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StartseiteInformationen am MorgenDie Schlachtfelder von Ypern18.11.2014

Erster WeltkriegDie Schlachtfelder von Ypern

Ypern steht für die Schrecken des Ersten Weltkrieges, für den sinnlosen Stellungskrieg in Schützengräben. Deutsche und belgische Schüler haben den Soldatenfriedhof in der belgischen Stadt besucht - und sind gemeinsam der Frage nachgegangen, was Krieg bedeutet.

Von Christiane Habermalz

25.644 Soldaten liegen auf dem Soldatenfriedhof Vladslo im belgischen Ypern begraben. (dpa / picture-alliance / Thierry Monasse)
25.644 Soldaten liegen auf dem Soldatenfriedhof Vladslo im belgischen Ypern begraben. (dpa / picture-alliance / Thierry Monasse)
Weiterführende Informationen

Erster Weltkrieg - 100 Jahre danach: Die Erinnerung an die deutsche Invasion in Belgien
(Deutschlandfunk, Gesichter Europas, 02.08.2014)

100 Jahre Erster Weltkrieg: Spurensuche in Belgien
(Deutschlandfunk, Europa heute, 17.03.2014)

Etwa zwanzig deutsche und belgische Schülerinnen und Schüler stehen, mit Fackeln in den Händen, auf dem Soldatenfriedhof Vladslo in Ypern. Texte werden vorgetragen, auf Flämisch und auf Deutsch, ein Gedicht. 25.644 Soldaten liegen hier begraben, darunter auch Peter Kollwitz, der Sohn der Bildhauerin Käthe Kollwitz. 19 Jahre wurde er alt. Viele Soldaten, die hier liegen, waren 17, 18, 19 - nur wenig älter als Jonas, Thimo, Celina und Sarah. Kaum fassbar für die Schüler heute. Für die meisten Schüler des Siegener Peter-Paul-Rubens-Gymnasiums ist der erste Weltkrieg weit weg - 100 Jahre genau, fünf Generationen. Es gibt keine Zeitzeugen mehr, die über das Grauen der Gasangriffe, über das Sterben berichten könnten. Die Flandernschlachten, die Stellungskriege, das ist etwas aus grauer Vorzeit, das sie aus Filmen und natürlich aus dem Unterricht kennen.

Das Gedenken wachhalten

Die deutschen Schüler sind zusammen mit ihren Lehrern und einer belgischen Schülergruppe aus Ypern hierher gekommen, um am Gedenken teilzunehmen. Seit fast 30 Jahren besteht eine Schulpartnerschaft zwischen beiden Schulen. Thimo und Celina haben eine Rede vorbereitet, die sie später bei der Kranzniederlegung halten sollen - zusammen mit dem deutschen, dem britischen und dem französischen Botschafter. Thimo will ein Ernst-Jünger-Zitat verwenden, aus "Unter Stahlgewittern": "Ich habe die selber so ausgearbeitet. Dann meinem Lehrer gegeben, der hat dann drüber geguckt. Der hat dann gesagt, nehmen sie eins von diesen drei Zitaten - also da waren dann drei, von Remarque noch eins und noch ein drittes. Dann sollte ich mir eins aussuchen von den drei Zitaten und die Rede noch ein wenig ausarbeiten."

Für die belgischen Schülerinnen und Schüler ist das Leben mit den Gefallenen fast schon Alltag - als seien fünf Generationen in Ypern weniger weit weg als in Deutschland. Sie leben mit dem Toten - und sie sind stolz auf sie.

Endlose Reihe weißer Kreuze

Stell dir vor, es ist Krieg und niemand erinnert sich mehr daran: Wenn es etwas gibt, was man sich in dem kleinen flämischen Städtchen Ypern in Westflandern nicht vorstellen kann, dann das. Die Stadt wurde im Ersten Weltkrieg von den Deutschen komplett zerstört. In den Schlachten rund um Ypern ließen hunderttausende Soldaten ihr Leben - Briten, Franzosen, Belgier, Deutsche. Soldatenfriedhöfe mit ihren endlosen Reihen weißer Kreuze prägen die Gegend, jede Nation hat ihren eigenen.

