerleben

Der Schauspieler Günter Lamprecht hat den zweiten Teil seiner Autobiografie vorgelegt. In "Ein höllisches Ding, das Leben" lässt er seine Theater-, Film- und Fernsehkarriere Revue passieren. Dem 77-Jährigen gelingt es, Persönliches preiszugeben, ohne indiskret zu werden.

Von Christel Wester

Schaupieler Günter Lamprecht (AP Archiv)
Schaupieler Günter Lamprecht (AP Archiv)

"Ich hatte gerade meine Geschichte, meine Drehzeit mit Fassbinder, das hatte ich noch abschließend geschrieben für das Buch, meine Erlebnisse. Und da tanzt mir natürlich dann dieser Satz vor den Augen, und ich denke, ja, mein Gott, Günter, eigentlich ist das ja so: Es ist doch ein höllisches Ding, Komma, das Leben."

"Ein höllisches Ding, das Leben" - das sagt Franz Biberkopf in Rainer Werner Fassbinders Fernsehverfilmung von Alfred Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz". Höllisch waren auch die Dreharbeiten für die 14 Folgen, die die ARD 1980 ausstrahlte. Elf Monate war gedreht worden - eine der größten Herausforderungen in Günter Lamprechts Laufbahn.

"Man konnte sich reinlegen in diese Rolle, in jeder Beziehung, aber sie war halt anstrengen, elf Monate, und dann ich weiß nicht wie viel tausend Seiten Text, immer wieder auch manchmal geändert."

"Berlin Alexanderplatz" war bereits der vierte Fassbinder-Film, in dem Günter Lamprecht mitspielte. Aber der Franz Biberkopf war seine erste Hauptrolle bei Fassbinder.

"Nun er hat mich ja nun auserkoren für diese Rolle. Wir drehten 'Ehe der Maria Braun', und ich hatte so eine mittlere, kleinere Rolle in dem Film. Und während des Drehens zu dieser 'Ehe der Maria Braun' rief er mich runter in seinen Wohnwagen und sagte mir auf den Kopf zu: 'Du bist mein Biberkopp, Du musst den spielen.' Und dann kam natürlich von mir die dämliche Frage: 'Wer ist denn das?' Das war natürlich zuviel für ihn, ist erstmal ein bisschen ausgerastet: 'Du weißt nicht…' Bis er mir dann sagte "Berlin Alexanderplatz". Ich sagte: 'Ja ja ja, sag ich, ich erinnere mich, ich hab das mal versucht zu lesen, das habe ich nicht geschafft, 20 Seiten und dann interessierte mich das gar nicht mehr. Damals! Auf der Schauspielschule.'

Ich hab dann die Drehbücher gelesen und bin dann wirklich langsam, aber sicher in diese Welt eingetaucht: Einmal äußerlich, das ist meine Welt, meine Kindheit in Berlin: Die Menschen, die da drin auftreten, in diesem Buch, sind mir nicht fremd, die kannte ich alle. Mein Vater war ein richtiger, echter Kneipengänger in Berlin, das waren die 30er Jahre, war ja nicht so weit weg. Das war mir alles, das ganze Umfeld, die Straßen, alles, worüber gesprochen wird in diesem Roman, kannte ich, war mir vertraut, wurde mir immer vertrauter, und auch dieser Biberkopf, den kannte ich auch. Der ist bei uns, in dem Freundeskreis von meinem Vater, da gab es solche Männer. Und da hatte ich eigentlich ein gutes Futter für diese Rolle. Und das hat der Rainer wohl gespürt, nicht, dass ich also da so diese Figur aufgesogen habe und dass die da war."

Man erfährt viel über Günter Lamprechts Arbeitsweise in seinem Buch, darüber, wie intensiv er sich mit den Figuren beschäftigt, regelrecht in sie hineinkriecht und sich in sie verwandelt. Zwölf Kilo hat er sich für den Biberkopf angefuttert.

"Das ist eine der leichtesten Übungen, in so einen reinzuschlüpfen, also rein äußerlich, weil ich sehr gut koche und auch sehr gerne esse. Also das war kein Problem, das da ranzuholen Aber ich verstehe das so, wenn ich s eine Figur annehme, so eine Rolle, dann wächst die dann in meinem Kopf, und dann fange ich an, mir solche Dinge zuzulegen, also wie in diesem Fall diese zwölfeinhalb Kilo."

Fällt ihm die äußere Verwandlung leicht, so ist es eine schwierigere Aufgabe, das Innenleben einer Figur zu gestalten. Für Günter Lamprecht bedeutet das immer auch eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben.

"Also psychisch gesehen schöpft man immer wieder aus seinem Fundus, aus Lebenserfahrung, ich nenne das immer Fundus, was man alles gespeichert hat. Und da ist ja bei mir in meinem Leben auch eine ganze Menge passiert, und das liegt dann da eigentlich abrufbereit - man kann das abrufen.

