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StartseiteBüchermarktEssays aus dem Exil31.07.2008

Essays aus dem Exil

Antonio José Ponte: "Der Ruinenwächter von Havanna", Antje Kunstmann Verlag, München 2008, 234 Seiten

Die Meinungsfreiheit auf Kuba ist auch heute noch stark eingeschränkt. Der kubanische Autor Antonio José Ponte verließ deshalb 2006 die Insel. In Madrid gibt er eine Exilzeitschrift heraus; jetzt ist erstmals ein Buch von ihm auf Deutsch erschienen: In dem Essayband "Der Ruinenwächter von Havanna" schildert der Autor persönliche Erlebnisse und Beobachtungen, verbindet sie kunstvoll mit literarischen Zitaten und scharfer Kritik an den kubanischen Verhältnissen.

Von Wera Reusch

Bauer auf Kuba. (AP Archiv)
Bauer auf Kuba. (AP Archiv)

Gehen oder Bleiben ist die unausgesprochene Frage, die hinter diesem Band steht, der sich als Essaysammlung mit autobiografisch gefärbten Einschüben bezeichnen lässt. Bereits die Entstehung des Buchs spiegelt diesen Zwiespalt wider. Antonio José Ponte begann damit auf Kuba, veröffentlicht wurde es jedoch erst im spanischen Exil. Der 1964 geborene Schriftsteller war Literaturprofessor und publizierte Lyrik und Essays, bis er 2003 aus dem kubanischen Schriftstellerverband ausgeschlossen wurde. Hintergrund war seine Mitarbeit an einer kubanischen Exilzeitschrift in Madrid. Im ersten Teil des Bandes mit dem Titel "Unser Mann in Havanna (Remix)" nimmt Ponte auf diese Ereignisse Bezug. In einer bizarren Begegnung auf der Terrasse des Schriftstellerverbands wird der Ich-Erzähler darüber informiert, dass er künftig weder publizieren noch öffentlich auftreten darf. Und der Vorsitzende des Verbands erklärt im kubanischen Fernsehen, die inkriminierte Zeitschrift habe "ihren Mann in Havanna" - in Anlehnung an den Spionageroman von Graham Greene. Für den Ich-Erzähler markiert dies die Wende: Bis dahin hatte er gegenüber den Kollegen im Exil sein Leben auf Kuba stets verteidigt.

Es war inzwischen soweit, dass die Kulturbehörden mich nicht mehr als Schriftsteller anerkannten. Und M. prophezeite, sie würden noch weitergehen, bis ich endgültig zum Gespenst geworden sei. In "Unser Mann in Havanna" hatte Graham Greene die folgende Warnung für seinen Protagonisten aufgeschrieben: "Es war an der Zeit, dachte Wormold, seine Sachen zu packen und die Ruinen von Havanna zu verlassen."

Pontes Protagonist, der als Alter Ego des Autors gelten kann, will nicht länger "Der Ruinenwächter von Havanna" sein. Der ganze Band ist im Geiste eines Abschieds von Kuba geschrieben. Besonders deutlich wird dies im dritten Teil, der um das Thema Ruinen kreist und den deutschen Titel inspirierte. Ponte, der sich selbst auch ironisch als "Ruinologen" bezeichnet, sinniert darin über die verfallenen Häuser der kubanischen Hauptstadt.

In Havanna drängen sich die einsturzgefährdeten Gebäude wie Tattergreise, sie schweben, von wundersamer Statik aufrechterhalten. Sie bilden ein Bündel, das Halm für Halm bei der ersten Gelegenheit abknickt. Auf einen Einsturz folgt häufig der der Nachbarhäuser.

Ponte betrachtet die Ruinenlandschaft von Havanna als Metapher für den Zustand der kubanischen Revolution.

