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Seit 06:50 Uhr Interview
StartseiteThemen der WocheEtikette statt Ehrlichkeit16.04.2011

Etikette statt Ehrlichkeit

Informationspolitik nach dem Atomunglück in Fukushima

Ausgerechnet in Japan ist der Albtraum einer Atomkatastrophe geschehen: Ein Land, dessen technische Errungenschaften in fast jedem Haushalt zu finden sind. Die Katastrophe offenbart eine politische Kultur, die offensichtlich von sturer Behördenmentalität geprägt ist.

Von Patrick Illinger, Süddeutsche Zeitung

Die zerstörte Hülle des Reaktors 3 in Fukushima. (dpa/Foto:/Video: Tepco)
Die zerstörte Hülle des Reaktors 3 in Fukushima. (dpa/Foto:/Video: Tepco)

Oft wird das Atomunglück von Fukushima mit früheren Super-GAUs verglichen. Mit Harrisburg, wo die Kernschmelze glücklicherweise im Reaktorbehälter blieb. Und mit Tschernobyl, wo - nach heutigem Stand - mehr Radioaktivität frei wurde als in Japan. Doch hat Fukushima seine Besonderheit. Es ist die Gnadenlosigkeit dieses unaufhaltbaren, nicht mehr enden wollenden Albtraums, die den Zuschauern in aller Welt so nahe geht. Wie eine Schicksalsmaschine benimmt sich die Kraftwerksanlage, als wolle sie eigensinnig entscheiden, wie viel Unglück sie über die Menschen bringt, oder ob sie sich wieder beruhigt.

Ausgerechnet in Japan ist das geschehen. Ein Land, dessen technische Errungenschaften in fast jedem Haushalt zu finden sind. Ein Land, das wie kein anderes erdbebensichere Häuser baut, Hochgeschwindigkeitszüge, Digitalkameras und Plasmafernseher.

Plötzlich ist eine düstere Seite Japans sichtbar geworden: eine politische Kultur, die offensichtlich von sturer Behördenmentalität geprägt ist. Ein halbes Dutzend Minister trat nach dem Unglück auf den Plan, jeder gerierte sich irgendwie verantwortlich, und dann doch nicht. Mit enervierender Penetranz und bizarrer Arbeitskleidung verbreitete Regierungssprecher Yukio Edano nichts als Nichtigkeiten. Auch der Betreibergesellschaft Tepco ist es seit dem Beginn der Katastrophe nicht gelungen, ihre zutiefst verinnerlichten beamtischen Usancen abzulegen. Auf Pressekonferenzen wurden detailreich wirkende Daten verbreitet, Chart-Graphiken hier, Tabellen dort. Das meiste davon diente schlicht der Verschleierung: Indem man Sachverhalte kompliziert darstellt, vermeidet man klare Antworten. Zum Beispiel auf die einfache Frage: Wie schlimm steht es um die Anlage?

In der havarierten Reaktoranlage selbst mussten sich hilflos wirkende Techniker tagelang mit improvisierten Mitteln wie Wasserschläuchen und Taschenlampen herumschlagen. Erst eine Woche nach dem Unglück erklärte der Betreiber, man werde die Kraftwerksblöcke nie wieder in Betrieb nehmen. Hatte man sich zuvor noch Chancen ausgerechnet, und daher nicht sofort Meerwasser in die überhitzten Blöcke gepumpt? Und warum kam erst nach mehreren Tagen jemand auf die Idee, neue Stromleitungen zu verlegen? Unterdessen tapsten überforderte Arbeiter in hoch radioaktive Brühe, die durch die Gebäude schwappte.
Vom Ausland angebotene Hilfe wurde viel zu lange abgelehnt. Darunter eine deutsche Hochleistungspumpe und ein amerikanisches Arbeitsschiff. Unterdessen flossen tausende Tonnen radioaktives Kühlwasser aus unentdeckten Löchern in den Pazifik.
Wer sich in den bangen Wochen auf die Suche nach verlässlichen Daten über ausgetretene Radioaktivität machte, fand lediglich ein paar direkt im Internet abrufbare Messstationen, von denen ausgerechnet die Zähler in Fukushima und Miyagi nicht funktionierten. Das Wissenschaftsministerium aktualisierte dreimal täglich eine PDF-Tabelle, die aussah, als sei sie im Sachkundeunterricht einer Grundschulklasse entstanden. Nach westlichen Standards beurteilt, liegt die Vermutung mehr als nahe, dass Fakten zurückgehalten wurden. Dafür spricht auch die verspätete Hochstufung des Unglücks in die höchste Kategorie - mehrere Wochen nach den Explosionen der Blöcke 1 und 3.

Leider wurde das starrköpfige Verhalten noch untermauert von der Internationalen Atomenergie-Behörde mit Sitz in Wien. Deren amtierender Chef Yu-Ki-Ya Amano, selbst Japaner, lavierte mit Allgemeinplätzen und vagen Aussagen, ersichtlich bemüht, seine Landsleute nicht zu kompromittieren. Mehr Deutlichkeit dürfte unter Japanern als unhöflich gelten. Doch muss sich auch eine atomkraftfreundliche Behörde fragen, ob Etikette vor Menschenleben geht.

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