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StartseiteBüchermarktEthos der Demokratie27.10.2003

Ethos der Demokratie

Zum dreißigsten Todestag von Leo Strauss

Spätestens seit dem 11. September 2001 treiben Verschwörungstheorien ihr gesteigertes Unwesen. Eine eher hintergründige erklärt den amerikanischen Philosophen deutscher Herkunft Leo Strauss zum Lehrmeister der Hardliner um den gegenwärtigen US-Präsidenten, denen linke Intellektuelle gerne unterstellen, die liberale Demokratie aushebeln zu wollen. Dem widerspricht Clemens Kauffmann, Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Universität Erlangen. Grundsätzlich ist Strauss für Clemens Kauffmann überhaupt kein Gegner der liberalen Demokratie:

Hans-Martin Schönherr-Mann

Coverasuschnitt des besprochenen Bandes (Junius Verlag)
Coverasuschnitt des besprochenen Bandes (Junius Verlag)

Also ich glaube, dass er ein sehr positives Verhältnis letztlich hat, weil es unter praktischen Gesichtspunkten die beste Regierungsform ist, oder Form eines politischen Systems, und er ja letztlich auch der amerikanischen Demokratie sein Leben verdankt, dass er nämlich als deutscher Jude nach Amerika exilieren konnte und dort eine ausgesprochen erfolgreiche akademische Karriere aufbauen konnte.

Wie kommt es dann aber überhaupt zu den Vorwürfen, dass Leo Strauss die liberale Demokratie ablehnen würde? Um dem nachzugehen, muss man einen Blick in die Lebensgeschichte von Strauss werfen. Clemens Kauffmann weist darauf hin:

Man muss den biographischen Hintergrund der Weimarer Republik heranziehen. Leo Strauss war Jude und hat sich in seinen jungen Jahren vor allen Dingen mit der jüdischen Frage beschäftigt. Die frühen Schriften sind gar keine philosophischen Schriften, sondern sind Zeitdiagnosen, die sich mit der Frage beschäftigen, wie kann und wie soll ich als Jude in einem liberalen Umfeld leben, wobei dieser Liberalismus es nicht schafft, die gesellschaftliche Diskriminierung zu verhindern, auch wenn die Juden gleiche Rechte haben. Das ist einfach ein konkretes Problem, mit dem Leo Strauss umzugehen hatte.

Leo Strauss hat also durchaus schlechte Erfahrungen mit der Weimarer Demokratie gemacht, auch wenn die amerikanische ihm ein neues Leben ermöglichte. Strauss verteidigte aber auch immer die liberale Demokratie gegen sozialistische und kommunistische Modelle - womit er manche linke Intellektuelle noch dazu in der Zeit um 1968 ärgerte.

Andererseits kritisiert er die liberale Demokratie. Dem Liberalismus heute, so Strauss, gehe es um Sicherheit, Wohlstand, Eigentum und freie wirtschaftliche wie wissenschaftliche Entfaltung der Bürger. Mit all dem, was im Grunde zu den angenehmen materiellen Gütern zählt, verdrängt der Liberalismus die eigentliche menschliche wie politische, d.h. die universale Frage nach dem guten wie dem richtigen Leben, nach dem Guten schlechthin. Liberal definiert sich Menschlichkeit durch Wohlstandshedonismus, der moralische und religiöse Fragen privatisiert. Dem hält Clemens Kauffmann allerdings entgegen:

Er hat sich beschäftigt mit dem Liberalismus, wie er eigentlich begründet und wie er heute gelebt wird. Wenn man kritisch mit dem Liberalismus umgeht, heißt das nicht, dass man ein Feind des Liberalismus ist, sondern dass man den Liberalismus auf seine Voraussetzungen, auf seine Grundlagen hin befragt und versucht, diese Grundlagen wieder tragfähig zu machen. Wenn Sie an die amerikanische Unabhängigkeitserklärung denken, da steht etwas drin von evidenten Tatsachen, da steht etwas drin von Gott usw., Dinge, die im amerikanischen Bewußtsein nicht mehr gegenwärtig waren.

Worauf bezieht sich Leo Strauss, wenn es um die Frage geht, solche Defizite der Demokratie auszugleichen? Sein Hauptaugenmerk richtet er auf die antike Philosophie, die noch Fragen stellt, die über den Horizont der bloßen Bedürfnisbefriedigung hinausgehen. Dabei interessiert sich Strauss besonders für Platon, der die Frage nach dem guten und richtigen Leben formuliert, die in der liberalen Demokratie weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Platon aber gilt nun sowohl liberalen als auch linken Intellektuellen eher als autoritärer Denker, der der athenischen Demokratie das extrem militärische Modell Spartas vorgehalten habe, das ja den Peloponnesischen Krieg gegen Athen gewonnen hatte. Auch dem widerspricht Clemens Kauffmann:

Er steht in der platonischen Tradition und die platonische Tradition wird als Demokratie feindlich begriffen. Zu welchem Recht, das ist eine zweite Frage. Er hat vor allem versucht zu zeigen, dass die moderne Demokratie, die liberale Demokratie, wie wir sie kennen, sehr viel mehr Berührungspunkte mit der antiken Philosophie, mit dem antiken Denken hat, als vermutet wird. Es gibt auch Anhaltspunkte in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, in den Verfassungsdebatten et cetera.

