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StartseiteEssay und DiskursDie Welt als Serie - die Serie als Welt13.08.2017

Erzählen im WandelDie Welt als Serie - die Serie als Welt

Serielles Erzählen prägt die Medienlandschaft. Eine Fernsehserie war bis in die 1980er-Jahre hinein das Angebot, in bestimmtem Rhythmus in eine Erzählwelt zurückzukehren, um neue Episoden in vertrauten Räumen und mit vertrauten Helden und Schurken zu genießen.

Von Markus Metz und Georg Seeßlen

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(picture alliance/dpa/Screen Grab)
TV-Serie Twin Peaks: Die erste Staffel der Serie war im Frühjahr 1990 einer der größten Quoten-Hits im US-Fernsehen. Neue Folgen starteten am 22.05.2017 (picture alliance/dpa/Screen Grab)
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Mit Twin Peaks von David Lynch und Mark Frost änderten sich Erzählstruktur und Bildaufbau der Fernsehserie, zuerst langsam, dann immer heftiger und mit großem Erfolg, gerade bei jungen Zuschauern. Die Serien wandten sich sozial, politisch und kulturell „erwachsenen“ und kritischen Themen zu, bei denen es immer wieder auch zu Tabuverstößen und Provokationen kommt.

Die Erzählweisen geben Figuren und Beziehungen Raum, sich zu entwickeln, führen zu einer „epischen“ Darstellung, die mit den Mitteln von Ambiguität und Widersprüchlichkeit arbeitet. Die Bildwelten werden nicht allein wegen der höheren Budgets opulenter, vielfältiger und drastischer. Die Fernsehserien unserer Tage haben als narratives Leitmedium bis zu einem gewissen Grad das Kino beerbt, das sich in seiner Spaltung in Arthouse-Filme und Effektgewitter der Blockbuster um die Möglichkeiten eines zugleich populären und komplexen Erzählens gebracht hat. In einigen (nicht allen) der neuen Serien ist künstlerische Ambition durchaus erwünscht. Markus Metz und Georg Seeßlen untersuchen in ihrem Essay, wo das Serielle herkommt und wohin es sich noch überträgt.


"Der Anfang von Himmel und Erde war namenlos. Die Erde war wüst und leer. Ein Chaos, das dringend nach einer Ordnung verlangte. Etwas musste werden, weil nicht nichts sein kann."

So beginnen alle Erzählungen von der Welt und den Menschen in ihr.

Episode 1: Morgendämmerung der Menschheit. Unterscheidung, Wiederkehr - und Serie

In allen Welterzählungen ist erst einmal nichts oder alles - oder beides, in der Form von Chaos. Dann setzt die Geschichte ein. Die Dinge werden unterschieden, sie bekommen ihre Namen, es werden Ordnungen errichtet. Instabil, spannungsgeladen, gewalttätig - aber: Es sind Ordnungen. Irgendwann brechen sie wieder zusammen, weil das innere Chaos wieder aufbricht, weil die Feinde aus dem Jenseits kommen, weil der große Winter naht. So auch in einer der nicht ganz so großen und dennoch universell verständlichen Welterzählungen unserer Zeit. In der Fernsehserie "Game of Thrones".

Wie also beginnt die Geschichte?

Mit Unterscheidungen!

Dies ist der Tag und dies die Nacht. Dies ist rund und dies ist spitz. Dies ist Mann und dies ist Frau. Dies ist Freund und dies ist Feind. Dies ist gut und dies ist böse.

Und nun kannst du mit der Indikation beginnen.

Dies ist ein Baum. Dies ist ein Fluss. Dies ist ein Mensch. Dies ist ein Freund. Dies ist der Mann, den sie Wildwasser nennen. Dies bin ich!

Du hast Unterscheidungen. Du gibst Namen. Was willst du noch?

Grenzen will ich! Und Ordnungen! Ich will in den Dingen sehen, wie sie wiederkehren und sich gleich bleiben. Und ich will sehen, wie sie sich verändern und trotzdem wiederholen. Ich will das Zeichen. Ich will das Bild. Ich will die Erzählung. Ich will den Zyklus. Ich will: Die Serie.

