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Seit 01:10 Uhr Hintergrund
StartseiteInterview"Es wird nicht daraus gelernt"19.01.2010

"Es wird nicht daraus gelernt"

Rupert Neudeck von der Organisation Grünhelme kritisiert die Hilfseinsätzen der UNO und der USA in Haiti scharf

Die UNO sei einfach total bürokratisiert, sagt Rupert Neudeck, Vorsitzender der Hilfsorganisation Organisation Grünhelme über den Hilfseinsatz in Haiti. Seiner Meinung nach, müsse man mehr auf die Leute zugehen.

Rupert Neudeck im Gespräch mit Bettina Klein

Der Grünhelm-Geschäftsführer Rupert Neudeck vor seinem Wohnhaus in Troisdorf, wo auch das Büro des Vereins ist. (AP)
Der Grünhelm-Geschäftsführer Rupert Neudeck vor seinem Wohnhaus in Troisdorf, wo auch das Büro des Vereins ist. (AP)

Bettina Klein: 12:18 Uhr in Deutschland. In Haiti bricht der Tag gerade erst an, dort ist es 6:18 Uhr in der Früh und die ersten aktuellen Berichte dieses Morgens erreichen uns aus dem Erdbebengebiet. Bessere Koordinierung hätte Leben retten können, einer der Sätze, die gerade aufhorchen ließen im Bericht. Rupert Neudeck ist Vorsitzender der Organisation Grünhelme und hat vielfältige Erfahrungen mit Hilfen in vielen Krisenregionen der Erde, und ihn begrüße ich jetzt am Telefon. Guten Tag, Herr Neudeck.

Rupert Neudeck: Guten Tag, Frau Klein!

Klein: Wenn wir hören, es habe Stunden oder Tage gedauert, bis das Wasser, bis Nahrungsmittel und Medikamente zu den wartenden Menschen gelangten, man stelle sich vor: Tage, in denen Hilfsgüter auf dem Flughafen stehen, und wenige Meter oder Kilometer entfernt sterben Menschen, weil sie vielleicht verdursten, oder keine medizinische Versorgung bekommen. Das kann einem das Herz brechen. Aber die Hilfsorganisationen sagen uni sono, es ging nicht anders. Nach Ihrer Beobachtung und Erfahrung, stimmen Sie da zu?

Neudeck: Nein, dem stimme ich nicht ganz zu. Ich muss sehr vorsichtig sein, jeder Fall ist immer wieder anders, und dennoch sind die Fälle der letzten 30 Jahre vergleichbar. Wir haben mit der UNO die schlechtestmögliche Koordination bei solchen Katastropheneinsätzen immer wieder gehabt. Es wird nicht daraus gelernt. Wir hatten das im Kosovo, wir haben das beim Tsunami auf Sumatra und in Sri Lanka. Die UNO lernt nicht daraus, weil sie einfach total bürokratisiert ist. Sie versteht Koordination und Organisation von Überlebenshilfe, die, wie Sie zurecht sagen, uns das Herz bricht, wenn das nicht ganz schnell passiert, sie versteht das immer als Aufbau von Büroeinheiten und nicht als Rausgehen. Ich stelle mir immer vor, jemand, der das koordiniert - das muss natürlich dann auch ein richtiger kleiner effektiver Stab sein -, der muss die Organisationen sofort rausjagen aus der Hauptstadt, damit einige eben auch gleich diese Gebiete erreichen, von denen wir jetzt eben in Ihrem Bericht gehört haben, und es muss sofort in das Gelände reingegangen werden, nicht erst Aufbau von Büros und von Büroeinheiten und von Computer- und von Archivbeständen, sondern es muss sofort. Die UNO beschränkt sich immer darauf, die Organisationen zu sich kommen zu lassen, anstatt dass sie selbst mit den Organisationen rausgeht und sich ein Bild macht von der Katastrophe.

Klein: Jetzt haben Sie beschrieben, was fehlt und was wünschenswert gewesen wäre, nämlich eine viel bessere Koordination. Darüber klagen ja auch die Hilfskräfte vor Ort. Aber machen wir es konkret. Die Lastwagen, die Tanker stehen dort auf dem Flughafen. Sie haben Lebensmittel geladen, Medikamente, Tausende Liter von Wasser. Was konkret macht es so schwierig, das dann sozusagen ein paar Meter, ein paar Kilometer weit zu transportieren und das Elend der Menschen zunächst erst mal zu lindern, das Elend derer, die man eben erreicht, trotz fehlender Koordination vielleicht?

