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StartseiteWissenschaft im BrennpunktZwischen Meer und Unterwelt25.12.2015

Es lebt!Zwischen Meer und Unterwelt

Teil 1 von 3

Sie hausen kilometertief in der Erdkruste, fernab von der Welt im Licht. Ihr bizarres Schattenreich lebt von chemischer Energie oder versorgt sich mit dem, was nach Jahrmilliarden an Organischem in den Gesteinen übrig blieb. Es ist eine unendlich langsame Welt, in der Mikroben ihr Dasein fristen. Unweigerlich fragt man sich da: Ist das überhaupt noch Leben?

Von Dagmar Röhrlich

Der Leiter des Instituts für Marine Biotechnologie, der Mikrobiologe Prof. Thomas Schweder, zeigt am 29.07.2008 im Institut in Greifswald Tiefsee-Würmer, die in einer für den Menschen lebensfeindlichen Umgebung in der Nähe von Tiefseevulkanen ("black smoker") leben.  (picture alliance / dpa / Stefan Sauer)
Die Würmer an den "Black Smokers" genannten Tiefseevulkanen leben in einer Spähre, in der man eigentlich nicht leben können sollte. (picture alliance / dpa / Stefan Sauer)

Seit die moderne Naturwissenschaft mit immer hochauflösenderen Mikroskopen hinschaut, das Räderwerk bis ins Innerste seziert und mit Tiefenbohrungen in die unwirtlichsten Gefilde vorstößt, verschwimmen die Grenzen. Wo beginnt Leben - und wo hört es auf? Viren etwa galten lange als bizarre Form organischer Chemie, als Fehler im Programm. Bis vor wenigen Jahren die Riesenviren auftauchten und das Bild vom Ursprung allen Lebens gehörig erschütterten. Lehrsätze werden revidiert - und neue Freiräume geschaffen. Denn wer Leben versteht, kann es auch neu zusammenbauen - und vielleicht sogar anderes erschaffen.

25.12.2015: Zwischen Meer und Umwelt

27.12.2015: Im Reich der Riesenviren

Die nächsten Teile der Serie "Es lebt":

31.12.2015: Mikroben werden Maschinen


Das Manuskript zur Sendung:

Am Grund der Ozeane beginnt das Reich des Schlamms. Felsen, untermeerische Berge - sie sind rar in dem weichen, grauen Schlick, der sich über Millionen Quadratkilometer erstreckt. Die monotone Landschaft würde leblos wirken - wären da nicht ein paar Seelilien, die ihre Tentakel in die Strömung halten, oder die gewundenen Spuren, mit denen sich Seeigel oder Seegurken verraten. Aus der Wassersäule sinken stetig feine Tonflocken und Nahrungspartikel. Als neuer Schlamm decken sie alles zu, begraben die Oberfläche von einst tiefer und tiefer unter sich. So weit die Tiere wühlen, so weit gelangt noch frisches Wasser in das Sediment. Darunter beginnt das Reich der tiefen Biosphäre: eine Schattenwelt, von der noch niemand weiß, wo sie endet.

Wenn vor 30 Jahren in der Wissenschaft von der "last frontier" die Rede war, von der letzten Grenze, ging es um die Erforschung fremder Planeten oder die endlosen Weiten des Weltraums: Auf der Erde gab es keine weißen Flecken mehr. Ein Irrtum, wie sich jetzt zeigt. Es existiert auch hier, das Unbekannte - und die Mikroben, die sich in der Tiefe des Meeresbodens Gesteinsporen und feinste Risse als Lebensraum erobert haben, sind Teil davon. Die tiefe Biosphäre, sie ist ein gewaltiger, nahezu unerforschter Lebensraum:

In der tiefen Biosphäre führen die Mikroorganismen ein ganz eigenes Leben: in Isolation, abgekapselt, karg, beschreibt Bo Barker Jørgensen, Geomikrobiologe von der Universität von Aarhus. Es kommt fast ohne Energie und Nahrung aus und ist unendlich langsam.

