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Eröffnung am Jade-Weser-Port verschoben

Ministerpräsidenten ziehen die Notbremse

Von Christina Selzer

Ein Schiff mit den vier Containerbrücken liegt im März 2012 am Pier des Jade-Weser-Ports.
Ein Schiff mit den vier Containerbrücken liegt im März 2012 am Pier des Jade-Weser-Ports. (picture alliance / dpa / Carmen Jaspersen)

Am Jade-Weser-Port in Wilhelmshaven können die größten Schiffe der Welt anlegen - unabhängig von Ebbe und Flut. Die Eröffnung von vier neuen Containerbrücken Anfang August muss jetzt verschoben werden. Grund sind Risse an den Spundwänden.

Schon aus der Ferne sind sie zu sehen: vier gigantische Containerbrücken. Über 160 Meter hoch. Am Jade-Weser-Port in Wilhelmshaven soll alles kolossal werden: Dort, wo noch kräftig gebaut und gebaggert wird, können die größten Schiffe der Welt anlegen - unabhängig von Ebbe und Flut. Die feierliche Inbetriebnahme war für Anfang August geplant, sogar die Kanzlerin war angekündigt. Doch vergangene Woche zogen die Ministerpräsidenten von Niedersachsen und Bremen die Notbremse. David McAllister ist dafür extra nach Bremen gereist.

"Es ist unser gemeinsames Projekt, wir wollen den gemeinsamen Erfolg. Und deshalb war es auch eine kluge politische Entscheidung, den Eröffnungstermin am 5. August so zu schieben, dass wir rechtzeitig Ende September Ihnen mitteilen werden, wann es dann soweit sein wird."

Im Klartext: mindestens zwei Monate Verzögerung. Der Entscheidung war eine Krisensitzung vorausgegangen. Ein neues Datum für die Eröffnung will der CDU-Politiker lieber nicht nennen. Zu massiv scheinen die Bauschäden am lang angekündigten Milliardenprojekt der benachbarten Länder zu sein – lange waren sie heruntergespielt worden. Bereits im vergangenen Herbst entdeckten Taucher 50 sogenannte Schlosssprengungen. So werden die Risse genannt, die zwischen den Bohlen klaffen, die die stählerne Spundwand zusammenhalten. Da sich die zuständigen Ministerien mit der Realisierungsgesellschaft und den Baufirmen aber über die richtige Methode der Sanierung stritten, gingen Monate ins Land. Mittlerweile zählen Taucher unter Wasser 225 Risse. Nun wird eine Betonmauer vor die Spundwand gesetzt, erklärt McAllister.

"Alles hängt mit allem zusammen. Wir gehen davon aus: Ende Juli kann die Arge eine mängelfreie Kaje übergeben."

Die Arge, das ist die Arbeitsgemeinschaft der Baufirmen, soll dann symbolisch den Schlüssel an den Betreiber Eurogate überreichen. Der hatte immer wieder darauf gedrängt, wegen der Baumängel die Eröffnung zu verschieben. Denn ein Probebetrieb sei nicht möglich, solange an der Kaimauer gearbeitet werde, erläutert Emanuel Schiffer von Eurogate.

"Die Containerbrücken werden beginnen, die Prozesse zu simulieren. Container kommt rein, geht auf seinen Stellplatz, der Prozess muss edv-technisch abgebildet sein und stimmen. Dafür braucht man den notwendigen Platz."

Monatelang wollte die Politik davon nichts hören. "Wir haben alles im Griff", beschwichtigten die Landesregierungen von Hannover und Bremen unisono. Sie wollten sich ihren Tiefwasserhafen offenbar nicht schlechtreden lassen. Jens Böhrsen, Bremens Bürgermeister, war im März noch überzeugt:

"Dass alles getan wird, um die Probleme in den Griff zu bekommen und dass dann der 5. August der Tag ist, an dem es losgehen kann."

Und noch im April zeigte sich Niedersachsens Wirtschaftsminister Jörg Bode verwundert über den Medienandrang. Damals traf sich der Aufsichtsrat der Realisierungsgesellschaft zu seiner Krisensitzung, die Bode leitete. Der FPD-Politiker versuchte, Optimismus zu verbreiten.

""Wir freuen uns über das große Interesse am Jade-Weser-Port in Wilhelmshaven. Aufgrund unseres Sitzungsverlaufs können wir das nicht ganz nachvollziehen, weil es keine großen Aufgeregtheiten oder Sensationen zu berichten gibt.""

Der Hafen ist für Niedersachsen und Bremen ein Prestigeprojekt. Doch nach einer Erfolgsstory sieht es nicht mehr aus. Sondern eher nach einer langen Geschichte voller Pleiten, Pech und Pannen und zahlreicher politischer und juristischer Kämpfe. Es begann schon bei der Auftragsvergabe. Eigentlich sollte der im Hafenbau erfahrene Essener Konzern Hochtief das eine Milliarde teure Becken bauen, doch die mittelständische Firma Bunte aus dem Emsland erstritt sich vor Gericht den Zuschlag. Dann schlug die Finanzkrise zu, der Baubeginn wurde verschoben. Und jetzt verzögert sich auch noch die Eröffnung. Dumm gelaufen für die Wahlkämpfer in Niedersachsen, wo im Januar Landtagswahl ist. Der Wirtschaftsminister von der FDP wollte sich den gelungenen Start des Jade-Weser-Port eigentlich als Erfolg ans Revers heften. Der ist nun Chefsache und Bode muss auf die Linie seines CDU-Ministerpräsidenten umschwenken:

""Es ist sehr ärgerlich, dass die Schäden am JWP entstanden sind. Das haben wir uns damals alle nicht so vorgestellt. Wichtig ist jetzt ein Signal der Geschlossenheit ausgeben und auch gemeinsam sagen, der Hafen muss vom ersten Tag ein Erfolg sein.""

Bremen und Niedersachsen sind im Erfolgsversprechen aneinandergekettet. Weder als "Jade-Weser-Philharmonie" in Anspielung auf das Hamburger Chaosprojekt noch als peinliches Pannenprojekt in Anspielung auf den Berliner Flughafen soll der Tiefwasserhafen erscheinen. Doch egal, wann dieser nun tatsächlich den Betrieb aufnimmt, eine Frage ist noch immer ungeklärt: Wie es überhaupt zu den Rissen kommen konnte, ob es am Untergrund oder an der Qualität des Materials lag oder ob die Wand nicht gerade genug in den Meeresboden gerammt wurde, untersuchen Gutachter. Von ihren Antworten hängt ab, wer für den Schaden in Höhe von etwa 50 Millionen Euro aufkommen muss. Die Versicherungen, die Bauunternehmen – oder am Ende doch die Länder und damit die Steuerzahler.

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