So also wirst du leben. In Zeichen und Bildern. In Erzählungen und Zyklen. In Serien. Oh ja, du wirst in Serien leben.

Episode 2: Serienproduktion - Das Schöne, das Nützliche, das Effektive und das Einträgliche

Soviel ist also klar: Wir verstehen die Welt nur, weil wir einerseits Unterscheidungen treffen können und wir uns andererseits auf Wiederkehr verlassen. Wir unterscheiden zwischen dem Tag und der Nacht und wir schlafen getrost ein, weil wir wissen, dass auf jede Nacht wieder ein Tag folgt. Das ist eben ein Naturgesetz oder das Gesetz der Götter, wie man es nimmt. Die Welt ist seriell organisiert. Seriell ist unser Tagesablauf. Jeder Tag gleicht dem anderen, aber er darf sich nicht vollständig wiederholen. Sonst gerieten wir in die Situation des armen Reporters aus dem Film "Und täglich grüßt das Murmeltier", der ein und denselben Tag immer wieder erleben muss.

Der Meteorologe Phil, gespielt von Bill Murray, sitzt neben seiner Aufnahmeleiterin Rita Hanson, gespielt von Andie MacDowell, an einem Tisch und trinkt Kaffee direkt aus einer Kaffeekanne. (imago / United Archives)Filmszene aus dem Film-Klassiker "Und täglich grüßt das Murmeltier" mit Bill Murray (links) und Andie MacDowell (rechts) aus dem Jahr 1993. (imago / United Archives)

Der Film hat uns damals, über das Komische seiner Situationen weit hinaus gehend, sonderbar berührt. Noch heute scheint er eine Metapher für eine Grundangst vor zuviel Wiederholung in der seriellen Gestaltung unseres Lebens. Oder davor, dass auch die derbsten Versuche der Variation nichts nutzen, wenn Gleichförmigkeit und Geschichtslosigkeit absolut geworden sind.

Das Serielle ist das Tröstende und das Ordnende im Leben des Menschen, zugleich ist es die größte Bedrohung und der schlimmste Abgrund.

Daher muss es etwas geben, was zwischen Unterscheidung und Wiederkehr vermittelt: Die Sequenz. Die Fähigkeit, ein großes Ganzes in einzelne Abschnitte aufzuteilen. Zu wissen, dass die Einzelteile, wenn man sie richtig aneinander reiht, immer wieder ein großes Ganzes ergeben. Ein Ornament. Eine Geschichte. Ein Bild, das aus Formen entsteht, ein Roman, der in Kapiteln geschrieben wird.

Man kann aber auch eine Geschichte immer wieder neu mit verschiedenen Variationen, verschiedenen Figuren, verschiedenen Schauplätzen erzählen: Dafür stehen die Geschichten von der schönen Scheherazade, die sie dem Sultan 1001 Nacht lang erzählt, um ihn gnädig zu stimmen. Dafür stehen die Kolportageromane des beginnenden Industriezeitalters, Karl May und Superman. Und die Fernsehserien unserer Tage.

Episode 3: Lust und Zwang der Serie

Das Wort Serie stammt aus dem Lateinischen und bezeichnet das Aneinanderreihen oder das Gefügte. Ansonsten kommt es natürlich auf den Zusammenhang an. Zum Beispiel darauf, ob eine Serie geplant ist wie die Abfolge von Handgriffen an einem Fließband oder ob sie sich ergibt, wie die Serie von Siegen einer Fußballmannschaft.

Dem Menschen ist das Serielle bestimmt. Er kann nicht leben ohne Serie. Das Serielle hat immer etwas Lustvolles und etwas Zwanghaftes. Aber es gibt etwas, das den Menschen davor bewahrt, vollkommenes Opfer der Serie zu sein.

Das Bewusstsein vielleicht? Die Fähigkeit, die Muster des Seriellen nicht nur zu leben, sondern auch zu erkennen? Die Serie ist ein merkwürdiges Geschehen zwischen Natur und Kultur. Das Serielle gibt es offenbar in der Natur - jedes Balzritual, jeder Jagdvorgang, jedes biologische Gleichgewicht scheint sich darauf zu beziehen, auf Wiederholung mit Variation - und in der Kultur - alles, was man als schön empfindet in Bildern, Bauten, Musik erscheint seriell organisiert mit Variationen, Transformationen und Selbstreferenzen.