"I really think we just need to get used to the idea of life functioning very differently from what we have studied so far."

Dass Bakterien in der Tiefe von Gesteinen wohnen, entdeckten Erdölgeologen vor knapp 100 Jahren, als sie Wasser untersuchten, das sie mit dem Öl hochpumpten. Später zeigten Analysen, dass diese Bakterien das Erdöl in der Lagerstätte abbauen. Es schien Lebensinseln im steinernen Ozean zu geben. Die wahren Dimensionen dieser tiefen Welt ahnte jedoch niemand. Die Bohr- und Analysetechniken machten Fortschritte - und plötzlich fanden die Forscher in immer tieferen Schichten Zellen. Mit jeder Entdeckung verschob sich die Grenze des Lebens weiter nach unten: Vor 20 Jahren wiesen sie nach, dass Mikroorganismen unter 900 Metern Sediment aktiv sind. Den derzeit gültigen Rekord erzielten die Wissenschaftler im Sommer 2012 bei der Expedition 337 des IODP, des Integrated Ocean Drilling Programs.

"Unser Ziel war es, in eine tiefe Formation zu bohren, das war eine Wassertiefe von ungefähr 1100 Metern, und wir wollten mindestens zweieinhalb Kilometer tief bohren."

Die Gegend lag im Norden Japans, vor der Küste der Halbinsel Shimokita, erzählt Kai-Uwe Hinrichs. Er ist Organischer Geochemiker am Marum, dem Zentrum für Marine Umweltwissenschaften in Bremen. Knapp zwei Monate stand das japanische Bohrschiff Chikyu für dieses Projekt zur Verfügung:

"Das ist also die Standarddauer, für wie lange man das Schiff hat, und im Prinzip ist das immer ein Rennen gegen die Zeit. Wir waren die ganze Zeit unter extremem Zeitdruck, weil wir wussten, wir müssen so tief bohren, weil die interessantesten Schichten sind ganz weit unten."

Und zwar mitten in der Taifunsaison. Aber das Wetter spielte mit. Die Chikyu musste das Bohrloch nicht verlassen, die Arbeiten liefen rund um die Uhr, und die Wissenschaftler erreichten die tiefen Kohle-, Ton- und Sandsteinlagen - doch die Grenze des Lebens erreichten sie nicht:

"Die Frage 'Ist Leben da?', die können wir mit recht hoher Sicherheit einfach beantworten: Ja, es ist Leben da."

Abschätzungen zufolge könnte bis zu einem Drittel der irdischen Biomasse in der tiefen Biosphäre hausen: Mikroorganismen, die in Finsternis existieren, in winzigen Porenräumen des Gesteins oder auf feinsten Klüften, unter hohem Druck und bei Temperaturen, die mit der Tiefe mehr oder weniger schnell ansteigen.

Unter den Schlammweiten des Meeresgrunds versenkt scheint dieser Lebensraum weiter von der Sonne entfernt zu sein als jeder andere. Und doch hängt auch er von ihrem Licht ab, erklärt der Geomikrobiologe Jens Kallmeyer vom  Geoforschungszentrum Potsdam:

"Diese Organismen benutzen organischen Kohlenstoff, sprich Pflanzenreste et cetera, um daraus Energie zu gewinnen. Das heißt das Material, das sie fressen, stammt ursprünglich aus einer Reaktion, an der Sonnenlicht beteiligt war: Mit teilweise Millionen von Jahren Zeitversatz sind diese Organismen immer abhängig vom Sonnenlicht, auch wenn sie selber niemals Sonne gesehen haben."

Allerdings ist das, was einst auf die Schlammweiten gerieselt ist, längst nicht mehr leicht verwertbar:

"Dieses organische Material wird tiefer und tiefer im Sediment vergraben, es altert und damit fällt es immer schwerer, es abzubauen."

