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StartseiteInterview"Es ist keine Einzeltat"13.07.2010

"Es ist keine Einzeltat"

SPD-Politiker Schneider über die Konsequenzen aus dem Fall Dominik Brunner

Der Tod von Dominik Brunner habe die Nachfrage nach Zivilcourage-Kursen deutlich ansteigen lassen, sagt der SPD-Landtagspolitiker Harald Schneider. Es sei wichtig aufzuzeigen, was man gegen Gewalt tun könne und wie man sich richtig verhalte. Gewalttaten ließen sich allerdings nie völlig eindämmen, sagte der Chef der Gewerkschaft der Polizei in Bayern.

Harald Schneider im Gespräch mit Dirk Müller

Kerzen und Blumen erinnern am 13.9.2009 an den Tags zuvor von Jugendlichen getöteten Geschäftsmann Dominik Brunner. (AP)
Kerzen und Blumen erinnern am 13.9.2009 an den Tags zuvor von Jugendlichen getöteten Geschäftsmann Dominik Brunner. (AP)
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Tatort München-Solln

Dirk Müller: Seine Zivilcourage hat er mit dem Leben bezahlt. Der 50-jährige Dominik Brunner hatte im September vergangenen Jahres eine Gruppe 13- bis 15-jährige in der Münchener S-Bahn vor älteren Jugendlichen beschützen wollen. Anschließend ist er von den älteren Jugendlichen am Bahnhof Solln zu Tode geprügelt worden. Eine Welle der Erschütterung, des Entsetzens ist damals durch die gesamte Republik gegangen. Ab heute müssen sich die zwei mutmaßlichen Haupttäter vor dem Landgericht München verantworten.

Am Telefon ist nun der SPD-Landtagspolitiker Harald Schneider, Chef der Gewerkschaft der Polizei in Bayern. Guten Morgen!

Harald Schneider: Guten Morgen, Herr Müller.

Müller: Herr Schneider, wie präsent ist für Sie immer noch dieses Verbrechen?

Schneider: Ja, man wird ständig damit konfrontiert, das ist klar. Dieses Ereignis hat München damals auf den Kopf gestellt. Dieses Ereignis wurde eigentlich ständig diskutiert: Wie kann man sich vor solchen Straftaten schützen, wie weit kann man gehen, kann man Zivilcourage zeigen?, all diese Dinge werden ständig diskutiert – immer noch.

Müller: Haben Sie inzwischen eine Erklärung für diese Brutalität gefunden?

Schneider: Nein. Es gab ja nach Dominik Brunner auch weitere Vorfälle und man muss hier feststellen, das wird auch weiter vorkommen. Nur nicht in diesem Ausmaß ist es bisher nochmals vorgekommen.

Müller: Also keine Einzeltat?

Schneider: Es ist keine Einzeltat.

Müller: Wie gehen die Kollegen damit um?

Schneider: Wir haben natürlich von Seiten der bayerischen Polizei verstärkte Präsenz jetzt auch in den U- und S-Bahnen gezeigt, seit diesem Vorfall so weit als möglich. Das ist natürlich auch nur eingeschränkt möglich, weil uns das Personal einfach fehlt. Aber die Sicherheit in den U- und S-Bahnen wurde auf alle Fälle erhöht.

Müller: Es hat ja viele Übergriffe, Herr Schneider, in den Münchener S-Bahnen gegeben, in einer Stadt, die ja nun allgemein als sehr, sehr sicher gilt. Warum ist die Präsenz nicht stärker gewesen?

Schneider: Zum damaligen Zeitpunkt und auch jetzt muss man ganz klar sehen: Es fahren täglich Millionen von Fahrgästen mit der U- und S-Bahn, und wenn ich dann sehe, wie viel letztendlich passiert, muss man das Ganze vielleicht doch etwas relativieren. Es ist ja nicht auf der Tagesordnung, dass Fahrgäste zusammengeprügelt werden. Die Münchener S- und U-Bahn ist nach wie vor ein relativ sicheres Verkehrsmittel.

Müller: Herr Schneider, 617 Millionen Fahrgäste pro Jahr – diese Zahl haben wir gestern noch gelesen -, 217 Gewaltdelikte. 617 Millionen Fahrgäste, 217 Gewaltdelikte.

Schneider: Ja.

Müller: Muss man damit leben?

Schneider: Natürlich ist jede Gewalttat zu viel. Das ist vollkommen klar. Von daher gesehen ist aber in meinen Augen jetzt nicht nur die Polizei und nicht nur das Sicherheitspersonal gefordert, sondern da ist auch die Bevölkerung, da sind auch die Fahrgäste gefordert, mal den Mund aufzumachen und zu sagen, Leute, jetzt ist Ruhe, und hier einzuschreiten.

Müller: Aber können Sie das, Herr Schneider, noch mit gutem Gewissen empfehlen, dass jemand einschreitet, vor dem Hintergrund dessen, was passiert ist?