Vielleicht ist die Musik am reinsten und ursprünglichsten damit beschäftigt, das Serielle in Natur und Kultur miteinander zu versöhnen.

Das Serielle Natur und Kultur

Außer in der Kunst erscheinen das Serielle in der Natur und das Serielle in der Kultur einigermaßen widersprüchlich. Es kommt ganz darauf an, in welchem Zusammenhang man es sieht. In der Mathematik zum Beispiel erscheint der Widerspruch zwischen Natur und Kultur nicht ausgeräumt, denn bei den verschiedenen Formen im sogenannten Gesetz der Serie scheint es sich um eher mysteriöse Vorgänge zu handeln.

"Das Benfordsche Gesetz beschreibt, dass in empirischen Datensätzen bestimmte Ziffernstrukturen häufiger vorkommen als andere. So gilt etwa für die Anfangsziffern in Zahlen des Zehnersystems, dass Zahlen mit der Anfangsziffer 1 rund 6,5-mal häufiger auftreten als solche mit der Startziffer 9. Entdeckt hatte das schon der Mathematiker Simon Newcomb, als er bemerkte, dass in Büchern mit Logarithmentafeln die Seiten mit Tabellen mit der Anfangsziffer 1 verschmutzter (also benutzter) waren als andere Seiten."

Ob es ein Gesetz der Serie wirklich gibt, also eine berechenbare Wahrscheinlichkeit von mathematischen und anderen Geschehnissen, blieb immer umstritten. Einigermaßen belegbar ist indessen, dass jegliches lebende System weniger aus reiner Willkür, sondern vor allem aus der Erkennung und Anwendung von Mustern existiert. Anders gesagt: Die Serie ist ein Ergebnis von individueller und kollektiver Erfahrung. Wo unser Lieblingsbär Pooh einmal Honig gefunden hat, wird er immer wieder welchen suchen, und wo Menschen einmal Erfolg gehabt haben, werden sie ihn immer wieder suchen. Beides kann, wie wir wissen, auch gründlich schief gehen. Was nicht nur hungrige Bären und enttäuschte Roulette-Spieler bestätigen können. Serielles Verhalten ist keine Erfolgsgarantie. Nicht alles, was Serie ist, ist deswegen schon nützlich, schön und erstrebenswert. Das Serielle schränkt die Freiheit ein.

Das Serielle entsteht aufgrund von Regeln

Selbst in der Musik muss, wenn es nicht ewigen Gleichklang geben soll, immer wieder gegen die Gesetze der Serie verstoßen werden. Das Serielle entsteht also aufgrund von Gesetzen - oder sagen wir Regeln.

In der Serie werden Elemente wiederholt und auf bestimmte Weise variiert. Dasselbe, aber in einer anderen Farbe. Dasselbe, aber in einer anderen Tonart. Dasselbe, aber mit anderen Figuren. Dasselbe, aber vor anderem Hintergrund und so weiter. Das Vergnügen an einer Serie besteht im Erkennen des Gleichen durch die Abweichung oder im Erkennen der Abweichung durch das Gleiche, wie man es nimmt. Das Serielle wird selbst zum Thema wie bei den Serien-Grafiken von Andy Warhol.

Andy Warhols "Campbell's Soup Cans" in der Tate Modern in London; Aufnahme vom Februar 2002 (picture-alliance / dpa)Eines der berühmtesten Serien-Motive Andy Warhols: Die "Campbell's Soup Cans" in der Tate Modern in London. (picture-alliance / dpa)

Die Kunst ist doch immer auch ein Abbild der Wirklichkeit.

Die Kunst ist so seriell wie die Politik, die Ökonomie, die Technik, aber doch auch immer ein bisschen anders. In der Technik verstehen wir unter "seriell" das Hintereinanderschalten von Elementen oder Vorgängen. In einer seriellen Form werden Aufgaben hintereinander gelöst - im Unterschied zur parallelen Form, in der sie gleichzeitig gelöst werden. In der Ökonomie ist vor allem eine bestimmte Form des Produzierens gemeint.