Aus Biomolekülen werden komplexe "Geo-Makromoleküle": Moleküle, deren Herkunft noch erkennbar ist, die aber so in der belebten Welt nicht mehr vorkommen.

"Erstaunlicherweise ist selbst nach Jahrmillionen noch etwas übrig, was Mikroorganismen verwerten können."

Das ist eine Spezialisierung dieses Ökosystems, dass man Organismen hat, die mit diesen Geo-Makromolekülen umgehen können und die ihre Energie daraus extrahieren können.

Dabei arbeiten Bakterien mit Archaeen zusammen. Letztere sehen aus wie Bakterien, haben wie sie keinen Zellkern - aber sie sitzen doch auf einem ganz eigenen Ast des Lebens. Gemeinsam attackieren die beiden Gruppen dort unten die in unseren Augen "unverdauliche" Nahrung: Sie sondern Enzymen ab, um sie in kleinere Moleküle zu zerlegen. Nehmen sie auf, bauen sie ab, vergären sie. Was an Abbaustoffen anfällt, wird weitergereicht an andere  - bis irgendwann nur noch Methan übrig ist.

"Das Methan kann von den Mikroorganismen im tiefen Meeresboden nicht mehr benutzt werden, ist dort unten ein reines Abfallprodukt. Es kann jedoch nach oben dringen, in flachere Bereiche, wo Mikroorganismen leben, die es zersetzen können."

"Man muss sich das wirklich so vorstellen, dass die Geschwindigkeit, mit der man die Substanzen abbauen kann, nicht mit dem Faktor zwei oder drei abnimmt, sondern mit dem Faktor Million. Es wird alles also sehr, sehr langsam."

Ein Ökosystem, das wie erstarrt wirkt. Anfangs fragten sich die Forscher, ob sie es nicht doch mit Fossilien zu tun hätten. Erst mit neuen Analysemethoden konnten sie in den Bohrkernen winzige Mengen an Stoffwechselprodukten ausmachen: Die Bakterien und Archaeen leben also - irgendwie, denn rein rechnerisch läuft ihr Stoffwechsel 10.000mal langsamer ab als der eines Feld-Wald-Wiesen-Bakteriums:

"Viele dieser Organismen arbeiten am absoluten Limit, weit weg von dem Limit, was wir als unterstes Limit für Leben uns überhaupt vorstellen können."

"Das ist Leben in der Kriechspur."

"Es ist einfach nicht mal theoretisch für uns vorstellbar, wie eine Zelle mit dem Energiegehalt von der Bewegung eines Elektrons pro Sekunde überleben soll."

"Auch in der tiefen Biosphäre, in der die Organismen so extrem langsam wachsen, müssen sie Schäden an ihren Zellen beseitigen."

"DNA muss repariert werden. Proteine, die nicht mehr funktionieren, müssen ausgetauscht werden. Deshalb müssen diese Zellen kontinuierlich Nahrung zu sich nehmen, sie brauchen Energie für die Reparaturen."

Je langsamer die Abläufe, desto schwieriger wird es, am Leben zu bleiben. In unserer Welt bilden Bakterien Sporen, um schlechte Zeiten zu überdauern. Neue Analysen zeigen, dass sich Sporen tatsächlich auch in der Tiefe der Gesteine anreichern. Ob der Trick jedoch noch funktioniert, da ist sich Bo Barker Jørgensen nicht sicher:

"Meiner Meinung nach ist es sehr unwahrscheinlich, dass sie jemals wieder aufwachen. Denn mit der Zeit reichern sich in diesen schlafenden Organismen immer mehr Zellschäden an, die dann repariert werden müssten. Dafür fehlt jedoch die Energie. In der tiefen Biosphäre werden die Bedingungen niemals besser, nur schlechter und schlechter, es ist eine Sackgasse. Wenn sie schlafen, werden sie weiterschlafen, bis sie eines Tages verschwinden."