Ich habe auch noch ein anderes Beispiel erzählt in meinem Buch, zum Beispiel diese 'Rückfälle', da habe ich einen Alkoholiker gespielt. Das ist natürlich in meiner Zeit, als ich sehr schlecht drauf war, da war ich ja eine lange Zeit auf Alk. Also nun, Gott sei dank, ich bin kein Alkoholiker, ich habe da schnell wieder rausgefunden. Aber zum Beispiel die Erlebnisse, was ich mit Alkohol erlebt habe, das war alles drin, ich konnte damit umgehen für die Rolle und hatte eine Menge zur Verfügung."

"Rückfälle" war ein beklemmendes Fernsehspiel, das Ende der 70er Jahre für Aufsehen sorgte, nicht zuletzt durch die Intensität von Günter Lamprechts Darstellung. Er spielte einen Alkoholiker, der nach einer Entziehungskur vergeblich versucht, wieder im normalen Leben Fuß zu fassen. Für diese Rolle bekam er 1978 die "Goldene Kamera" verliehen. In seinem Buch schildert er die schlaflosen Nächte, die ihm die Erarbeitung dieser Figur bereitete.

"Es führt ja zu einer Befreiung sogar, man befreit sich ja dann auch von dem Zeug, wenn man es hoch holt. Also auf der anderen Seite ist es auch eine Analyse. Ich hab das alles noch nicht gemacht in meinem Leben, aber ich habe mich sehr oft damit beschäftigt. Manchmal war Katastrophenstimmung, beim Schreiben, nicht. Also wenn ich es ganz oben hatte wieder, die Dinge herausgeholt habe, dann, ich musste manchmal heulen und habe aufgehört zu schreiben, so weit ging das schon."

Nicht nur die Erarbeitung so mancher Schlüsselrolle in seiner Laufbahn als Schauspieler war aufwühlend. Auch die Erinnerung daran hat Günter Lamprecht beim Schreiben seiner Autobiografie erneut emotional gefangen genommen. Auch wenn er sich in seinen Lebenserinnerungen auf die Geschichte seiner beruflichen Karriere konzentriert, so blendet er sein Privatleben nicht aus. Doch bleibt er dabei wohltuend dezent. Ihm gelingt es, Persönliches preiszugeben, ohne indiskret zu werden. Vor allem gegen Ende des Buches erzählt von einschneidenden Erlebnissen und von Verlusten: dem Tod von Kollegen, den Eltern und seiner zweiten Ehefrau, von der er zwar bereits geschieden war, mit der ihn jedoch eine lebenslange Freundschaft verband. Und ganz am Schluss berichtet Günter Lamprecht auch von dem Anschlag des jugendlichen Amokschützen, der ihn und seine Lebensgefährtin Claudia Amm im November 1999 beinahe umgebracht hat.

"Ich wollte es eigentlich gar nicht, ich wollte das aussparen, das geht aber gar nicht. Also wenn man dann ehrlich ist, und ich habe versucht in dem ganzen Buch alles eigentlich so ehrlich wie möglich zu sagen, ich wollte wirklich alles ganz, ganz ehrlich erzählen, so wie ich es erlebt habe. Aber das war eine Klippe, da habe ich immer überlegt, also, na, ich habe es ja nun geschrieben, ich hab es beschrieben und bin nun am Überlegen dauernd, wenn ich jetzt auf Lesereise gehe, ob ich das hinten weglasse. Das geht mir dann doch ein bisschen zu sehr ans, na ja, ans Seelische ran. Und da habe ich ein bisschen Angst davor."

Bei aller Emotionalität, die er in seine Schilderungen legt, ist Lamprecht ein guter Stilist, der seinen Stoff zu gestalten weiß. Er erzeugt Lebendigkeit durch geradezu reportagehafte Passagen. Und er wendet auch Techniken des filmischen Erzählens an. So lässt er seine Lebensgeschichte in dem Zug beginnen, der ihn und seine frisch angetraute Ehefrau im August 1955 von Berlin nach Bochum bringt, wo Lamprecht sein erstes festes Engagement am Schauspielhaus antreten wird. Er ist nervös, fürchtet, den Anforderungen möglicherweise nicht gewachsen zu sein und lässt seine Anfänge auf der Schauspielschule und die ersten kleinen Rollen an Berliner Theatern Revue passieren. Verblüffend ist die Unmittelbarkeit seiner Schilderungen, wenn man weiß, dass er auf keinerlei Tagebuchnotizen zurückgreifen konnte.

"Das habe ich überhaupt nicht gehabt. Das kam alles aus der Erinnerung. Ich weiß es nicht, das ist vielleicht ein Teil, was man so Begabung nennt, auch beim Schauspieler. Man lebt ja die Figuren auf der Bühne, wenn man anfängt zu probieren, und die wachsen, und die Figur wird immer runder. Dann lebt man ja auch von den Bildern, die man schafft im Kopf aus der Erinnerung."

