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StartseiteCorso"Ich habe es nicht als Anti-Berlin-Buch geschrieben"09.02.2018

Erzählung "Stadt der Feen und Wünsche""Ich habe es nicht als Anti-Berlin-Buch geschrieben"

Von wegen Sehnsuchtsort der Hipster, Künstler und Freidenker: Leander Steinkopf beschreibt in seinem Erstlingswerk ein Berlin, dass nicht nur arm ist, sondern auch eklig. Ein Bashing sollte das Buch dennoch nicht sein: "Man kann in Berlin immer noch das finden, was man sucht", sagte Steinkopf im Dlf.

Leander Steinkopf im Corsogespräch mit Adalbert Siniawski

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Stadt der Krähen: "Nicht nur Niedergang und Ekel", so Autor Leander Steinkopf (imago stock&people)
Stadt der Krähen: "Nicht nur Niedergang und Ekel", so Autor Leander Steinkopf (imago stock&people)
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Berlin ist am schönsten am frühen Morgen, wenn die
Letzten im Bett sind und die Ersten noch nicht aufgestanden.
Die Stadt wird erst unbelebt lebendig, Menschen
tun ihr nicht gut. Wenn der Alexanderplatz so
hohl und weit ist, dass ich in seiner Mitte fast ertrinke,
wenn früh am Morgen nur leere Flaschen und Fastfoodverpackungen
an die Menschen erinnern und die Wolken,
grau und rissig wie eine Altbaudecke, so niedrig
über dem Platz hängen, dass der Fernsehturm schon an
der Kugel endet, dann kann ich mich in dieser Leere
wiederfinden. Nur die Ruhe ist mir fremd.

- Zitat aus "Stadt der Feen und Wünsche" -

Adalbert Siniawski: Der Protagonist von "Stadt der Feen und Wünsche" streift also ziellos durch Berlin, die Hipster, die Besserwisser-Fahrradfahrer, der Müll und Dreck sind ihm verhasst. Und parallel dazu muss er die Doppelbeziehung zu zwei Frauen in den Griff kriegen. Leander Steinkopf hat das Buch geschrieben, es ist ein Debütwerk, aus dem er eben gelesen hat. Willkommen zum Corsogespräch!

Leander Steinkopf: Freu mich dabeizusein.

Siniawski: Ist Ihr Ich-Erzähler ein moderner Franz Biberkopf - und wir sprechen  hier über eine aktuelle Version von "Berlin, Alexanderplatz"…?!

Steinkopf: Ich kann mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass mein Ich-Erzähler was dagegen hätte, wie irgendjemand anders zu sein. Er will er selber sein, und deswegen hat er Angst vor Zugehörigkeit, Angst mit irgendwem verglichen zu werden, irgendwie eingeordnet zu werden. Wenn die anderen schnell laufen, läuft er langsam, wenn die anderen langsam laufen, dann fühlt er sich in seiner Langsamkeit nicht mehr wohl. Also er will auf jeden Fall kein Franz Biberkopf sein.

Andere Dinge sichtbar machen

Siniawski: Und es ist eine Art Generationenporträt, das Sie liefern. Ist es in Ihrem Lebensumfeld so? Sie sind Jahrgang '85, begegnen Sie vielen jungen Menschen wie ihm, aus der Mittelscchicht, die früher als gewünscht in so einer Art Midlife-Crisis landen, für die Berlin dann auch nicht mehr sexy ist?

Steinkopf: Ich denke nicht, dass der Protagonist repräsentativ für eine Generation ist. Ich habe mir den Protagonisten so ausgedacht, so ausgesucht, weil ich jemanden haben wollte, der nicht richtig dazugehört. Der zweifelt und sich unsicher ist und deswegen besonders genau beobachtet und besonders genaue Gedanken über sich und über die anderen hat. Und man mit so einer Figur vielleicht gewisse Dinge sichtbar machen kann, gewisse andere Ansätze, Beobachtungen unterbringen kann, die den Leser irgendwie anregen und herausfordern. Aber es kommen bestimmt ganz viele aus eben dieser Generation darin vor. Also es geht schon vielleicht ein bisschen darum, eine Generation, oder vielleicht die Gegenwart darzustellen, zu beleuchten.

Siniawski: Die Gegenwart, aber vielleicht auch ein bisschen das Umfeld, die Stadt. Berlin ist aus Ihrer Sicht voller Obdachloser, es wird schon morgens Bier getrunken, die hübschen neugestalteten Grünanlagen sind in Windeseile zugetagged  und zugepinkelt. Berlin also nicht nur arm, sondern eklig?

Steinkopf: Es ist ja nicht so - wenn jetzt das zum Beispiel mit dem Penner, der sich zu Anfang auf den Boden legt, die Arme in den Himmel streckt und Ave Maria singt -, das ist ja nicht so, dass der Protagonist sich vor ihm ekeln würde. Er denkt ja sogar, ich würde mich eigentlich sogar gerne zu ihm legen und würde auch gerne so ein Hindernis sein, das im Weg rumliegt. Er ekelt sich vor manchen Dingen, aber vor den gleichen Dingen würde er sich in einem anderen Moment hingezogen fühlen. Es ist alles nicht so eindeutig.

"Ein zärtlicher Menschenfeind"

Siniawski: Aber es ist schon ein Abgesang auf Berlin, oder?

Steinkopf: Ich denke, man kann es so lesen und es wurde ja auch so gelesen. Ich habe es aber nicht als Anti-Berlin-Buch geschrieben. Es ist ja auch im Klappentext so bezeichnet: da ist ein zärtlicher Menschenfeind, ein romantisch veranlagter Pessimist, da ist ja diese Ambivalenz ein bißchen  ausgedrückt, aber es gibt eben auch – und das macht Berlin dann auch wiederum interessant, das ist nicht nur das Schlechte  – es gibt  inmitten dieses Zentrums, dieser Hauptstadt von Deutschland, gibt es diese vollkommen stillen Ecken, wo keine Menschen mehr sind. Und das geht dann ja weiter, dass sich da nur Krähen in den leeren Himmel heben. Das hat eben auch etwas besonders Schönes.

Untätig, zweifelnd und manchmal überheblich - der Protagonist in Steinkopfs Debütroman (© Peter-Andreas Hassiepen, Hanser Verlag)Untätig, zweifelnd und manchmal überheblich - der Protagonist in Steinkopfs Debütroman (© Peter-Andreas Hassiepen, Hanser Verlag)

Es ist nicht nur Niedergang und Ekel, was dann in dieser Szene ausgedrückt wird, würde ich behaupten. Aber natürlich verändert sich die Stadt in irgendeiner Weise schleichend. Es ziehen dann immer mehr Leute dahin und die Mieten steigen und dann wird prototypisch über die steigenden Mieten sich aufgeregt und so weiter. Aber ich glaube, man kann in Berlin immer noch das finden, was man sucht. Man kann von Berlin sehr leicht enttäuscht sein, denke ich. Und warum ist man von Berlin so leicht enttäuscht? Weil alle mit diesen großen Erwartungen da hinkommen: Hier werde ich mich selber finden, hier werde ich mich verwirklichen und so weiter. Aber gleichzeitig ist dann auch die Enttäuschung vorprogrammiert und darum geht es ja auch ein bisschen in dem Buch.

Über Kehrmaschinen

Siniawski: Sie leben ja mittlerweile in München. Hätte die Erzählung nicht auch dort spielen können?

Steinkopf: Sagen wir mal so: Der Protagonist - das Buch erstreckt sich ja über drei Tage - und in diesen drei Tagen hat er nicht wirklich was zu tun. So einen Protagonisten in München rumlaufen zu lassen wäre nicht so repräsentativ für die Stadt, wäre nicht so gut geeignet, den Geist der Stadt wiederzugeben. Weil München schon eine arbeitsame Stadt ist. Es ist einfach ein krasser Gegensatz zu Berlin. Weil es hier so viel Reichtum gibt, weil es hier so viele Jobs gibt und so weiter. Hier ist alles viel enger und dichter, und Berlin ist die Weite - tatsächlich würde dieses Buch dann ganz anders aussehen. Gleichwohl es in München natürlich auch viele interessante Sachen zu beobachten gibt. Vielleicht nicht so viele wie in Berlin, weil hier einfach die Kehrmaschinen strenger arbeiten.

Siniawski: Das haben Sie schön gesagt. Ich finde aber schon, es ist eine Art Volkssport geworden, den Abgesang auf Berlin zu machen. Oder diese Wirklichkeit dort zu thematisieren. Wer das macht, dem ist die Aufmerksamkeit sicher. Ist es eine Art gefälliges Thema für Ihr Debütwerk gewesen?

Steinkopf: Ich weiß nicht, ich finde das jetzt nicht besonders gefällig. Es ist ein literarisches Werk, eine Erzählung, die viele Facetten hat. Ja gut, ich habe lange in Berlin gelebt und deswegen war es irgendwie naheliegend, Berlin als Spielort zu nehmen. Weil ich einfach über die Zeit viele Notizen gemacht habe. Aber ich hatte jetzt nicht die Absicht, in irgendeine lohnenswerte Lücke zu stoßen, sondern das war das Werk, was für mich zwingend war. Aber ganz individuell, nicht aus irgend einem Marktbedürfnis oder so heraus.

"Dann kann ich ja nicht so falsch liegen"

Siniawski: Aber als Debütant fragt man sich wahrscheinlich schon: Wie stelle ich mich auf, was ist mein Ton? In einer Rezension wurde Thomas Bernhard bemüht, weil Ihr Ich-Erzähler auch diese sarkastische, verbitterte Weltsicht hat und diese Gesellschaft seziert. Ich wiederum, fühlte mich ein bisschen erinnert an diesen Film, "Oh Boy" mit Tom Schilling, der ja auch in seiner Rolle als Ex-Student gelangweilt und desillusioniert durch die Stadt geht. War das vielleicht auch so ein bisschen eine Inspiration?

Steinkopf: Also ich habe sieben Jahre mit Unterbrechung in Berlin gewohnt, und ich habe das so über die Zeit entwickelt. Und es ist mir dann irgendwann klar geworden, dass das ein untätiger, an sich zweifelnder, nicht richtig zugehöriger, manchmal überheblicher Menschen sein muss, der diese Stadt betrachtet und sich über sie Gedanken macht und in ihr lebt in diesem Buch. Und dieser Film "Oh Boy" war keine Inspiration für mich, aber er war auf eine Art eine Bestätigung, weil das irgendwie so ein äußerer Faktor war, wo jemand anderes sich Gedanken gemacht hat, wie man von dieser Stadt erzählen kann und dann habe ich gedacht, ja dann kann ich ja nicht so falsch liegen.

Siniawski: Leander Steinkopf – sein Debütwerk als Autor heißt: "Stadt der Feen und Wünsche" und ist im Hanser Verlag auf schlanken 112 Seiten erschienen. Ihnen vielen Dank für das Corsogespräch.

Steinkopf: Ich danke Ihnen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Leander Steinkopf: Stadt der Feen und Wünsche.
München: Hanser Verlag. 112 Seiten, 16 Euro.

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