Das Serielle in der Ökonomie

"Seriell sind in begrenzter Anzahl hergestellte Produktarten. Die Serie ist dadurch gekennzeichnet, dass lediglich die Grundausführung der Produktart spezifiziert ist, sodass unmittelbar kundenorientiert produziert werden kann." (Gabler Wirtschaftslexikon)

Im Grunde basieren unsere Wirtschaft, unser Wohlstand, unser ganzes Leben auf dem Prinzip der Serienproduktion - von der Einführung des Fließbands bis zur vollautomatischen digitalen Fabrik 4.0. Produkte werden besser und billiger, wenn man sie serienmäßig herstellt anstatt jedes Stück einzeln. Aber am Ende muss nicht jedes Stück einer Serie - sagen wir ein Auto - genau gleich aussehen. Es kann vielmehr noch einmal variiert werden. Andere Farben, andere Zutaten, andere Stärken. Serien sind Variationen von Grundformen.

Es ist wichtig, die Serie zu unterscheiden von der bloßen Wiederholung oder der Nachahmung zum Beispiel. Oder von einem Zyklus: Eine Form entwickelt sich von einem Anfang zu einem Ende, das wieder ein neuer Anfang sein kann. Oder von purer Massenproduktion: Von der Herstellung unzähliger genau gleicher Produkte, Uniformen, Waffen, Teekessel, Schaufensterpuppen...

Episode 4: Ästhetik in Serie

Natürlich kann man behaupten, dass alle ästhetische Produktion Serienproduktion ist. Nicht nur weil Maler ihre Motive variieren, Komponisten Melodien immer wieder neu bearbeiten, Literaten zu Schauplätzen und Protagonisten zurückkehren - vom Kunsthandwerk, von der Kolportageliteratur, von der Popmusik ganz zu schweigen -, sondern weil das Serielle ein Wesensmerkmal des Ästhetischen ist. Schön ist alles, was gereiht und gefügt ist und dabei Wendungen und Spiegelungen zeigt, schön ist alles, was sich wiederholt und was sich variiert.

"Die Serie besteht aus gleichwertigen Elementen mit vorherrschenden Motiv- und Formkonstanten, in deren Rahmen Varianten durchgespielt werden. Es wird nichts erzählt, es gibt keinen Anfang und kein Ende", definiert der Kunsthistoriker Uwe M. Schneede in seiner Geschichte der Kunst im 20. Jahrhundert.

Es wird nichts erzählt? Sagen Sie das einmal den Autoren einer Fernsehserie, egal ob "Lindenstraße", "Tatort" oder "Breaking Bad". Da wird doch erzählt auf Teufel komm raus. Da werden die Erzählmaschinen angeworfen, dass es eine wahre Wonne ist!

Bryan Cranston als Walter White in einer Szene der Serie "Breaking Bad" (undatierte Filszene). (picture alliance / dpa / Frank Ockenfels/Amc)Bryan Cranston als Walter White der Serie "Breaking Bad". (picture alliance / dpa / Frank Ockenfels/Amc)

Popkultur ist Serienkultur

Es kommt darauf an, was man unter Erzählen versteht. Wenn es darum geht, dass immer etwas los ist, dass es spannend und abenteuerlich bleibt, dass es Konflikte, Reisen und Gefahren gibt, dann kann man natürlich auch in Form der Serie erzählen. Wenn es aber darum geht, dass in einer Erzählung ein Problem dargestellt wird, das zu einem Ende geführt wird, wenn es darum geht, ein Menschenleben wiederzugeben, von der Geburt bis zum Tod, wenn es darum geht, einen Entscheidungspunkt der historischen oder kulturellen Entwicklung wiederzugeben, wenn es, mit anderen Worten, darum geht, die entscheidende Veränderung wiederzugeben, dann ist serielles Erzählen ein Widerspruch in sich. Konflikte, Reisen und Gefahren wiederholen sich ja endlos, die Helden dürfen nicht altern, die Schurken nie endgültig besiegt werden. Die Serie ist im Wesentlichen ein fatalistisches Bild der Welt: Es herrscht ein Kommen und Gehen, es ändern sich Formen und Farben, die Rollen können getauscht werden, und doch bleibt sich im Wesentlichen immer alles gleich.