"Unsere Bohrkerne stammen aus Tiefen von bis zu 950 Metern unter dem Meeresboden. Das war damals die tiefste wissenschaftliche Bohrung überhaupt."

Magnus Ivarsson vom Schwedischen Museum in Stockholm erinnert sich an eine Bohrung in eine untermeerische Vulkankette vor Hawaii. In den Bohrkernen interessierten ihn vor allem Risse in Gesteinsadern: Darin, so die Hoffnung, könnte es Wasser und damit Leben geben.

"Wir rechneten nicht wirklich damit, irgendetwas zu finden. Tatsächlich jedoch waren diese Adern voller Fossilien, die wir zuerst für versteinerte Prokaryonten hielten, für Bakterien und Archaeen. Was sollte es sonst in dieser extremen Umgebung sein?"

Schließlich sollte das Leben in den Steinverliesen zu karg sein für komplexe Lebewesen mit Zellkern, zu denen Algen ebenso gehören wie Würmer oder Menschen: Sie stellen höhere Ansprüche.

"Als wir diese Strukturen dann näher untersuchten, erkannten wir, dass wir in Wirklichkeit fossilisierte Überreste von Pilzen vor uns hatten. Das gesamte Gestein bis in 950 Metern Tiefe war von fossilem Pilzmyzel durchzogen."

Der Fund war eine Sensation, denn er revolutioniert das Bild von der schlichten, einfach strukturierten Mikrobenwelt. Die Bohrung Ivarssons zielte nicht auf die Sedimente des Meeresbodens, sondern auf das Basaltgestein einer untermeerischen Vulkankette. Inzwischen sind jedoch auch lebendige Pilze aufgetaucht, in marinen Bohrkernen rund um die Welt.

"Pilze ernähren sich davon, dass sie andere Lebewesen zersetzen. Sie brauchen also eine konstante Versorgung mit Stoffen, die sie abbauen und recyceln können. Sie leben dazu in Symbiose mit den Bakterien und Archaeen, und solche Symbiosen stärken die Gemeinschaften, machen sie unabhängiger gegen Umweltstress. Ich würde sagen, dass es da unten eine recht komplexe Lebenswelt gibt."

Noch ein anderer Mitspieler hat den Übergang von der Oberfläche in die tiefe Biosphäre geschafft: die Viren. Genetische Verteidigungsspuren verraten, dass sie aktiv sind: Sie infizieren tatsächlich Zellen, bestätigt William Orsi von der Ludwig-Maximilian-Universität in München:

"Diese Viren spielen vielleicht sogar eine zentrale Rolle in den Nahrungsnetzen, denn wann immer ein Bakterium durch eine Infektion stirbt, entlässt es den leicht verdaulichen Inhalt seiner Zelle in die Umwelt."

"Wenn man sich Zellen vorstellt, die seit Jahrmillionen in ihrem isolierten Habitat begraben sind und nichts als Geo-Makromoleküle um sich herum haben, dann wäre es doch nett, wenn plötzlich ein Nachbar von einem Virus infiziert wird und stirbt. Es gäbe frisches Zellmaterial zu essen."

Im freien Meerwasser sind Viren Triebfedern im Ökosystem, weil sie Tag für Tag große Mengen an leicht bioverfügbaren Nährstoffen freisetzen. Vielleicht spielen sie diese  Rolle auch in der tiefen Biosphäre? Jens Kallmeyer kann sich allerdings auch eine andere Sicht auf die Viren  vorstellen. Ein Virus enthält  DNA. DNA ist nahrhaft, und die Mikroben haben Enzyme, um Viren aufzulösen und zu verdauen. Vielleicht sind die Viren dort unten nicht nur Jäger, sondern auch Gejagte.

"Um es mal auf die Oberfläche zu beziehen: Sind die Viren die Löwen, die die Bakterien - in dem Falle sagen wir mal, unsere Gazellen -, in Schach halten? Oder ist es genau andersrum, sind die Viren die Gazellen und die Bakterien die Löwen?"

