Kultur heute / Archiv /

Ersatz für die Toten

Yorgos Lanthimos Spielfilm "Alpen"

Von Josef Schnelle

Der Anführer der friechischen Rettergruppe für Trauernde gibt sich selbst den Namen "Mont Blanc".
Der Anführer der friechischen Rettergruppe für Trauernde gibt sich selbst den Namen "Mont Blanc". (Stock.XCHNG / Beth Rowell)

Ein Film zur Krise: Vier Griechen haben eine Geschäftsidee. Sie schlüpfen für Trauernde in die Rolle des beweinten Verstorbenen. So sollen Angehörige, Freunde oder Geliebte besser über den Tod eines nahestehenden Menschen hinwegkommen. Der absurde Ton des Films ist vorprogrammiert.

"Mann: 'Heute ist ein besonderer Tag. Wie ihr wisst, suchen wir seit Langem nach einem wohlklingenden und passenden Namen für unsere Gruppe. Nach vielem Nachdenken entschied ich mich für 'Alpen'. Frau: 'Warum Alpen?' – Mann:'Aus zwei sehr wichtigen Gründen. Erstens: Der Name verrät überhaupt nicht, was wir genau tun. Der zweite Grund ist symbolisch. Die Berge der Alpen können durch keine anderen Berge ersetzt werden."

Schon durch die Namensgebung der Gruppe ist der absurde Ton des Filmes von Yorgos Lanthimos gesetzt. Wie schon in seinem Erstling "Dogtouth" erschafft der neue Star des unabhängigen griechischen Kinos eine Welt, die nach eigenen Regeln funktioniert, eine absonderliche Parallelgesellschaft mit Rollenspielen, die aus dem Ruder laufen. Eine Krankenschwester, eine Kunstturnerin, ihr Trainer und ein Rettungssanitäter bilden die Gruppe "Die Alpen". Sie geben sich Namen nach diversen Bergen und der Anführer, der sich wie ein Sektenführer gebärdet, wählt natürlich für sich selbst das Pseudonym "Mont Blanc". Die Geschäftsidee der "Alpen": Sie bieten Angehörigen von kürzlich Verstorbenen an, in die Rolle der schmerzlich Vermissten zu schlüpfen und so bei der Trauerarbeit behilflich zu sein. Noch im Krankenhaus - wo die Eltern eben erst vom Unfalltod der Tochter erfahren haben - macht die Krankenschwester Monte Rosa folgendes Angebot:

"Ihre Tochter hat hart gekämpft aber der Gegner war stärker. Und nun habe ich Ihnen etwas Erfreuliches zu sagen. Ich kann sie ersetzen, wenn Sie wollen. Ihre Trauer kann gemildert werden. Nach einer Weile wird sie komplett verschwinden. Zwei oder drei zweistündige Besuche pro Woche genügen."

Und dann sitzt Monte Rosa im Tennisdress der Toten im Wohnzimmer der vermeintlichen Eltern und mimt einen Besuch nach einem anstrengenden Match. Die Eltern ermahnen sie viel Wasser zu trinken. Auf die Details kommt es an bei dieser absurden Tätigkeit. Die Alpen tragen die Kleidung der Toten. Lieblingsschauspieler, kleine Marotten, Gewohnheiten und Routine-Gesten müssen sie aber erst einmal in Erfahrung bringen. Dazu gehören als zynische Konsequenz Gespräche mit Sterbenden. In der Gruppe herrscht ein strenges Regiment. Niemals sollen sich die Trauerhelfer emotional engagieren, lediglich die vorher akribisch ausgehandelten Rollenspiele erfüllen. Bei Abweichungen sind heftige auch gewalttätige Strafen vorgesehen. Da aber Regeln deren Verletzung geradezu herausfordern bewegt sich der Film immer mehr auf Katastrophen zu. Besonders Monte Rosa, die mit ihren verschiedenen Klienten im Mittelpunkt des Filmes steht, bekommt zunehmend Schwierigkeiten echte soziale Beziehungen von ihren Rollen zu unterscheiden. Einer ihrer Kunden, der anscheinend verarbeiten muss, dass seine Frau ihn verlassen hat, verlangt nach simuliertem Ehestreit Versöhnungssex von ihr. Sie lässt ihn gewähren obwohl gerade Sex mit Klienten den Alpen extrem verboten ist und zum Ausschluss aus der Gruppe führen kann.

"Mann:"Irgendwann sagst du nur: Bitte hör nicht auf, es ist wie im Himmel.' – Frau: 'Bitte hör nicht auf, es ist wie im Paradies.' – Mann: 'Himmel." – Frau: Bitte hör nicht auf, es ist wie im Himmel.""

Diese und viele andere Szenen haben in ihrer absurden Konsequenz auch etwas Chaplineskes an sich. Monte Rosa steigert sich in eine regelrechte Sucht nach den Rollenspielen hinein. Lanthimos führt eine Welt vor, in der die Entfremdung Alltag geworden ist und in der Trost- und Freudlosigkeit der menschlichen Begegnungen -, bei denen die Sprache zerdehnt wirkt und Gesten ritualisiert sind - mag sich ein Echo der Zustände in der griechischen Gesellschaft widerspiegeln. Vor Regelverletzungen des filmischen Erzählens schreckt Yorgos Lanthimos jedenfalls nicht zurück. Sein Film ist distanziert, wenn ein normaler Film Tränen herausfordern würde. Und er ist emotional aufgeladen, wenn ein normaler Film sachlich erzählen würde. Als griechischen Wiedergänger von Luis Bunuel ordneten griechische Filmkritiker mittlerweile Yorgos Lanthimos ein. Er ist auch an dem anderen griechischen Film, der dieses Jahr schon in unseren Kinos war - "Attenberg" von Athina Rachel Tsangari - beteiligt: als Produzent und Schauspieler. Nicht nur die stilistische Verwandtschaft beider Filme weist darauf hin, dass im griechischen Kino gerade mehr entsteht als einzelne herausragende Autorenfilme. Das neue griechische Kino weist schon jetzt alle Züge einer vielversprechenden Kinobewegung auf.

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