• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteForschung aktuellEs ist technisch gesehen kein GAU25.03.2011

Es ist technisch gesehen kein GAU

Wissenschaftsjournalist: Salz aus verdampftem Meerwasser kann in Reaktorblöcken für Probleme sorgen

Kerntechnik. - Die Probleme im Atomkraftwerk Fukushima sind technisch gesehen kein GAU, beurteilt Sönke Gäthke die Lage in Japan. Für die Bevölkerung vor Ort spiele dies jedoch keine Rolle, denn der Effekt, der sich einstelle sei durchaus ähnlich zu dem, was Tschernobyl erlebt habe.

Sönke Gäthke im Gespräch mit Monika Seynsche

Durch das Kühlen mit Meerwasser lagern mehrere Tonnen Salz in den Reaktorbehältern. (picture alliance / dpa)
Durch das Kühlen mit Meerwasser lagern mehrere Tonnen Salz in den Reaktorbehältern. (picture alliance / dpa)

Monika Seynsche: Im japanischen Atomkraftwerk Fukushima wurden die Arbeiten an den Reaktoren heute vorübergehend gestoppt. Denn es ist stark erhöhte Strahlung aufgetreten und radioaktiv verseuchtes Wasser in den Turbinengebäuden. Mein Kollege Sönke Gäthke beobachtet die Situation für uns. Herr Gäthke, wo kommt denn dieses Wasser her?

Sönke Gäthke Da rätseln im Augenblick die Experten, die Ingenieure und die Techniker. Es hieß heute Morgen, dieses Wasser stamme aus dem Reaktorinneren, weil es so hoch radioaktiv belastet sei. Das hat eine Belastung, eine Dosisleistung von 400 Millisievert pro Stunde. Wenn man da eine Viertelstunde lang drinsteht, erhöht das das Krebsrisiko schon recht messbar. Der Haken ist, woher kann dieses Wasser aus dem Reaktorinneren kommen? Erst vermutete man, der Reaktordruckbehälter sei vielleicht beschädigt worden. Das hat inzwischen die japanische Atombehörde negiert, sie sagte nein, das sei heile, sei in Ordnung. Dann bleiben da natürlich noch alle möglichen Rohre, die von diesem Reaktordruckbehälter wegführen. Oder Ventile.

Andere Möglichkeit, die auch besteht, ist das dieses Wasser aus einem der Abklingbecken stammt, die man versucht hat mit Wasser zu füllen. Und wenn man da jetzt zu viel Wasser zum Beispiel raufgeschossen hätte, würde es langsam überlaufen. Das Problem ist, man weiß es eben einfach nicht. Die Lage ist im Augenblick so dermaßen unübersichtlich, dass weder der Betreiber noch die Automaufsichtsbehörde in Fukushima genau wissen, was eigentlich Sache ist. Das Ganze gleicht eigentlich einem Nebelflug auf Sicht: Man weiß gar nichts.

Seynsche: Kann man das Wasser denn irgendwie da wegbekommen, weil man muss ja wahrscheinlich auch da arbeiten, oder?

Gäthke Es ist so, dass die Firma Tepco begonnen hat, das Wasser abzupumpen. Aber man kann es natürlich nicht einfach ins Meer leiten, das muss natürlich in strahlendichte Behälter gepumpt werden.

Seynsche: Sie hatten gerade das Meer angesprochen. Diese Reaktoren werden ja seit 14 Tagen mit fast mit Meerwasser gekühlt. Hat das nicht irgendwelche Folgen? Dieses Meerwasser ist ja stark salzhaltig.

Gäthke Das ist in der Tat eine Besorgnis, die das Unternehmen General Electric genährt hat. General Electric ist der Konzern, der in den 60er-Jahren dieses System des Siedewasserreaktors überhaupt entwickelt hat. Und deren Reaktorsicherheitsbeauftragter hat jetzt einmal durchgerechnet, was es bedeutet, wenn man diese ganzen anderthalb Wochen lang das Zeug mit Meerwasser kühlt. Und er ist drauf gekommen, dass sich inzwischen im Reaktorblock 1 ungefähr 26 Tonnen Salz angesammelt haben müssten, rein rechnerisch, und in den beiden anderen sogar circa 45 Tonnen. Dieses Salz liegt da jetzt nicht einfach auf dem Boden rum. Wenn das verdampft, wird das aller Wahrscheinlichkeit nach sich an den Brennstäben ablagern. Das wirkt dann wie eine Isolation. Das heißt, das Wasser kann die Wärme, die in dem Brennstab entsteht, gar nicht mehr aufnehmen, weil es gar nicht mehr hinkommt.

