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StartseiteBüchermarktErzählerische Adergeflechte08.04.2007

Erzählerische Adergeflechte

Buch der Woche: "Der lange Weg zum Anfang" von Dieter Wellershoff

Mehr als andere Autoren hat Dieter Wellershoff einen Begriff vom Lebenswerk, das eben mehr ist als nur eine Abfolge von einzelnen Veröffentlichungen. Es ist bei Wellershoff ein Gefüge von zahlreichen erzählerischen und essayistischen Arbeiten, zwischen denen vielfache Verbindungen bestehen, Aderngeflechte, die das Ganze zu einem komplexen Organismus machen.

Von Wolfgang Schneider

"Der lange Weg zum Anfang": eine Sammlung von Aufsätzen, Reden und Gesprächen aus den vergangenen zehn Jahren. (Deutschlandradio / Bettina Straub)
"Der lange Weg zum Anfang": eine Sammlung von Aufsätzen, Reden und Gesprächen aus den vergangenen zehn Jahren. (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Das zeigt in aller Deutlichkeit das neue Buch des Kölner Autors: eine Sammlung von Aufsätzen, Reden und Gesprächen aus den vergangenen zehn Jahren - allesamt gekennzeichnet durch starke erzählerische Anteile. "Der lange Weg zum Anfang" lautet der Titel. Er ist von einem der Essays übernommen. In ihm wird beschrieben, unter welchen Umständen der vielbeschäftigte Lektor und Familienvater Dieter Wellershoff Mitte der sechziger Jahre genug Zeit freischaufeln konnte, um als Vierzigjähriger endlich seinen ersten Roman zu schreiben.

Man kann den Titel aber auch anders verstehen. Ein langer Weg wird in diesem Band zurückgelegt - zurück zu den Anfängen nämlich, entlang eines geleisteten Lebenswerkes, das rekapituliert und reflektiert wird in den meisten der hier versammelten Texte. Sie verbinden, um den Untertitel zu zitieren, Zeitgeschichte, Lebensgeschichte und Literatur.

Denn Literatur ist immer autobiographisch, auch bei Autoren, die vordergründig nicht über sich selbst schreiben. Sie ist es, mit zwei Wellershoffschen Formeln gesagt, durch ihre "lebensgeschichtlich entstandenen Persönlichkeitsprägungen" und "Aufmerksamkeitsrichtungen". Solchen Prägungen und spezifischen Reizbarkeiten spürt Wellershoff - mit Blick auf das eigene Werk - in diesem Band nach.

Dabei kommt er, wie schon im Bericht "Der Ernstfall" von 1995, wiederholt auf seine Kriegserfahrungen zu sprechen. Es waren Erlebnisse grausamer Ernüchterung. Wellershoff war sieben Jahre alt, als die Nazis an die Macht kamen. Während viele Ältere noch belastet waren von den Erinnerungen des Ersten Weltkriegs und spätestens mit Beginn des Russlandfeldzugs sehr skeptisch wurden, blieben die Jugendlichen kriegsbegeistert. "Hoffentlich dauert der Krieg so lange, dass wir auch noch Soldaten werden" - so lautete der sehnliche Wunsch von Wellershoffs Jugendfreund Franz.

"Für Franz und mich ging die pubertäre Bewährungsphantasie auf eine Weise in Erfüllung, die wir beide nur zufällig überlebten. Beide waren wir in die katastrophalen Schlachten des Kriegsendes geraten. ... unvergessliche Szenen des Sterbens ringsum, junge, eben erst 18jährige Menschen mit Kopfschüssen, Halsschüssen, Lungenschüssen, ein kreidebleicher Toter in einem Wassergraben, Sterbende im Heidekraut einer Angriffsstrecke, schon mehrfach getroffen, weil man sie von dort nicht abtransportieren konnte, ich selbst mit einem Granatsplitter im Bein aus der Feuerzone wegkriechend mit dem heißen Wunsch und Willen zu überleben.

Beide waren wir verwundet worden. Ich glücklicherweise ohne bleibenden Schaden. Franz dagegen war schwerstbeschädigt. Er war von einem Gewehrgeschoss durch den Helm in den Kopf getroffen worden, hatte zahlreiche körperliche Ausfälle und bewegte sich mühselig an Krücken, konnte sich aber noch sprachlich verständlich machen. Ich fragte ihn, ob er in dem Moment, in dem er getroffen wurde, noch irgendetwas gedacht habe. Er antwortete: 'Ich habe gedacht: Ach so ist das.'