Havanna ist der Schauplatz eines Krieges, der nie stattgefunden hat. Die gefährliche Nähe der Nordamerikaner wird in den revolutionären Ansprachen unermüdlich in Erinnerung gerufen. In einem solchen Denken existiert Havanna weniger als lebendige Stadt denn als eine Landschaft zur politischen Legitimation. Die durch die Bombardements der Zeit zerstörten Straßen sind das perfekte Szenario für einen Diskurs des Belagerungszustands.

Pontes zweites großes Thema ist die "Fiesta", das Feiern. Im spanischen Original heißt der Band "Das bewachte Fest", denn nach Ansicht des Autors verschwand die Fiesta in den 60er Jahren aus dem öffentlichen Leben. Die kubanische Regierung habe das Vergnügen schon kurz nach der Revolution verboten, Kasinos, Bars und Clubs geschlossen, Prostitution untersagt. Von dem Havanna, das Graham Greene Ende der 50er Jahre beschrieb, sei nichts mehr übrig geblieben.

Ponte erinnert an den kubanischen Dokumentarfilm "P.M." über Spelunken in Havannas Hafenviertel, in denen ausgelassen getanzt und getrunken wurde, der 1961 der Zensur zum Opfer fiel. Erst in den 90er Jahren sei die Fiesta zurückgekehrt, so der Autor. Die kubanische Musik erlebte ein Revival, berühmte Lokale wurden wiedereröffnet, das Vergnügen rehabilitiert. Als Wegbereiter dieser Entwicklung sieht Ponte die kubanischen Prostituierten, die sich heimlich in die Touristenhotels schlichen, aber auch den Musikproduzenten Ry Cooder sowie den Filmemacher Wim Wenders mit ihrem Album und Film "Buena Vista Social Club". Eine Ansicht, die man nicht teilen muss. Denn ob die Touristen-Prostitution segensreich ist, kann bezweifelt werden, und auch am Buena-Vista-Boom und seinen Kuba-Klischees ließe sich einiges kritisieren. Interessant ist jedoch Pontes Beobachtung, dass Ry Cooder mit der Erfindung eines Orchesters aus den 60er Jahren, das es so nie gab, offenbar auch auf Kuba unerfüllte Sehnsüchte stillte.

Die Töne der slide guitar im Titelsong Buena Vista Social Club wirken wie Irrlichter, quietschende Kreide auf einer Tafel, Eis, das auf ein Loch im Zahn trifft. Ein Danzón wie aus dem Soundtrack eines Horrorfilms. War P.M. die Vorankündigung der Schließung des Festes, dann war Buena Vista Social Club das Zeichen seiner Rückkehr. Sehr bald würden sich die Bars von Habana Vieja mit Musikern füllen, die bereit waren, immer wieder dieselben musikalischen Themen von dem Album und dem Film zu spielen.

Ponte verbindet in seinen Essays persönliche Erlebnisse und Beobachtungen mit literarischen Zitaten und kulturhistorischen Reflexionen. Er ist ein scharfsinniger und scharfer Kritiker der kubanischen Verhältnisse. Das Bild, das er zeichnet, ist düster. Doch sind seine Texte keine simplen Anti-Castro-Pamphlete, sondern die geistreichen Ausführungen eines Autors, der sich souverän zwischen Architektur, Film, Musik und Literatur bewegt. Und der viele Tonarten beherrscht, von feinsinniger Ironie bis zu beißendem Spott. Der Band endet übrigens mit der Beschreibung einer Reise nach Berlin, die auf den ersten Blick nicht so recht zum Rest des Buches passen will. Doch dann schließt sich der Kreis: Ponte interessiert sich für den Umgang mit den Stasi-Akten und fantasiert darüber, einst in Kuba seine Akte einsehen zu können. Doch dürfte dies nach Lage der Dinge noch etwas dauern.

Antonio José Ponte: Der Ruinenwächter von Havanna
Aus dem kubanischen Spanisch von Sabine Giersberg
Antje Kunstmann Verlag, München 2008, 234 Seiten, 19,90 Euro

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