Und, das Zweite ist, je mehr Salz zwischen diesen Brennstäben entsteht, desto dichter wird dann am Ende nachher ein großer Salzblock werden, sodass gar nicht mehr Wasser an allen Brennelementen vorbeikommt. Das heißt, es verstopft dieser Reaktor dann regelgerecht. Und selbst wenn sie die Kühlpumpen wieder in Gang bekämen, könnten sie den Reaktor nicht gar mehr nachhaltig kühlen. Das ginge nicht, weil der verstopft wäre.

Seynsche: Gibt es den irgendwelche Lösungsansätze dafür? Also kann man das Salz irgendwie rausbekommen wieder?

Gäthke Man kann zumindest anfangen, wieder mit Süßwasser zu kühlen. Darauf hat die japanische Regierung heute gedrungen. Und seit heute Abend japanischer Zeit hat auch die Betreiberfirma Tepco für zwei der Reaktoren, die Reaktoren 1 und 3 wieder mit Süßwasser angefangen zu kühlen.

Seynsche: Wir berichten jetzt seit zwei Wochen über Japan und die Katastrophenmeldungen überschlagen sich. Aber ist das jetzt, was wir dort erleben, ist das wirklich ein GAU oder ist es nicht? Wie kann man das beschreiben, diese Situation?

Verlassene Gebäude vor dem Atomkraftwerk Tschernobyl nahe der ukrainischen Stadt Prypjat an der Grenze zu Weißrussland (AP)Atomkraftwerk Tschernobyl. In Fukushima lagert mehr radioaktives Material als in Tschernobyl. (AP)Gäthke Es ist technisch gesehen kein GAU. Es ist nicht der größte anzunehmende Unfall, der dort passiert ist, weil es letztendlich nicht zu einer großen Kernschmelze gekommen ist. Es ist wahrscheinlich zu einer partiellen Kernschmelze gekommen, aber die Reaktoren sind ja nach wie vor intakt. Für die Bevölkerung vor Ort könnte das allerdings völlig egal sein, ob es ein GAU ist, oder nicht. Der Effekt, der sich dabei einstellt, meinen einige Experten, sei durchaus ganz ähnlich, er könnte sogar schlimmer sein, als das, was Tschernobyl erlebt hat.

Und sie führen dafür drei Gründe an. Der erste Grund ist, es lagert viel mehr radioaktives Material in Fukushima als in Tschernobyl. Es lagert wie in Tschernobyl unter freiem Himmel. In Tschernobyl hatten wir kein Containment und in Fukushima sind ja letztendlich die Reaktorgebäude über den Abklingbecken hinweggefegt worden von den Explosionen. Das ist dann also ähnlich.

Es gab keine so heftige Explosion, wie in Tschernobyl. Die heftige Explosion in Tschernobyl und der anschließende Graphitbrand haben dafür gesorgt, dass die Radioaktivität sehr hoch in die Atmosphäre geschossen wurden und sich dann weit über Europa verteilt hat. Dadurch wurde sie natürlich verdünnt. Das passiert in Japan nicht. In Japan zischen die Reaktoren still und leise vor sich hin und verstrahlen damit natürlich die Landschaft um sich herum und in sehr viel höherem Maße dadurch, weil es nicht so doll verdünnt wird.

Und das Dritte ist, es trifft einfach mehr Menschen. In Japan wohnen auf ihrer Fläche mehr Menschen als in der Ukraine und Weißrussland und es werden daher mehr Menschen betroffen sein.

Seynsche: Reicht denn dann überhaupt diese 20-Kilometer-Evakuierungszone?

Gäthke Da scheiden sich die Geister. Die Japaner sagen, nach unseren Maßstäben reicht es. Wir bitten die Leute, die zwischen 20 und 30 Kilometer entfernt leben, doch jetzt langsam mal zu gehen. Gar nicht, weil es unsicher wäre, sondern weil einfach die Lastwagenfahrer nicht mehr dahin fahren, in die Supermärkte und es gibt einfach logistische Probleme, die zu versorgen.

Die USA, zum Beispiel, ist ziemlich sicher, dass das nicht reicht. Die hatte ja schon vor einer Woche ihren Soldaten verboten, dichter als 80 Kilometer ran zu gehen. Und es ist der größte Kritikpunkt der USA und anderen Strahlenexperten, zu sagen, dieser Evakuierungszone hätte eigentlich längst schon viel größer gezogen werden müssen. Und etliche Ärzte meinen, man sollte doch wenigstens damit anfangen, die Schwangeren und die kleinen Kinder aus dieser Region heraus gesichert, geordnet zu evakuieren, damit die nicht unter der Strahlenbelastung am meisten leiden.

Seynsche: Vielen Dank. Sönke Gäthke war das.

Mehr zum Thema:
Sammelportal "Katastrophen in Japan"

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk