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Erweiterung unterirdisch

Die Tate Modern eröffnet mit den Tanks einen Anbau für zeitgenössische Kunstformen

Von Ruth Rach

Nicholas Serota, Direktor der "Tanks"-Galleries in der Londoner Tate Modern.
Nicholas Serota, Direktor der "Tanks"-Galleries in der Londoner Tate Modern. (picture alliance / dpa / Facundo Arrizabalaga)

Für Nicholas Serota, Direktor der Tate Modern Gallery, sind die Tanks ein neues Instrument im Orchester des Londoner Kunsthauses. Diese erste Phase des großen Galerieausbaus direkt über ehemaligen Öltanks wurde pünktlich zu den Olympischen Spielen fertiggestellt. Ihre Schwerpunkte: Film, Performance, Installation.

Die Halle ist grau, riesig, und fensterlos. Säulen verstellen den Weg. Sie fühlen sich klebrig an, die Luft riecht feucht und miefig. Das Publikum zögert, weiß nicht so recht, wo es in diesem runden Raum eigentlich hingehört.

Zwei Tänzerinnen huschen in die Mitte. Weiße Kleider, weiße Turnschuhe. Sie kreiseln umeinander, so gleichförmig, so präzise, dass es dem Betrachter schwindelt: "Fase: Vier Bewegungen zur Musik von Steve Reich" heißt das Stück, von und mit Anne Teresa De Keersmaeker und Tale Dolven. Ihre Konzentration erinnert an die Trance tanzender Sufis. Und doch sehnt man sich angesichts der gnadenlosen Gleichförmigkeit der Bewegungen fast danach, dass sich die Muster verändern, und ist ganz erleichtert, als sich ganz allmählich Diskrepanzen einschleichen und die Choreografie verschiebt.

"Die Kunst hat sich mit dem Ende des 20. Jahrhunderts gewandelt", verkündet der Direktor der Tate Modern, Chris Dercon. Der Tanz habe die Museen erstürmt. "Wir haben", so sagt er,"genug von abstrakten Systemen. Und was ist zeitgenössischer als der menschliche Körper."

Performance, Filme, Klanginstallationen - und vor allen Dingen, Interaktivität. Das sind die Leitmotive bei der Eröffnung der Tanks - zwei gigantischen ehemaligen Ölcontainern, die unter der Tate Modern liegen und daran erinnern, dass dieser massive Backsteinbau an der Themse eigentlich ein Kraftwerk war, bis es von den Schweizer Architekten Herzog und de Meuron umgebaut wurde.

"Diese Tanks gehörten von Anfang an in unser Gesamtkonzept", betont Jacques Herzog und schwärmt, wie befriedigend es sei, neue Räume im Untergrund zu erschließen, roh und unspektakulär, und voller Wandlungsfähigkeit. Und gerade wegen ihrer runden Form ein idealer Schauplatz für ein öffentliches Forum.

Treppen ins Nirgendwo, Ölflecken, vermauerte Türen, die Tanks sind das Gegenmodell zum klassischen weißen Ausstellungsraum: Auf die Wände sind Fragen projiziert: Wie werden die Museen der Zukunft aussehen? Wie kann Kunst die Gesellschaft beeinflussen?

Ausstellungen, Auftragsarbeiten, Diskussionen, 18 Wochen lang zeigen Künstler, welches Potenzial in den Tanks unter der Tate Modern steckt - genau das Richtige für einen verregneten Londoner Sommer. Danach wird der Ausbau des Museums verstärkt vorangetrieben: die Tate Modern, inzwischen das meistbesuchte Museum für moderne Kunst, braucht mehr Platz.

Allein in der riesigen ehemaligen Turbinenhalle drängen sich jeden Tag Hunderte, ja Tausende von Besuchern, unter ihnen zahlreiche Kinder und Teenager.

Sie komme ständig her, sagt eine Nanny. Es gebe nicht viele Orte in London, wo Kinder so viel Auslauf hätten, so viel Krach machen und gleichzeitig auch noch ein paar Bilder angucken dürften.

Sie schaue bei jedem Londonaufenthalt in der Tate Modern vorbei, erzählt eine ältere Besucherin. Das Ausstellungsprogramm sei aufregend - und das Gebäude, so fügt ihre Tochter hinzu, wahnsinnig cool.

Welch eine Wende, wenn man bedenkt, wie feindselig das britische Establishment der zeitgenössischen Kunst gegenüberstand. Der kulturelle Wandel sei so tiefgreifend wie der Fall der Berliner Mauer, schrieb erst am Wochenende Bryan Appleyard, ein Kommentator in der "Sunday Times". Er führt das Geheimnis auf den stählernen Willen und Weitblick von Tate-Direktor Nicholas Serota zurück. Zyniker hingegen deuten mit dem Finger auf schnellreiche Banker, die sich nichts Altmodisches an die Wand hängen wollten und gegenseitig überboten hätten, um möglichst ungewöhnliche hypermoderne Werke zu erstehen.



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