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Seit 08:10 Uhr Interview
StartseiteSpielweisenZwischen Klassik und Jazz01.02.2017

Erwin Schulhoffs StreichquartetteZwischen Klassik und Jazz

Der 1942 verstorbene Erwin Schulhoff war lange Zeit - wie viele jüdische Komponisten – vergessen. Doch seit einigen Jahren erfahren seine Werke eine Renaissance. Jetzt hat das niederländische Alma Quartet zum ersten Mal Schulhoffs sämtliche Kompositionen für Streichquartett vollständig eingespielt.

Von Elisabeth Richter

Auf Partituren von Erwin Schulhoff sind im Schweriner Konservatorium die Stempel des Ghettos Theresienstadt zu sehen (dpa-Zentralbild)
Von den Nationalsozialisten als "entartet" diffamiert: die Werke Erwin Schulhoffs (dpa-Zentralbild)

Musik: Schulhoff: Streichquartett Nr. 1

Über einem sphärisch oszillierenden Klangteppich und einem Pizzicato-Bass entfaltet sich eine zarte Geigenmelodie. Plötzlich mischen sich sarkastische Untertöne in die Musik. Und immer wieder blitzt durch den tänzerischen Charme Melancholie hervor.

"Allegretto con moto e con malinconia grotesca" heißt dieser zweite Satz von Erwin Schulhoffs erstem Streichquartett von 1924. Das Spiel mit Kontrasten, bei dem die eine Stimmung die andere immer wieder vertreiben zu wollen scheint, oder sich zumindest neben ihr zu behaupten sucht, zieht sich wie ein roter Faden durch das Oeuvre von Erwin Schulhoff, auch wenn der Komponist sich stilistisch immer wieder neu orientierte.

Musik: Schulhoff, Rondo aus Divertimento

Spiegel kompositorischer Entwicklung

Erwin Schulhoffs Werke für Streichquartett sind zwischen 1914 und 1925 entstanden. Man kann an ihnen gut die kompositorische Entwicklung Schulhoffs nachvollziehen. Er wurde 1894 in Prag geboren, und wuchs in der böhmischen Musiktradition von Dvořák oder Smetana auf. Dvořák stattete übrigens das siebenjährige Wunderkind mit einem Empfehlungsschreiben aus. Später studierte Schulhoff u. a. bei Max Reger. In seinen frühen Streichquartett-Kompositionen hört man deutlich die klassische Schulung, und man staunt über die handwerkliche Kompetenz des 20jährigen Komponisten.

Musik: Schulhoff, Rondo aus Divertimento

Doch so klassisch zum Beispiel dieses Rondo aus dem Divertimento von 1914 aufs erste Hören scheint, der schöne Schein wird durch romantische Harmonien oder ungewöhnliche Spieltechniken permanent untergraben, so dass die Heiterkeit bedroht wirkt und als Abschied von alten Zeiten daherkommt. 1914 befand sich die Welt ja gewissermaßen auf einem Pulverfass.

Musik: Schulhoff, Menuett aus Streichquartett op. 25

Einflüsse von Dada, Jazz und Tango

Nach dem ersten Weltkrieg kam Erwin Schulhoff mit Künstlern des Expressionismus und Dadaismus zusammen. Außerdem ließ er sich auch von verschiedenen anderen Musikgenres inspirieren, wie Jazz oder den Tango nuevo aus Argentinien. Schulhoffs Stil hat nun nichts Klassizistisches mehr. Seine "Fünf Stücke für Streichquartett" von 1923 sind eine Sammlung verschiedener Tänze, aus Böhmen, Wien oder Italien. Man hört ein ebenso virtuoses wie fein balanciertes Jonglieren mit frechen Motiven, hintergründigem Witz und stetigem Fragen. "Alla Tango Milonga" heißt eines dieser Stücke.

Musik: Schulhoff, "Alla Tango Milonga"

Erwin Schulhoff steckte voller musikalischer Phantasie, und es ist tragisch, dass er als Jude 1941 nicht rechtzeitig emigrieren konnte und 1942 in einem Lager an Tuberkulose starb. Seine beiden Streichquartette von 1924 und -25 zeigen einen sehr reifen, dabei erst 30jährigen Komponisten auf der Höhe seines Könnens. Beide Quartette sind viersätzig. Beide leben von rhythmisch-tänzerischem Schwung, nicht selten mit einer folkloristischen Note, wie etwa im Allegro gajo des zweiten Quartetts:

Musik: Schulhoff, Streichquartett Nr. 2

In den langsamen Sätzen spürt man immer – und das kann durchaus als Spiegelung der widrigen Zeitumstände aufgefasst werden – einen traurig-melancholischen Unterton. Faszinierend ist bei Erwin Schulhoff immer wieder auch seine Phantasie in der satztechnischen Verarbeitung oder in den Spieltechniken. Man erlebt polyphone-dialogische Abschnitte ebenso wie melodische oder homophone Abschnitte oder das Experimentieren mit ungewöhnlichen Klangwirkungen.

Musik: Schulhoff, Streichquartett Nr. 1

Engagierte Anwälte

Die Musiker des niederländisches Alma Quartets, die auch im Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam spielen, erweisen sich als fantastische Anwälte dieser ebenso spannenden wie exzellenten Musik. Da ist einerseits eine wunderbare klangliche Homogenität, aber andererseits hat jeder Streicher die nötigen solistischen Qualitäten für diese technisch durchaus anspruchsvollen Stücke. Nicht zuletzt empfiehlt das Alma Quartet durch ein ungeheuer präzises Musizieren, das die Strukturen verdeutlicht, das aber immer von Verve und Sensibilität lebt.

Erwin Schulhoff
Complete string quartets
Alma Quartet
Gutman records CD 161

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