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StartseiteInterview"Es geht um eine Machtdemonstration"27.11.2009

"Es geht um eine Machtdemonstration"

Das Adolf-Grimme-Instituts sieht keine inhaltlichen Gründe für eine Ablösung von ZDF-Chefredakteur Brender

Beim ZDF habe diese Entscheidungsfindung "ja nun eine unrühmliche Tradition", sagt der Leiter des Adolf-Grimme-Instituts, Uwe Kammann, zur Debatte über die Ablösung des Chefredakteurs Brender.. Er hält die Kritik von CDU-Ministerpräsident Koch für deplatziert und inhaltlich falsch. Dennoch mahnt er Reformen bei den Nachrichtensendungen an.

Uwe Kammann im Gespräch mit Gerd Breker

Die Kombo aus Archivbildern zeigt Roland Koch, Ministerpräsident des Landes Hessen und ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender (rechts) (AP)
Die Kombo aus Archivbildern zeigt Roland Koch, Ministerpräsident des Landes Hessen und ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender (rechts) (AP)

Gerd Breker: Der ZDF-Verwaltungsrat entscheidet heute in Berlin über die Vertragsverlängerung von Chefredakteur Nikolaus Brender. Damit steht ein monatelanger Machtkampf in dem Sender vor dem Abschluss. Intendant Markus Schächter hatte sich für Brender eingesetzt, der hessische Ministerpräsident Roland Koch hat sich jedoch als Wortführer der Unions-Mehrheit im Verwaltungsrat gegen den Chefredakteur positioniert. Der ehemalige Intendant des Westdeutschen Rundfunks, Friedrich Nowottny, hat uns am Dienstag dieser Woche erklärt, wie solche Dinge konkret ablaufen.

O-Ton Friedrich Nowottny: Man trifft sich vor den entscheidenden Sitzungen immer in den Freundeskreisen. Da ist der Freundeskreis Links, da ist der Freundeskreis Rechts. Brender hat sich immer geweigert, weder zu dem einen, noch zu dem anderen zu gehen. Er hat seine Unabhängigkeit verteidigen wollen, aber Sie sehen: es hat nichts genutzt.

Breker: Freundeskreise heißen sie, aber deswegen müssen sie nicht unbedingt freundlich sein. Am Telefon begrüße ich nun den Leiter des Adolf-Grimme-Instituts, Uwe Kammann. Guten Tag, Herr Kammann.

Uwe Kammann: Hallo!

Breker: Politikereinfluss auf Medien, Herr Kammann, ist kein neues Phänomen. Besonders in diesem Fall ist vielleicht nur die Offenheit, mit der das geschieht?

Kammann: Ja, das ist zweifellos so. Koch hat sich sehr früh weit aus dem Fenster gelehnt, auch in einem Interview mit der "FAZ" das erklärt, was er für die Gründe hält, und dabei gleich offenbart, dass er eigentlich von der Struktur der Staatsverträge und der Grundlagen des ZDF eigentlich gar nichts versteht, denn programminhaltliche Fragen sind gar nicht im Verwaltungsrat anzusiedeln, sondern gehören in den Fernsehrat. Wenn das hätte zu kritisieren werden müssen, dann wäre das das falsche Gremium dafür. Insofern hat er gezeigt, es geht ihm gar nicht darum, sondern es geht um eine Machtdemonstration. Das ist sehr offensichtlich.
Beim ZDF hat das ja nun eine unrühmliche Tradition. Ich erinnere an die Wahl von Markus Schächter zum Intendanten. Dem war ja auch ein mehr als unappetitliches Gerangel vorausgegangen, wo diese Freundeskreise, die angesprochenen, ebenso eine sehr unrühmliche Rolle gespielt haben. Aber es gehört beim ZDF schlichtweg zum Grund der Existenz. Das ist eben von Anfang an so angelegt gewesen. Aber ich hatte den Eindruck, das wäre in der Zwischenzeit doch zurückgegangen, weil Politiker sehen, man kann mit dem Rundfunk nicht so wie mit einem Beutegut umspringen. Aber an diesem Fall zeigt sich, es gibt dann doch immer wieder Rückfälle.

Breker: Nun haben 35 Staatsrechtler in einem Protestschreiben den Einfluss der Politik auf die Medien kritisiert. Sie fürchten um die Meinungsfreiheit. Fürchten sie zurecht?

Kammann: Es wäre ein schwerer Rückschlag, wenn jetzt eine Personalie auf diese Art entschieden würde und man sagt, wir bestimmen, wie etwas ausgerichtet wird. Ansonsten glaube ich, in der Praxis ist es nun nicht so, dass in jeder Sendung, auch in der Gesamtanordnung der Sendungen die Politik durchschlägt. Das ist hier einfach so ein Versuch, ein Zeichen zu setzen. Im Alltag sieht sicherlich vieles anders aus und es gibt eben Leute, die wie Brender widerstehen, die sagen, wenn sich ein Politiker beschwert, schreiben sie mir das doch bitte, dann würde es ein Vorgang, und dann ist die Beschwerde oft schon untergegangen. Andere hingegen werden sicherlich subtil in einem Gefecht auch stecken. Politik ist natürlich nicht auszuschließen, das wäre ja sehr weltfremd, aber es muss eben so sein, dass die Unabhängigkeit der Entscheidungsträger, also der Exekutive, Intendant, Direktoren, Chefredakteure und aller darunter, absolut gewahrt bleibt, und das ist hier, so weit ich sehe, eben ein Versuch, genau das zu unterminieren, und sei es nur psychologisch.

Breker: Nun hat ja Roland Koch mit sinkenden Quoten der ZDF-Informationssendungen argumentiert. Das klingt auf den ersten Blick sachlich.

Kammann: Wie gesagt, das ist eine programminhaltliche Frage. Allerdings waren die Argumente sozusagen schief, denn Informationssendungen haben bei allen Sendern quasi verloren. Das liegt einfach an der zunehmenden Wettbewerbsverdichtung und damit auch einer Umschichtung zum Teil im Interesse von Zuschauern, und es gilt auch nur, wenn man denn diese Quote absolut nähme für einige Sendungen. Zum zweiten: öffentlich-rechtliche Sender müssen ja erst mal unabhängig vom Quotenzuspruch ihre Programme organisieren. Es geht ja um eine bestimmte Qualität. Ich weiß natürlich genau: wenn ich Nachrichten zum reinen Boulevard machen würde, würde ich bestimmt wieder Quoten gewinnen. Das kann überhaupt nicht der Maßstab sein und insofern ist diese Quotenargumentation vollkommen falsch. Und wie gesagt, sie findet auch wenn im falschen Gremium statt. Im Fernsehrat selber ist so nie diskutiert worden.

Breker: Stichwort Qualität, Herr Kammann. Ulrich Wickert hat dieser Tage ebenfalls in recht scharfer Form die Informationssendungen von ARD und ZDF kritisiert. Erleben wir zurzeit eine Art Krise des politischen Journalismus?

Kammann: Krise wäre mir zu viel gesagt. Ich finde bei allen Nachrichtensendungen, es könnten gut und gerne einige Reformen in Kraft gesetzt werden. Vieles ist mir sehr statisch. Sie sind jetzt nicht in dem Sinne schlechter geworden gegenüber einem früheren Standard, sondern ich finde, sie nutzen technische Möglichkeiten nur unzureichend oder wenn mit Mätzchen wie diesem neuen ZDF-Studio, das ich ganz furchtbar finde für die Nachrichten. Da gäbe es sicher einiges zu reformieren, aber Krise wäre mir zu viel gesagt. Was man insgesamt in Frage stellen muss, ob die Möglichkeiten, die journalistisch sonst noch bestünden, mit Magazinen, mit Dokumentationen, in dieser Form genutzt werden. Da sehe ich tatsächlich eine Reihe an Defiziten, aber das hat jetzt mit der Leistung Brenders und seiner Unabhängigkeit nichts zu tun.

Breker: Ist es vielleicht so, Herr Kammann, dass die allgemeine Politikverdrossenheit, von der ja so viel die Rede ist, langsam überschwappt auf den politischen Journalismus?

Kammann: Nein, das denke ich nicht. Der Journalismus reagiert natürlich auf das, was sozusagen als Grundbefindlichkeit da ist, und er muss dann sehen, wo setze ich wieder an, wo kann ich neue Aspekte schaffen, wo kann ich Themenfelder auftun, die notwendig zu bearbeiten wären. Auch da gibt es ja - das finde ich schon kritisierenswert - viel Mainstream, dass man sich sozusagen in der Mitte und im Üblichen auch ein bisschen opportunistisch aufhält. Da könnte man sicher anderes machen. Aber ich glaube nicht, dass der Journalismus Politikverdrossenheit reproduziert. Damit würde er sich ja den eigenen Ast abschneiden. Das kann gar nicht das Interesse sein. Es ist allerdings schwierig, in einer Gesellschaft, die in vielem sehr offen ist und gar nicht mehr so feste Standpunkte hat wie früher, die auch nicht mehr so kämpferisch ist, einen klaren Ansatz zu finden und zu sagen, wir zeigen hier Flagge. Das wird sicher schwieriger. Die Gesellschaft ist in vielem eben pluraler geworden und dieser scheinbar klar gefügte Journalismus, der hatte es früher einfacher, weil er sich auch oft einordnete in ein Schema. Das war ja übrigens in meinen Augen auch eher ein Fehler. Da sehe ich jetzt nicht die große Krise.