Und dieses Wort der totalen Ernüchterung ist für mich das Kennwort der Erfahrungen meiner Generation geworden, weil es alle Idealisierungen und hochtrabenden Allgemeinheiten, mit denen wir aufgewachsen waren, beiseite fegte. Ach so ist das! (...)

Franz überlebte seine schwere Verletzung nur kurze Zeit. Ein irritierendes Gefühl grundloser Bevorzugung überkam mich, als ich an seinem Grab stand, und ich wollte nicht zulassen, dass sich das Glück, am Leben zu sein, in mir durchsetzte. Aber es war auf die Dauer nicht aufzuhalten."

Das Glück, überlebt zu haben als Angehöriger eines Jahrgangs, von dem fast die Hälfte hingeschlachtet wurde, damit die Führer des Dritten Reiches noch ein paar Monate mehr hatten, bis sie endlich zur Zyankalikapsel oder zur Pistole griffen - dieses "Glück" prägt das Weltbild des Autors bis heute. Als vitale Zustimmung zum Leben einerseits. Als Einsicht, dass die menschliche Existenz ein jederzeit vom Scheitern bedrohtes Glücksspiel ist, andererseits.

Jahrgang 1925 - das waren junge Menschen, die ins Dritte Reich hineingewachsen, hineinerzogen waren. Es fehlte ihnen buchstäblich die Wahrnehmungsapparatur für jede Regimekritik. In einer markanten Szene schildert Wellershoff, wie die Schüler taub blieben gegenüber über dem Anspielungsmut eines älteren Pädagogen:

"Der Latein - und Geschichtslehrer hat indirekt versucht, uns über den Wahnsinn und die Unmenschlichkeit des Nazistaats aufzuklären. Er tat es, indem er immer wieder über die Grausamkeiten und Verrücktheiten der römischen Tyrannenkaiser Nero und Caligula sprach, ohne dass jemand von uns etwas anderes dabei dachte, als dass es sich um eine komische Marotte des Lehrers handelte, die sich wunderbar karikieren ließ. Erst nach dem Krieg fiel es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen: Der Geschichtslehrer hatte dauernd von Hitler gesprochen! Mit einem Mal erschloss sich mir die Analogie. Die Prätorianergarde repräsentierte die SS, und die Christenverbrennungen verwiesen auf die Vergasung der Juden. Der Lehrer hatte sich mit seinen beharrlichen und auffälligen Wiederholungen weit aus dem Fenster gelehnt. Doch als ich einige überlebende Klassenkameraden wieder traf, musste ich feststellen, dass keinem von ihnen bewusst geworden war, wovon der Lehrer zu uns zu reden versucht hatte. Um verbotene Gedanken denken zu können, braucht man ein Training in Kritik, das in einer Diktatur von vorneherein als subversiv gelten würde."

Heute erscheinen die Jahre nach 1945 meist in düsterem Licht. Nicht zuletzt haben literarische Darstellungen des kriegszerstörten, frierenden und hungernden Landes die Sichtweise geprägt. Wolfgang Koeppen etwa hat die Nachkriegszeit als fortgesetzten Nazi-Sumpf und üble Brutstätte der Restauration geschildert. Ganz anders Dieter Wellershoff. Er ruft die positiven Aspekte in Erinnerung: soviel Anfang, soviel Initiative, soviel Möglichkeitshorizont war nie. In einem langen Gespräch über Köln, das in diesem Band enthalten ist, staunt er noch heute darüber, dass eine Stadt, die so gründlich und scheinbar irreversibel zerstört war, wieder aufgebaut werden konnte. Für die "Millionenmassen der Ausgebombten und der Vertriebenen wurde der Wiederaufbau zur antidepressiven Therapie", schreibt er. Eine Wahrheit, die in der Literatur der Zeit, die auf Kahlschlag oder Kafka gestimmt war, allerdings wenig Spuren hinterließ.

