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Dienstag, 23.01.2018
StartseiteUmwelt und VerbraucherErst das Blatt und dann der Extrakt14.04.2011

Erst das Blatt und dann der Extrakt

Europäischer Gerichtshof urteilt über Stevia als Zuckerersatz

Süß, kalorienarm und absolut natürlich ist Stevia, einer Pflanze aus Südamerika. Praktisch überall auf der Welt darf man Steviasüßstoff verwenden, nur in der EU nicht. Doch nun hat der Europäische Gerichtshof entschieden, dass getrocknete Stevia-Blätter in Teemischungen enthalten sein dürfen.

Von Mirjam Stöckel

Der natürliche Süßstoff Stevia ist nun in Form von Blättern in Teemischungen erlaubt. (picture alliance / dpa)
Der natürliche Süßstoff Stevia ist nun in Form von Blättern in Teemischungen erlaubt. (picture alliance / dpa)

Es ist ein wichtiger Zwischenschritt für die Anhänger der süßen Pflanze: Der EuGH hat mit seiner Grundsatzentscheidung heute den Weg frei gemacht für Stevia-Blätter in Teemischungen - zumindest im Prinzip. Nun muss noch der Bayerische Verwaltungsgerichtshof endgültig entscheiden, ob er den süßen Blattzusatz tatsächlich erlaubt. Tut er das, könnten Steviafreunde das als ersten echten Etappensieg verbuchen in ihrem jahrelangen Ringen um die Zulassung der Pflanzen-Süßkraft. Doch egal, wie das Urteil im Freistaat lauten wird - die wirtschaftlich spannendste Frage in Sachen Stevia bleibt offen. Denn der Lebensmittel- und Getränkebranche geht nicht um ein paar getrocknete Blätter, sondern darum, dass um die extrahierten Inhaltsstoffe von Stevia in Europa erlaubt werden: Sie sind bis zu 300 Mal süßer als Zucker - und dabei praktisch kalorienfrei.

"Stevia hat einen sehr guten Geschmack. Man kann es auf 200 Grad erhitzen, backen und in vielen Rezepten verwenden. Es hat keinerlei schädlichen Nebeneffekte - also nur Vorteile."

Der belgische Biologieprofessor Jan Geuns war mit seinem europäischen Stevia-Verband der erste, der die EU-Zulassung beantragt hat. Doch im Alleingang konnte er die teuren Sicherheitsstudien nicht stemmen. Erst als auch das US-Unternehmen Cargill in enger Zusammenarbeit mit Coca-Cola eine Zulassung für seinen Stevia-Süßstoff beantragt und weitere wissenschaftliche Daten geliefert hatte, ließen sich die Sicherheitsbedenken der EU-Lebensmittelprüfer ausräumen. Jetzt steht das Zulassungsverfahren kurz vor dem Abschluss: Das grüne Licht für Stevia-Süßextrakte wird Ende 2011 erwartet. Europas Getränke- und Lebensmittelhersteller stehen bereits in den Startlöchern. Und nicht nur die. Heidrun Mund, Geschäftsführerin des deutschen Süßstoffverbands:

"Wir gehen schon davon aus, dass es dadurch neue Impulse im Markt gibt, weil es einen weiteren Stoff gibt mit neuen Ansprechpunkten beim Handel, beim Verbraucher - und man hat natürlich dadurch auch in der Rezepturentwicklung weitere Möglichkeiten hat. Von daher sehen wir der Zulassung von Stevia sehr erwartungsvoll entgegen. "

In den USA, in Japan, Australien oder Brasilien - überall darf Stevia schon süßen. Einigermaßen kurios: Obwohl die EU-Zulassung fehlt, können sich Verbraucher auch in Deutschland schon heute Stevia-Süßextrakt besorgen. In einer rechtlichen Grauzone, im Internet beispielsweise - oder in Bioläden. In Isabella Strucks Biomarkt in Offenburg tarnt sich Stevia als Kosmetikzusatz und steht nicht beim Zucker, sondern direkt neben den Waschmitteln.

"Dann haben wir einen Extrakt, weißes Pulver, welches sich auch komplett auflöst, wo die Süßkraft 300- fach größer sein müsste als bei Rohrzucker oder normalem Zucker. Das gleiche haben wir in Tab-Form, dass man es gut portionieren kann. Ein Tab reicht dann für drei Tassen Kaffee. Und dann haben wir es auch noch in flüssiger Form in zweierlei Stärken."

Vor allem Kaloriensparer und Diabetiker fragen Stevia bislang nach. Exakte Prognosen fehlen, doch das Potenzial der kleinen Pflanze in Europa ist riesig. In den USA, so eine Schätzung, könnte der Jahresumsatz mit der süßen Stevia auf 700 Millionen Dollar klettern.

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