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StartseiteHintergrundErst Kurzarbeit dann Jobabbau06.10.2009

Erst Kurzarbeit dann Jobabbau

Schwierige Zeiten auf dem Arbeitsmarkt

Bis zum Wahltag hat die Kurzarbeit die Arbeitnehmer vor dem Schlimmsten bewahrt. Jetzt ist die Wahl vorbei, die Abwrackprämie aufgebraucht und auch die erste große Welle der Kurzarbeit läuft in etlichen Betrieben zum Herbst aus. Was kommt danach?

Von Christoph Birnbaum

Für viele Arbeitnehmer führt die "Brücke Kurzarbeit" nicht ans rettende Ufer.  (AP)
Für viele Arbeitnehmer führt die "Brücke Kurzarbeit" nicht ans rettende Ufer. (AP)

Wenn Franz Mockenhaupt, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Siegen-Wittgenstein durch seinen Kammerbezirk im südlichen Westfalen fährt, kommt er aus dem Schwärmen nicht heraus. "Sein" Siegerland - das ist noch Landschaft und Natur pur, Wälder, soweit das Auge reicht. Berge, Flüsse, Stauseen, dazwischen ganz viel Fachwerk mit jeder Menge Geschichte. Und Industrie: verarbeitende Industrie, mittelständische Industrie – viele Maschinenbauer und Autozulieferer wie die Firma "Honsel" in Olpe. Hier werden Motoren, Getriebe, Fahrwerke und Karosserieteile für die Automobilindustrie hergestellt. Oder die Firma "Großhaus" in Lennestadt, ein 350-Mitarbeiter starkes Zulieferunternehmen für die Auto- und Elektroindustrie oder die "Kirchhoff"-Gruppe in Attendorn. Hier werden Fahrzeuge um- und ausgerüstet – Lastwagen zu Straßenkehrmaschinen und Müllwagen und normale Pkw zu behindertengerechten Fahrzeugen. Die "Kirchhoff"-Gruppe ist somit stark im Autozuliefererbereich tätig.

Oder besser: "war". Denn mit der Wirtschaftskrise kam die Kurzarbeit und mit der Kurzarbeit kamen die Probleme für Franz Mockenhaupt:

"Wenn man durch das schöne Sauer- und Siegerland fährt, dann glaubt man es nicht: Aber wir sind eine sehr starke Industrieregion. Bei uns im Kammerbezirk gibt es den Kreis Olpe, der heute noch einen Industrieanteil von über 60 Prozent im verarbeitenden Gewerbe hat. Und weil das so ist, und weil die Industrieunternehmen und insbesondere die stark exportierenden Industrieunternehmen trifft – und unsere Unternehmen exportieren rund 40 Prozent ihres Umsatzes – trifft uns auch die Kurzarbeit hart."

35.000 Kurzarbeiter wurden in den letzten Monaten durchschnittlich bei der IHK-Siegen-Wittgenstein gemeldet – bei 140.000 angemeldeten, sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnissen. Das heißt: Jeder vierte Arbeitnehmer in der Region um Olpe und Siegen herum arbeitet zurzeit kurz. Und das seit Wochen – mit erheblichen Lohneinbußen und unsicheren Zukunftsaussichten.

"Wir sind deswegen auch durch die Konjunkturkrise besonders betroffen, weil wir stark industriegeprägt sind. Wir haben in den letzten sieben, acht Jahren hervorragende Leistungskennziffern erzielt, Umsatzzuwächse zweistellig. Wir hatten Arbeitslosenquoten unter fünf Prozent, 4,9 Prozent, im Kreis Olpe sogar nahe an die vier Prozent. Aber das war geschuldet dieses gut aufgestellten Industriesektors, der auch heute noch gut aufgestellt ist, aber der durch diesen Einbruch, der ja überall einhergegangen ist, hat sich das bei uns auch niedergeschlagen."

Bis zum Wahltag hat die Kurzarbeit die Region vor dem Schlimmsten bewahrt. Jetzt ist die Wahl vorbei, die Abwrackprämie aufgebraucht und auch die erste große Welle der Kurzarbeit läuft in etlichen Betrieben zum Herbst aus. Was kommt danach?