Das Gefühl enthusiastischen Aufbruchs ist zu spüren, wenn Wellershoff seine Nachkriegsjahre schildert:

"Damals, als ich nach einem halben Jahr Trümmerarbeit im Sommersemester 1947 mein Studium beginnen konnte, war alles neu für mich, was in überwältigender Gleichzeitigkeit auf mich zukam: die Hauptwerke der literarischen Moderne, die zeitgenössische amerikanische, englische und französische Literatur, die Formenvielfalt der modernen Kunst, der internationale Film, der Jazz und, Augen öffnend für mich, die Philosophie des Existentialismus, vor allem ihr zentraler Gedanke, dass der Mensch seine radikale Freiheit - nicht die Freiheit, die er hat, sondern die er ist - als Notwendigkeit erfährt, sich immer wieder selbst zu bestimmen und zu entwerfen. Nach dem totalen Zusammenbruch der Nazidiktatur und ihrer bedingungslose Unterordnung fordernden Ideologie war das für mich ein belebender Gedanke. Als ich später, nach dem Zusammenbruch der DDR, einige Autoren klagen hörte, sie hätten ihre Lebensorientierung verloren, habe ich ihnen geantwortet, das sei die beste Voraussetzung für eine Menschwerdung."

In einem der Essays schildert Wellershoff seine Begegnungen mit DDR-Autoren, bei denen sich ihm gelegentlich unerwartete konspirative Abgründe auftaten. Über eine "Kollegialität auf Kredit" kam er mit den Star-Autoren aus dem Osten, denen die DDR-Herkunft geradezu zum "Standortvorteil" geriet, meist nicht hinaus - zu schwer durchschaubar blieb ihre Position. Für Wolf Biermann galt das allerdings nicht. Eindrucksvoll beschreibt Wellershoff einen Besuch bei dem nicht einzuschüchternden Oppositionellen, der die Gelegenheit selbstverständlich nutzte, um ein paar seiner Power-Balladen zum Besten zu geben:

"Wir unterhielten uns eine Weile, und dann holte Biermann seine Gitarre und sang mit ungeheuer Verve die 'Ballade vom preußischen Ikarus' und viele andere Lieder, zum Beispiel das Peter Huchel gewidmete 'Ermutigung', das Zorn und Verachtungslied, das die Spießer und Nutznießer, die Selbstbetrüger und angepassten Parteigänger in Ost und West demaskierte. Und nach dem Hinweis, dass seine ganze Wohnung mit versteckten Mikrofonen verwanzt sei und er rund um die Uhr abgehört werde, sang er, extra angekündigt für die stillen Lauscher, die ironische 'Stasi-Ballade'. "

Wellershoff gehört zu jenen Autoren, die zugleich exzellente Philologen ihres eigenen Werkes sind. Nicht anders zu erwarten bei einem Autor, der als einer der namhaftesten Lektoren des Verlages Kiepenheuer & Witsch mehrere Wissenschaftsreihen entwickelte und zahllose literarische Texte detailliert zu begutachten und bearbeiten hatte. Um 1970 wurde er zum Programmatiker eines Neuen Realismus, der an vielen Fronten zu kämpfen hatte: gegen den Polit-Aktionismus, der sich allzu gerne mit Leichenreden auf die vermeintlich überflüssig gewordene Literatur aufhielt, gegen die plumpe Authentizität proletarischer Mitschreibliteratur, gegen die selbstverliebte barocke Fabulierkunst eines Günter Grass und seiner Schelmenromane schreibenden Epigonen, gegen die ideologischen Schablonen des sozialistischen Realismus, und schließlich auch gegen das l'art pour l'art strukturalistisch inspirierter Sprachspiele, deren Ergebnis für Wellershoffs Geschmack nur "Worttapeten" waren.