Ist das nun tröstlich oder furchtbar?

Beides. Auf jeden Fall musste sich die ästhetische Produktion spätestens im Industriezeitalter drastisch aufteilen: auf der einen Seite das einzelne, unvergleichliche, erhabene und auratische Kunstwerk. Auf der anderen Seite die Massen- und Serienproduktion. Museum und Comic Strip. Autorenfilm und Genrekino. Jahrhundertroman und Serienkrimi. Das eine für das verständige Bürgertum mit dem Kult des Neuen und Einzigartigen. Das andere: kulturelles Opium für das Volk. Die immer gleichen Wunscherfüllungen von Traumfabriken und Unterhaltungsindustrie.

Popkultur ist Serienkultur. So weit, so klar. Es dauerte bis in die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts, bis man erkannte, dass Serienkultur nicht unbedingt die zweitrangige, billigere, dümmere und gelogenere sein muss.

Episode 5: Die Serie ist Programm

Die Serie ist keine Erfindung des Fernsehens, aber das Fernsehen scheint das Medium zu sein, das gleichsam für die Serie geschaffen ist. Was würden die Menschen tun, wenn sie ihre Bildschirme und ihre Serien nicht hätten?

Das Kino mit seinen mehr oder weniger verlässlichen Genres, den Stars und der Action war das Medium des modernen Industriezeitalters. Serien waren eher etwas für die Kindermatinee oder ergaben sich aus der Wiederholung von Erfolgsformeln. Das große Kino erzählte abgeschlossene Geschichten mit einem richtigen Anfang und einem richtigen Ende. Allerdings erzählte es diese Geschichten immer wieder neu. Und was die Produktion anbelangt, ging es hier durchaus auch um eine industrielle Serienproduktion. Trotzdem liebte das Publikum die Illusion, dass mit dem Wort "Ende" auf der Leinwand eine Sache abgeschlossen, eben zu einem guten Ende gebracht sei. Der Mörder ist überführt, die Ehe gestiftet, der Kampf vorbei.

Eine Ordnung der Welt, die das serielle Erzählen nicht bieten kann und auch nicht will.

Abgeschlossene Episoden oder Endlos-Geschichte

Schon das damalige Konkurrenzmedium Radio favorisierte das sequentielle und serielle Erzählen. Wer wollte, konnte es sich jeden Abend im Sessel bequem machen, um die nächste Folge einer Serie um einen geheimnisvollen Kriminalisten zu hören, dem niemand anderer als Orson Welles die Stimme lieh.

Viele Fernsehserien der fünfziger Jahre waren Fortsetzungen und Variationen erfolgreicher Radioserien.

Das Format Serie existierte in zwei Konstruktionsformen.

Die Erzählung in Form abgeschlossener Episoden war besonders beliebt im Genre der Komödien und Familienserien. In jeder Folge wird eine typische Situation durchgespielt, ein Problem behandelt, ein Konflikt mehr oder weniger gelöst. Am Ende ist die Welt genau so wieder in Ordnung, wie sie es am Anfang war.

Filmszene aus der Folge "Hochzeitsnacht im Sarg": Adelheid Möbius (Evelyn Hamann, r.) und Oma (Gisela May, l.) stehen vor einem Taxi.  (dpa / NDR / Baernd Fraatz )Evelyn Hamann (rechts) in "Adelheid und ihre Mörder". einer deutschen Fernsehserie, die in abgeschlossenen Episoden erzählt wird. (dpa / NDR / Baernd Fraatz )

Aus den Radio-Serials konnte aber auch die Form der Endlos-Geschichte übernommen werden, in der die einzelnen Folgen durch so genannte Cliffhanger miteinander verbunden sind. Die Helden finden sich am Ende in einer schier ausweglos erscheinenden Situation, hängen gewissermaßen am Felsen über dem Abgrund - und die gespannte Erwartung auf die nächste Folge ist gesichert.

