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StartseiteKultur heuteEin Schuss mit sozialer Dimension29.06.2014

Erster WeltkriegEin Schuss mit sozialer Dimension

Das Attentat auf das österreichische Thronfolgerpaar, das zum Ersten Weltkrieg führte, jährt sich zum 100. Mal. Die Gedenkfeiern in Bosnien-Herzegowina sind zweigeteilt: Vor der alten osmanischen Drina-Brücke wird das Touristenzentrum "Andrić-Stadt" eingeweiht. In Sarajevo scheint die politische Elite der Bosniaken und Kroaten dagegen von Habsburger Nostalgie befallen.

Von Martin Sander

Blick auf die Drina-Brücke mit der bosnisch-herzegowinischen Stadt Visegrad im Hintergrund, aufgenommen am 02.09.2004. (dpa picture alliance / Matthias Schrader)
Der Nobelpreisträger Ivo Andric setzte dem Bauwerk mit seinem Roman "Die Brücke über die Drina" ein literarisches Denkmal. (dpa picture alliance / Matthias Schrader)
Weiterführende Information

Ausstellung in Wien: Durchschnittlich mutig (Deutschlandradio Kultur, Religionen, 29.06.2014)

Das Attentat von Sarajewo und der Weg in den Ersten Weltkrieg (Deutschlandfunk, Hintergrund, 28.06.2014)

Serbien und der große Schatten des Ersten Weltkrieges (Deutschlandfunk, Gesichter Europas, 28.06.2014)

Brot mit Salz, Schnaps und Pomp für den großen Meister. Bei der Einweihung von Andrićgrad stellte Filmemacher Emir Kusturica die versammelte serbische Politprominenz in den Schatten: den Präsidenten der bosnisch-serbischen Teilrepublik Milorad Dodik und den aus Belgrad angereisten Premier Aleksandar Vučić eingeschlossen. Am Sankt-Veits-Tag, der für die Serben den Kampf gegen die osmanische Herrschaft symbolisiert, erhält die kleine Stadt Višegrad im Osten Bosniens eine große Touristenattraktion. Der jugoslawische Nobelpreisträger Ivo Andrić hatte die Stadt einst in seiner "Brücke über die Drina" verewigt. Nun hat Emir Kusturica vor der Kulisse der alten osmanischen Drina-Brücke seine Andrić-Stadt hochgezogen: Theater, Restaurants, eine Kunstakademie, ein Studentenheim, eine orthodoxe Kirche, im historischen Stil auf über 40.000 Quadratmetern - aber keine Moschee.

Absichtsvoll fällt die von serbischen Hymnen gerahmte Zeremonie für Andrićgrad auf den Sankt-Veits-Tag 2014. Denn an diesem Tag vor genau 100 Jahren feuerte der bosnische Serbe Gavrilo Princip seine tödlichen Schüsse auf das österreichische Thronfolgerpaar in Sarajevo ab und löste so den Ersten Weltkrieg aus. Emir Kusturica:

"Als Franz Ferdinand getötet wurde, besaß Serbien eine Verfassung und einen demokratischen Staat. Bosnien-Herzegowina aber war die letzte Kolonie in Europa. Der Schuss, dem dieser Mensch zum Opfer fiel, hatte also eine soziale Dimension. Es ging um die Befreiung der Völker Bosnien-Herzegowinas aus der Knechtschaft. Der Tyrannenmord hat uns dazu bewogen, am 28. Juni, dem Sankt-Veits-Tag, mit dem Bau von Andrićgrad zu beginnen. Wir haben unser Versprechen erfüllt und binnen drei Jahren eine ganze Stadt errichtet."

Das Attentat von Sarajevo nachgespielt

In Višegrad, in der serbischen Teilrepublik Bosniens, ließ man am späten Abend Gavrilo Princip als serbischen Helden hochleben, spielte das Attentat von Sarajevo nach und enthüllte ein Wandmosaik zu Ehren der "Jungbosnier", zu denen Princip gehörte. Die Stadt quoll über von Begeisterung. Es gab aber auch Kritik.