Literatur: das ist für diesen Autor ein von den Zwängen des wirklichen Lebens befreiter Raum, eine "imaginäre Probebühne", auf der man sich, entlastet von den alltäglichen Anpassungszwängen, alle Möglichkeiten der eigenen Existenz bis zur äußersten Zuspitzung vor Augen führen kann. Das Intime, auch Unerwünschte, Verrückte, Schreckliche hat hier seinen Platz. In seinem erfolgreichsten, vor sieben Jahren erschienenen Roman "Der Liebeswunsch", dem in diesem Band ein aufschlussreicher Werkstattbericht gewidmet ist, schildert Wellershoff die Auflösung eines scheinbar stabilen Lebensgefüges durch Leidenschaft und einen dunklen Drang zur Selbstzerstörung. Man kann sich an Thomas Mann erinnert fühlen - ebenfalls ein rational operierender Autor, der sich immer wieder in die heißen Zonen des Irrationalen begab. Zwar sind Manns Ironie und seine gewisse Neigung zum sprachlichen Posing nicht ganz auf der Linie von Wellershoff. Aber mit deutlichen Anklängen an das Mannsche Modell der "Heimsuchung" fasst er in einem der Essays den wiederkehrenden thematischen Kern seiner Werke zusammen:

"Es handelt sich um Geschichten von Menschen, die dem Sog einer sich langsam und versteckt anbahnenden Katastrophe erliegen oder zu erliegen drohen, die sie in innerer Ambivalenz zugleich bekämpfen wie unbewusst herbeiführen, weil in der Zerstörung ihres bisherigen Lebens eine ruinöse Lockung liegt."

Immer wieder hat Wellershoff gesellschaftliche Verlierer in den Mittelpunkt seiner Werke gerückt. Er hat dergleichen meist nicht erfinden müssen, sondern in seinem menschlichen Umfeld miterlebt. Als er Anfang der neunziger Jahre das Buch "Blick auf einen fernen Berg" veröffentlichte, in dem er anrührend vom Krebstod seines jüngeren Bruders schrieb, wurde deutlich, wie stark auch "Der Sieger nimmt alles" - sein großer Roman aus dem Wirtschaftsleben, erschienen 1983 - von der Gestalt des Bruders und seinem wechselnden Glück als Unternehmer inspiriert worden war. Ergänzend dazu kann man jetzt den Essay "Risse" lesen. Auf 35 Seiten werden hier die Konfliktlinien und Lebenskatastrophen der Familie Wellershoff in Krieg und Nachkrieg geschildert: ein großes Stück zeitgeschichtlicher Prosa, an dessen Ende wiederum ein Bericht vom tragischen Niedergang des Bruders steht:

"Er fiel auf einen ausländischen Wirtschaftsbetrüger herein, der sich mit kleineren Bestellungen bei ihm eingeführt hatte, dann eine eilige Riesenbestellung machte und mit der unbezahlten Ware verschwand. (...) Nicht mehr verstanden habe ich, was er dann tat, denn es war der pure Hasard. Er wollte so schnell wie möglich mit einem großen Coup den Verlust wettmachen, um dann vielleicht aus allem auszusteigen... Ein, wie er fand, geniales Gelegenheitsgeschäft schien ihm dazu die Möglichkeit zu bieten. Er kaufte riesige Mengen von Pestiziden zu niedrigen Preisen aus amerikanischen Armeebeständen, um sie dann für den dreifachen Preis in Zaire zu verkaufen. Das Geschäft war durch Papiere der Staatsbank von Zaire abgesichert. Aber als er die Ware geliefert hatte, brach in Zaire ein Krieg aus, und alles war verloren.

Die Familie musste ihre Jugendstilvilla mit dem dazugehörigen Park verkaufen, um die Schuldenlast aus den zwei Pleiten zu tilgen, und zog in bescheidene Neubauwohnungen um. Das größte Unglück im Unglück aber war es, dass der älteste Sohn während einer Geschäftsfahrt bei einem Autounfall ums Leben kam. Über all das gab es Auseinandersetzungen und wechselseitige Beschuldigungen, und darüber löste sich die Ehe auf. Eines Tages kam mein Bruder mit zwei Koffern bei uns an..."

"Ich zum Beispiel mag keinen Sprachschmuck und keine Stilgrimassen", schreibt Wellershoff. Die Sprache soll ihre Gestalt im Erscheinen der dargestellten Sache, des dargestellten Vorgangs finden." Die zitierte Passage ist ein Beispiel dafür. Über dem Lob der Zurückgenommenheit und Klarheit sollte man aber nicht vergessen, dass die frühen Romane Wellershoffs nicht ganz frei von Stilgrimassen sind. Und natürlich haben auch seine späteren Werke eine unverkennbare stilistische Physiognomie: keine Grimassen, sondern die souverän entspannte Miene eines Meister gewordenen psychologischen Erzählers, der das unzulängliche Verhalten der Figuren durchdringt mit psychologischem Verständnis. Ein Stil, in dessen Unaufdringlichkeit sich das "ruhige Selbstvertrauen des Autors" ausspricht, wie Wellershoff an einer Stelle schreibt.

