• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 11:00 Uhr Nachrichten
StartseiteInterview"Es war Psychoterror und die Leute hatten das so satt"22.12.2009

"Es war Psychoterror und die Leute hatten das so satt"

Schriftsteller Richard Wagner zum Sturz von Ceausescu vor 20 Jahren in Rumänien

Das Regime Ceausescus hat für den rumäniendeutschen Schriftsteller Richard Wagner eine einzigartige Stellung unter den osteuropäischen Diktaturen. Angetreten als Reformer habe er eine Familiendiktatur installierte. Als seine Autorität dahin war, wollten ihn die Leute nur noch tot sehen, erklärt Wagner den Prozess und die Hinrichtung des Diktators und seiner Frau.

Richard Wagner im Gespräch mit Jochen Spengler

Nicolai Ceausescu, ehemaliger Präsident Rumäniens † (AP)
Nicolai Ceausescu, ehemaliger Präsident Rumäniens † (AP)
Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

"Der 21. Dezember 1989 war ein sehr spannender Tag"

Jochen Spengler: Wir blicken auch heute Morgen noch einmal zurück in das Jahr 1989. Es war ja ein wirklich atemberaubendes Jahr, das da vor 20 Jahren allmählich ausklang. Der Ostblock löst sich auf, die Menschen wehren sich erfolgreich gegen die jahrzehntelange Unterdrückung, im Baltikum, in Polen, in Ungarn, in der Tschechoslowakei, die damals noch so hieß, und auch in der DDR ist Honecker längst abgetreten und die Mauer offen. Nur in Rumänien, wo die Not besonders groß ist, scheint sich zunächst wenig zu tun, und dann kommt es in Temeswar am 16. Dezember zum Aufstand, den das Regime blutig niederschlägt. Wenige Tage später, am 21. Dezember, spricht Präsident Ceausescu im Zentrum der Hauptstadt Bukarest zu 100.000 Menschen. Unvergessen sind die Fernsehbilder, die am Anfang Jubel zeigen und dann aber, wie der um seine Verfassung ringende Diktator ausgebuht wird.

Einen Tag später, heute vor 20 Jahren, fliehen Ceausescu und seine Frau Elena. Sie werden gefasst und am 1. Weihnachtstag von Offizieren hingerichtet. – Am Telefon begrüße ich nun den rumäniendeutschen Schriftsteller Richard Wagner, der nach einem Arbeits- und Publikationsverbot von Rumänien in die Bundesrepublik ausreiste, im Jahre 1987, also zwei Jahre vor den dramatischen Ereignissen, gemeinsam mit seiner damaligen Ehefrau, der diesjährigen Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller. Guten Morgen, Herr Wagner.

Richard Wagner: Guten Morgen!

Spengler: Herr Wagner, Sie waren schon im Westen, als der Diktator gestürzt wurde. An was erinnern Sie sich, wenn Sie sich noch einmal die Bilder zurückrufen?

Wagner: Ich erinnere mich genau an diese Szene. Das war gleichzeitig makaber und urkomisch, wenn man diesen Typen sah, der ja mein halbes Leben bestimmt hatte.

Spengler: Wieso hatte der Ihr halbes Leben bestimmt?

Wagner: Als der an die Macht kam, 1965, da war ich 13 Jahre alt, und als ich aus Rumänien weg bin, war er immer noch an der Macht und ich war 35. In dieser Zeit, in diesen letzten zwei Jahren, haben wir ja weiter dagegen gekämpft, gegen diese Diktatur, indem wir im Westen aufklären wollten, was das bedeutet, was sich da in Rumänien abspielt. Und an diesem Tag eben dann dieses Gefühl, den zu sehen, wie er plötzlich "Hallo" ruft, so als ob er sich nicht mehr bemerkbar machen könnte.

Spengler: Ich will noch mal auf diese Bemerkung von Ihnen zu sprechen kommen, er hatte Ihr Leben bestimmt. Was unterschied denn das Regime Ceausescus von den anderen Diktaturen im Ostblock?

