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Maximilian Steinbeis über die letzten Stunden einer Jungfrau

Maximilian Steinbeis hat sich für seine novellenartige Erzählung <em>Schwarzes Wasser</em> ein geradezu klassisches Thema ausgesucht: das berühmt-berüchtigte erste Mal. Schon unzählige literarische Helden haben vor den Augen ihrer Leser die Unschuld verloren. Während das erste Mal für männliche Helden ein bedeutendes Initiationserlebnis ist, werden Frauen dabei eher überrumpelt, wissen gar nicht recht, wie ihnen geschieht und wie sie sich verhalten sollen, und dann stehen sie plötzlich mit einem Kind da. Auch Elisabeth, die weibliche Hauptfigur aus der Erzählung von Maximilian Steinbeis, hat eine eher passive Rolle. Es ist ihr 20. Geburtstag. Sie gibt ein Fest, und sie weiß ganz genau: Heute Abend wird es passieren. Es muss einfach. Wer wohl derjenige welche sein wird, weiß sie noch nicht, aber dass es so kommen wird, scheint unvermeidlich.

Ilja Braun

Maximilian Steinbeis, "Schwarzes Wasser", Coverausschnitt (Verlag C.H. Beck)
Maximilian Steinbeis, "Schwarzes Wasser", Coverausschnitt (Verlag C.H. Beck)

Eine ebenso einfache wie spannungsgeladene Ausgangssituation. Und nicht gerade ein naheliegendes Thema für einen 33jährigen Autor, der gerade zum zweiten Mal Vater geworden ist. Vom Persönlich-Biographischen hält Steinbeis sich lieber fern.

Ich hab keinen Drang, die eigenen Erfahrungen literarisch unmittelbar umzusetzen. Das ist eigentlich nicht meine Triebfeder. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass ich Journalist bin, dass ich mehr außerhalb meiner selbst nach Geschichten zu suchen gewöhnt bin. Kein Journalist schreibt seine persönlichen Bekenntnisse in die Zeitung, und da suche ich einfach nicht nach Geschichten.

Steinbeis verdient seine Brötchen damit, dass er in der Wirtschaftsredaktion des Düsseldorfer Handelsblatts arbeitet. Literarische Texte schreibt er nur abends, manchmal, in seltenen Fällen, auch nachts, aber allzu spät darf es dann nicht werden, weil er am nächsten Morgen wieder früh raus muss. Kein Wunder, dass er für seine knapp 150 Seiten umfassende Erzählung fast sechs Jahre gebraucht hat.

1997 hab ich die ersten Sätze, die es längst nicht mehr gibt, davon niedergeschrieben. Und es war, wie gesagt, alle 14 Tage mal zwei Stunden am Abend, und davon geht eine Dreiviertelstunde dann drauf, um erstmal wieder in Schwung zu kommen, in Schuss zu kommen.

Nur noch Romane und Erzählungen schreiben statt schnöde Artikel über lokale Wirtschaftspolitik - schön wär's, aber wer kann davon schon leben? Vom Temperament her wirkt der Autor alles andere als draufgängerisch. Charmant, das durchaus, aber auf eine ganz andere Weise als jener Albert, der es in seiner Erzählung auf die schüchterne, ihrem ersten Mal entgegenfiebernde Elisabeth abgesehen hat.

Albert ist charmant, Albert ist auch ein Womanizer, ganz klar. Albert ist auch einer, der sozusagen dazu neigt, die Dinge auch zu leicht zu nehmen und sich dann eben gewahr wird, dass man das besser nicht tut.

Dass man das besser nicht tut, die Dinge allzu leicht nehmen - darauf läuft die ganze Erzählung schließlich hinaus. Denn noch bevor Albert sein Ziel erreichen kann, tritt eine unerwartete Wendung ein: In einem Nebenzimmer, abseits der lärmenden Party liegt ein alter Mann im Krankenbett. Versehentlich gerät Albert in dieses Zimmer hinein und kommt mit dem Alten ins Gespräch. Der konfrontiert den zunächst ungeduldig, dann aber immer neugieriger zuhörenden jungen Mann mit einer langen Geschichte aus seinem Leben. Sie handelt, wie könnte es anders sein, von einem ersten Mal. Katja heißt die Frau, und sie ist vor langer Zeit die Geliebte des Großvaters gewesen. Erst umworben, dann verführt und schließlich geschwängert - so lässt sich das Schicksal der jungen, unerfahrenen Frau zusammenfassen. Und schließlich nimmt es mit ihr ein böses Ende: Bei der Geburt ihres Kindes stirbt Katja an einer Infektion. Auf Albert macht diese Geschichte aus dem Leben des Alten großen Eindruck und bewirkt im weiteren Verlauf eine Charakterwandlung der Figur. Wie kommt das?

Dadurch dass er Zeuge wird, wie der Großvater sich damit rumquält. Das hat einen Geständnischarakter, das ist sozusagen uneingestandenermaßen der Grund, warum er nicht stirbt die ganze Zeit. Der ist ja wirklich moribund, aber er stirbt und stirbt nicht, weil ihn das einfach nicht sterben lässt diese Geschichte und weil er damit nicht ins Reine kommt, weil er einfach Schuld auf sich geladen hat.

Als Albert sich wieder ins Getümmel der Geburtstagsparty mischt, hat er alles Draufgängerische verloren. Später wird er dennoch mit Elisabeth schlafen, aber das Kokettieren mit der Rolle des gewissenlosen Don Juan hat er aufgeben.

Zugegeben, man muss mit der konservativen Botschaft dieser Geschichte nicht einverstanden sein, und man darf sich auch wundern, wenn in der jungen deutschen Literatur plötzlich alte weise Großväter auftauchen, die vor den Gefahren allzu ungehemmter Sexualität warnen. Das Interessante an Maximilian Steinbeis' Erzähldebüt liegt insofern auch eher in der Struktur der Geschichte, darin, wie die Lebensbeichte des Großvaters nach und nach als Spiegelbild der gegenwärtigen Situation erkennbar wird. Doch während sich die Verführungsgesten auf Elisabeths Geburtstagsparty eher nüchtern und unromantisch ausnehmen, scheint der Großvater in seinen besten Tagen ein erotischer Virtuose gewesen zu sein, ein Verführer, wie man ihn Elisabeth als Höhepunkt ihres 20. Geburtstags geradezu gewünscht hätte - anstelle dieses großmäuligen, aber etwas blassen Albert.

Es hat nicht sollen sein. Doch dieser aberwitzige Kontrast macht die sprachlich genau gearbeitete Debut-Erzählung von Max Steinbeis zu einer kurzweiligen Lektüre. Juckt den Autor inzwischen bereits ein größeres Opus in den Fingern?

Also, ich glaube, jeder Journalist hat Phasen, wo er genervt ist von den Einschränkungen, die ihm der Beruf auferlegt beim Schreiben, und jeder Journalist träumt davon, völlig uneingeschränkt einfach nur das, was ihm seine Kreativität eingibt, niederschreiben zu können und sich nicht mehr rumplagen zu müssen und dann irgendwelche Sachen, die ihn nicht wirklich interessieren, niederschreiben zu müssen. Aber es hat auch seine Vorteile, eine feste Existenz außerhalb des Literaturbetriebs zu haben.

Maximilian Steinbeis,
Schwarzes Wasser
Beck Verlag, 141 S., 17,90 Euro

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