Einen Text verstehen heiße, seinen verborgenen Subtext in Gedanken mitzulesen. Bei seinen eigenen Werken scheint sich das zu erübrigen, denn der Autor liefert den Subtext meist explizit mit. Zu viel liegt ihm selbst am Verstehen, zu sehr geht seine Begabung ins Analytische, als dass er die Deutung der beschriebenen Dinge allein dem Leser überließe. Im "Liebeswunsch" etwa macht er die Figuren durch erlebte Rede und den Monolog in ihren inneren Regungen jederzeit zugänglich; das Unausgesprochene bestimmt zwar das Geschehen, aber niemals den Erzählton.

In dieser Manier erzählt Wellershoff in einem der spannendsten Beiträge des neuen Buches eine kleine Erzählung von Salinger nach. Sie besteht im Original fast nur aus Dialog und knappen Regieanweisungen; für Wellershoff eine ideale Vorlage, um mittels des Reflexionsstils den "verborgenen Subtext" nach außen zu stülpen. So wird aus der Short Story eine deutsche Novelle - sehr viel länger und sicherlich schwergängiger, aber von bohrender analytischer Kraft und großer Tiefenschärfe.

Erzählt wird eine unerhörte, zugleich auch sehr komödienhafte Begebenheit: Mitten in der Nacht ruft ein Mann einen älteren Bürokollegen an, weil seine offenbar notorisch untreue Frau nach einer Party nicht nachhause gekommen ist. Er will seinen Jammer loswerden und erhofft sich Zuspruch. Er bekommt, was er will. Aber was er nicht weiß: die vermisste Ehefrau sitzt neben seinem Gesprächspartner, mit dem sie gerade geschlafen hat. Schweigend reicht sie dem Telefonierenden, der gar nicht weiß, wie er aus dieser verzwickten Situation wieder hinauskommen soll, die Zigaretten.

Nur manchmal tut Wellershoff ein wenig zu viel des Guten; dann erdrücken die psychologisierenden Formeln das subtil beschriebene Geschehen eher, als dass sie es erhellen. Wenn etwa allzu plakativ von "bedrohlicher Fatalität" die Rede ist, oder wenn Wellershoff über die beiden Männer am Telefon, nun ganz weit entfernt Salingers Leichthändigkeit, den pathetischen Satz schreibt:

"Und dieser verzweifelte Versuch, die eigene Verlassenheit zu leugnen, wird im unausweichlichen Einandergegenüberstehen der beiden Männer zum Augenblick der radikalsten Selbstoffenbarung und des tiefsten komplementären Verstehens..."

Da macht sich ein längst verblichener Sound geltend: der durch die existentialistische Philosophie inspirierte "Jargon der Eigentlichkeit", den Adorno schon in den sechziger Jahren kritisch verabschiedet hatte. Für Wellershoff aber war die Begegnung mit dem Existentialismus nach 1945 ein Schlüsselerlebnis, das bis heute in seinem Erzählton spürbar geblieben ist; glücklicherweise nur selten so prätentiös wie in der zitierten Passage.

Einige der Aufsätze und Reden befassen sich mit für Wellershoff auf ganz unterschiedliche Weise wichtigen Autoren: Benn, Böll, Hölderlin. Diese Arbeiten sind interessant, weil durchaus nicht auf den Verehrungston gestimmt. Was Böll betrifft, so gibt Wellershoff auf wenigen Seiten eine prägnante Charakterisierung von dessen Werk, das er als Lektor lange zu betreuen hatte, allerdings mit durchaus gemischten Gefühlen:

"Dass Böll der bedeutendste literarische Chronist dieser Jahre wurde, verdankt sich zwar auch dem Detailrealismus seiner frühen Erzählungen und Romane, doch ihre Tiefe und Eigenwilligkeit gewannen diese Bücher aus Bölls Umwertung der Jahre von Not und Mangel in eine franziskanische Utopie. Es war die Zeit, in der man Brot und Zigaretten tauschte und miteinander teilte und das Geld mit seinem Wert auch seine Macht verloren hatte. Im Schatten der großen Zerstörungen, die die Menschen auf ihre Grundbedürfnisse zurückführten, entdeckte Heinrich Böll die Konturen einer einfachen, unentfremdeten Menschlichkeit, freilich auch schon deren Verzerrung durch den Wiederaufbau, genannt Restauration.