Beide Formen haben für ein kommerzielles Medium wie das Fernsehen Vor- und Nachteile. Der Vorteil der geschlossenen Erzählung in den einzelnen Episoden liegt daher darin, dass man jederzeit einsteigen kann. Ein Nachteil ist, dass man seine Geschichte von Anfang bis Ende in einem solcherart begrenzten Zeitformat entwickeln muss, dass für Charakterentwicklung oder Schauplätze nur wenig Zeit bleibt. Fortsetzungsgeschichte oder Episodenform - beide Formen existieren bis heute nebeneinander. Und natürlich entwickelten sich auch Mischformen.

Der Zwang zur Serie

In den siebziger und achtziger Jahren dominierte wieder das Prinzip der geschlossenen Episoden. Allerdings trat das Spiel mit den Variationen und Wiederholungen in ein Stadium bewusster Ironie. Die mehr oder weniger komischen, mehr oder weniger philosophischen Auseinandersetzungen zwischen Pille McCoy und Mister Spock in "Raumschiff Enterprise" betonten ihren rituellen Charakter und zeigten sich in ihren Variationen so flexibel, dass sie die Erwartung des Publikums immer erfüllten und es zugleich ein wenig überraschten.

Die Crew des Raumschiffes USS Enterprise auf der Brücke in einer Szene der gleichnamigen Serie: (l-r) George Takei als Lieutenant Hikaru Sulu, Leonard Nimoy als Lieutenant Commander Spock vom Planeten Vulkan, Nichelle Nichols als Kommunikationsoffizier Lieutenant Uhura, William Shatner als Captain James Tiberius Kirk, Majel Barrett als Krankenschwester Christine Chapel, Walter Koenig als Sicherheitsoffizier Ensign Pavel Chekov, DeForest Kelley als Chefarzt Dr. Leonard Horatio McCoy, genannt "Pille" und James Doohan als Chef-Ingenieur Montgomery Scott , genannt "Scotty". (Aufnahme von 1967). (picture-alliance / dpa)Die Crew des Raumschiffes USS Enterprise auf der Brücke in einer Szene der Serie "Raumschiff Enterprise" (picture-alliance / dpa)

Originelle Ideen für Fernsehserien waren und sind nicht leicht zu finden. Am Ende der Geschichte des analogen Fernsehens gab es wohl auch hier wieder eine Lust an der Serie und einen Zwang zur Serie.

Das Kreuz mit den Fernsehserien ist nun eben die Serienproduktion bzw. eben die Massenproduktion. Fernsehserien werden gleichsam am Fließband produziert mit immer gleichen Zutaten, immer gleichen Erzählmodulen und Standardkonflikten.

In einem Artikel der ZEIT heißt es dazu: "Stetigkeit ist für die TV-Branche ein hoher Wert. Sie muß berechenbare Zuschauerkontingente bilden als Geschäftsgrundlage für Sponsoring und Werbung. Den Markenartiklern ist an einem spannenden Auf und Ab der Quoten nicht gelegen. Sie buchen lieber verläßliche Mittelwerte und kaufen sich deshalb gerne in die lockeren, aber treuen Vorabendgemeinschaften ein. Die Werbung setzt ja auch in eigener Sache auf vertraute Gesichter. Sie mischt sie unter die anderen, bis das Nivea-Milk-gepflegte und das mit der Fielmann-Brille allmählich Familienähnlichkeit bekommen mit denen vom Marienhof. Für ihre Minutendramen übernehmen die Werbespots auffallend gerne sentimentale oder situationskomische Züge der Serienwelt, als wollten sie vorführen, wie gut sich Schicksal und Konsum vertragen."

Heile Welt oder Überspitzung ins Absurde

Zweifellos haben also Überversorgung und Standardisierung zu einer Krise der Formats Serie geführt. Der Krise versuchte man durch mehr Sex und mehr Gewalt zu begegnen. Oder durch die beliebten Crossover, also Verbindungen zwischen verschiedenen Genres, in Deutschland zum Beispiel von Krimi und Heimatfilm, in den USA als Verbindung von Teenagerromanzen mit Horrorgeschichten. Oder durch eine gehörige Portion Sarkasmus und schlechtem Geschmack, durch das Vergnügen an Figuren, die sich lustvoll daneben benehmen, von Ekel Alfred über Al Bundy bis zu Homer Simpson. So kommt es zu einer weiteren Spaltung der Serien: In die, in denen es noch heiler und patenter zugeht als in der richtigen Welt, und in die, in denen es noch chaotischer und absurder zugeht als in unserer richtigen Familie.