Breker: Hat Politik sich vielleicht verändert? Inzwischen wird Politik ja oftmals dargestellt oder, besser gesagt, vermarktet als Event. Public Relation-Berater sind dabei und vermarkten Politik. Findet Journalismus darauf keine so rechte Antwort?

Kammann: Es ist schwer. In einer Mediengesellschaft, die sehr stark vom Bild lebt und von dieser Vermittlungsform, stürzt man sich auch gerne auf das, was scheinbar dieses Bilderinteresse und den Bilderkitzel bedient. Aber dass Politik selber immer versucht hat, so Grauzonen zu finden, das ist schon seit Adenauers Zeiten so gewesen. Wenn wir nur die Geschichte der Bundesrepublik nehmen, der hat früher berühmte Teezettel organisiert, wo dann eine Art von Sprachregelung sogar gefunden wurde. Das war natürlich absolut freiwillig, wie man sagen würde. Aber diese Umarmungsversuche in der einen oder anderen Richtung, die hat es immer gegeben. Nur sind heute die technischen Möglichkeiten ganz andere, weil es ja schneller geht. Fast alles, was irgendwo passiert, ist unmittelbar auf einem Sender. Die Konkurrenz ist sehr viel größer geworden. Wenn man in Berlin ist, merkt man: es ist eine Vielzahl von Möglichkeiten da. Das ist anders geworden, damit ist der Druck auch anders geworden und dieser Druck erzeugt wiederum eine Art von innerer Bereitschaft, etwas zu versimpeln, nur noch zu personifizieren. Es wird vieles in das Format der Talkshow gebettet. Damit wird aber die eigentliche Politik, die sehr mühselig, langwierig ist, in vielen Ausschüssen stattfindet, natürlich nicht richtig abgebildet. Das ist wirklich ein Spagat und das ist tatsächlich nicht einfach. Das spiegelt sich sicher auch in dieser Art von Kampf um Deutungshoheiten. Aber insgesamt, das muss man sagen, hat das Fernsehen, haben die wenigen Hauptprogramme gar nicht mehr diese Macht, wie das früher der Fall war. Dazu gibt es viele, viele andere Möglichkeiten inzwischen. Das spiegelt sich in diesem Fall Brender übrigens überhaupt nicht wieder. Das tut so, als ob es nur noch zwei Hauptprogramme gäbe und die würden über die Welt der Politik entscheiden.

Breker: Hat die Causa Brender, Herr Kammann, mehr dem Roland Koch geschadet, oder mehr dem ZDF?

Kammann: Ich hoffe mehr Roland Koch, indem man diesen unverblümten Machtwillen ganz nackt hat sehen können, aber ich denke, das ZDF wird auch Schaden nehmen, weil viele Leute sich jetzt in einem Vorurteil bestätigt finden und sagen, aha, die sind ja nur sozusagen von deren gutem Willen abhängig. Das ist ja im faktischen so nicht der Fall, aber es scheint jetzt so. Ganz schwierig ist es auch für Markus Schächter geworden. Lässt er sich jetzt ein auf den Verwaltungsrat und seine Unions-Mehrheit, dann ist das natürlich eine Schwäche, und wenn er sich nicht durchsetzen kann, also gleichwohl auf dem Vorschlag Brender besteht und es nicht schaffen kann, ist das auch eine Schwäche. Für ihn ist das eine ziemlich schreckliche Situation, eine Zwickmühle, wo er gar nicht gewinnen kann, und das ist etwas, was vielleicht Koch nicht mal bedacht hat. Er beschädigt sehr stark die Spitze des ZDF und das, finde ich, ist ein Begleitschaden, der gar nicht hoch genug veranschlagt werden kann. Insofern finde ich das so verwerflich, dass an einer Stelle überhaupt keine Einsicht und keine Vernunft und keine Beweglichkeit zu konstatieren ist.

Breker: Der Leiter des Adolf-Grimme-Instituts, Uwe Kammann, war das im Deutschlandfunk. Herr Kammann, vielen Dank für dieses Gespräch.

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