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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturVergessen ist der Normalfall13.02.2017

ErinnerungskulturVergessen ist der Normalfall

Das Erinnern ist das Lebensthema von Aleida Assmann. Die Kulturwissenschaftlerin untersucht, wie mit Geschichte und Gedenktagen Politik gemacht wird. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Ägyptologen Jan Assmann, hat sie den Begriff des "Kulturellen Gedächtnisses" geprägt. Zum Erinnern gehört aber auch das Vergessen - und darum geht es in ihrem neuem Buch.

Von Monika Dittrich

Aktenschränke in einem Gebäude des früheren Archivs der DDR-Staatssicherheit, aufgenommen am 13.07.2012 in Berlin. (picture-alliance / dpa / Soeren Stache)
"In Stein meißeln und auf Messingplatten gravieren, Aufschreiben und Drucken sind Beispiele für die mühsamen Vorkehrungen, die getroffen werden müssen, um etwas im kulturellen Gedächtnis zu verankern." (picture-alliance / dpa / Soeren Stache)
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In der Sowjetunion war der 7. November der wichtigste Feiertag: An diesem Datum erinnerte man an die Oktoberrevolution von 1917 und ehrte Lenin, den Revolutionär. Doch als die Sowjetunion zusammenbrach, musste sich Russland neu erfinden und brauchte auch ein neues nationales Gedächtnis, wie Aleida Assmann schreibt: "Dafür musste das bislang im Kern Verbindende und Allerheiligste des Sowjetstaatenbundes, das transnationale Bekenntnis zu Lenin und zur russischen Revolution, ausgelöscht und durch etwas anderes ersetzt werden."

Der Revolutionstag wurde aus dem russischen Festkalender gestrichen, doch weil man dem Volk den freien Tag im November schlecht nehmen konnte, suchten die Historiker Ersatz. Sie fanden einen Gedenktag, den es bereits vor der Revolution gegeben hatte und der an einen fast vergessenen russisch-polnischen Krieg im 17. Jahrhundert erinnert. Seit 2005 ist das der neue alte Feiertag im russischen November.

Wie die Erinnerung an Lenin verschwindet

Zugleich wurde aber der 9. Mai geschichtspolitisch aufgewertet - als der Termin, an dem das siegreiche Ende des Zweiten Weltkriegs gefeiert wird: "Von Lenin und der Roten Revolution ist im russischen nationalen Gedächtnis nichts übrig geblieben, aber der Stolz auf die Rote Armee und Stalins Sieg über Hitler ergreift die gesamte russische Bevölkerung in einer Hochstimmung."

Wie Russland die Erinnerung an Lenin verschwinden lässt: Das ist nur eines von vielen treffenden Beispielen, die Aleida Assmann in ihrem Buch über die "Formen des Vergessens" zusammenträgt. Sie schildert unter anderem auch den Umgang mit Denkmälern und die Umbenennung von Plätzen und Straßen und sie zeigt, was es bedeutet, wenn Erinnerungsorte gewaltsam zerstört werden – wie etwa die antike Oasenstadt Palmyra in Syrien. Alle diese Beispiele belegen, dass nicht nur mit dem Erinnern Politik gemacht wird, sondern auch mit dem Vergessen.

"Vergessen als Waffe"

Aleida Assmann identifiziert sieben Formen des Vergessens. Die ersten drei bezeichnet sie als wertneutral, weil sie die Funktion eines mentalen Filters hätten: das automatische Vergessen, das Verwahrensvergessen und das selektive Vergessen. Die nächsten beiden Formen bewertet sie negativ, das strafende und das defensive Vergessen: "Hier geht es um das Vergessen als eine Waffe, um aggressive und lautlose Formen der Erhaltung der Macht, um den Schutz der Täter und die Stabilisierung eines repressiven sozialen Klimas."

Die Bücherverbrennungen der Nationalsozialisten, aber auch Zensur, Geheimhaltung von Akten, Manipulation von Archiven - all das gehört zu dieser Kategorie des Vergessens.

Versöhnung braucht Erinnerung

Aleida Assmann zitiert George Orwell, der mit seinem Roman "1984" eine großartige Studie über das Vergessen vorgelegt habe: "Orwell untersuchte gewalttätige Formen des Vergessens, die der Legitimierung und Stabilisierung der Macht dienen. Dazu gehörten Propagandamaßnahmen, Gesinnungskontrolle und Gehirnwäsche, sowie die Zerstörung und Umfälschung materieller Spuren und Überlieferungen."

Doch die Autorin zeigt auch positive Formen des Vergessens, nämlich das konstruktive und das therapeutische Vergessen. Beide Varianten spielten eine wichtige Rolle im Umgang mit traumatischer Vergangenheit.

"Vergessen wird gebraucht, um nach Niederlagen neu zu beginnen und nach traumatischen Konflikten eine neue Zukunft aufzubauen. Auch der Konfliktstoff trennender und vergiftender Erinnerungen musste vergessen werden, damit zwischen ehemaligen Gegnern ein neues Zusammenleben und wieder Zusammenwachsen möglich wurde."

Die Kulturwissenschaftlerin verknüpft ihre Thesen zum Vergessen und Erinnern mit Beispielen aus Politik und Weltgeschehen. Die Bögen, die sie zwischen Theorie und Praxis spannt, machen ihr Buch ausgesprochen lesenswert. So nennt sie etwa als Beispiel für das therapeutische Vergessen die Vergangenheitsbewältigung, wie sie in Südafrika nach der Apartheid praktiziert wurde - in der Wahrheits- und Versöhnungskommission. Hier ging es um das Vergessen und Versöhnen - aber erst nach einem bestimmten Erinnerungsritual: "Eine schmerzhafte Wahrheit muss noch einmal ans Licht geholt und öffentlich gemacht werden, das Opfer muss seine Leiden erzählen dürfen und sie müssen mit Empathie angehört und anerkannt werden, damit sie anschließend in einem gemeinsamen Gedächtnis aufgehoben und als 'vergangen' beseitigt werden können."

Kulturelles Langzeitgedächtnis

Hier zeigen sich die heilsamen Wirkungen des Vergessens. Ohnehin, und das macht Aleida Assmann in ihrem Buch immer wieder deutlich: Das Vergessen ist der Normalfall in Kultur und Gesellschaft, es geschieht lautlos und unspektakulär, während Erinnern die Ausnahme bleibt.

"Es bedurfte bisher in der Menschheitsgeschichte immer neuer Hilfsmittel und Stützen, um etwas zuverlässig aus dem Kurzzeitgedächtnis der Alltagskommunikation ins kulturelle Langzeitgedächtnis zu übertragen. In Stein meißeln und auf Messingplatten gravieren, Aufschreiben und Drucken sind Beispiele für die mühsamen Vorkehrungen, die getroffen werden müssen, um etwas im kulturellen Gedächtnis zu verankern."

Heute allerdings, im Zeitalter digitaler Speicherung, fragt sich die Kulturwissenschaftlerin, ob wir überhaupt noch etwas zufällig und unbeabsichtigt vergessen können. Das Kapitel über das Vergessen im Internet ist ein besonders wertvoller Teil in Assmanns Buch.

Nur Menschen können erinnern

"Das ganze gewohnte Zusammenspiel von Erinnern und Vergessen, das die Gesellschaft bislang geprägt hat, ist im Internet in Unordnung geraten. Die bestehende Ökonomie zwischen Erinnern und Vergessen, die bislang als selbstverständlich vorausgesetzt wurde, ist außer Kraft gesetzt, seit technische Maschinen die Kontrolle über die Sortierung des gespeicherten Datenvorrats übernommen haben."

Wobei Speichern eben nicht gleichbedeutend ist mit Erinnern: Das können Maschinen nicht, nur Menschen. Aleida Assmanns Buch über die Formen des Vergessens ist eine kundige und gut lesbare Ergänzung zu ihren bisherigen Studien. Wer sich mit ihrem Begriff von Erinnerung und kulturellem Gedächtnis auseinandersetzt, sollte ihre Überlegungen zum Vergessen nicht auslassen.

Aleida Assmann: "Formen des Vergessens. Wallstein Verlag"
224 Seiten, 14,90 Euro

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