Im Labor lassen sich die Bewohner der tiefen Biosphäre nicht vermehren. Also picken sich die Mikrobiologen einzelne Zellen heraus, deren Genom sie sequenzieren. Oder sie wählen ein Mittel, das man in der Kryptologie eine Brute-Force-Methode nennt, eine "Methode der rohen Gewalt": die Metagenomik. Dabei wird mit ausgeklügelten Methoden einfach alles sequenziert, was sich in der Probe an Genmaterial finden lässt: Bakterien, Archaeen, Viren, Pilze - die ganze Gemeinschaft auf einmal. So entsteht eine Art genetischer Zensus. Und der verrät, dass die Wurzeln dieser bunten, tiefen Lebenswelt an der Oberfläche liegen:

"Die Organismengruppen, die wir da unten finden, sind weniger alien, als wir es uns eigentlich im ersten Überlegen vorstellen können."

Die Bewohner sind vielmehr Überlebende - und die tiefe Biosphäre ein Art Geschichtsbuch, in dem sich die mikrobiologische Lebenswelt vergangener Epochen studieren lässt.

"Es gibt eigentlich keine Organismen, wo wir sagen können, das sind reine Tiefe-Biosphäre-Organismen, die kommen nur da unten vor, und sie haben keinerlei Verwandte an der Oberfläche."

Allerdings hat sich ihre Umwelt seit ihren Zeiten an der Oberfläche extrem verändert. Als mehr und mehr Sediment sie zudeckte, begannen in den Porenräumen, in denen sie lebten, winzige Kristalle zu wachsen, die die Körner zementierten. Je tiefer sie versanken, desto höher stieg der Druck: Der presste Wasser heraus, verdichtete den Schlamm, der sich allmählich in festes Gestein verwandelte. Mit der Tiefe stieg die Temperatur, die Veränderungen liefen weiter... Wer in den immer winzigeren Porenräumen dieses Ökosystems leben wollte, musste sich auf die Veränderungen einstellen können.

"Zunächst einmal werden die Organismen die besten Chancen haben zu überleben, die also in irgendeiner Form sich anpassen können an geringere Energieflüsse, also einfach die Tatsache, dass eben die Speisekammer nicht den ganzen Tag geöffnet ist, sondern alle paar Monate, alle paar Jahre mal, oder alle paar Jahrzehnte mal."

"Sie sind eindeutig dazu in der Lage, extrem langsam zu leben und zu wachsen. Die große offene Frage ist: Besaßen schon ihre Vorfahren an der Oberfläche diese Eigenschaft - oder haben sie sie erst im Rahmen der Evolution in der Tiefe entwickelt?"

Bei einigen Anpassungen ist klar, dass Bakterien sie erst in der Tiefe erwarben. Beispiel: die Lipidstrukturen der Zellmembran. Die von Bakterien sind eigentlich von Natur aus durchlässig: Sie verlieren die ganze Zeit über Energie in Form von Ionen an die Umwelt - eine in der tiefen Biosphäre tödliche Verschwendung. Die Archaeen, deren Anteil an der Biosphäre mit der Tiefe ohnehin ansteigt, sind da im Vorteil: Ihre Hüllen sind dank Etherlipiden stabiler, fester.

"Etherlipide in bakteriellen Kulturen sind eigentlich eine Seltenheit. Aber es scheint die überwiegende Strategie zu sein bei Organismen, die in großer Tiefe leben."

Anscheinend haben die Bakterien diesen "Trick" von den Archaeen übernommen:

"Der Verdacht, dass es da horizontalen Gentransfer gibt, der liegt sicherlich nahe, wenn man sich die Lipidstrukturen anschaut."