Neudeck: Man muss natürlich wissen, dass das alles wahnsinnig schwer ist und dennoch möglich ist. Das blödeste, was überhaupt passieren kann in einer solchen Situation, führen uns die Amerikaner jetzt aus werbewirksamen Gründen vor, indem sie einfach aus der Luft was abschmeißen. Das ist immer das unsinnigste, was man überhaupt machen kann. Deshalb ist es so wichtig, dass Organisationen sofort sich ihren Sprengel nehmen und dort die Leute zählen und dann sehen, dass sie abgezählte Nahrungspakete sofort allen zur Verfügung stellen, damit gar nicht erst ein Tohuwabohu, ein Druck entsteht, dass die Leute meinen, sie kommen in der Schlange nicht dran. Das ist die große Schwierigkeit, aber diese Schwierigkeit ist zu überwinden und es ist machbar, dass man gleichzeitig mit den ankommenden Hilfsgütern sofort seine Leute hat, die man dann bedenken kann mit solchen Hilfsgütern. Es ist machbar. Es ist vielleicht nicht am ersten Tag, am zweiten Tag machbar, aber am dritten Tag ist es sehr wohl machbar. Dann hat man das geschafft und dann hat man seine Einheiten zusammen und dann kann man das machen. Es liegt sehr stark daran, dass wir in der internationalen humanitären Hilfe auch ein bisschen bequem geworden sind und uns in den Quartieren zu lange aufhalten und nicht gleich rausgehen.

Klein: Herr Neudeck, ich würde gerne noch zu einem weiteren Aspekt kommen, nämlich der Frage der Spenden. Es gibt eine sehr große Spendenbereitschaft in Deutschland, wie auch weltweit, aber es gibt ein bisschen die Frage, was ist besser, zweckgebundene Spenden oder nicht zweckgebundene Spenden. Wir hören mal kurz, was Manuela Rossbach von der Aktion Deutschland hilft den Kollegen von DRadio Wissen dazu gesagt hat.

O-Ton Manuela Rossbach: Es ist immer sinnvoller, zweckungebunden zu spenden bei Organisationen, denen man vertraut. Es ist so: wenn sie heute für Haiti spenden mit dem Stichwort meinetwegen "Betroffene für Port-au-Prince", dann muss ich als Geschäftsführer dieses Geld nur für Hilfsmaßnahmen einsetzen, die in Haiti stattfinden. Wenn jetzt beispielsweise bei einem größeren Ausmaß in der Dominikanischen Republik auch Betroffene wären, hätte ich schon ein Problem nach strenger formaler deutscher Auslegung.

Klein: Also ein klares Plädoyer für nicht zweckgebundene Spenden. Schließen Sie sich dem an?

Neudeck: Ja, bedingt. Ich denke, das allerwichtigste ist, dass Menschen ein Vertrauen entwickeln zu ihrer Organisation. Wenn sie das haben, dann ist es eigentlich gleichgültig im Wortsinn, ob sie dann einen Verwendungszweck geografisch bestimmen, oder ob sie das der Organisation geben. Ich denke, dass es wichtig ist, dass man den Organisationen, denen man vertraut, mehr Kraft gibt durch mehr Mittel, die man ihnen zur Verfügung stellt. Das ist natürlich immer schon ein Wunsch der Spender, die Vertrauen haben in die Organisation, und deshalb finde ich das natürlich einen gerechten und guten Aufruf, den die Dame, den die Kollegin da macht.

Klein: Rupert Neudeck, Vorsitzender der Organisation Grünhelme, bei uns heute in den "Informationen am Mittag" hier im Deutschlandfunk. Herzlichen Dank, Herr Neudeck, für das Gespräch.

Neudeck: Danke auch!

Klein: An dieser Stelle noch der Hinweis auf unsere Sendung "zur Diskussion" morgen im Deutschlandfunk ab 19:15 Uhr. Das Thema dann ebenfalls von Hilfe und Hilflosigkeit - die internationale Staatengemeinschaft und das Elend in Haiti.

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