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StartseiteBüchermarktRückwärts gewandter Provinzroman 20.11.2014

Ernst Glaesers "Jahrgang 1902"Rückwärts gewandter Provinzroman

Von Helmut Mörchen

Das Wiedererscheinen von Ernst Glaesers Roman "Jahrgang 1902" nach über 80 Jahren ist eine gelungene Überraschung. 1928, ein Jahr vor Erich Maria Remarques "Im Westen nichts Neues", erschien dieser Bestseller ebenfalls kurz vor der Weltwirtschaftskrise, in einer pazifistisch geprägten Zeit, in der es noch Alternativen zur faschistischen Entwicklung in Deutschland gab.

Das Motto des ersten Teils "Der Aufmarsch" ist dem Roman selbst entnommen: "La guerre, ce sont nos parents ..." - Der Krieg, das sind unsere Eltern - wurde aus dem Munde des französischen Ferienfreundes Gaston dem Ich-Erzähler zum "unvergesslichsten Satz meiner Jugend". Das Motto des zweiten Teils "Der Krieg" ist ein Ausschnitt aus einer Werbung für den Pola Negri-Film "Stacheldraht" mit dem Tenor "Nie wieder Krieg!" Die Parallelisierung des fiktiven Dialogsatzes mit dem realen Zeitungsausriss betont im Kontext der Neuen Sachlichkeit der 20er-Jahre den Anspruch fiktionaler Dokumentation.

In diesem Sinn stellte Glaeser dem zweiten Teil seines Buchs eine, allerdings bereits in der zweiten Auflage gestrichene, Vorbemerkung voran:

"Im Folgenden berichte ich, was meine Freunde und ich vom Krieg gesehen haben. Es sind nur Episoden. Wir waren ganz unseren Augen ausgeliefert. Was wir sahen, haben wir behalten. Vielleicht haben andere mehr gesehen. Sie sollen es sagen. Meine Beobachtungen sind lückenhaft. Es wäre mir leicht gewesen, einen Roman zu schreiben. Ich habe mit diesem Buch nicht die Absicht zu ‚dichten'. Ich will die Wahrheit, selbst wenn sie fragmentarisch ist wie dieser Bericht. Vielleicht wird er noch andere Menschen aufreizen, die Wahrheit zu sagen. Und wenn sie nicht schreiben können, dann sollen sie denken. Damit wäre der Sinn dieses Buchs erfüllt. Andere Ziele verfolgt es nicht."

Dokumentation statt Fiktion, Reportage statt Roman: Die Absage an den Roman im Roman war als produktionsästhetische Maxime das große Paradoxon der literarischen Neuen Sachlichkeit.

"Jahrgang 1902" behandelt nicht die Gegenwart der 20er-Jahre mit den von vielen begeistert begrüßten revolutionären Entwicklungen in fast allen Bereichen der Technik. "Jahrgang 1902" ist auch kein Kriegsbuch in der Reihe so unterschiedlicher Texte wie Ernst Jüngers "In Stahlgewittern", Arnold Zweigs "Erziehung vor Verdun" oder Ludwig Renns "Krieg". "Jahrgang 1902" ist auch kein Großstadtroman wie Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz". Nein, "Jahrgang 1902" ist schon aus der Sicht des Erscheinungsjahrs 1928 ein rückwärts gewandter Provinzroman mit durchaus empfindsamen Zügen. Weder Heroismus noch Zynismus prägen den Text, sondern die Erfahrung elementarer Pubertätserlebnisse in einer gesellschaftlichen Umbruchsituation.

Die Kriegserklärung Österreichs an Serbien zwang die Familie des Ich-Erzählers, den Sommerurlaub in der Schweiz abzubrechen. Es galt, Abschied zu nehmen vom französischen Ferienfreund Gaston:

"Da brach es in mir los, denn ich wusste, in wenigen Minuten habe ich ihn verloren. Alles was ich von den Erwachsenen wusste, erzählte ich ihm, ihren Kampf gegeneinander, das Geheimnis - alles, was ich längst vergessen hatte, erzählte ich ihm, [...] ich verhüllte nichts, ich gestand jede meiner Tücken, aber was in diesem Wortschwall, der über mich kam wie ein Weinkrampf, als Unterton mitschwang, war: ‚La guerre, ce sont nos parents!' Gaston verstand kein Wort von dem, was ich sagte, denn ich sprach Deutsch, aber er nickte und hörte mir aufmerksam zu. Dann schenkte er mir einen seiner schönsten Bälle, ich gab ihm mein Taschenmesser mit der Perlmuttereinlage."

Vom Handlungsverlauf scheint der Roman der Neuen Sachlichkeit eher fernzustehen. Es gibt jedoch Berührungen zur neusachlichen Malerei und Fotografie, bei der das typisierende Porträt - man denke nur an Otto Dix, George Grosz und August Sander - eine zentrale Rolle spielt. Das Ensemble der von Ernst Glaeser mit der Schreibfeder karikierten Personen bildet ein repräsentatives Tableau der Gesellschaft in einer deutschen Vorkriegskleinstadt: der militaristische, die Schwachen schindende Sportlehrer Dr. Brosius, der zu liberaler Kritik des Wilhelminismus konvertierte kaiserliche Exmajor v.K., der bürgerliche Sozialdemokrat Dr. Hoffmann, die um Assimilation bemühte jüdische Kaufmannsfamilie Silberstein, der proletarische Gewerkschaftler Kremmelbein, der Vertreter der Obrigkeit Dr. Persius, um nur einige zu nennen.