"Überhaupt scheint es für die tiefe Biosphäre typische genetische Anpassungen zu geben. In den tiefen Bohrkernen sehen wir viele Mutationen, die dafür sprechen, dass die Zellen immer mehr in ihr Überleben investieren müssen. Den Mikroorganismen steht immer weniger Energie zur Verfügung, und für Reparaturen geht ein immer höherer Anteil ihrer Energie drauf."

Unter diesen Bedingungen wird der Generationswechsel zum Luxus. Weil alle Lebensprozesse so langsam ablaufen, war lange unklar, ob sich die Zellen überhaupt teilen. Aber sie tun es. Das jedenfalls lässt sich anhand von Boten-RNA nachweisen, also der Erbsubstanz, die die Informationen zum Bau von Proteinen weiterträgt.

"Wir fanden erstmals Beweise dafür, dass sich die Zellen in der tiefen Biosphäre teilen, und zwar in Form dieser RNA-Schnipsel. Sie sind ein wirklich guter Beweis."

Boten-RNA zerfällt rasch, sie lässt sich im Sediment nicht konservieren. Findet man sie, läuft irgendwo eine Zellteilung. Andererseits sind die RNA-Mengen äußerst gering:

"Überschlagsrechnungen zufolge teilt sich nur ein ganz kleiner Prozentsatz der Zellen, die dort unten leben. Die meisten sind nicht sehr aktiv."

Soweit nicht überraschend. Doch wie funktioniert dann Evolution? Was wird aus dem Spiel von Mutation und Auslese, wenn im Lauf von Hunderttausenden oder Millionen Jahren nur wenige Generationen aufeinander folgen?

Ein Mikroorganismus, den die Forscher heute in einer Sedimentprobe aus der tiefen Biosphäre entdecken, kann Jahrhunderte alt sein oder Jahrtausende ... Er altert nicht, sondern hat im Laufe seines Lebens nur seine Zellbausteine langsam und allmählich ausgetauscht...

"Das ist eine gewisse Form von Unsterblichkeit."

Bei der Erforschung der tiefen Biosphäre gibt es noch viele Unbekannte. Wo liegen die Grenzen der Anpassung an extremen Energiemangel und unendliche Langsamkeit? Und vor allem: Wo endet die Biosphäre? Je mehr die Forscher über die Unterwelt erfahren, umso mehr beschäftigt sie diese Frage. Bislang sind sie in keiner ihrer Bohrungen auf diese Grenze gestoßen. Allerdings ließ die IODP-Expedition 337 vor der Küste von Shimokita eine Ahnung aufkommen, wie das Ende aussehen könnte.

Vor Shimokita liegt unter mächtigen Meeressedimenten ein Sumpf begraben. 20 Millionen Jahre haben ihn in eine Zeitkapsel verwandelt:

"Die Organismen, die wir auf Basis von Genen eben nachweisen konnten, waren denjenigen am ähnlichsten, die man heutzutage in einem Waldboden finden würde."

Die Nachfahren der Bakterien und Archäen aus dem Sumpf haben es also bis unter die Tiefsee geschafft.

"Wenn wir uns die Konzentration an Zellen anschauen, dann haben wir in den Kohlelagen in der Größenordnung von 100-1000 Zellen pro Milliliter, d.h., also das, was man sonst vielleicht an ganz entlegenen Stellen des Pazifiks doch finden würde. Das ist also noch relativ hoch."

In den Flözen geht es den Mikroorganismen selbst nach so langer Isolation noch gut. Die Archaeen sind aktiv, produzieren Methan.

In den Ton- und Sandsteinlagen dazwischen sieht das jedoch anders aus:

"Da waren die Zellzahlen in der Größenordnung von einer bis zehn Zellen, und teilweise auch weniger als eine Zelle pro Milliliter. Das sind äußerst geringe Konzentrationen."

Dort wird das Leben so rar, dass es sich nur noch mit aufwendigsten Hightech-Methoden nachweisen lässt.

"Irgendetwas mit den Organismen ist da aus der Balance geraten."