Wagner: Ja, das war ein wesentlicher Unterschied. Als er anfing, galt er ja als Reformer, in den 60er-Jahren, und dann wandelte sich das Ganze in eine Familiendiktatur. Der ganz große Unterschied ist der, während in den anderen Ländern ja das System langsam verfiel, seine Autorität verlor, sich überlebt hatte, mehr so ein Chaos herrschte, war hier eine Restalinisierung im Gange. Von den frühen 70er-Jahren an hat er sich durch die Aneignung dieser maoistischen Rituale China und Korea zum Vorbild genommen, hat er diesen Personenkult eingeführt, sich umgeben mit Profiteuren und Familienangehörigen, einen Clan an die Macht gebracht, also etwas Einzigartiges, was da stattgefunden hat, und am Ende war das ein Regime, in dem sich nichts bewegte. Da war keine organisierte Opposition möglich, keine Kritik, es war keine Öffentlichkeit, in keinster Weise.

Spengler: Und ein Regime, in dem auch der Geheimdienst sehr, sehr viele Fäden gesponnen hat, vielleicht mehr als anderswo, oder?

Wagner: Ja, natürlich. Wenn innerhalb eines totalitären Regimes – das mag paradox klingen – noch einmal eine Diktatur eingerichtet wird, dann kann das sich nicht auf dieses System der Parteienstruktur beziehen beziehungsweise verlassen, sondern er musste ja eine eigene Prätorianergarde einrichten, die noch mal innerhalb des kommunistischen Systems für seine eigene Sicherheit und sein Fortkommen sorgte, und das war die Securitate. Er verließ sich nicht auf die Partei, sondern auf die Securitate.

Spengler: Wer genau war denn dann eigentlich verantwortlich für die Hinrichtung der Ceausescus? War das ein Volksaufstand, oder war das ein Staatsstreich?

Wagner: Es war wahrscheinlich eine Mischung von allem. Darüber wird ja viel spekuliert, bis heute noch. Auf der einen Seite war es ein Volksaufstand und auf der anderen Seite hatte dieser Volksaufstand keine Führung und deshalb war auch ein Staatsstreich möglich und der hat auch stattgefunden. Das heißt, Teile, Interessengruppen aus dem Ceausescu-System haben sich eben herausgelöst und haben zu ihrem eigenen Überleben eben den Staatsstreich durchgeführt, indem sie die Führung der Volksmassen übernommen haben.

Spengler: Waren Sie eigentlich damals erschrocken, als Sie den erschossenen Diktator und seine Frau gesehen haben?

Wagner: Ich habe mich nicht an diesen Bildern ergötzt, aber ich muss sagen, ich hatte volles Verständnis für das, was die Bevölkerung da wollte. Die Bevölkerung war ja dafür, dass die hingerichtet werden. Dass man da so einen Schauprozess, einen Scheinprozess macht – das kann man gar nicht als Prozess bezeichnen; eigentlich hätte man auf das Ganze verzichten können, man hätte ihn einfach erschießen können, aber man wollte irgendwie einen Schein wahren und hat dann zu dieser Lösung gegriffen und das ist bis heute eine historische Peinlichkeit.

Spengler: Die Bevölkerung war für so eine Hinrichtung, weil die Bevölkerung sehr gelitten hat. Stärker als in anderen Ostblockstaaten?

Wagner: Ja, das ist einfach so. Die Bevölkerung hatte das Ganze so satt. Man muss ja wissen, wie man da gelebt hat in Rumänien. Ich selber habe drei Winter ohne Heizung da verbringen müssen. Man ging auf die Suche nach Essbarem sozusagen. Es war da gar nichts. Zwei Stunden Fernsehprogramm, in denen nur das Diktatorenpaar zu sehen war. Es war Terror, Psychoterror, und die Leute hatten das so satt. In dem Moment, wo diese Autorität von diesem Typen weg war, wollten sie ihn tot sehen.