Ypern lebt das Gedenken. Jeden Abend kurz vor 20 Uhr wird am Menen-Tor der Verkehr angehalten. Das Tor wurde nach dem Krieg als Gedenkort für die 55.000 vermissten Soldaten des British Empire errichtet, ihre Namen sind wie eine endlose Zeichenfolge in die Wände graviert. Jeden Abend um 20 Uhr marschiert eine Ehrengarde auf, fünf Trompeter nehmen Aufstellung und blasen den "Last Post" - den letzten Gruß an die Toten, zusammen mit dem Versprechen: "We will remember them". Seit 1928 sendet Ypern den Toten seinen letzten Gruß hinterher. Jeden Tag, heute zum 29.758-mal. Menschen aus der ganzen englischsprachigen Welt kommen hierher, um den Ort zu besuchen, an dem ihre Großväter kämpften und starben.

Enkel gedenken ihrer Großväter

Wie die Abordnung der Sikh mit ihren bunten Turbanen: 69.000 Inder sind im ersten Weltkrieg gefallen, erzählen sie, die meisten davon in Flandern. Drei Engländer in Uniformen des Weltkriegs stehen dicht an der Absperrung, Enkel von Weltkriegsveteranen, faltige Gesichter unter Papp-Stahlhelmen, 82 Jahre alt ist der älteste der drei. Sie treffen sich jedes Jahr, um ihrer Großväter zu gedenken, die rund um Ypern in den Schützengräben kämpften. Die Deutschen, sagt einer von ihnen versöhnlich, seien auch arme Schweine gewesen.

Auch die Schüler sind zum "Last Post" gekommen. Sie sind etwas erschlagen von dem Gedenkrummel hier, von der Lebendigkeit. Das hatten sie sich etwas ruhiger vorgestellt. In den Läden liegen Stahlhelme aus Schokolade, T-Shirts mit Poppys, den Mohnblumen, Symbole für die Soldatengräber, werden angeboten. Gedenken auf Deutsch ist irgendwie getragener, besinnlicher. Und natürlich gedenkt es sich leichter und unbeschwerter, wenn man zum Volk der Sieger gehört.

Lebenserwartung von drei Wochen

Die Schüler besuchen einen noch heute existierenden Schützengraben, den Dodengang in Diksmuide. Es hat geregnet, Schlamm und Dreck spritzt durch die Gänge, man kann kaum über die Ränder schauen. Fast wie damals, erklärt die Führerin, als die Deutschen und die Franzosen sich gegenüber saßen und aufeinander schossen, jeder eingegraben. Und als man durch Blut, Schlamm und Leichen waten musste. Drei Wochen betrug die Lebenserwartung eines Soldaten im Schützengraben, erzählt sie den Schülern. Die albern ein bisschen herum - Spannung ablassen.

Für den Nachmittag ist ein strammes Programm vorgesehen. Die Schüler legen Kränze nieder auf dem britischen, dem französischen und dem deutschen Soldatenfriedhof, zusammen mit den drei Botschaftern. Zum Schluss ist der deutsche Soldatenfriedhof Langemark an der Reihe. Die Nationalsozialisten hatten ihn einst zum Heldenmythos gemacht. Heute ist er etwas in Vergessenheit geraten. Große Eichen beschatten die Gräberfelder. Hier müssen Thimo und Celine ihre selbst vorbereiteten Reden halten. Vor lauter Nervosität hat Thimo seinen Zettel mit dem Ernst-Jünger-Zitat vergessen. Doch keiner merkt es außer ihm. Ein Pfarrer zitiert Hannes Wader, dann ist alles vorbei. Die Schülerinnen und Schüler sind betreten und ein bisschen erleichtert, als sie wieder in den Bus steigen. Ob sie sich vorstellen können, für etwas in den Krieg zu ziehen? Gibt es etwas, für das es sich in ihren Augen zu kämpfen lohnt? "Für Freiheit lohnt es sich, zu kämpfen", sagt ein Schüler.

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