Hitze kann Gesteine sterilisieren, aber zu hohe Temperaturen scheinen vor Shimokita keine Rolle zu spielen:

"Wir wissen eben aus der Bohrformation,  wir haben sehr gute Temperaturdaten, dass die Temperaturen, wo die Organismen leben, 50, 60° C sind in diesen tiefsten  Schichten. Das ist jetzt warm aus der menschlichen Sicht, aber für Mikroorganismen ist das eher normal."

Allerdings nehmen bei diesen Temperaturen die Abbauprozesse in den Zellen stark zu - die Zellen müssen immer mehr Reparaturen durchführen, um funktionsfähig zu bleiben - zusätzlich zu denen, die ohnehin anfallen:

"Man muss auch im Hinterkopf haben, dass diese Mikroorganismen sehr, sehr lange leben, und als Folge gehen bestimmte molekulare Zellbausteine kaputt, was normalerweise eben behoben wird, indem Reparatur stattfindet."

Reparaturen verlangen Energie. Die Messungen an den Bohrkernen zeigen, dass es auch daran nicht mangeln sollte. Es fehlt ihnen weder an Energie noch an Nährstoffen. Und doch lebt dort so gut wie niemand mehr. Kai-Uwe Hinrichs favorisiert diese Erklärung :

"Die Organismen sind nicht mehr in der Lage, das Substrat zu nutzen. Wir haben spekuliert, dass einfach physikalische Eigenschaften eine Rolle spielen: die Verfügbarkeit von Wasser."

Die These: Die immensen Drücke haben Ton- und Sandsteine in kompakte Massen verwandelt und die Feuchtigkeit herausgepresst. Nur noch Spuren von Wasser halten ein paar Organismen am Leben, aber die Feuchtigkeit stellt keine Verbindung mehr her zwischen den Gesteinsporen. Abbauprodukte können nicht mehr abtransportiert, Nährstoffe nicht mehr herangeschafft werden...

Vielleicht ist die Grenze des Lebens dort ganz nah. Die IODP-Expedition 337 könnte ein Fenster aufgestoßen haben in die Region, in der das Leben endgültig zum Erliegen kommt.

"Wenn mir vor 30 Jahren jemand gesagt hätte, es gibt Organismen auf der Erde, die vermutlich Tausende bis Zehntausende Jahre leben oder lebensfähig bleiben oder vielleicht sogar auf einer ganz geringen Rate am Leben sind und aktiv sind, das hätte ich wahrscheinlich nicht geglaubt, denke ich. Das hätte ich für Science-fiction erklärt, vermute ich."

Unter dem Boden der Ozeane, dort wo wir noch vor wenigen Jahrzehnten das Ende der Welt vermuteten, liegt der ausgedehnteste Lebensraum der Erde - ein Schattenreich, unendlich langsam und karg, das ein ganz neues Licht wirft auf das irdische Leben:

"Schon allein, dass wir uns diese Gedanken machen, was lebt und was lebt nicht oder wo ist die Grenze zwischen Leben und Tod in solchen Systemen, diese Fragen allein zeigen schon, dass sich da etwas geändert hat in unserem Bewusstsein."

Viele Fragen sind offen: Etwa, welche Rolle diese verborgenen Gemeinschaften in den großen Stoffzyklen der Erde spielen, welche Verbindungen es gibt zwischen unserer und ihrer Welt. Das Wissen über die tiefe Biosphäre - noch hat es auf einer Nadelspitze Platz.


Externe Links:

Das Deepcarbon-Netzwerk erforscht die Rolle des Kohlenstoffs auf der Erde und vor allem die der tiefen Biosphäre in den globalen Zyklen.

Das Hinrich-Lab am Marum stellt das Ökosystem tiefe Biosphäre vor.

Pressemitteilung zu der Forschung von William Orsi zur tiefen Biosphäre

Pressemitteilung des GFZ zur Forschung von Jens Kallmeyer zur tiefen Biosphäre

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