"Wirtschaftlich gesehen ist Andrićgrad für Višegrad und die Region etwas Positives. Doch ideologisch halte ich das Projekt für sehr gefährlich."

... warnt Bilal Memišević, Politiker, Vorsitzender der muslimischen Gemeinde und einer jener Bosniaken, sprich: bosnischen Muslime, die sich nach Genozid und Vertreibung der 90er Jahre zur Rückkehr nach Višegrad entschlossen haben.

"Wir, die bosniakischen Rückkehrer, freuen uns nicht über diese Kampagne, die neue Trennlinien schafft. Wir sind besorgt. Indem man Gedenkfeiern an zwei Orten getrennt voneinander ausrichtet, will man ein neues Hindernis für die Verständigung schaffen."

"Die Gesellschaft in Bosnien ist ja seit dem Krieg 1992 bis '95 tief gespalten, entlang ethnoreligiöser Trennlinien. Und auch die Erinnerungskultur ist entsprechend auch gespalten."

...der Berliner Südosteuropahistoriker Holm Sundhaussen, der gerade eine Geschichte Sarajevos vorgelegt hat.

"Während viele Serben nach wie vor Gavrilo Princip als Helden betrachten, ist er eben für viele Bosniaken und viele Kroaten nur noch ein Mörder oder Verbrecher. Sicherlich kann man das auch aus der Sicht der bosniakischen Bewohner von Sarajevo nachvollziehen, dass sie nach der Belagerung der Stadt und nach dem Beschuss von Seiten bosnischer Serben oben auf dem Bergen, dass die Menschen im Tal nun für serbische Helden nicht mehr viel Verständnis aufbringen können."

Gavrilo Princip vom sozialistischen Jugoslawien als Held gefeiert

In Sarajevo scheint die politische Elite der Bosniaken und Kroaten von Habsburger Nostalgie befallen. Österreich-Nähe spürt man allenthalben, nicht nur gestern Abend beim Gastauftritt der Wiener Philharmoniker zum Gedenken an das Attentat. Das Konzert fand im alten Rathaus statt, das im Bosnienkrieg zerstört und erst kürzlich mit Mitteln der EU und Österreichs originalgetreu aufgebaut wurde. Dort prangt am Eingang eine Tafel, die von "serbischen Verbrechern" spricht: ein Grund für die serbische Staatsführung, zum Gedenken an den Auftakt zum Ersten Weltkrieg nicht nach Sarajevo zu kommen. Ein paar hundert Meter weiter, an der alten Lateiner-Brücke, schoß Gavrilo Princip vor 100 Jahren auf Franz-Ferdinand und Sophie. Im sozialistischen Jugoslawien wurde Princip dafür völkerübergreifend als Held gefeiert, ein Sozialrevolutionär, der die morsche Welt der Vorkriegsimperien sturmreif schoss. Seit dem Bosnien-Krieg gilt er in Sarajevo vorrangig als Terrorist. Das kleine Museum war früher Princips Jungbosniern gewidmet. Heute ist es ein Museum der österreichischen Geschichte Sarajevos. Stadtpolitiker liebäugelten zeitweilig mit dem Wiederaufbau des Denkmals für Franz-Ferdinand und seine Gattin. Das Monument stand nur ein Jahr lang, 1917, auf der Lateinerbrücke. Teilstücke sind derzeit in der Nationalgalerie zu besichtigen.

Eine gute Werbung für den labilen Staat Bosnien-Herzegowina waren die zweigeteilten Gedenkfeiern auf keinen Fall, meint Jakob Finci, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinden Bosniens, ein unermüdlicher Kritiker der nationalen Führer seines Landes. Fincis Bilanz:

"Bosnien-Herzegowina nutzt jede Gelegenheit, um Chancen, die es besitzt, auszulassen. Es ist wie bei der Fußballweltmeisterschaft. Das erste Tor gegen Argentinien schossen wir schon in der zweiten Minute. Leider war es ein Eigentor. Wie es scheint, ist das unser Schicksal."

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