Bücher wie 'Ansichten eines Clowns' oder 'Die verlorene Ehre der Katharina Blum' mochte ich nicht. Sie erschienen mir sentimental und moritatenhaft. Doch sie wurden ja von einem riesigen Publikum getragen. Da konnte er sich bei mir mit einer etwas formelhafteren Zustimmung begnügen."

Mit seinem Standardwerk "Gottfried Benn - Phänotyp dieser Stunde" ist Wellershoff 1958 in den Literaturbetrieb eingetreten; bald darauf hat er die Werke Benns in einer lange maßgeblichen Edition herausgegeben. Aber auch dieser Autor nötigt ihm nicht nur Respekt ab. Wie bei Böll kann Wellershoff aus intimer Kenntnis die Konstanten und Kernideen von Benns oft hochartifiziellen Werken in drei Absätzen zusammenfassen. Um dann deutliche Vorbehalte geltend zu machen gegenüber dem großen K.O.-Schläger alles Mittelmäßigen:

"Ganze Breitseiten expressiv aufgeladener Rhetorik feuerte er ab, und zwar in einer Redeform, die er selbst treffend als 'Summarisches Überblicken' bezeichnet hat... Es ist aber auch, und zwar noch häufiger, das Schema einer Polemik, die von oben herab alle erfassten Einzelheiten planiert und jeden differenzierenden Einspruch überschwemmt.... Da spricht ein Bußprediger alten Stils, der der gottverlassenen Welt ihre Verderbtheit vorhält..."

Bei Hölderlin ist es vor allem ein Gedicht, das Wellershoff nicht verzeihen kann: "Der Tod fürs Vaterland", jene berüchtigte pathetische Überhöhung des Massensterbens junger Menschen an den Fronten, wie es für Wellershoff zur prägenden Erfahrung wurde. Hölderlin hatte überhaupt keine Ahnung, was er da schrieb, lautet sein lakonischer Befund. Auch Hölderlin versteht er im übrigen psychologisch: Der labile Dichter befürchtete die metaphysische Obdachlosigkeit und beschwor eine von Göttersinn durchdrungene, heilige Welt als Seelenheimat.

Wellershoff dagegen begreift die "metaphysische Obdachlosigkeit", immer noch gut existentialistisch, als geschenkte Freiheit. Im Essay "Das Schweigen der alten Kirchen" gibt er aber zu verstehen, dass er - bei allen Vorbehalten gegenüber dem "Heiligen", gegenüber franziskanischen Utopien und polemisierenden Bußpredigern - durchaus Sinn hat für die Erhabenheit von Sakralbauten: als Oasen der Stille in hektisch belebten Einkaufsstraßen:

"Mir scheint, dass der von so vielen Reizen und wechselnden Leistungsanforderungen umstellte, in einer hochtourigen Gegenwart lebende Mensch unserer Zeit solche Rückzüge in Selbstvergessenheit und Stille braucht. Und dabei will er nicht gleich wieder seelsorgerisch an die Hand genommen werden. Es genügt ihm, eine Weile in der steinernen Stille einer Krypta oder eines leeren Kirchenschiffs mit sich allein zu sein..."

Auch die Stille einer Lektüre kann dieses Bedürfnis erfüllen. "Der lange Weg zum Anfang" ist eine Sammlung von Gelegenheitstexten, was nicht mit Beliebigkeit zu verwechseln ist. Es gibt mitunter Überschneidungen, Wiederholungen, Variationen des thematischen Materials. Aber das stört bei der Lektüre nicht - vielmehr bekommt man hier tatsächlich die "Knotenpunkte" eines schriftstellerischen Lebenswerkes zu Gesicht. Man muss kein Wellershoff-Kenner sein, um dieses Buch zu lesen; aber wer es gelesen hat, wird mehr von diesem Autor kennen lernen wollen.

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