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StartseiteKultur heute"Es sind ganz wenige Splatter-Szenen"08.12.2011

"Es sind ganz wenige Splatter-Szenen"

Filmkritiker Suchsland über "Mad Circus – Eine Ballade von Liebe und Tod"

Er räumte in Venedig ab, und ist in Teilen eine Horrorballade mit dosiertem Splatter-Anteil: Álex de la Iglesias "Mad Circus" könnte auf den ungeübten Kinobesucher verstörend wirken. Doch unser Filmkritiker Rüdiger Suchsland beruhigt: Es gebe wenige Splatter-Szenen - die Grausamkeit entspringt für ihn aus den Bildern, die im Kopf des Zuschauers entstehen.

Rüdiger Suchsland im Gespräch mit Burkhard Müller-Ullrich

Burkhard Müller-Ullrich: Der Film, um den es jetzt geht, hat letztes Jahr beim Festival in Venedig die Preise für beste Regie und bestes Drehbuch bekommen. Er heißt "Mad Circus", eine Ballade von Liebe und Tod, und ist eine ziemlich bestialische Horrorballade, die Kritiker und andere Afficionados vielleicht komisch finden, aber die auf jemanden, der cinematographisch nicht so abgehärtet ist, ziemlich verstörend wirkt. Rüdiger Suchsland, es wird gemetzelt, erst zwischen Republikanern und Francisten im Spanischen Bürgerkrieg und dann unter Psychopathen in einem Zirkus 25 Jahre später. Álex de la Iglesia heißt der Autor und Regisseur, und er hat schon einiges in diesem derben Stil geschaffen. Ist es an der Grenze zu Splatter, oder schon darüber?

Rüdiger Suchland: Um die Zuhörer nicht zu erschrecken: Es sind ganz wenige Splatter-Szenen. Natürlich ist es zwischendurch mal blutig, es geht schließlich um zunächst am Anfang den Bürgerkrieg und dann ziemlich schnell um die Repressionen der späten Franco-Ära, also diese Zeit der frühen 70er-Jahre. Gleichzeitig ist das auch eine sehr zarte Liebesgeschichte, und im Grunde genommen geht es darum, dass der Regisseur, Álex de la Iglesia, ein bisschen den Irrsinn des Lebens unter einer Diktatur zu fassen versucht – sicher in einer burlesken, teilweise grotesken Weise. Man kann da auch an spanische Traditionen denken, an die Filme von Luis Buñuel, der ja ein Surrealist war, und es gibt solche surrealistischen Elemente ...

Müller-Ullrich: ... die aber, wenn ich mich recht an meine Visionen von Buñuel entsinne, nicht von geschundenen Leibern und gerissenen Gliedmaßen und verbrannten Gesichtern voll waren.

Suchsland: Nein, das ist hier auch nicht. Verbrannte Gesichter gibt es, aber es gibt zum Beispiel auch eine Szene, wo die Hauptfigur, der eine Weile wie so ein Kaspar Hauser im Wald gelebt hat, dann von einem francistischen General auf der Jagd gefunden wird und dann als sein Hund im Haus lebt, also zum Beispiel geschossene Rebhühner apportieren muss, aber auch gestreichelt wird, aber auch getreten wird, das was vielleicht spanische Generäle mit ihren Hunden machen. Das ist natürlich eine Szene, die auch symbolisch gemeint ist, die etwas anderes sagt. Ich würde wirklich die Betonung nicht so sehr auf die Grausamkeit dessen legen, was man sieht, sondern auf die Grausamkeit dessen, was geschieht, was man sich vorstellt. Aber natürlich ist das in einer, wenn man so will, katholischen Bildertradition, wo es darum geht, die Dinge auch zu zeigen, und tatsächlich geht es im Kino ja um das, was man sieht, in allererster Linie.

Müller-Ullrich: Da jetzt von der Intention die Rede war, müssen wir mal ganz kurz im Leben des Regisseurs selbst forschen. Er ist ja ein Baske, kommt aus einer Gegend, die schon einiges an Gewalt auszuhalten hatte. Hat der Film eine Botschaft, eine politische Botschaft?

Suchsland: Ja, unbedingt. Es ist natürlich die Botschaft, erst mal sehr allgemein gesagt, für die Freiheit und für die Liebe des Einzelnen. Es fußt auf der Erfahrung des Regisseurs. Álex de la Iglesia wurde in den frühen 60er-Jahren in Bilbao geboren und er erzählt selbst – er hat das aus Anlass der Filmpremiere getan -, wie er seine eigene Kindheit erlebt hat. Wenn man ein ganz normales bürgerliches Kind im Baskenland war – die Eltern waren nicht im politischen Widerstand, aber sie waren auch keine Freunde von Franco natürlich -, dann hat man Angst gehabt vor der Polizei, vor der Guardia Civil, dieser speziellen Miliz. Man wusste, da kann immer alles passieren, da herrscht vor allem die Willkür, und es gab immer wieder Razzien, es gab immer wieder so ein grundsätzliches bleiernes Bedrohungsgefühl. Das vor allem möchte er beschreiben, wobei dieser Film nicht im Baskenland spielt. Er spielt in Madrid, in der Hauptstadt Spaniens, vor allem.

Müller-Ullrich: Mir ist der Verweis auf Geschichte immer ein bisschen verdächtig, denn natürlich kann man den Horror der Geschichte heranziehen, um alles zu rechtfertigen, was das Gruselkino sozusagen zu bieten hat. Aber ist das nicht auch ein Bedienen – wir haben es bei "Inglorious Bastards" und vielen anderen Filmen schon diskutiert – niedriger Gefühle unter der Vorspiegelung hoher Kunst? Oder anders gesagt - das wird ja von der Kritik immer sehr gelobt, auch von Ihnen sicherlich - große Metapher auf das Franco-Regime, aber in Wirklichkeit schmutziges Mitternachtskino?

Suchsland: Nein, das ist es nicht. Ich halte ja Tarantino auch für einen großen Film, und tatsächlich ist der Verweis auf Tarantino ein sehr guter. Das ist, wenn man so will, eine spanische und katholische Version, auch eine etwas ernsthaftere Version der "inglorious Bastards", bezogen auf den Francismus. Ich glaube, man muss sich ganz klar machen, dass es eine Kinotradition gibt, die eben große Meister beinhaltet wie Bunuel, wie die Surrealisten überhaupt, in der es ums Zeigen geht. Ich denke, wenn man grauenhafte Dinge beschreiben will, dann muss man die auch zeigen im Kino. Sonst kann man tatsächlich Geschichtsbücher lesen, das ist dann besser. Es ist aber nicht so, dass die ausgebeutet werden. Der Filmemacher ist nicht auf der Seite eines Publikums, was sich auf die Schenkel klopft. Das ist auch kein Film zum Schenkelklopfen, es ist kein Film, wo man wahnsinnig viel lachen kann über diese Dinge. Man lacht manchmal, aber so auf eine Weise, dass es einem im Hals stecken bleibt. Es sind böse Witze. Es ist nicht ein Kino, was unsere niederen Instinkte bedient. Da gibt es ganz andere Sachen, wo tatsächlich die Fans sich in einer schmutzigen Videothek bedienen können und viel mehr auf ihre Kosten kommen. Hier geht es um ernsthafte Themen und um einen Teil, den wir vielleicht nicht gerne wahr haben, der aber Teil des menschlichen Lebens ist, den man nicht abspeisen kann.

Müller-Ullrich: Rüdiger Suchslands standhafte Verteidigung des Films "Mad Circus – Eine Ballade von Liebe und Tod" von Álex de la Iglesia, ab heute in ihrem Kino.

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