Kommentar /

Es geht nicht ums Geld

Urteil zu anonymen Samenspenden

Von Gudula Geuther, Hauptstadtstudio

Um die einhunderttausend Spenderkinder soll es geben in Deutschland, Kinder also, die durch künstliche Befruchtung gezeugt wurden
Um die einhunderttausend Spenderkinder soll es geben in Deutschland, Kinder also, die durch künstliche Befruchtung gezeugt wurden (picture alliance / dpa / Waltraud Grubitzsch)

Nach einem neuen Gerichtsurteil hat eine junge Frau das Recht, die Identität ihres biologischen Vaters zu erfahren. Den betroffenen Kindern geht es in solchen Fällen meist nicht um Unterhalt oder Erbansprüche, sondern um die Kenntnis der eigenen Abstammung, kommentiert Gudula Geuther.

Um die 100.000 Spenderkinder soll es geben in Deutschland, Kinder also, die durch künstliche Befruchtung gezeugt wurden, mit Samen, dessen Spender häufig anonym geblieben ist, dem oft sogar Anonymität zugesagt wurde. Da kann die heutige Entscheidung auf den ersten Blick unverhältnismäßig scheinen. Aus einem klaren, schlichten Vertrag wird unversehens etwas ganz anderes. Nicht die rechtliche, aber doch eine Vaterschaft, eine, die Folgen hat, und sei es nur die Auseinandersetzung mit einem plötzlich auftauchenden Kind.

Aber das kann eben nur auf den ersten Blick so scheinen. Denn ein solches einfaches klares Rechtsgeschäft kann die Samenspende nie gewesen sein. Und wer – als Arzt oder als Vater – einmal versucht hat, sich hineinzudenken, muss das auch geahnt haben. Auch wenn es wohl so ist, dass häufig gerade der, der seine Abstammung nicht kennt, merkt, wie wichtig sie abstrakt ist. Schon im Zusammenhang mit Babyklappe und anonymer Geburt warnten Psychologen vor den Folgen einer pubertären Auseinandersetzung, die kein Gegenüber hat, vor einer Suche nach der eigenen Identität, bei der die Eltern vielleicht gar nicht die zentrale Rolle spielen würden – nur kann das nicht wissen, wer die Eltern nicht kennt. In diesen Fällen liegt die Anonymität in der Logik der Sache. In anderen nicht.

Das Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung – in bestimmten Fällen für das nichteheliche Kind - hat das Bundesverfassungsgericht deshalb schon 1989 festgeschrieben. Übrigens – zu Recht – mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass es dafür keine Rolle spielt, wie weit die genetische Abstammung den Menschen determiniert. Es genügt, dass das Bild des eigenen Selbst vielfältig ist und dass es dafür wichtig ist, auch den Vater zu kennen. Übrigens geht es auch vor allem darum: Um das bloße Kennen, um das Wissen und vor allem um die Möglichkeit zu wissen. In einer so fundamentalen Fragen nicht fremdbestimmt zu sein durch die Entscheidungen anderer. Das zumindest legen Studien nahe.

In einer US-amerikanischen Untersuchung wollten Kinder, die aus offenen, nicht anonymen Samenspenden hervorgegangen waren, vor allem wissen, wie der Vater denn so ist und hofften, dann auch mehr über sich zu wissen. Hingegen ging es nicht um Unterhalt. Darum geht es auch der Klägerin Sarah P. nicht, sie könnte nach allen gültigen Fristen auch keinen bekommen. Im Gegenteil: Es ist sogar ein Anliegen der Betroffenenorganisation, der sie angehört, dass der Unterhalt und auch Erbansprüche ausgeschlossen werden.

Und das ist richtig. Auch im Interesse der Kinder, denn um Geld geht es nicht. Angesichts der relativ großen Zahl der Betroffenen ist erstaunlich, wie sehr es auch sonst an Klarheit fehlt. Das ist wahrscheinlich nur dadurch zu erklären, dass die meisten gar nicht wissen, dass sie Spenderkinder sind. Erstaunlich ist, dass das heutige Urteil nötig war. Und das war es, denn so einleuchtend es sein mag – immerhin hat noch die Vorinstanz das Gegenteil gesagt. Und immerhin – so zumindest die Betroffenenorganisation Spenderkinder – bekommen heute noch Männer häufig Anonymität zugesichert, häufig wird nicht einmal die Identität des Spenders festgestellt. Und wenn schon nicht die heutige Entscheidung, dann zeigt diese Praxis, dass der Gesetzgeber gefragt ist.



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