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StartseiteKultur heuteErster Eindruck von Rowlings "Harry Potter"-Nachfolgeroman27.09.2012

Erster Eindruck von Rowlings "Harry Potter"-Nachfolgeroman

Denis Scheck über "Ein plötzlicher Todesfall"

Im südenglischen Städtchen Pagford stirbt ein Gemeinderat und löst einen Streit um die Nachfolge aus: Joanne K. Rowling legt nach der Fantasyreihe "Harry Potter" ein realistisches Werk vor. Nach den ersten 300 Seiten urteilt Denis Scheck: "Eine nette kleine Geschichte, aber es ist kein großer Roman bislang".

Das Gespräch führte Christoph Schmitz

Bestsellermaterial: "Ein plötzlicher Todesfall" stapelt sich in deutschen Buchhandlungen (dpa / picture alliance / Arno Burgi)
Bestsellermaterial: "Ein plötzlicher Todesfall" stapelt sich in deutschen Buchhandlungen (dpa / picture alliance / Arno Burgi)
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Magischer Abgang

Christoph Schmitz: Ganz realistisch, gegenwärtig, ohne die Zwänge des Fantasy-Romans – so sei ihr neuer Roman, sagt Joanne K. Rowling. Nach 450 Millionen verkauften Harry-Potter-Bänden in 73 Sprachen, nach fünf Jahren Pause hat die 47-jährige Autorin also eine neue literarische Arbeit vorgelegt: den mit 567 Seiten nicht ganz so dünnen Roman "Ein plötzlicher Todesfall". Klar, dass die Umstände der Publikation einer Autorin, die mit einer Kinderbuchreihe einen literarischen Jahrhunderterfolg hingelegt hat, ebenso außergewöhnlich sein würden beziehungsweise inszeniert würden – ein wenig auf jeden Fall. Allein in Deutschland wurden 500.000 Exemplare gedruckt, gestern waren die Pakete bereits im Buchhandel angekommen, unter Geheimhaltungspflicht, mit angedrohten hohen Konventionalstrafen, falls jemand früher auspackt. - Mein Kollege Denis Scheck, Büchermarkt-Redakteur im Deutschlandfunk, seit den Morgenstunden lesen Sie, eine Mordgeschichte in einer englischen Kleinstadt – worum geht's?

Denis Scheck: Eine Mordgeschichte – das will ich nicht sagen. Da stirbt jemand auf Seite drei an einem Aneurysma, der hat im Grunde einen Schlaganfall, dem platzt eine Ader im Gehirn, und er ist ein Mitglied des Gemeinderats des schönen südenglischen Städtchens Pagford. Und nun kommt es eben zu einer "Casual Vacancy", nämlich einer plötzlichen Vakanz im Gemeinderat dieses Städtchens, das viele Probleme hat, und den Wahlkampf, den Streit um diesen Gemeinderatsplatz, das schildert der Roman. Ich bin im Moment auf Seite 300, Herr Schmitz, also so weit kann ich Auskunft geben. Das gehört zur literaturkritischen Ehrlichkeit dazu, dass man natürlich 575 Seiten nicht einfach seit neun Uhr weglesen kann, zumal das vom Verlag versprochene E-Book bis jetzt noch nicht in meiner E-Mail auftauchte. Ich musste zu einer Kölner Buchhandlung fahren, mir ein Exemplar kaufen, und ich kann Ihnen verraten, wer von diesem perfekt orchestrierten Marketing-Coup am meisten profitiert: eine Kölner Politesse. Die hat sich nämlich vor dieser Buchhandlung auf die Lauer gelegt und zockt da die armen Harry-Potter-Süchtigen ab.

Schmitz: Das steckt hinter diesem Roman wahrscheinlich, das war das eigentliche Ziel.

Scheck: Das ist wahrscheinlich das ökonomische Kalkül.

Schmitz: Ein Wahlkampf entsteht, also ein Kampf wirklich in diesem Ort. Das heißt, jeder gegen jeden und Gott gegen alle?

Scheck: So ungefähr: Eltern gegen ihre Kinder, vor allem Kinder gegen ihre Eltern. Ein Sohn intrigiert da ganz wahnsinnig gegen die Kandidatur eines Vaters, der sich diesen Gemeinderatssitz unter den Nagel reißen will. Aber im Grunde liest sich das – das ist so die Formel, auf die ich es bislang gebracht habe – wie der beste Tom-Wolfe-Roman, den Tom Wolfe nie geschrieben hat. Wir erinnern uns an diesen realismussüchtigen Maximalismus von "A Man in Full" von Tom Wolfe beispielsweise, oder von den "Bonfire of the Vanities", den Fegefeuern der Eitelkeiten. Dieses erzählerische Prinzip, viele verschiedene Handlungsfäden, die auf- und abgeblendet werden, die eine Realität aus vielen verschiedenen Ecken beleuchten sollen, die wendet J. K. Rowling hier an.

Schmitz: Also eine klassische realistische, sozialkritische Erzählung, die aber auch Schichten, Klassen miteinander in Konflikt bringt?

Scheck: Es ist fast eine Satire auf diese englische Klassengesellschaft. Von der heroinsüchtigen Mutter, die mit einer allzu sexsüchtigen frühreifen Tochter geschlagen ist und einem kleinen Kind, das sie verwahrlosen lässt im Methadon-Programm, bis hin zu dem Besitzer eines Herrenhauses, der blöderweise eine Sozialsiedlung auf einigen Feldern errichten lässt, ist alles vorhanden. J. K. Rowling ist in diesem Roman sichtlich bemüht, sich von dem Jugendbuch-, Kinderbuchautorinnen-Image zu befreien, dem Fluch von Harry Potter quasi zu entgehen. Interessant aber ist, was Sie am Eingang in diesem O-Ton zitiert haben: "The Constraints of Fantasy", die Zwänge der Fantasy-Literatur, da darf ich kichern, weil: Die Zwänge des Realismus sind natürlich viel, viel schlimmer. Und so viel darf ich schon bei meiner literaturkritischen Meinungsbildung verraten: Das schafft sie nicht, denn das ist eine ganz nette kleine Geschichte, aber es ist kein großer Roman bislang.

Schmitz: ... , weil sie vielleicht etwas hyperventiliert aufgrund des Zwangs, kein Kinderbuch zu schreiben, dann besonders drastisch sein will und vielleicht auch pornografisch – ich weiß es nicht.

Scheck: Pornografisch würde ich nicht sagen, aber ich zitiere mal auf Seite 203. Da unterhalten sich zwei jugendliche Schüler.

"Ficken und sterben, sagte Fats. Das ist es, oder? Ficken und sterben, das ist das Leben: Versuchen, einen Fick zu kriegen und nicht zu sterben."

Das sind bestimmt Sätze, die sie so, so gerne Harry Potter hätte sagen lassen, aber sie hat sich es leider ja nicht getraut, den Potter so richtig erwachsen werden zu lassen, um ihre jugendlichen oder kindlichen Leser nicht zu verprellen. Das hier ist jetzt also ihre Unabhängigkeitserklärung literarischer Natur. Ich will es nicht kleinreden, ich habe das bislang mit Vergnügen gelesen, aber es ist wie gesagt keine Weltliteratur. Das habe ich aber auch nicht erwartet.

Schmitz: Denis Scheck, vielen Dank für diese ersten Einblicke und Eindrücke in den neuen Roman von Joanne K. Rowling "Ein plötzlicher Todesfall", übersetzt von Marion Aeckerle und Susanne Balkenhol.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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