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StartseiteBüchermarktEs gibt nur Geschichten30.06.2008

Es gibt nur Geschichten

"Teuermanns Schweigen", der Debütroman der Berliner Autorin Kathrin Gerlof

"Teuermanns Schweigen" heißt der erste Roman der 1962 geborenen Autorin und Journalistin Kathrin Gerlof. Sie war Redakteurin beim Neuen Deutschland und bei der Jungen Welt, arbeitete als Dokumentarfilmerin und schrieb 1999 ein Buch über die beiden Antipoden der deutsch-deutschen Fernsehpropaganda, Gerhard Löwenthal und Karl-Eduard Schnitzler. Ihr erster Roman handelt nun vom Geschichtenerzählen, von der Macht der Fiktion, der lebenserhaltenden Kraft des Fabulierens und dem Schweigen hinter dem Gesagten.

Von Ralph Gerstenberg

Die Vereinzelung in der Kommunikations- gesellschaft repräsentiert bei Gerlof ein Mann, der in einem Hotelzimmer lebt, das niemand betreten darf. (AP)
Die Vereinzelung in der Kommunikations- gesellschaft repräsentiert bei Gerlof ein Mann, der in einem Hotelzimmer lebt, das niemand betreten darf. (AP)

Am Anfang von Kathrin Gerlofs erstem Roman steht eine seltsame Begegnung. Markov, ein äußerst distanzierter Mensch, der in der Abgeschiedenheit der ostdeutschen Provinz an seiner Dissertation schreibt, trifft beim Pilze suchen einen seltsamen Mann: Teuermann. Zunächst hält Markov den Fremden für einen Verrückten. Wer sonst trägt mitten im Wald einen dunkelblauen Anzug und meint, vom Anfangsbuchstaben eines Nachnamens auf die Persönlichkeit eines Menschen schließen zu können? Doch dem Sonderbaren wohnt auch ein faszinierendes Rätsel inne. Und nach einer anfänglichen Abwehrreaktion lässt sich Markov nach und nach auf Teuermanns Geschichten ein, die dieser mit großer Lust zu erzählen weiß, einer Lust, die die Romanfigur mit der Autorin Kathrin Gerlof teilt.

" Und zwar habe ich relativ früh schon festgestellt, dass es mir eigentlich selbst ziemlich egal ist, ob die Geschichten, die mir erzählt werden, nun immer stimmen oder genauso erlebt worden sind, sondern dass für mich immer viel bedeutsamer und wichtiger war, wie eine Geschichte dargeboten wird, und dass jemand selbst sich sozusagen mit einer Geschichte mir auch anbietet und präsentiert oder sich auch verschleiert durch das Geschichten erzählen. Solche Leute, die sich tatsächlich so durchs Leben schlagen und auch andere in ihren Bann ziehen, haben mich schon immer sehr interessiert. Und so ist eigentlich diese Hauptfigur Teuermann in meinem Kopf entstanden. "

Markov, der sich selbst für ein unbeschriebenes Blatt hält, scheint das ähnlich zu sehen. Er nimmt Teuermann bei sich auf und taucht ein in eine Welt, in der der Satz des amerikanischen Autors Jim Harrison "Es gibt keine Wahrheit, es gibt nur Geschichten." quasi zum Gesetz wird. Nach und nach setzt sich Teuermanns Leben lückenhaft aus seinen Erzählungen zusammen. In der Nachwendezeit scheint er im Osten Deutschlands Erfolg als Geschäftsmann gehabt zu haben. Mit seiner Frau gab er Feste für die Honoratioren des Ortes, in dem sein Haus steht. Aber warum fährt er nun als Vertreter für Sicherheitsschlösser durchs Land? Zwei Menschen sind unter seltsamen Umständen ums Leben gekommen: Teuermanns Frau und seine Geliebte. Teuermann erzählt die tragische Geschichte, die zu dem Unglück führte. Aber wie groß ist seine Schuld daran? Offenbar scheint er mit Selbstvorwürfen nicht fertig zu werden. Leerstellen entstehen, denn obwohl Teuermann ständig von sich erzählt, wird bald klar, dass er auch Dinge verschweigt.

