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Ermittler mit großem Appetit

Pepetela: "Jaime Bunda, Geheimagent"

Von Gaby Mayr

James Bond hat einen afrikanischen Kollegen bekommen: Jaime Bunda, Geheimagent aus Angola. Mit einem Augenzwinkern hat sein Schöpfer Pepetela den Namen gewählt, bei dem man unweigerlich an 007 denkt. Während allerdings der smarte Geheimdienstmitarbeiter Ihrer Majestät sich figurbewusst, attraktiv und als Frauenheld durch seine Fälle schießt, ist Jaime Bunda von ganz anderem Kaliber.

"Bunda" heißt auf Portugiesisch, der früheren Kolonial- und heutigen Amtssprache in Angola, "Hinterteil" - und diesen Namen trägt der Geheimdienst-Praktikant nicht zufällig: Mit ausladendem Gesäß sitzt Jaime Bunda, unterbeschäftigt und unzufrieden, in einem Büro der Geheimdienestzentrale, genannt "Der Bunker", und bei den Frauen landet er auch nicht. Seinen Posten verdankt er, wie im Lande üblich, einem Verwandten, dem Operativen Direktor der Behörde.

"Chiquinho Vieira und die anderen gaben ihm aus Neid auf seine Verwandtschaft zum O.D. niemals die Gelegenheit, unter Beweis zu stellen, dass er tatsächlich ein Crack war, sie schickten ihn lediglich Zigaretten holen. Höchstens mal einem Kollegen bei einer riskanteren Aufgabe Deckung geben, aber immer in untergeordneter Funktion. Geduldig abwartend saß er im Büro auf immer demselben Stuhl und sah zu, wie die anderen Berichte über die Fälle schrieben, die sie lösten oder auch nicht; sie behaupteten zwar, dass sie sie lösten, doch auf den Straßen wimmelte es nur so vor Verbrechern, und die Subversiven konspirierten gegen das Regime, derweil er allmählich mit dem Gewicht seines Hintern den Stuhl ausbeulte. Während all der Monate, die er dort im Büro verbrachte, über zwanzig, hatte er sämtliche Fliegen zu unterscheiden gelernt, die zum Fenster herein- und wieder hinausflogen"."

Und dann passiert doch etwas: Ein vierzehnjähriges Mädchen wird ermordet. Den avancierten Geheimdienstlern erscheint der Fall zu läppisch, als dass sie sich darum kümmern wollten. Jaime Bunda macht sich ans Werk - während der notwendigen Observationen nur mühsam seine Hungerattacken unterdrückend. Seine in monatelanger Büro-Lethargie geschulte Beobachtungsgabe kommt ihm jetzt zugute. Er gewinnt zusehends an Statur. Bald hat er einen ersten Untergebenen, den Fahrer eines alten Dienstwagens, der ihn durch die Straßen der ewig
verstopften Hauptstadt Luanda kutschiert.

Bei der Suche nach dem Mörder kommt Jaime Bunda noch ganz anderen Sauereien auf die Spur. Seine Recherchen führen ihn in höchste Kreise und brenzlige Situationen und schließlich zurück in die Geheimdienstzentrale. Seine Naivität und Ungeschicklichkeit lässt ihn durch die Ermittlungen stolpern und sorgt für skurrile Szenen und gute Unterhaltung. Am Ende hat Jaime Bunda alle
Kriminalfälle gelöst.

Doch darauf, so scheint es, kommt es Autor Pepetela erst in zweiter Linie an. Im Mittelpunkt des Krimis steht Jaime Bundas Alltag in der Millionenstadt Luanda, in der man "eher eine Kalaschnikow als einen rechtschaffenen Beamten findet". Der Geheimagent verfolgt die Spuren der Verbrecher zwischen Garküche im Armenviertel und Nobelhotel am Atlantik, und vor allem in der
Staatsbürokratie, die wie eine Krake mit ihren Fangarmen das Land im Würgegriff hält. Pepetela weiß, wovon er schreibt.

Als Artur Pestana dos Santos wurde er 1941 in der angolanischen Stadt Benguela geboren. Er studierte in den Sechzigerjahren im Ausland und schloss sich nach seiner Rückkehr in die Heimat der marxistisch orientierten Befreiungsbewegung MPLA an, um gegen die portugiesische Kolonialmacht zu kämpfen. Nach der Unabhängigkeit wurde er in der MPLA-Regierung stellvertretender Erziehungsminister. 1982 verließ Pestana dos Santos das Kabinett. In den folgenden Jahren unterrichtete er an der Universität Luanda und lebte zeitweilig in Europa.

Unter seinem Pseudonym Pepetela nimmt er die politische und gesellschaftliche Realität Angolas mit den Mitteln der Literatur aufs Korn. In seinem hoch gelobten Roman Mayombe aus dem Jahr 1979 verarbeitete er seine Erfahrungen als weißer Guerillero unter schwarzen Befreiungskämpfern.

Geheimagent Jaime Bunda ist für Pepetela jetzt der Mittelsmann, mit dessen Hilfe er sein Publikum in das Panoptikum afrikanischer Apparatschiks der Nachkolonialzeit eintreten lässt, die ihr Land mit einem Netz aus Unwissenheit, Unfähigkeit und Brutalität überzogen haben:

""Es folgte eine saftige Runde Faustschläge und Fußtritte, welche den Libanesen zu Boden warfen. Der O.D. schaute zu Bunda, der so tat, als begriffe er nicht. Der Praktikant beobachtete weiter das Spektakel und bemühte sich, keinerlei Gefühlsregung zu bekunden. Der einzige Zweifel, der ihm kam, war der, ob sein Verwandter ihm wohl den ausdrücklichen Befehl erteilen würde,
ebenfalls loszuschlagen? Bunda war nicht ausdrücklich gegen Gewalt, die Geschichte mit Antonio das corridas war der Beweis dafür. Doch hatte er etwas gegen körperliche Anstrengung. Allein von dem Gedanken an die von den Fußtritten und Faustschlägen verursachten Schmerzen wurde er ganz erschöpft."

Wer Gefallen findet an Pepetelas breithüftigem Helden in real-afrikanischem Szenario, darf übrigens auf weiteren Lesestoff hoffen: Der zweite Band, in dem der angolanische Geheimagent mit einem toten US-Amerikaner zu tun bekommt, ist bereits veröffentlicht - allerdings noch nicht auf Deutsch.

Jaime Bunda, Geheimagent. Von Pepetela. Unions Verlag.

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