Vor allem wegen Glaesers Charakterisierungskunst lohnt sich die Lektüre seines Romans. Etwa wenn er gleich zu Beginn die im Staccato gebrüllten Kommandos des Turnlehrers Dr. Brosius so beschreibt, dass dem Leser parallel zur Lektüre Bilder von George Grosz vor Augen stehen:

"Er schiebt den Kopf etwas vor, macht den Hals, der immer ein wenig entzündet aus dem steifen Kragen herausschaut, lang wie ein Papagei, bevor er den Zucker schnappt; dann stampft er mit dem Fuß auf, dass der graublaue Steinschotter des Schulhofs hochspritzt. Sein scharfgeschliffener Zwicker wackelt bedenklich. Nur die silberne Kette über dem Ohr rettet ihn vor dem Absturz. Auf Dr. Brosius' Backen schwellen die Schmisse."

Den damaligen großen Erfolg von Ernst Glaesers Roman dokumentiert der Herausgeber Christian Klein in seinem informationsreichen Nachwort. Nach einem ausführlich zitierenden Überblick über die damals erschienenen Rezensionen geht Klein der Frage nach, warum dieser Roman und sein Autor bis heute weitgehend vergessen wurden.

Glaeser gehörte zum Ende der Weimarer Republik zur politischen Linken. Im September 1930 unterzeichnete er den von Johannes R. Becher verfassten Aufruf "An alle Intellektuellen!" zur Wahl der KPD. In den folgenden ebenfalls sehr erfolgreichen Romanen "Frieden" (1930) und "Das Gut im Elsass" (1932) vermissten linke Rezensenten aber bereits politische Eindeutigkeit. Gleichwohl wurden seine Bücher im Mai 1933 zusammen mit den Schriften Heinrich Manns und Erich Kästners dem Feuer übergeben. Wie Erich Kästner war er Augenzeuge der Verbrennung seiner Bücher in Berlin, anders als dieser emigrierte er aber im Dezember 1933 mit Frau und Sohn in die Tschechoslowakei. Von dort floh er 1934 in die Schweiz. Dort erschien, wieder ein internationaler Erfolg, der Roman "Der letzte Zivilist", der den Weg einer württembergischen Kleinstadt in den Nationalsozialismus als letztlich zwangsläufig und unausweichlich schildert. Im April 1939 verließ er die Schweiz und zog nach Heidelberg. Sein Gesuch, nach Kriegsbeginn in die Wehrmacht eingezogen zu werden, wurde erst aus Altersgründen abgelehnt, im Winter 1940 wurde er aber dann doch noch als stellvertretender Schriftleiter einer Luftwaffenfrontzeitung eingezogen.

Nach kurzer Kriegsgefangenschaft konnte Glaeser in Heidelberg unverzüglich die Leitung des Feuilletons der "Rhein-Neckar-Zeitung" übernehmen und erhielt von der französischen Besatzungsbehörde die Lizenz zur Arbeit als Schriftsteller. Sein schillernder, ja verworrener biografischer Weg wird von Kollegen in Ost und West unterschiedlich scharf verurteilt. Im Westen begnügte sich Alfred Döblin mit dem Vorwurf von Opportunismus, für Bertolt Brecht wurde Glaeser zum "Volksfeind". Hochinteressant, bisher kaum bekannt und auch von Christian Klein nur am Rande gestreift, ist Ernst Glaesers Teilnahme an zwei wichtigen Auslandsreisen des Bundeskanzlers Konrad Adenauer; 1953 in die USA und 1955 nach Moskau.

Der in der Emigration gebliebene Hans Sahl berichtet abschätzig über seine Begegnung mit Ernst Glaeser während einer Pressekonferenz des Bundeskanzlers im New Yorker Waldorf Astoria: - Zitat: "Er begrüßte mich, als ob nichts geschehen wäre. 'Der Alte hat mich mit sich nach Amerika genommen', sagte er, 'ich soll über seine Reise berichten.'"

Glaesers letztem Roman "Glanz und Elend der Deutschen", 1960 erschienen, war kein Erfolg mehr beschieden. Als Ernst Glaeser am 8. Februar 1963 in Mainz als 60-Jähiger starb, nahm die deutsche Öffentlichkeit davon kaum Notiz.

Warum ist nun die Lektüre von Ernst Glaesers "Jahrgang 1902", ein Jahrhundert nach Beginn des Ersten Weltkriegs, lohnend? Weil dieser Roman nach Jean Amérys Worten "vielleicht das politisch scharfsichtigste Buch über die Verfassung der bürgerlichen Gesellschaft" vor und während des Ersten Weltkriegs ist.

 

Ernst Glaeser: "Jahrgang 1902", Hrsg. v. Christian Klein, Wallstein Verlag, Göttingen 2013, 390 Seiten, 22,90 Euro.

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