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StartseiteKommentare und Themen der WocheDer Albtraum nimmt kein Ende19.06.2017

Erneuter Anschlag in LondonDer Albtraum nimmt kein Ende

Wieder ein Anschlag in London: Diesmal waren jedoch Muslime das Ziel. Das heutige Attentat lehre eines, kommentiert Friedbert Meurer im Dlf: Opfer von Terror kann jeder werden. Es liege an der Mehrheit, dem Wahnsinn des gegenseitigen Hasses aufeinander ein anderes Menschenbild klar und deutlich entgegenzusetzen.

Von Friedbert Meurer

Polizisten am Tatort in der Nähe der Londoner Finsbury Park Moschee (19.6.2017). (AFP /Daniel Leal-Olivas)
Muslime sind zunehmend Anfeindungen und Gewalt ausgesetzt. (AFP /Daniel Leal-Olivas)
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Londoner Anschlag Premierministerin May verurteilt gezielten Anschlag auf Muslime

Großbritannien kommt nicht zur Ruhe, eine wahre Serie von Anschlägen und Katastrophen erschüttert das Land. Letzten Mittwoch brannte das Grenfell Hochhaus in Notting Hill mit mindestens 79 Toten, jetzt der vierte Terroranschlag in drei Monaten – der Albtraum nimmt kein Ende.

In den frühen Morgenstunden hatte die Londoner Polizei – und ihr folgend auch die BBC – den Vorfall noch als "möglichen Terroranschlag" bezeichnet, und damit den Zorn der muslimischen Gemeinde vor Ort auf sich gezogen. Innenministerin Amber Rudd war reaktionsschnell genug, noch am Morgen im Interview von "Terroranschlag" zu reden, auch wenn das vielleicht zu diesem Zeitpunkt nicht ganz dem Handbuch der Polizeiermittlungen entsprochen haben sollte.

Premierministerin Theresa May war so klug zu betonen, der Anschlag sei in jeder Hinsicht so abscheulich wie die anderen Terroranschläge. Es darf nicht eine Sekunde lang der Eindruck erweckt werden, die Terrortat von Finsbury sei nur so etwas wie die Tat eines geistig Umnachteten.

Die Gewalt ist längst da

Viele Muslime haben die Gewalt gegen sich kommen sehen, denn sie ist längst da. Frauen mit Schleier oder Burka werden angeschrien, angespuckt und auch tätlich attackiert. Mit den Terroranschlägen in London und Manchester hat sich diese schlimme Entwicklung noch einmal verstärkt.

Was haben die Muslime in Manchester und London damit zu tun, wenn fanatisierte Rückkehrer aus dem Nahen Osten wahllos Menschen angreifen, um so viele wie möglich umzubringen oder zu verletzen? Haben Anglikaner oder Katholiken oder britischen Atheisten etwas mit dem 48-jährigen Terrorfahrer von heute Nacht zu tun? Unter den Opfern zum Beispiel auf der London Bridge waren auch Muslime, es wird unterschiedslos gemordet. Wie immer man sich dem Phänomen des Islamismus nähert: Muslime unter Generalverdacht zu stellen ist dumm und brandgefährlich.

Was sagt uns die schier unfassbare Serie von Katastrophen über die britische Gesellschaft? Das Land ist gespalten zwischen Arm und Reich. In Hochhäusern mit Sozialwohnungen lebt es sich gefährlicher als in Luxuswohnungen. Jung und Alt haben verschiedene Vorstellungen von der politischen Zukunft des Landes. Aber ist das Vereinigte Königreich auch religiös gespalten? Islamisten und Rechtsradikale hätten das gerne, aber es trifft nicht zu.

Nicht blind sein für die gesellschaftlichen Schwierigkeiten

Muslime sind wegen des kolonialen Erbes ein fester Bestandteil der britischen Gesellschaft. Dass es in Manchester und Birmingham Phänomene wie in Paris, Brüssel oder Berlin gibt, zeigt nur, wie schwierig es sein kann, wenn unterschiedliche Kulturen zusammen leben. Man darf dafür auch nicht blind sein.

Das heutige Attentat lehrt eines: Opfer von Terror kann jeder werden. Es liegt an der Mehrheit, dem Wahnsinn des gegenseitigen Hasses aufeinander ein anderes Menschenbild klar und deutlich entgegenzusetzen.

Friedbert Meurer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Friedbert Meurer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Friedbert Meurer, Jahrgang 1959, studierte Germanistik und Geschichte in Mainz und Bielefeld mit dem Abschluss Lehramt für Gymnasien. 1986/87 gehörte er zum Gründungsteam des Privatradios RPR in Koblenz und volontierte dann 1988/89 beim Deutschlandfunk. 1995 bis 1999 arbeitete Meurer als Parlamentsreporter in Bonn mit dem Schwerpunkt Außenpolitik. Bis 2015 war er Ressortleiter Zeitfunk und moderierte u. a. "Informationen am Morgen". Seit August 2015 ist er Korrespondent von Deutschlandradio in London.

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