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StartseiteInterview"Es ist viel Polizeipräsenz da"17.04.2013

"Es ist viel Polizeipräsenz da"

Harvard-Gastprofessor: Amerika will wissen, wer hinter dem Attentat steckt

Nach den Bombenanschlägen beim Marathon in Boston hätte die Polizei sofort auf einen Modus umgeschaltet, der absolute Wachsamkeit zur Tagesparole gemacht habe, sagt Henrik Enderlein, Professor für Politische Ökonomie an der Hertie School of Governance in Berlin. In der Stadt herrsche eine angespannte Ruhe, so der Gastprofessor der Harvard Universität.

Henrik Enderlein im Gespräch mit Christine Heuer

Terrorangst nach Anschlägen während Boston-Marathon (picture alliance / dpa / CJ Gunther)
Terrorangst nach Anschlägen während Boston-Marathon (picture alliance / dpa / CJ Gunther)

Silvia Engels: Die beiden Bombenexplosionen am Rande des Boston-Marathons haben drei Menschen das Leben gekostet, über 170 wurden verletzt. Einige schweben weiterhin in Lebensgefahr. Wer die Sprengsätze gelegt hat, ist unklar. US-Präsident Obama sprach aber gestern von einem Terrorakt.

Wir bleiben bei den Folgen des Bombenanschlages von Boston. Gestern Abend sprach meine Kollegin Christine Heuer mit Henrik Enderlein, Professor für Politische Ökonomie an der Hertie School of Governance in Berlin. Er lehrt derzeit als Gastprofessor an der Universität Harvard eben in Boston. An ihn ging die Frage, wo er zum Zeitpunkt des Anschlags war.

Henrik Enderlein: Ich war in meinem Büro. Als Erstes geht heute so etwas über die Smartphones. Das Wall Street Journal hat eine Mitteilung geschickt, und wenn man da liest, zwei Bomben in Boston, dann erschrickt man natürlich erst mal. Ich glaube, meine allererste Reaktion war: na gut, das kann alles Mögliche sein, da kann eine Baustelle explodiert sein. Und es brauchte dann ein paar Minuten, bis klar wurde, das sind tatsächlich zwei koordinierte Anschläge. Ich saß in meinem Büro hier in Harvard, das dann am gleichen Abend noch geräumt wurde, und da versucht man erst mal, Informationen zu sammeln. Spannend hier in Harvard war in der Kennedy School, dass es ein Atrium gibt, wo sich die Studenten aufhalten. Da ist ein Großbildschirm. Da wurde am Morgen das Marathonrennen übertragen. Es war eine wunderbare Stimmung, es ist ein Frühlingstag gewesen in Boston. Und plötzlich schaltet das dann um und man hört die Berichterstattung zu den Attentaten, und jeder in dem Raum kannte jemanden, der entweder beim Marathon mitgelaufen ist, oder als Besucher da war. Dann kommen die Handys raus, die Gesichter sind entsetzt, das waren schon sehr ergreifende Momente.

Christine Heuer: Hatten Sie selbst Angst?

Enderlein: Nein. Ich glaube, Angst ist nicht das richtige Wort. Ich will mal so antworten, wie Amerikaner antworten würden. Die sind wachsam und wissen seit 9/11 immer, dass irgendwas passieren kann. Ich glaube, Angst hat man persönlich in so einem Moment nicht, sondern man guckt einfach, was steckt dahinter. Ist das ein isolierter Einzelakt, oder ist das mehr? Es kam dann am Abend noch die Information, dass es andere Bomben gäbe in der Stadt, die nicht hochgegangen sind. Da wird man natürlich schon sehr, sehr wachsam und guckt. Die Kennedy School hier in Harvard wurde evakuiert, weil das Feuer in der Kennedy Presidential Library auch festgestellt wurde und man nicht wusste, ob es da einen Zusammenhang gibt. Da werden einfach viele Maßnahmen eingeleitet. Als ich dann aus der Universität rauskam, draußen auf der Straße waren zwei Straßenzüge abgesperrt hier in dem Harvard-Viertel, weil man dort Pakete hat liegen sehen. Die Polizei hat sofort auf einen Modus umgeschaltet, der absolute Wachsamkeit zur Tagesparole gemacht hat.

Heuer: Wie ist die Stimmung jetzt am Tag nach dem Anschlag?