" In der Psychologie sagt man immer, eines der grundlegenden Probleme des Menschen ist die existentielle Isolation, also die Unfähigkeit tatsächlich sämtliche Trennlinien zwischen sich und anderen zu überwinden. Teuermann versucht ja, diese Isolation zu durchbrechen, indem er ununterbrochen erzählt. Und gleichzeitig verbirgt er sich ja hinter diesen Geschichten, das ist dann auch ein bisschen mit diesem Titel gemeint. Obwohl er eigentlich nichts anderes tut als zu erzählen, schweigt er auch über sich. Und das macht auch seine Isolation aus. "

Für die Vereinzelung in der Kommunikationsgesellschaft, also in einem System, das unentwegt eine Sprache produziert, die nicht mehr zu Verständigung und Austausch führt, sondern zu einem sich selbst reproduzierenden, sinnfreien Gelaber, findet Kathrin Gerlof ein starkes Bild: Ein Mann, der in einem Hotelzimmer lebt, das niemand betreten darf, verweigert die Kommunikation mit seinen Mitmenschen. Jeden Tag kommt und geht er zur gleichen Zeit - die Aktentasche stets in der Hand. Mit dem Hotelpersonal kommuniziert er über Notizzettel. Als Teuermann, von seiner Neugier getrieben, in das Zimmer des Mannes dringt, entdeckt er ein Labyrinth, dass dieser - wie ein Höhlenbewohner in der Steinzeit - in seiner sprachlosen Einsamkeit in die Wand gemeißelt hat.

" Das ist eine Erfahrung, die ich mache, dass Menschen immer mehr vereinzeln und immer unfähiger werden zu kommunizieren mit anderen Menschen, sagen wir einfach: zu reden mit anderen Menschen, ins Gespräch zu kommen, dass sie die seltsamsten Akte vollführen, um sich dem Gespräch auch zu entziehen. Dieses Thema, dass Menschen auch immer absonderlicher werden in der Form und in den Arten, wie sie sich der Kommunikation verweigern, das finde ich schon sehr interessant. "

Interessant an diesem ersten Roman von Kathrin Gerlof ist nicht nur die äußerst sparsame stilistische Klarheit, mit der sie - allzu konkrete Schilderungen stets vermeidend - ihre Geschichte erzählt, interessant ist auch die Art und Weise, wie sie ihre beiden Hauptfiguren aus ihren Erzählungen heraus entwickelt - ohne zu psychologisieren oder sie allzu deutlich zu charakterisieren. Selbst auf Vornamen wird verzichtet, so dass die Möglichkeit besteht, dass es sich bei Markov um eine Frau handeln könnte. In der existentiellen Zuspitzung des Romans wird das Geschichtenerzählen zu einer lebenserhaltenden Maßnahme, die in Teuermanns Satz gipfelt: "An dem Tag, an dem ich keine Geschichte mehr erzählen kann, werde ich mich selbst töten." Am Ende entscheiden sich Teuermann und Markov für den Ausstieg aus einer Lebens- und Arbeitswelt, die Menschen auf den ökonomischen Wert ihrer Leistung reduziert und weder Phantasie, noch wirkliche Erfahrungen zulässt.

" Ich bewundere jeden und jede, die es schaffen, sich dann für den Ausstieg zu entscheiden, also aus den Mühlen raus zu gehen. Ich weiß, dass die in dieser Gesellschaft gern beschimpft werden als Schmarotzer etc. Ich glaube, dass es für viele aber eine lebensrettende Maßnahme ist, zu sagen: Das halte ich nicht durch mein ganzes Leben lang, das kann ich nicht machen. Ehrlich gesagt, denke ich ja auch andauernd darüber nach, ob das nicht die attraktivere Variante ist. "

Der temporäre Ausstieg von Kathrin Gerlof aus ihrem journalistischen Erwerbsleben hat sich gelohnt. "Teuermanns Schweigen" heißt das Debüt einer viel versprechenden Autorin, dem hoffentlich noch weitere lesenswerte Bücher folgen werden.

Kathrin Gerlof "Teuermanns Schweigen", Aufbau Verlag, 181 Seiten, 17,95 Euro

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