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"Es ist doch schön, wenn es im Fernsehen nicht nur Fußball zu sehen gibt"

Richard David Precht über seine Philosophie-Sendung im ZDF

Das Gespräch führte Stefan Koldehoff

Richard David Precht, Philosoph und Autor
Richard David Precht, Philosoph und Autor (picture alliance / dpa - Karlheinz Schindler)

Er schaffte es mit seinem Diskurs "Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?" in die Bücherbestsellerlisten. Mit seiner umgänglichen Art brachte Richard David Precht die Philosophie wieder in die Köpfe der Bürger - und will das mit seiner eigenen Sendung im ZDF ab kommenden Wochenende noch vertiefen.

Stefan Koldehoff: Warum wir Philosophie heute noch brauchen, das hat der Philosoph und Buchautor Richard David Precht gerade ausführlich in unserer Sendung "Kulturfragen" erklärt, auf der Website dradio.de noch nachzuhören. Nun startet am kommenden Wochenende – als Nachfolgerin des "Philosophischen Quartetts" - eine Art "philosophisches Duett": Precht im Gespräch mit jeweils einem wechselnden Partner. Deshalb kann die erste Frage an den Gastgeber auch nur lauten: Herr Precht, warum überhaupt muss Philosophie ins Fernsehen?

Richard David Precht: Also wenn man der Überzeugung ist, dass die Gesellschaft heute Philosophie gut gebrauchen kann, dann wüsste ich nicht, warum man um das Fernsehen einen Bogen machen soll. Das Fernsehen ist immer noch ein Leitmedium, das von vielen, vielen Millionen Menschen geschaut wird, und es ist doch schön, wenn es im Fernsehen nicht nur Fußball zu sehen gibt und Nachrichtensendungen und Unterhaltungsformate, sondern tatsächlich auch Formate, die dem Bildungsauftrag etwas im engeren Sinne entsprechen. Und so haben wir auch für die erste Sendung gleich das Thema Bildung ausgesucht.

Koldehoff: Nun ist aber ja der philosophische Diskurs nicht unbedingt eine sehr visuelle oder visualisierbare Angelegenheit: Zwei Menschen sitzen sich gegenüber und reden. Das heißt, viel fürs Auge gibt das eigentlich nicht her?

Precht: Der Produzent Gero von Boehm hat sich große Mühe gegeben, auch etwas fürs Auge zu schaffen, obwohl, Sie haben völlig recht, nur zwei Personen in einem Studio zu sehen sind. Es gibt aber eine Art filmische Beleuchtung und es gibt eine Kameraführung, die ich auch mal laienhaft filmisch nennen würde, die das Ganze unterstützen soll. Im Übrigen glaube ich, wenn zwei Menschen sich sehr angeregt miteinander unterhalten, sei es im Fernsehen, sei es auf einer Podiumsdiskussion, dann erleben Sie das schon, dass es Menschen gibt, die sich das über einen längeren Zeitraum ganz gerne anhören.

Koldehoff: Richtig, dass Sie sich das Ganze auch in Schwarz-Weiß hätten vorstellen können?

Precht: Ja, das war ursprünglich eine Idee von mir. Ich hätte es gerne in Schwarz-Weiß gehabt.

Koldehoff: Nachdem wir über die Rahmenbedingungen jetzt gesprochen haben, kommen wir doch mal zum Inhalt. Verraten Sie mir doch bitte Ihr Geheimrezept. Wie schafft man es, den Menschen in einer Gesellschaft, die allenthalben Individualismus, Hedonismus predigt, noch vom grundsätzlichen Verbindenden zu überzeugen?

Precht: Das Spannende ist eigentlich, dass die Gesellschaft Egoismus und Hedonismus gar nicht predigt, aber lebt. Ich glaube, dass viele Menschen ein Bedürfnis danach haben, in einer Gesellschaft zu leben, in der Geselligkeit, wechselseitiges Vertrauen, Verständnis füreinander, Zuhören und ähnliche Qualitäten ausgeprägt sind, nur dass es leider sehr, sehr wenige Menschen gibt, die das heute noch machen. Das heißt, wir haben eine Diskrepanz zwischen der real existierenden Leitkultur, die in der Tat eine ziemlich egoistische ist, und den Sehnsüchten der Menschen, denn in diesem Egoismus fühlen sich ja die allermeisten Menschen auch nicht wohl.

Koldehoff: Das ist wahrscheinlich ein Problem, mit dem Sie dann aber eher eine ältere Generation ansprechen, denn die jüngere Generation – das jedenfalls ist mein Eindruck – scheint doch dem Hedonismus und der Individualisierung schon so sehr anheim gefallen zu sein, dass man da kaum mehr rein kommt - mit Spielkonsolen, mit Handgeräten, mit Handys, mit Facebook -, oder bin ich da zu pessimistisch?

Precht: Ja, aber gleichzeitig - Ich glaube, Sie sind zu pessimistisch. Ich denke mal, dass die Jugend der 90er-Jahre oder der Nuller-Jahre viel unpolitischer war, auch vom Leitbild eigentlich viel egoistischer, als die Jugend es heute ist.

Koldehoff: Da stimme ich Ihnen zu.

Precht: Ich meine, dass diese große Welle des Egoismus eigentlich mit der Generation Golf begann, also mit denjenigen, die so um 1970 herum geboren worden sind. Und ich freue mich zu sehen, wie engagiert die Jugendlichen sind, die sich bei Attac engagieren, die sich bei Occupy engagieren, die zu den Piraten gehen und vieles andere mehr. Und Hedonismus und Individualismus sind auch nicht die natürlichen Feinde dieser Form von Geselligkeit, Verständnis und Vertrauen, sondern ich könnte mir vorstellen, dass das eine sich ziemlich gut mit dem anderen verbinden lässt. Also genussfähige Menschen, die ihren Genuss richtig verstehen, die haben diesen Genuss ja nicht alleine. Wenn Sie sich fragen würden, wann genießen Sie Ihr Leben am meisten, dann sind das selten Situationen, in denen Sie allein sind, und ich glaube, das hat die jüngere Generation auch begriffen.

Koldehoff: ... sagt Richard David Precht über seine neue Philosophie-Sendung, die am Wochenende im ZDF Premiere haben wird.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Zum Philosophieformat "Precht" im ZDF



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