Noch mehr Kurzarbeit, sagt Franz Mockenhaupt für seine Region und für den anstehenden Herbst voraus:

"Die Autozulieferer waren relativ früh und schnell getroffen von der Kurzarbeit. Der Maschinenbau eigentlich anfangs noch gar nicht, weil der Maschinenbau volle Auftragsbücher hatte. Und wir haben Anlagenbau, die sehr lange Durchlaufzeiten haben. Anfang des Jahres und Ende des vergangenen Jahres haben uns unsere Maschinenbauer noch mitgeteilt, sie hätten noch eine Auslastung von zwei Jahren zum Teil. Allerdings sind die Auftragspolster abgebaut und durch neue Aufträge nicht wieder aufgefüllt worden. Das heißt, wir haben zeitversetzt das Problem der Kurzarbeit."

So positiv also etliche Konjunkturindizes zurzeit auch wieder sind und so überraschend stabil sich die Arbeitsmarktzahlen für September präsentieren: Politik und Wirtschaft steht die eigentlich harte Zeit im nächsten Jahr noch bevor. Und das wird nicht ohne Entlassungen in den nächsten Monaten vor sich gehen. Denn wo keine Kunden im In- und Ausland sind, gibt es auch keine Nachfrage, und wo keine Nachfrage ist, da wird auch nicht mehr mit den Belegschaften weiter produziert werden können wie bisher. In diesem Jahr ist die Wirtschaft um 5,5 Prozent geschrumpft – im nächsten Jahr wird die prognostizierte schwache Erholung von nur 0,5 Prozent nicht genügen, um alle derzeit erhaltenen Arbeitsplätze mittelfristig zu sichern.

Und wenn die Weltkonjunktur nicht wider Erwarten doch noch schnell durchstartet und die deutsche Exportwirtschaft kräftig nach oben zieht, dann werden die hiesigen Unternehmen ihre Kalkulationen auf einer deutlich niedrigeren Basis aufstellen müssen und dafür auch weniger Personal benötigen. Auf Dauer wird kein Staat gegen eine sinkende Nachfrage ansubventionieren können. Auch wenn es derzeit gute Gründe zu der Annahme gibt, dass die schlimmsten Szenarien am deutschen Arbeitsmarkt nicht Wirklichkeit werden: Genauso wahrscheinlich ist es leider auch, dass für viele Arbeitnehmer die "Brücke Kurzarbeit" nicht ans rettende Ufer führt. Der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, hat bereits angedeutet, wohin die Reise geht: Nach einer Umfrage unter rund 180 Arbeitsagenturen, berichten fast 90 Prozent, dass die Zahl der geplanten Entlassungen in den kommenden Wochen stark zunehmen wird. Unternehmen mit mehr als 20 Mitarbeitern sind gesetzlich verpflichtet, bevorstehende Kündigungen zu melden. Baden-Württemberg ist dabei besonders betroffen. Im Süden aber auch im Westen Deutschlands ist der Anteil des verarbeitenden Gewerbes an der Wirtschaftsleistung besonders hoch.

Und doch ist es bisher das eigentliche Wunder in dieser derzeitigen Malaise: Unternehmen versuchen zum ersten Mal, so lange wie möglich und in großem Maßstab ihre Stammbelegschaften zu halten. Zurzeit gibt es rund 1,43 Millionen Kurzarbeiter. Gut fünf Prozent aller Beschäftigten. In der Industrie liegt die Quote sogar bei mehr als 20 Prozent. Nach bisherigen Erfahrungen fällt bei ihnen etwa ein Drittel der Arbeitszeit aus. Die 1,43 Millionen Kurzarbeiter entsprächen damit etwa 500.000 Vollzeitarbeitskräften, die andernfalls die Arbeitslosenzahl bereits heute schon nach oben treiben würden. In Österreich und den Niederlanden hat die Beschäftigungssicherung "Made in Germany" schon Nachahmer gefunden.

Warum aber haben Unternehmen bisher in einem solchen Ausmaß zum Mittel der Kurzarbeit gegriffen? Weil der Staat ihnen dieses Instrument bis zur Bundestagswahl geradezu aufdrängt hat?

Wohl kaum, denn auch wenn der Staat durch die Agentur für Arbeit viel Geld für den Erhalt von Arbeitsplätzen ausgibt, ist dies ein teures Vergnügen für alle Beteiligten: 14 Milliarden Euro kostet die Kurzarbeit allein in diesem Jahr Arbeitnehmer, Arbeitgeber und die Arbeitslosenversicherung. Die höchsten Lasten entfallen dabei mit rund sechs Milliarden auf den Haushalt der Bundesagentur für Arbeit, denn die Arbeitslosenversicherung erstattet Kurzarbeitern mit Kindern 67 Prozent, den anderen 60 Prozent des Lohnausfalls in Form von Kurzarbeitergeld. Etwa drei Milliarden Euro tragen die betroffenen Arbeitnehmer in Form nicht kompensierter Lohneinbußen zur Sicherung ihrer Beschäftigung bei. Die Unternehmen kostet die Kurzarbeit etwa fünf Milliarden Euro - zum Beispiel für bezahlte Wochenfeiertage, Tarifurlaub, die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Urlaubs- und Weihnachtsgeld, Vermögensbildung, betriebliche Altersvorsorge und sonstige tariflich vereinbarte Leistungen. Einige Tarifverträge sehen obendrein Zuschläge vor, die Kurzarbeit für Unternehmen teurer machen.