Das Prinzip und das Format Fernsehserie überlebte mithin selbst auf serielle Weise. Nämlich als Wiederholung der alten Formeln, Genres und Formate mit Variationen. Und doch reichte die Krise tiefer. Nicht nur, weil die alte Form des Fernsehens mit seinen Ritualen und Rhythmen beim Zuschauen mehr und mehr an Bedeutung verloren hat gegenüber neuen Formen wie DVD, Video on demand und Streaming-Plattformen wie amazon. Serien werden nun nicht mehr unbedingt als Teil einer lineraren Programmstruktur angeschaut, sondern dann, wenn man Lust darauf hat - manchmal auch mehrere Folgen oder eine ganze Staffel hintereinander weg.

Episode 6: Was ist so neu an den neuen Fernsehserien und was zum Teufel macht das mit der Idee des Seriellen?

Mit dem großen Erfolg gerade bei jungen Zuschauern von "Twin Peaks" - David Lynchs und Mark Frosts Mischung aus Detektivgeschichte, Kleinstadt‑Melodrama, Mystery und sogar Komödie - änderten sich Erzählstruktur und Bildaufbau der Fernsehserien. Der äußere Grund dafür war sicher der Übergang vom Free TV zu den Kabelsendern, schließlich auch andere Verfügbarkeiten bis hin zur DVD-Kollektion, was ein anderes, komplexeres Erzählen möglich machte. Ein innerer Grund aber ist wohl, dass die geschlossenen und linearen Erzählweisen von früher einfach nicht mehr genügen, um Faszination und Identifikation auszulösen.

Es dauerte eine Zeit lang, bis der Schock von Twin Peaks wirklich zu einem neuen seriellen Erzählen im Fernsehen führte. Das Serielle selbst wurde als Kunstform des Mediums entdeckt. Man erkannte, dass etwas zum Kult werden kann, das intelligent, anspruchsvoll und geheimnisvoll ist und die üblichen Klischees des Formats Serie, wenn überhaupt, nur ironisch benutzt.

Die Figur Nadine Hurley (Wendy Robie) kniet in einer Szene der US-TV-Serie Twin Peaks 1992 auf dem Boden. (imago / United Archives)Die Figur Nadine Hurley, gespielt von Wendy Robie, in einer Szene der US-TV-Serie Twin Peaks (1992) (imago / United Archives)

Während zu Beginn des 21. Jahrhunderts das Kino in seinen Blockbustern und Superhelden-Serien immer infantiler wurde, entwickelte sich die Fernsehserie zu einem erwachsenen Medium.

Neue Themen, Erzählweisen und Bildwelten

Ein Teil davon jedenfalls. Es sind vor allem drei Bestandteile, die dazu beitragen, das Format Fernsehserie zu erneuern. Dazu gehört eine Hinwendung zu sozial, politisch und kulturell "erwachsenen" und kritischen Themen, bei denen es immer wieder auch zu Provokationen und Tabuverstößen kommt.

"Mad Men": aus der Glamour-Welt der Werbeagenturen der sechziger Jahre.

"The Wire": die Gewalt in den Ghettos.

"House of Cards": Politik als Ranküne- und Machtspiel.

Dazu gehören Erzählweisen, die Figuren und Beziehungen Raum geben, sich zu entwickeln, die es erlauben, einzelne Aspekte aus verschiedenen Perspektiven zu sehen, die über längere Zeiträume hinweg zu einer "epischen" Darstellung führen, die mit den Mitteln von Ambiguität und Widersprüchlichkeit arbeiten, Erzählweisen, die historische Mythen dekonstruieren.

Und dazu gehören Bildwelten, die nicht allein wegen der sehr viel höheren Budgets opulenter, vielfältiger und drastischer werden und die den Produzenten und Regisseuren eine bis dahin unbekannte Freiheit lassen: Jede neue Serie kreiert einen eigenen Look, der sich im Verlauf aber auch erweitern und verändern kann.