Spengler: Es gab nicht nur die beiden Toten, es gab insgesamt mehr als 1000 Tote. Man weiß bis heute nicht genau, von wem die Menschen eigentlich ermordet worden sind, wie man bis heute auch nicht genau weiß, was genau sich da in diesen Dezembertagen in Rumänien abgespielt hat. Wieso weiß man das heute noch nicht?

Wagner: Na ja, weil das eine Gemengelage ist und die Verantwortlichen nicht benannt werden können, aber auch nicht benannt werden möchten. Da sind so viele verwirrende Zusammenhänge und es sind wahrscheinlich unter den Verantwortlichen eine Menge Leute, die weiter in den Machtstrukturen später gewesen sind und auch heute in der Politik und in der Wirtschaft eine Rolle spielen.

Spengler: Was wurde denn aus der alten Securitate-Elite?

Wagner: Die Securitate sind für viele sehr sichtbar mittlerweile. Die treten sehr dreist auf und haben auch gar kein Problem mehr damit, dass sie bei der Securitate waren. Sie sind in der Wirtschaft, unter den Oligarchen sind einige, und es sind in der Politik ganz sichtbar solche Leute und außerdem in den neuen Geheimdienststrukturen. Der neue Geheimdienst wurde ja von den alten Leuten gegründet und die sind auch noch da.

Spengler: Würden Sie sagen, dass das Land heute im Westen angekommen ist, oder immer noch nicht?

Wagner: Das Land ist nicht im Westen angekommen, aber es ist auf dem Weg dahin. Es ist auf diesem Weg nicht allzu weit gekommen, aber man muss schon sagen, es ist nicht das Land von vor 20 Jahren. Es macht einen Unterschied, unter Ceausescu zu leben oder in den jetzigen Verhältnissen, und das muss man auch sagen.

Spengler: Herr Wagner, bekannt wurde jetzt vor kurzem der Fall des Lyrikers Werner Söllner, der auch für den Geheimdienst Securitate gearbeitet hatte, sich aber erst vor kurzem dazu bekannt hat. Wie weit ist denn die Aufarbeitung dieser Geschehnisse, auch der Zeit der Diktatur geschehen in Rumänien?

Wagner: Was die Aufarbeitung der Vergangenheit betrifft, da liegt das Ganze sehr im Argen und das hat natürlich mit diesen anderen politischen Interessen zu tun, aber auch mit wenig Sinn für diese Situation, also für die Aufarbeitung. Besonders, das muss ich sagen, das Interesse unter den Intellektuellen gerade ist sehr gering. Was den Fall Söllner ja auch ausmacht ist, er hätte ja auch 20 Jahre Zeit gehabt, schon mal von sich aus etwas zu sagen. Er hat erst jetzt sich dazu bekannt, wo die Akten auf dem Tisch sind, die ihn betreffen, und er musste fürchten, dass andere ihn nennen, und dann hat er es vorgezogen, sich selbst zu bekennen.

Spengler: Und Sie? Wie fühlen Sie sich? Wie wohl fühlen Sie sich hier?

Wagner: Ich verstehe jetzt nicht.

Spengler: Wie sind Sie angekommen hier im Westen?

Wagner: Angekommen? – Ja, ich fühle mich hier als Teil dieser Gesellschaft schon sehr lange. Als ich aus Rumänien weggegangen bin, bin ich nicht ins Exil gegangen in meinem eigenen Verständnis; ich bin ja ein Schriftsteller, der Deutsch geschrieben hat in Rumänien, einer, der zu den Banater Schwaben gehörte, und ich empfinde mich hier als Berliner Schriftsteller seit vielen Jahren und als ein deutscher Schriftsteller.

Spengler: Der Schriftsteller Richard Wagner im Deutschlandfunk. Wir haben über Rumänien 20 Jahre nach dem Sturz Ceausescus gesprochen. Danke, Herr Wagner.

Wagner: Ja. Danke auch!

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk