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StartseiteBüchermarktEs gibt solche. Erzählungen12.03.2003

Es gibt solche. Erzählungen

Berlin Verlag, 134 S., EUR 16,-

Nina Jäckle wohnt in einer jener Neuköllner Altbauwohnungen - zwei Zimmer, Küche, Bad -, wie sie für junge Schriftsteller gerade noch erschwinglich sind. Neben dem Schreiben verdient sie sich ihr Geld als freie Mitarbeiterin in einer Werbeagentur. Wichtigstes Utensil in ihrer Wohnung sind die beiden Schreibtische im Arbeitszimmer, der kleinere zum Schreiben und der größere zum Korrekturlesen. Dem Korrigieren und Kürzen misst Nina Jäckle eine ganz besondere Bedeutung bei - Ausdruck eines äußerst bewußten und vorsichtigen Umgangs mit der Sprache. Ihre Texte zeichnen sich durch Kürze und Stringenz aus und wirken enorm durchkonstruiert.

Cornelia Staudacher

Morgens zwischen 7 und 11 wird geschrieben, dann habe ich meinen Tag, und wenn ich abends wiederkomme, lese ich das, was ich morgens geschrieben habe, Korrektur, das mache ich laut natürlich und da achte ich dann auf den Sound, wobei ich sagen muß, daß diese Art zu schreiben, das hat ja schon ein bißchen eine Melodie, und die muß ich dann feilen und ausbauen, und über die Jahre hab ich meine Art zu schreiben ganz gut im Griff, das hat sich dann ausgeformt, nicht weil ich's will, sondern weil ich mich damit am wohlsten fühle.

1966 in Schwenningen am Neckar geboren, besuchte Nina Jäckle nach der Mittleren Reife eine Sprachenschule in Paris. In Hamburg machte sie ein Praktikum in einer Druckerei. Daneben schrieb sie Hörspiele, die in Radio Bremen produziert wurden. So hat sie sich, wie sie es nennt, immer um Bücher herum situiert. So ist das Schreiben zu einer lebenswichtigen Beschäftigung geworden.

Schreiben ist eine Art, zu sehen, nicht zu erklären, sondern zu sortieren, es ist so eine Art in Schachteln und Ordnung denken und so, ich würde nicht sagen, daß ich mir während des Schreibens über etwas klar werde, sondern ich hab das Gefühl, daß ich im Gegenteil, wenn ich über irgend etwas Klarheit habe, dann anfange, drüber zu schreiben, ich neige ja dazu, die Sachen gerade hinzustellen, und so kommt mir das vor, daß ich Dinge, die ich im Kopf habe, durch das Schreiben gerade stelle, so daß es überhaupt nicht mehr durcheinander gerät, deshalb haben meine Texte auch ein bißchen was Schachtelförmiges, und vielleicht ist es so, daß ich das, was ich im Kopf habe, im Raum zu plaziere, im Kopf-Raum.

Ihre Text haben etwas Aufgeräumtes. Sie nennt es schachtelförmig und meint die vielen einzelnen Absätze, die oft nur aus einem einzigen Satz bestehen, entsprechend der short-cut-Technik im Film. Im Zentrum aber steht die Arbeit mit der Sprache. Oft dient ein einzelner Satz als Initialzündung für eine Erzählung, ein Satz wie "Bleiben ist ein gutes Wort" (in der Buchenhofstaffel), den sie dann von allen Seiten beleuchtet und in Relation zu dem Personal und den Ereignisse setzt.

Ob es sich da um die zwei Freundinnen handelt, von denen eine die andere bis zur Selbstaufgabe imitiert, um den jungen Mann, der von seiner Freundin verlassen wurde und wartend zum ersten Mal eine innere Beziehung zu den Mitbewohnern seines Hauses aufnimmt, oder um die allmählich erblindende junge Frau, die sich Schritt für Schritt aus der Welt der Sehenden zurückzieht und sich an Geräuschen, Bewegungen und Konturen zu orientieren lernt. Der härteste Schnitt ist für sie die Trennung von ihrem Freund, nachdem sie herausgefunden hat, daß er sie als Studienobjekt benutzt hat. Jäckle formuliert das so: "Alles wird wortrund und stumm und er spricht und es schneit und er spricht sich alles weiß, bis es in den Augen schmerzt."