Die antike politische Philosophie fragt denn auch nicht nur nach dem guten und richtigen Leben. Sie fragt, so Strauss, auch noch nach dem Grund des Politischen, nach der Idee des Gemeinschaftsgeistes, nach der Einbindung des Menschen in eine universelle natürliche Ordnung. Derartige metaphysische Fragen werden von liberalen und positivistisch denkenden Intellektuellen gerne ausgeblendet. Gerade Linke werden Strauss schwerlich dort folgen, wo er in diesem Zusammenhang der Natur des Menschen attestiert, dass dieser nicht nur zur Freiheit fähig sei, sondern eine politische und soziale Ordnung brauche. Clemens Kauffmann bemerkt:

Politik ist absolut notwendig, weil die Menschen eine Herrschaftsbedürftigkeit zeigen. Sie sind herrschaftsbedürftig, weil sie nicht moralisch vollkommen sind. Wenn jeder ein Heiliger wäre, dann bräuchten wir keine politischen Strukturen. Das ist aber nun mal nicht so. Die Frage ist, wie kann man herrschaftsbedürftige, d.h. in Teilbereichen auch schlechte Menschen so organisieren, dass etwas Gutes, eine Friedensorganisation dabei heraus kommt.

Wenig behagen dürfte liberalen Intellektuellen denn auch, dass Leo Strauss politische Ordnung gerade in ihrer Autorität gegenüber dem Einzelnen an die Religion zurück bindet. Das weltliche Gesetz darf man vielleicht noch hinterfragen, schwieriger wird das beim göttlichen Gesetz. Das offenbarte Gesetz und somit die überlieferte göttliche Ordnung verlangen unbezweifelten Gehorsam, der keine Berufung auf Individualität und Pluralismus zulässt. Die Bedeutung der Religion für Strauss bekräftigt auch Clemens Kauffmann:

Die Religion spielt eine sehr großen Rolle, allein schon ob seiner jüdischen Identität, (. .) Offenbarung, das ist etwas, was alle biblischen Religionen betrifft, Judentum, Islam, Christentum. Offenbarung tritt mit einem unbedingten Anspruch auf, nämlich von Gott gegeben und damit verbürgt zu sein. Es ist nichts Fragwürdiges. Wer an Gott glaubt, dem ist nicht fragwürdig, dass das jüdische Gesetz tatsächlich die Autorität hat, den Menschen zu sagen, wie man leben soll. Und wenn Offenbarung nicht rationalistisch widerlegbar ist - wer will denn mit vernünftigen Argumenten widerlegen, dass die Welt von Gott geschaffen ist? Wer will mit vernünftigen Beweisen darlegen, dass nicht möglicherweise die Welt innerhalb der nächsten fünf Minuten aufhört zu existieren, weil Gott seine Gnade von seiner Schöpfung zurückzieht? Wer will definitiv widerlegen, dass es keine Wunder gibt? Das ist auch niemandem gelungen. Es hat sich nur eine intellektuelle Tendenz durchgesetzt, dass man das für selbstverständlich hält. Es ist aber nicht selbstverständlich. Insofern ist Religion für Strauss besonders wichtig.

Die Sachlage ist also eher kompliziert. Strauss ist sicher kein Gegner der liberalen Demokratie. Aber er wirft Fragen auf, deren mögliche Antworten einem säkularen politischen Denken eher fern liegen. Sie können leichter von jenen aufgegriffen werden, die nach den ethischen und religiösen Grundlagen des Politischen suchen und diese wieder in die liberale Demokratie einbringen möchten.

Dass sich die Vordenker der Christian Coalition in den USA dabei zurecht auf Strauss berufen dürfen, das ist dagegen insofern fraglich, wie sich Strauss selbst jeder eindeutigen politischen Zuordnung entzieht. Er folgt vielmehr jener Denkbewegung, die von Sokrates und Platon herkommt und die alle Fragen einer kritischen und vor allem rationalen Prüfung unterwirft. Wie Husserl, Heidegger und Wittgenstein vollzieht auch Strauss jene Denkbewegung, die in der kritischen Hinterfragung einen Neuanfang des Denkens sucht. Clemens Kauffmann stellt fest:

Jede Form von Tradition wurde von ihm befragt, die religiöse Tradition, die philosophische Tradition, was in den Lehrbüchern geschrieben ist, alles mußte sich radikalen Fragen aussetzen. Und jemand der so radikal fragt und alle Traditionen verwirft um nun wirklich unbefangen, ohne Vorurteile neu zu beginnen, der kann kein Konservativer sein und das war Leo Strauss auch nicht.


Clemens Kauffmann, Leo Strauss zur Einführung
Junius, 226 S., DM 24,80

Leo Strauss, Gesammelte Schriften Bd. 3, Hobbes’ politische Wissenschaft und zugehörige Schriften – Briefe,
Metzler, 799 S., Euro 49,90

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