Kalenderblatt / Archiv /

 

Es roch nach Tod und Blut

Vor 20 Jahren starben 111 Häftlinge bei einer Gefängnisrevolte in São Paulo

Von Victoria Eglau

Am 19.2.2001 wurde eine weitere Revolte im brasilianischen Gefängnis Carandiru in São Paulo beendet.
Am 19.2.2001 wurde eine weitere Revolte im brasilianischen Gefängnis Carandiru in São Paulo beendet. (picture-alliance / dpa / epa afp Monica Zarattini)

Das Carandiru-Gefängnis im brasilianischen São Paulo war einmal mit bis zu 8.000 Häftlingen das größte Gefängnis Südamerikas. Am 2. Oktober 1992 richtete die Militärpolizei dort nach einer Häftlingsmeuterei ein Blutbad an. Bis heute wurden die Täter nicht bestraft.

"Es roch nach Tod, nach Blut, obwohl bereits geputzt worden war."

Der forensische Psychiater Mariano Castex besuchte als Berichterstatter für Amnesty International das Carandiru-Gefängnis in São Paulo. Drei Tage zuvor, am 2. Oktober 1992, waren 102 Insassen der stark überbelegten brasilianischen Haftanstalt – der größten Südamerikas – von Polizisten erschossen worden. Neun weitere starben an Stichwunden. Die Militärpolizei des Bundesstaats São Paulo hatte die Kontrolle über Carandiru übernommen, nachdem dort nach einem Streit zwischen Gefangenen eine Revolte ausgebrochen war.

"Es waren noch Spuren von der Niederschlagung der Rebellion vorhanden, darunter eine Menge Kugeln und Patronenhülsen. Wir konnten feststellen, dass ein großer Teil der Häftlinge Schüsse ins Genick oder in die Stirn erhalten hatte. Die Polizei hatte auf schlafende oder essende Gefangene geschossen, das heißt, auf wehrlose Menschen."

Der von dem Argentinier Castex mitverfasste Untersuchungsbericht von Amnesty International stellte fest, dass schwer bewaffnete Spezialeinheiten die Häftlinge regelrecht hingerichtet hatten. Dagegen starb kein einziger Militärpolizist bei der Niederwerfung des Aufstands, die als Massaker von Carandiru bekannt geworden ist. Fotos der 111 aufgetürmten Leichen im Gefängnishof schockierten die brasilianische und internationale Öffentlichkeit. Repression war in den völlig überfüllten Haftanstalten des südamerikanischen Landes an der Tagesordnung, aber niemals waren die Sicherheitskräfte so brutal vorgegangen wie im Oktober 1992 in Carandiru. Thomas Faltheuer, langjähriger Leiter der Böll-Stiftung in Brasilien:

"Der damalige Gouverneur, Fleury Filho, Gouverneur von São Paulo, der galt als ernsthafter Anwärter auf den Präsidentschaftsposten. Dessen politische Karriere ist im Grunde genommen ruiniert worden durch Carandiru. Das nur Mal als kleiner Indikator dafür, dass es doch ein Ereignis war, das weitreichende Konsequenzen hatte auch im politischen System Brasiliens."

Doch keiner der Todesschützen von Carandiru wurde bestraft. Seit 20 Jahren fordern die Angehörigen der Opfer und Menschenrechtsgruppen vergeblich Gerechtigkeit. Zwar klagte die Militärjustiz nach dem Massaker mehr als 100 Angehörige der Militärpolizei wegen Mordes und schwerer Körperverletzung an. Aber verurteilt wurde nur der Chef des Einsatzkommandos, Oberst Ubiratan Guimaraes. 2001 erhielt er eine Haftstrafe von 632 Jahren. Doch die Strafe trat er nie an. Und fünf Jahre später wurde er, inzwischen Parlamentsabgeordneter, in zweiter Instanz freigesprochen, allerdings im selben Jahr vermutlich von seiner Geliebten umgebracht.

"Der Freispruch war eben auch ein Signal dann, 2006, dass wahrscheinlich nichts mehr von Strafverfolgung zu erwarten ist."