Enderlein: Na ja, es ist weiter so eine angespannte Ruhe da. Wenn ein so schöner Tag dann sich ins komplette Gegenteil verkehrt, dann wacht man am nächsten Morgen auf und kann auch nicht zur Tagesordnung übergehen. Man sieht hier ständig Hubschrauber über die Stadt fliegen, es ist viel Polizeipräsenz da. Die Menschen gucken einfach, wissen aber auch: Jetzt müssen wir erst mal warten, wer hinter den Attentaten steckt, und wenn wir das wissen, dann kann sich das Leben wieder weiterentwickeln.

Heuer: In der Tat: Auch wir müssen darüber sprechen, Herr Enderlein, wer wohl hinter diesen Taten stecken kann. Das sind natürlich Spekulationen. Was glauben Sie, wer dahinter steckt?

Enderlein: Im Augenblick sind das wirklich Spekulationen und ich glaube, man sollte sich da nicht einschalten, wenn man nicht die Fakten kennt. Es ist aber sehr wichtig für Amerika, wer hinter dem Attentat steckt. Ich sage mal zwei Szenarien. Ein Szenario ist: Da ist ein Einzeltäter, ein verrückter Einzeltäter, wie das 1995 in Oklahoma der Fall war, oder auch bei dem Anschlag auf die Olympischen Spiele in Atlanta. Wenn das der Fall ist, dann würde dieser Boston-Anschlag sich nicht tief greifend unterscheiden von dem, was wir in Newtown bei dem Schulmassaker vor ein paar Monaten gesehen haben, oder anderen schrecklichen Einzeltaten. Die amerikanische Gesellschaft würde sehr schnell wieder in ihren normalen Modus zurückgehen und sagen, das sind eben Verrückte, da kann man sich nicht schützen.
Wenn es in die andere Richtung ginge und klar würde, da steckt internationaler Terrorismus dahinter, oder auch national organisierter Terrorismus, dann ist es ein ganz anderes Szenario, weil dann die Amerikaner wieder wüssten, wir sind Zielscheibe, wir müssen uns darauf einstellen, dass wir ständig Zielscheibe sind und dass diese Wachsamkeit uns erhalten bleiben muss. Es ist ein Jahrzehnt vergangen seit 9/11, den Bombenanschlägen in New York und Washington, und in diesem Jahrzehnt war Amerika sehr angespannt, aber in sehr viel Ruhe. Und ich glaube, was das Bleibende dieses Anschlags im zweiten Szenario, das ich gerade geschildert habe, sein könnte, ist, dass man merkt, die Anschlagswahrscheinlichkeit ist weiter hoch und man kann dem nicht entgehen.

Heuer: Es ist ja aufgefallen, Herr Enderlein, dass US-Präsident Obama bei seiner ersten Stellungnahme noch nicht von einem Terrorakt gesprochen hat, heute Abend aber sehr wohl. Woran liegt das, warum hat er damit gewartet?

Enderlein: Das ist viel Semantik. Man muss das amerikanische Rechtssystem kennen, um zu wissen, dass wenn sich der FBI eines Falles dieser Art annimmt, dann ist damit praktisch die Definition des Terroranschlags schon erfüllt. Das ist aber eher die juristische Seite. Die Frage ist dann, was ist ein Terroranschlag, und das Weiße Haus hat sich erst schwer mit dem Begriff getan, um nicht zu suggerieren, es geht hier um international organisierten Terrorismus, das, was wir in der Regel mit Terror verbinden, sondern es geht um etwas anderes. Aber klar ist: Wenn zwei Bomben gegen ein Großereignis gezündet werden, selbst wenn das ein Einzeltäter ist, ja dann ist das Terrorismus und dann kann man das Wort auch nennen. Aber ich glaube, wie gesagt: Wir müssen warten, bis klar ist, ob das ein Einzeltäter ist, oder etwas Organisiertes, und dann wird auch sehr schnell klar werden: ist das Terror, wie wir ihn gemeinhin begreifen als ein internationales oder sehr gut organisiertes Netzwerk, oder ist es der Terrorakt eines Einzelnen. Das ist auch Terror, aber von einer anderen Qualität.

Engels: Der Ökonom Henrik Enderlein im Gespräch mit meiner Kollegin Christine Heuer gestern Abend. Derzeit ist er als Gastprofessor an der Universität Harvard in Boston.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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