Was für die Beschäftigten zweifelsohne eine Wohltat ist - sie behalten ihre Jobs - belastet alle anderen. Werner Marqui von der Landesagentur für Arbeit in Düsseldorf:

"Man darf natürlich nicht verschweigen, dass durch die starke Inanspruchnahme auch die Haushaltslage der Bundesagentur für Arbeit sehr stark belastet. Belastet insofern, dass die Reserven, die die Bundesagentur gehabt hat in der Größenordnung von 17 Milliarden in diesem Jahr aufgebraucht sein werden. Insofern muss man auch darüber nachdenken, wie man mit der Finanzierung der Bundesagentur jetzt umgeht."

Die Kasse der Arbeitslosenversicherung in Nürnberg ist leer. Trotz eines unverhofft stabilen Arbeitsmarkts wird die Behörde 2009 und 2010 zusammen gut 30 Milliarden Euro weniger einnehmen als ausgeben. Bis 2013 wird ein Defizit in Höhe von 50 Milliarden Euro erwartet. Was also immer bei den Koalitionsverhandlungen, die in diesen Tagen in Berlin geführt werden, herauskommt – eins steht heute schon fest: Entweder wird der Bundeszuschuss für die Arbeitslosenversicherung im nächsten Jahr erheblich aufgestockt werden – oder aber die Beitragssätze zur Arbeitslosenversicherung müssen steigen – im einen Fall sind es die Steuerzahler, die zur Kasse gebeten werden, im anderen die Beitragszahler – die abhängig Beschäftigten, die zahlen müssen.

Sie zahlen die Zeche für einen einzigen großen arbeitsmarktpolitischen Feldversuch in Sachen Krisenbewältigung, der zurzeit in Deutschland stattfindet. Deshalb eine Frage an Professor Hilmar Schneider vom Bonner "Institut zur Zukunft der Arbeit": Lohnt sich eigentlich – gesamtgesellschaftlich gesehen – Kurzarbeit in so großem Stil? Ist Kurzarbeit ein Mittel der Zukunft?

"Das wird sich weisen. Zunächst einmal kann man ganz lapidar feststellen: Wir wissen eigentlich gar nicht, wie die Kurzarbeit wirkt. Das Instrument gibt es seit vielen, vielen Jahren, aber es gibt keine einzige belastbare wissenschaftliche Studie, die mal der Frage nachgegangen wäre, welchen Effekt hat das? Ist das Beschäftigung stabilisierend? Ist das rausgeschmissenes Geld, weil es den Strukturwandel behindert? Ist das eine sinnvolle Maßnahme, weil sie Unternehmen in einer wirtschaftlich vorüber gehend schwierigen Phase die nötige Stabilität verleiht. All das wissen wir gar nicht, wir tauschen da im Grunde genommen nur Glaubensbekenntnisse aus."

Gesamtwirtschaftlich muss das Experiment also noch ausgewertet werden. Eins aber hat schon das Ergebnis der Bundeswahl gezeigt: Auf jeden Fall ist Kurzarbeit politisch "System stabilisierend". Rechte und linke radikale Splitterparteien haben in wirtschaftlichen Krisenzeiten den Einzug in den Deutschen Bundestag nicht geschafft. Eigentlich ein kleines Wunder, das viele vielleicht zu schnell für selbstverständlich halten. Und so hält ein kühler Beobachter wie Hilmar Schneider fest:

"Die Kurzarbeit hat vordergründig erst einmal dafür gesorgt, dass der Arbeitsmarkt sich relativ bislang milde durch diese Krise durcharbeitet und sorgt, glaube ich, auch dafür – und das sollte man nicht unterschätzen -, dass das Vertrauen in die Zukunft relativ ungebrochen ist. Die Menschen konsumieren wie eh und je, auch die Unternehmen sind bislang nicht in Panik verfallen. Alleine das ist sicherlich ein Effekt, den man nicht unterschätzen soll. Der ist schwer zu messen, aber wir sind oftmals gar nicht darüber im Klaren, wie sehr wir in unserer modernen Wirtschaft auf so etwas wie Vertrauen angewiesen sind. Vertrauen ist eine Komponente, wenn die nicht mehr vorhanden ist, dann funktioniert gar nichts mehr. Da ist plötzlich auch Geld nichts mehr wert. Insofern sollte man den Beitrag, den Kurzarbeit zu einem allgemeinen Gefühl der Sicherheit leistet, nicht unterschätzen."

Doch Vertrauen allein ist nicht alles: Die Erholung der deutschen Wirtschaft hängt mithin von der Frage ab, wie schnell die Weltwirtschaft wieder "rund läuft". Nach früheren Rezessionen ging es immer wieder rasch bergauf. Auf die Krisen nach den Ölpreisschocks von 1974 und 1979/80 folgten Aufschwünge, die den Wohlstandsverlust erstaunlich schnell wieder ausglichen. Auch die Rezessionen von 1993 und 2003 überstand die deutsche Wirtschaft; zuletzt ist im Aufschwung von 2005 bis 2007 die Sockelarbeitslosigkeit deutlich abgebaut worden. Ökonomen sprechen in solchen Fällen von einem V-Szenario, wenn auf einen steilen Konjunkturabsturz eine steile Erholung folgt.

Doch diesmal ist es anders. Aus dem Krisensumpf des Jahres 2009 – in dem die deutsche Wirtschaft rund sechs Prozent Bruttoinlandsprodukt eingebüßt hat – gibt es wohl keinen schnellen Aufstieg. Die aktuelle leichte Erholung der Industrie ist durch einige Sonderfaktoren bestimmt, etwa den Lagerzyklus, wenn bestehende Lagervorräte durch abgearbeitete Aufträge wieder aufgefüllt werden müssen, oder die Abwrackprämie, die ein konjunkturelles Strohfeuer entfacht hat.

Gegen eine rasche und kräftige Erholung der Weltwirtschaft spricht vor allem, dass in den Bilanzen der Finanzinstitute immer noch eine Unmenge "fauler" Papiere verborgen sind: Nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds müssten wertlose Papiere im Volumen von vier Billionen Dollar abgeschrieben werden. Davon haben die Banken erst gut ein Drittel bereinigt.

Die geschichtliche Erfahrung zeigt dabei, dass Rezessionen, die von Finanzkrisen ausgelöst wurden, länger dauern und zäher sind. Die Erholung verläuft schleppend, wenn der Bankensektor durch Altlasten gehemmt ist und erst gesundschrumpfen muss. Um im Konjunkturalphabet zu bleiben: Bei einer solchen wellenförmigen Erholung spricht man von einem "W"-förmigen Konjunkturverlauf, den Experten für Deutschland für sehr viel wahrscheinlich halten, als einen rasanten Wirtschaftsaufschwung. Noch einmal Professor Hilmar Schneider vom Bonner Institut für die Zukunft der Arbeit:

"Dass es trotzdem im Moment so aussieht, als würden Unternehmen langfristig denken, ist in der Tat bemerkenswert und das kann nur damit zusammenhängen, dass die Liquiditätsreserven der Unternehmen noch so groß sind, dass man sich langfristiges Denken überhaupt noch leisten kann. Aber ich kann Ihnen garantieren: Wenn diese Liquiditätsreserven aufgebraucht sind, dann kann man gegen jede Vernunft nicht mehr erwarten, dass da noch langfristiges Kalkül eine Rolle spielt, sondern dann ist jeder Geschäftsführer das Hemd näher als die Hose und dann werden auch entsprechende Konsequenzen ergriffen."

Und das kann schon sehr bald der Fall sein.

"Es ist genauso klar, dass wir mit Kurzarbeit nicht über die Krise kommen, sondern Fakt ist, dass die Kurzarbeit wahrscheinlich schon im Herbst an ihre Grenzen stößt. Obwohl es ja nun möglich ist, Kurzarbeit bis zu 24 Monaten in Anspruch zu nehmen, kann ich mir nicht vorstellen, dass eine nennenswerte Zahl von Unternehmen das auch tatsächlich machen wird, denn Kurzarbeit ist ja nicht kostenlos. Insofern werden sich die Unternehmen sehr viel früher die Frage stellen müssen, ob sie mit der Kurzarbeit weiterkommen oder ob es nicht einfach Zeit ist, ernste Konsequenzen zu ergreifen. Und der Zeitpunkt für diese Konsequenzen dürfte in der zweiten Jahreshälfte erreicht sein."

Dann wird die Arbeitslosigkeit schubartig ansteigen. Im jetzt einsetzenden Herbst und Winter steht der Arbeitsmarkt nicht nur vor saisonal schwierigen Zeiten. Ein Anstieg auf rund vier Millionen Arbeitslose zum Jahresende ist nicht unrealistisch. Das wird die Verbraucher verunsichern, deren stoischer Konsum bislang die Wirtschaft gestützt hat. Hier liegt das größte Risiko für die Konjunktur, das alle möglichen Erholungsszenarien überschattet. Es besteht die reale Gefahr, dass die deutsche Wirtschaft nach einer Zwischenerholung wieder abrutscht. Und die Befürchtungen basieren auf realen Erwartungen:

- In der Industrie sind trotz Kurzarbeit allein bis zum Ende des Sommers so viele Stellen gestrichen worden wie seit Langem nicht mehr. Auch die Bruttolöhne gingen zurück.

- Etwa 27 Prozent der Manager in kurzarbeitenden Unternehmen befürchten, dass die Verlängerung auf 24 Monate nicht reicht, um Entlassungen zu vermeiden.

- Ein Viertel der deutschen Unternehmen will im nächsten halben Jahr die Zahl ihrer Mitarbeiter reduzieren.

- Jeder siebte Mittelständler sieht sich bei anhaltender Wirtschaftsflaute ernsthaften Schwierigkeiten gegenüber.

- Bei 15 Prozent der Betriebe würde eine sechsmonatige Fortdauer der Krise existenzielle Probleme nach sich ziehen.

Das alles sind keine guten Ergebnisse. Sie stammen aus einer Umfrage der Unternehmensberatung Ernst & Young unter 700 Firmen in Deutschland. Ihr Fazit: "Die Unternehmen stemmen sich mit drastischen Kostensenkungen, Kurzarbeit und häufig sogar mit Einsatz ihres Privatvermögens gegen die Krise. Aber die Zeit wird knapp: Bei immer mehr Mittelständlern droht bald das Geld auszugehen."

Und doch gibt es auch berechtigte Hoffnungen für viele Arbeitnehmer, mit einem blauen Auge – also vorübergehenden Lohneinbußen durch Kurzarbeit – aus dieser Wirtschaftskrise herauszukommen. Helfen könnte ihnen eine Entwicklung, die sich seit Jahren auf dem deutschen Arbeitsmarkt angebahnt hat und von Experten und Unternehmern mit Sorge beobachtet wird: der Fachkräftemangel. Denn ein Grund, warum viele Unternehmen in dieser Krise und in diesem Ausmaß zur Kurzarbeit gegriffen haben, hat auch viel mit der Art dieser Wirtschaftskrise zu tun.

Denn diese Krise ist speziell. Sie trifft nicht alle Branchen gleichermaßen, sondern besonders das verarbeitende Gewerbe, also etwa den Maschinen- oder Automobilbau. Diese Branchen sind besonders vom Export abhängig. Und sie haben besonders hochqualifizierte Mitarbeiter. Die wollen die Unternehmen möglichst halten, denn in der letzten Krise 2001 haben sie gemerkt, wie teuer und aufwendig es ist, sie wieder einzustellen. Werner Marqui von der Landesagentur für Arbeit in NRW:

"Die Unternehmen haben Erfahrungen in der Vergangenheit gemacht, die jetzt sehr stark auf sie zukommen. Und zwar hinter der Krise gibt es ja noch eine Krise in der Bundesrepublik: der sogenannte Fachkräftemangel. Wenn Sie sehen, dass eine Fachkraft heute drei bis 3,5 Jahre ausgebildet werden muss, die haben bis zu fünf Jahren Einarbeitungszeit, in denen sie Erfahrungswissen sammeln, die sie dann zu einer ausgewiesenen Fachkraft machen, das sind Zeiträume – acht bis zehn Jahre - , die Unternehmen brauchen, um diese Fachkräfte zu qualifizieren, heranzubilden, auszubilden und dann zu nutzen und dann sind wir voll in der demografischen Wende."

Die "demografische Wende" – sie wirkt sich im Hintergrund der Wirtschaftskrise heute mehr als deutlich aus. Fachkräfte werden zur Mangelware für Unternehmen.

Das ist vielleicht nicht die schlechteste Hoffnung für Facharbeiter in Deutschland. Denn wer gute Arbeit "made in Germany" zu schätzen weiß, weiß auch, wie lang und kostspielig der Weg an die Weltspitze ist – für Unternehmer und ihre Arbeitnehmer.

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