"Fargo": eine Kleinstadt-Krimifarce nach dem berühmten Film der Coen‑Brüder.

"Breaking Bad": die Geschichte eines depravierten Kleinbürgers, der zum Drogendealer wird.

"Game of Thrones": Mittelalter‑Fantasy mit viel Blut, Sex und Schauwerten.

Die Fernsehserien unserer Tage haben das Kino beerbt

Die Fernsehserien unserer Tage haben als narratives Leitmedium bis zu einem gewissen Grad das Kino beerbt, das sich in seiner Spaltung in "Arthouse"-Filme und die Effektgewitter der Blockbuster um die Möglichkeiten eines zugleich populären und komplexen Erzählens gebracht hat. In einigen neuen Serien ist künstlerische Ambition durchaus erwünscht.

Die neuen Serien dürfen sich zu Gute halten, neue Formen des Realismus zu entwickeln. Zu diesem Realismus gehört, dass eine eindeutige Einteilung in "die Guten" und "die Bösen" nicht mehr im Angebot ist. Wir identifizieren uns hier vor allem mit moralischen Grenzgängern, wir versuchen sogar, Mörder, Kriminelle und Verrückte "zu verstehen", wir erproben Kopfreisen in sehr bizarre Subjekte.

Wie verträgt sich das mit dem Prinzip des Seriellen?

Es ist wohl eine neue Verbindung von Sequenz und Serie entstanden. Das Prinzip der ewigen Wiederkehr des Gleichen in Varianten ist einer epischen Erzählung gewichen. Eine Serie wie "Game of Thrones" wird sogar bewusst auf ein Ende hin konzipiert, auch wenn dieses Ende lange hinaus gezögert wird. Eine heile Welt wie in den klassischen Fernsehserien ist nicht mehr vorstellbar. Im Gegenteil. Jede dieser Serien, die eine mehr, die andere weniger, spielt mit den Möglichkeiten der Selbstzerstörung. Man kann sich auf nichts und niemanden mehr verlassen. Alles kann plötzlich wieder anders erscheinen. Das Serielle frisst sich sozusagen selber auf.

Die neuen Serien erzählen im Grunde auf den Untergang der Welt hin

Es ist die postindustrielle, die digitale Zeit. Fließbänder soll es in absehbarer Zeit nicht mehr geben; an die Seite der seriellen Fertigung ist die parallele Verarbeitung von Daten und Formen getreten. Der 3D-Drucker verspricht die ganz direkte, individuelle Formung eines Produkts und an seinem Bildschirm wird jeder Mensch in Arbeit und Konsum personalisiert angesprochen. Das Serielle in unserem Leben wird von Maschinen erledigt. Mehr als an der Gleichförmigkeit und Serialität des bürgerlichen Lebens leiden die Menschen unserer Zeit darunter, prekäre Existenzen zu führen, freigesetzt zu sein, nicht zu wissen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen.

Die neuen Serien dagegen erzählen von der Isolation des Einzelnen, von der Brüchigkeit und Korruption gesellschaftlicher Institutionen. Sie erzählen im Grunde auf den Untergang der Welt hin, ob es nun um das selbstzerstörerische Machtspiel in "Game of Thrones", die perfide Intrige als Zerstörung der Demokratie in "House of Cards" oder die Machtübernahme der Zombies in "The Walking Dead" geht. Der Zwang einer seriellen Weltsicht verschwindet vor unseren Augen. Das ist eine große Befreiung.

Der Trost, den das serielle Weltbild einst vermittelt hat, verschwindet aber auch. Beinahe ist das Ende eine Erlösung. Wenn es denn kommt. Vielleicht ist das Schlimmste, was in einer der neuen Serien geschehen kann, dass es immer so weiter geht. In einer Welt, in der das Serielle nicht mehr hilft, keine Harmonie, keine Geborgenheit, keine Ordnung und keine Heimat mehr erzeugt.

Der Tod der Serie bedeutet die Serialisierung des Todes. Vielleicht.

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