Schneider: Es hat sich gezeigt, die Münchener Polizei hat hier ein Programm aufgelegt zum Thema auch Zivilcourage, was kann der Bürger tun, und das ist ein absoluter Renner geworden. Mehr als 3000 Bürgerinnen und Bürger aus München und Umgebung haben sich an diesem Trainingsprogramm bereits beteiligt, um hier Verhalten zu trainieren, was kann man tun, wenn es zu Gewalttätigkeiten in U- und S-Bahnen kommt, überhaupt in öffentlichen Verkehrsmitteln oder auch im öffentlichen Raum. Und ich denke, das ist auch schon ein richtiger Weg, um aufzuzeigen, was man dagegen tun kann.

Müller: Aber inwieweit ist genau das das Problem, dass Dominik Brunner ja alles richtig gemacht hat?

Schneider: Ja, gut, ob er alles hundertprozentig richtig gemacht hat, wird sich sicherlich jetzt auch im Prozess zeigen. Er hat Zivilcourage bewiesen, das ist vollkommen klar, und er ist in München ja auch dafür jetzt sehr angesehen. Man will eine Straße nach ihm benennen. Aber wie gesagt, dann müssen noch verschiedene Dinge überprüft werden. Was ich für alle Fälle nicht als geeignet erachte ist der Gedanke, der ständig wieder hier hereinspielt, das Strafmaß deutlich zu erhöhen.

Müller: Er hat auch die Polizei informiert.

Schneider: Er hat auch die Polizei informiert. Leider Gottes war es ja so, dass die Kollegen nicht rechtzeitig am Tatort eintreffen konnten und zu spät gekommen sind. Das war richtig, er hat sich insofern richtig verhalten, das ist klar.

Müller: Sie haben, Herr Schneider, gesagt, dass viele Tausende diese Zivilcourage-Kurse gemacht haben, um sich auch besser vorzubereiten auf solche Taten. Hat es in der Vergangenheit, in der jüngsten Vergangenheit denn Vorfälle gegeben, wo mehr Zivilcourage gezeigt wurde?

Schneider: Ja, sicherlich. Es gab Vorfälle, es war natürlich auch die Polizei eher vor Ort dann auch dabei. Die Sicherheitsmaßnahmen, insbesondere auch die Videoüberwachung, das greift letztendlich auch und ich denke, die Münchener U- und S-Bahn ist auch sicherer geworden in der letzten Zeit.

Müller: Wenn mir heute Abend so etwas in der Kölner Straßenbahn passiert, Herr Schneider, das heißt, ich beobachte Gewalt, die sich anbahnt, die eventuell eskaliert, was muss ich machen?

Schneider: Ich würde Ihnen raten, als allererstes so weit möglich natürlich einen Notruf absetzen, dann versuchen, andere Bürger anzusprechen, die mit Ihnen zusammen Zeuge sind, und dann gemeinsam etwas unternehmen, nicht alleine hier vorpreschen, sondern versuchen, andere Bürger anzusprechen und mit denen dann gemeinsam dafür zu sorgen, dass die Situation nicht weiter eskaliert.

Müller: Und wenn man spät Abends nahezu alleine, dann nur noch die Gruppe vor Augen in der Bahn sitzt, hat man Pech gehabt?

Schneider: Ja, das ist natürlich schwer. Dann ist es vielleicht besser, wenn Sie selber Opfer und Zielscheibe der Gewalt sein sollten, dass Sie sich zurückziehen, versuchen, in ein anderes Zugabteil zu gehen, und eher mal hier den Rückzug anzutreten, als hier den mutigen Mann zu spielen.

Müller: Sind die Busfahrer, sind die Bahnfahrer entsprechend sensibilisiert?

Schneider: Ja, die Busfahrer selbstverständlich. Die sollen natürlich peinlichst genau darauf achten, was in ihren Zügen und was in ihren Wagen abgeht. Sie sollen natürlich dann so schnell als möglich auch Hilfe rufen, wenn sie merken, es beginnt irgendeine Situation zu eskalieren.

Müller: Gibt es in Bayern seitdem mehr Hilferufe?

Schneider: Das kann ich Ihnen jetzt natürlich nicht genau verifizieren, ob es mehr Hilferufe gibt. Ich könnte mir vorstellen, dass es in etwa gleich geblieben ist.

Müller: Wir haben ja viel darüber diskutiert in den vergangenen Monaten, inwieweit sich dann das Bewusstsein der Einzelnen auch verändert hat. Gibt es jetzt so etwas wie mehr Solidarität, wie das der Münchener Oberbürgermeister Christian Ude gesagt hat?

Schneider: Das auf alle Fälle! Das auf alle Fälle. Es gab ja schon vor Brunner schwere Straftaten auch in der S-Bahn und die Bürger haben sich das zu Herzen genommen, sind wach gerüttelt worden. Mehr Solidarität ist sicherlich zu spüren.

Müller: Bei uns im Deutschlandfunk der SPD-Landtagspolitiker Harald Schneider, Chef der Gewerkschaft der Polizei in Bayern. Vielen Dank für das Gespräch und auf Wiederhören.

Schneider: Ich bedanke mich, Herr Müller.

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