Günter Lamprecht war allerdings schon immer ein Schauspieler, der bei der Vorbereitung seiner Rollen geschrieben hat.

"Zum Beispiel eine Figurenbeschreibung ist für mich ganz normal, dass, wenn ich ein Buch bekomme, ein Drehbuch, und soll die Figur spielen dann, und ich kann das nicht genau erkennen, die ist vom Autor nicht genau beschrieben, dann erfinde ich meistens Lebensläufe, also gebe die dann ab, direkt dem Regisseur und sage: 'Guck dir das mal an, also das ist die Basis, so wird der sich entwickeln, der Typ, den ich da spielen soll.'

Also auf die Suche gehen und so eine Biografie erfinden und überlegen, ob das alles denkbar ist und natürlich auch zeitgeschichtlich mal dahinter gucken, solche Sachen. Und das macht natürlich einen wahrsinnigen Spaß, das ist die Sache, da fange ich auch an zu schreiben dann."

Die Figur des "Tatort"-Kommissars Franz Markowitz, der kurz nach dem Mauerfall in Berlin ermittelte, hat Günter Lamprecht für den SFB entwickelt. An den Drehbüchern hat er mitgewirkt und eines ganz selbst geschrieben.

"Ich habe immer gesagt, der Franz Markowitz, natürlich musste der Franz heißen, diese Erfindung, diese Figur, 70 Prozent davon waren Lamprecht. Da konnte ich so richtig aus dem Vollen schöpfen, also meine ganze Berliner Abstammung und meine Abstammung auch aus dem Proletariat herkommend, und das geht alles auf in Kreuzberg in den Straßen und mit den Menschen. Und da war ich so selig und so glücklich in dieser Arbeit und wurde nur dauernd immer gestört von diesen eigentlich doch sehr dummen Leuten, die da oben in der Redaktion saßen im SFB in Berlin und immer dieses Vorbild hatten von einem schießenden, brüllenden Kommissar - Action, Action, Action - ich sagte: 'Nee, lasst mich mal in Ruhe, ich sehe da so einen Maigret von Simenon für Arme in Kreuzberg, das ist eine andere Figur, die ich meine.'"

Aus einer sehr persönlichen Warte erzählt Günter Lamprecht in seinen Lebenserinnerungen nicht nur Film- und Fernsehgeschichte, sondern auch Theatergeschichte. Etwa die Hälfte seines Buches widmet er den Anfängen seiner Karriere, die er überwiegend an den Bühnen des Ruhrgebiets verbracht hat. Von 1955 bis 1959 gehörte er zum Ensemble des Bochumer Schauspielhauses und wechselte dann nach Oberhausen. Zwei Abstecher machte er gen Süden, nach Wiesbaden und Heidelberg, um dann wieder zurückzukehren. Er spielte abwechselnd in Bochum, Essen, Gelsenkirchen und auch in Köln.

Lamprecht hat mit Theaterlegenden wie Erwin Piscator oder Peter Zadek zusammengearbeitet. Er hat Autoren wie Ionesco und Genet kennengelernt und er hat am ersten Gastspiel des Bochumer Schauspielhauses in Paris teilgenommen. In diesen Theaterepisoden wird bundesrepublikanische Geschichte der 50er und 60er Jahre atmosphärisch greifbar. Und Lamprecht war ein unbequemer Künstler, der sich den hierarchischen Strukturen der Kulturinstitution Theater ein ums andere Mal widersetzte, so zum Beispiel 1968, als er zum Vorsprechen für die Ruhrfestspiele eingeladen wurde.

"Ich bin ja nach Hause gegangen. Ich sollte da vorsprechen, und ich fand das so blöd, die Art und Weise, wie ich da behandelt wurde. Denn ich hab ja ungefähr 30, 40 Kilometer weiter in Essen jeden Abend also eine der großen Rollen gespielt. Also die Herrschaften hätten ja man rüber kommen können und sagen, wir gucken uns mal eine Vorstellung an, was der Lamprecht da so macht. Aber, auch das kann man noch verzeihen, aber dass man aufgerufen wird auf die Bühne und unten sitzen im Dunkeln da ein paar Leute und die unterhalten sich und nehmen überhaupt keine Notiz von dem, der da oben steht. Und dann gucken sie auf so eine Liste und sagen: 'Ach, Sie sind also der Herr Lamprecht, was wollen Sie denn vorsprechen?' Ich sage: 'Ich will überhaupt nicht vorsprechen, ich weiß ja gar nicht, wer Sie sind, macht doch mal Licht an da unten.' Also so geht das dann bei mir. Und da habe ich mir oft die Schnauze verbrannt."

Günter Lamprecht hat sich seine Karriere hart erarbeitet - auch das erfährt man aus diesen Erinnerungen eines Querdenkers.


Günter Lamprecht: Ein höllisches Ding, das Leben. Erinnerungen
Kiepenheuer & Witsch, 2007
252 Seiten 18,90 Euro

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk