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StartseiteBüchermarktErkundungen in der neuen Wahlheimat29.01.2009

Erkundungen in der neuen Wahlheimat

Czeslaw Milosz: "Visionen an der Bucht von San Francisco", Suhrkamp Verlag

Nicht einmal, gleich zweimal ging der polnische Schriftsteller Czesław Miłosz ins Exil: nach Paris folgte Kalifornien. Die Einwirkung der neuen Heimat auf den Dichter ist das zentrale Thema seines Essays "Visionen an der Bucht von San Francisco". Doch darin erschöpft sich das Buch keineswegs: Es geht um allgemeine philosophische Fragen, den Wert der Tugend, den Zusammenhang von Raum und Religion und die Ungleichheit der Menschen.

Von Martin Sander

Golden Gate Bridge (AP)
Golden Gate Bridge (AP)

Als Czesław Miłosz 1960 einem Ruf der Universität Berkeley folgte, um dort einen Lehrstuhl für slawische Literaturen zu übernehmen, war er als Schriftsteller bereits international bekannt. Aufsehen hatte er mit einem 1953 publizierten Essay erregt, der die Verstrickung polnischer Schriftsteller in den Kommunismus ausleuchtete - stilistisch glänzend und unbarmherzig in der Sache. Ein prominentes Fallbeispiel in diesem Buch, das auf deutsch unter dem Titel "Verführtes Denken" erschien, lieferte Miłosz selbst, der sich nach einem Zwischenspiel als Diplomat für die polnische Volksrepublik von Paris aus in den Westen abgesetzt hatte. Frankreich wurde für ihn vom Dienstort zum Exil. Als nunmehr freier Schriftsteller weckte Miłosz unter anderem mit dem "Tal der Issa" Bewunderung, einem wehmütig-ironischen Bekenntnis zur litauischen Provinz seiner Kindheit. Erfolglos blieb der Autor indes bei der Suche nach einer festen Arbeit auf seinem Niveau. So entschied sich der knapp Fünfzigjährige, der sich selbst als "Talentflüchtling" bezeichnete, ein zweites Mal ins Exil zu gehen, diesmal nach Kalifornien, ein Land, das ihn faszinierte und in mancher Hinsicht erschreckte.

"Kalifornien ist für mich nicht dasselbe, was es für die meisten seiner Einwohner, Immigranten aus anderen Teilen Nordamerikas, ist. Ich bin immer noch der kleine Junge, der sich bei seinem ersten Besuch in einer größeren Stadt über das Rauschen des Wassers in der Klosettschüssel erschreckte, da er glaubte, durch sein Ziehen an der Kette habe er ein ihm unbekanntes Gerät zerstört. Das Auto, das ich fahre, ist für mich weiterhin ein verdächtig apokalyptisches Tier, das nur durch den einzigen Besitzer eines solchen Vehikels in unserem Landkreis, den Grafen Zabiełło, zu zähmen war."

In 33 Essays, die 1969 erstmals erschienen und nun unter dem Titel "Visionen an der Bucht von San Francisco" auf deutsch vorliegen, erkundet Czesław Miłosz immer wieder die Wirkung seiner neuen Wahlheimat auf sich selbst. Als Dichter fühlt er sich gewissermaßen vom Podest gestoßen. Das kratzt am Ego, doch Miłosz empfindet es auch als nützlichen Impuls zur Selbsterziehung, dass man im Alltag des avantgardistischen Kalifornien den Künstler weder geben kann noch muss, weil man in einem großen Land nur einer von vielen ist. Als Emigrant fühlt sich Miłosz in seinem zweiten Exil insgesamt besser aufgehoben als im ersten.

"Mit allen fünf Sinnen bin ich mit Frankreich verwachsen ... Nichtsdestoweniger war die Wahl, vor der man in Frankreich steht, nicht ganz nach meinem Geschmack: Man kann dort entweder Franzose oder Ausländer sein. Genauer gesagt gibt es keine Wahl, da das "Französischsein" nahezu metaphysische Züge aufweist und weder mit einer langen Aufenthaltsdauer noch mit der Art des Reisepasses zusammenhängt. Durch meinen Akzent war ich als Fremder abgestempelt ... Doch dieser Akzent war der meine, er stellte mein Eigentum dar, und ich bemühte mich keineswegs, ihn loszuwerden, ebenso wenig wie meine alten Anhänglichkeiten und Loyalitäten. In Amerika traf dieser vermutlich gewöhnliche und gesunde Trieb von mir, mich zu Hause zu fühlen, nicht auf solche Schwierigkeiten, denn hier war alles umgekehrt: Mein slawischer Akzent, meine Herkunft aus einem fernen Land, meine unausrottbaren Gewohnheiten und Reflexe, die mich dort auf Dauer ausschlossen, trugen hier zu meiner Normalität bei, so dass ich einer von vielen in einer Masse von Zuwanderern war und eben deswegen "amerikanisch", weil ich mich von nichts lossagen musste."

Die Einwirkung der neuen Heimat auf den Dichter ist ein zentrales Thema. Doch darin erschöpfen sich die "Visionen an der Bucht von San Francisco" keineswegs. Es geht auch um allgemeine philosophische Fragen: den Wert der Tugend, den Zusammenhang von Raum und Religion, die Ungleichheit der Menschen. Und da beschleichen den Leser immer wieder auch zwiespältige Gefühle. Etwa wenn Miłosz über die Frau als Vertreterin der Natur nachsinnt und ziemlich ironiefrei die triumphale Kraft des Mannes beschwört, "die sehnige Tüchtigkeit des Pflügers, der das paradiesische Tal beackert."

Auch wenn sich der Dichter Gedanken über die Agonie des Westens macht oder die die sozialistischen Utopien von Herbert Marcuse kritisiert, bleibt die Analyse vage, und die Sprache wird nicht selten ornamental. Es ist gewiss eindrucksvoll, wie sich Miłosz mit Henry Miller auseinandersetzt oder wie er dem kalifornischen Dichter Robinson Jeffers huldigt. Doch vieles was Miłosz sagt, war auch damals schon von vielen anderen gesagt worden - und das prägnanter. Da mag man es als wahres Leserglück empfinden, dass der letzte der 33 Texte unter dem Titel "Von der Emigration nach Amerika sowie eine Art Zusammenfassung" einige der zuvor immer wieder im Nirgendwo zu verschwinden drohenden Gedanken dann doch auf den Punkt bringt. Hier erfahren wir endlich genauer, wie das Land Kalifornien den Menschen und Dichter Miłosz verändert hat - und worin sich für ihn Amerika von Europa unterscheidet.

Alles in allem sind die "Visionen an der Bucht von San Francisco" weit entfernt von jenen gedanklichen Zuspitzungen, die Miłosz zum Beispiel in seinem Essay "Verführtes Denken" von 1953 auf so einzigartige Weise gelungen sind. Auch von der sprachlichen Kraft eines Romans wie "Das Tal der Issa" trennen den Autor hier Welten. Wer den herausragenden Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger erst näher kennen lernen will, sollte nicht mit den "Visionen" beginnen. Für ein Fachpublikum, das sich für die Feinheiten der so bedeutenden Geschichte der polnischen Exilliteratur interessiert, wird das von Sven Sellmer sehr gut ins Deutsche übertragene Buch aber seinen Wert haben und behalten.

Czesław Miłosz: Visionen an der Bucht von San Francisco.
Amerikanische Essays. Aus dem Polnischen von Sven Sellmer,
Suhrkamp Verlag (Denken und Wissen - Eine Polnische Bibliothek), 258 S., 26,80 Euro

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