Dass die Ermordung von mehr als 100 Insassen des Carandiru-Gefängnisses ungesühnt blieb, erklärt der brasilianische Jurist und Menschenrechtler Hélio Bicudo so:

"Das ist ein Problem der Mängel des brasilianischen Justizsystems. Die Militärjustiz stellt die Straffreiheit der Militärpolizisten sicher, und in dieser Straffreiheit liegt die Polizeigewalt begründet."

Carandiru, einst ein Vorzeigegefängnis, das sogar der emigrierte österreichische Schriftsteller Stefan Zweig besuchte und lobte, wurde 2002 gesprengt. An seiner Stelle befindet sich heute ein Park, in dem Jugendliche Sport treiben, an Kursen und Kulturveranstaltungen teilnehmen können.

Auch wenn das Gebäude verschwunden ist – an das Verbrechen, das hier stattfand, erinnern ein Film und mehrere Songs, darunter "Manifest" von der brasilianischen Thrash Metal-Band "Sepultura". Der erfolgreiche Spielfilm "Carandiru" von Hector Babenco aus dem Jahr 2003 basiert auf dem Bestseller des Arztes Drauzio Varella, der die Haftanstalt wie kaum ein anderer von innen kannte. Varella hatte sich jahrelang bemüht, die mehr als 7.000 Gefangenen über Aids aufzuklären. Buch und Film haben dazu beigetragen, in Brasilien mehr Verständnis für die Menschen in den überfüllten Gefängnissen zu wecken. Doch an den unwürdigen Haftbedingungen hat sich bis heute wenig geändert.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kalenderblatt

Krebsforschungszentrum HeidelbergKeimzelle der Tumorbekämpfung

Das Logo des Deutschen Krebsforschungszentrums ist am 23.04.2014 in Heidelberg (Baden-Württemberg) am Hauptgebäude zu sehen. Das DKFZ feiert in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen.

Mit vielen klugen Köpfen an einem wichtigen Problem arbeiten – das war die Idee, die vor 50 Jahren zum Deutschen Krebsforschungszentrum führte. Inzwischen sind zwei Nobelpreise nach Heidelberg gegangen. Und die Pläne für die Zukunft bleiben ambitioniert.

Archäologe WiegandEin Netzwerker ohne Berührungsängste

Blick auf das Wiegand-Haus (erbaut 1911/12 vom Architekten Peter Behrens), Sitz der Zentrale des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI), in Berlin-Dahlem, Podbielskiallee, aufgenommen am 27.11.2001. Den Bau des Hauses gab Theodor Wiegand, der erfolgreiche Ausgräber von Priene, Milet, Didyma und Amos, in Auftrag. Das Deutsche Archäologische Institut ist eine der ältesten deutschen Forschungsinstitutionen. Es wurde im April 1829 in Rom von einem Freundeskreis aus Gelehrten, Künstlern und Diplomaten als "Instituto di corrispondenza archeologica" gegründet, um die Denkmäler der antiken Kunst, der Epigraphik und der Topographie bekanntzumachen und zu erforschen. 1833 übersiedelte die Leitung des Instituts nach Berlin, 1859 übernahm Preußen die Finanzierung, 1874 wurde es Reichsinstitut. Der Schwerpunkt der Tätigkeit liegt traditionell in den Ländern des Mittelmeerraumes und des Vorderen Orients.

Der Archäologe Theodor Wiegand war ein wichtiger Kopf beim Bau des Berliner Pergamonmuseums. Sein Talent, Kontakte zu knüpfen, brachte ihm in der Kaiserzeit, während der Weimarer Republik und auch zur Nazizeit die Unterstützung der Eliten. Hitler selbst empfing ihn zum Gespräch. Vor 150 Jahren wurde er geboren.

Dichter Pejo JaworowEin Leben wie ein Drama

Schwarzweißfoto eines Schreibtisches

Heute vor 100 Jahren starb der Dichter Pejo Jaworow, dessen Leben einem Roman gleicht. Seine große Liebe erliegt in Paris der Tuberkulose, seine Frau muss er kurz nach der Hochzeit verlassen, um in den Krieg zu ziehen. Als wichtigster Vertreter des bulgarischen Symbolismus zählt Jaworow bis heute zu den herausragenden Dichtern seines Landes.