Also ich merk ja, was mir gefällt als Leserin, daß es da bestimmte Autoren gibt, wie die Duras, die in ihren späteren Werken sehr mit Auslassungen arbeitet und eine bestimmte Stimmung schafft, auf der alles stattfinden kann, und wenn man eine bestimmte Stimmung gefunden hat, muß man nicht so viel sagen, meine Figuren haben z.B. keine Haarfarben, sie haben keine Kleidungsstücke und keine Augenfarben, aber ich hab das Gefühl, daß sie das nicht brauchen, ich stell meine Figuren gerne irgendwie in schachtelige Situationen, also in geschlossene Räume und ich hab wenig Außenwelt in meinen Texten, und daher kommt das auch, daß nicht zu viel da sein darf, weil es ein begrenzter Raum ist.

Es sind die kleinen Malaisen oder Gebrechen, an denen Nina Jäckle Handlung sich entzünden lässt, sofern von Handlung überhaupt die Rede sein kann. Eher minimale Impulse, die Veränderungen oder neue Sichtweisen bewirken. Dabei kommt es ihr keineswegs auf psychologische Erklärungsmuster an, sondern darauf, mit dem Medium der Sprache innere Befindlichkeiten und Stimmungen zu erzeugen, um sie für den Leser nachvollziehbar, miterlebbar zu machen. Ein Verfahren, das in seiner Strenge und Sachlichkeit, seiner Reduktion und sprachlichen Ausgefeiltheit durchaus an den nouveaux roman erinnert. Jäckles literarische Etüden sind sparsam und abgezirkelt komponiert und arrangiert, so dass sie dem Leser Spielraum für eigene Assoziationen lassen.

Ich habe eine Furcht beim Schreiben, das ist eine absolute Furcht vor Kitsch, und da bin ich auch ganz grob mit mir sozusagen, und da achte ich sehr drauf, daß man nicht in irgendeine Gefühlsduselei sich verirrt. Da habe ich so mein, wie andere ein RS-Programm, ein Kitsch-programm, wo ich dann die Texte durchlese und denke, o ne. Das war bei dem Nanetext so, der war drei mal so lang, und ich hab die ganzen Stellen, wo ich gemerkt hab, jetzt wird's aber zu sanft, da hab ich dann gleich das Liebliche entfernt.

Der Ernst und die Gewissenhaftigkeit, mit der Nina Jäckle beim Schreiben vorgeht ist Ausdruck ihres Respekts vor dem Sujet, vor dem Medium Sprache und vor dem Leser. Um den Literaturmarkt kümmert sie sich wenig, und distanziert sich ausdrücklich von den herkömmlichen Strategien der Verlage, junge Literatur mithilfe von Begriffen wie Fräuleinwunder oder Popliteratur zu vermarkten. Auf ihren ersten öffentlichen Auftritt beim diesjährigen Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb blickt sie mit eher gemischten Gefühlen zurück.

Die wichtigste Erfahrung war für mich, daß ich mir überlegt habe, was Öffentlichkeit für den Autor bedeutet, warum es nicht reicht, Texte einfach zu schreiben, was es bedeutet, zu publizieren, sich einer Öffentlichkeit zu stellen, unbedingt gewinnen zu wollen, was es bedeutet, nicht zu gewinnen, und wie weit bin ich weg von sonem Text.

Denkt sie, gerade nach den gemachten Erfahrungen, beim Schreiben nicht doch manchmal an die Wirkung ihrer Texte?

In dem Moment, wo ich schreibe, denke ich den Leser nicht mit, in dem Moment, wo ich Texte korrigiere, bin ich der Leser, infolgedessen denke ich ihn mit, und natürlich ist mir der Leser wichtig, weil ich quasi die Verantwortung ja auch übernehme, ihn über einen bestimmten Zeitraum mit dem zu beschäftigen, was ich da schreibe, wobei das aber nicht gleichsam bedeutet, daß ich schreibe, um Leser zu erreichen, da sind wir aber wieder an dem Punkt, über den ich mir selbst nicht im Klaren bin, was es bedeutet, zu publizieren, und wie wichtig es ist, zu publizieren, und warum will ich das. Und man will's doch.

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