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StartseiteKommentare und Themen der WocheAgrarförderung und Hoffnung auf Mut der Landwirtschaftsministerin01.06.2018

EU-Kommission Agrarförderung und Hoffnung auf Mut der Landwirtschaftsministerin

Mit der vorgestellten EU-Agrarreform sollen Mitgliedstaaten über Gegenleistungen für Subventionen entscheiden. Das sei keine gute Idee, kommentiert Alois Berger. Er hofft auf Mut von Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner: Wenn ihr Umwelt und Gesundheit wichtig sind, dann werde sie den Landwirten etwas zumuten müssen.

Von Alois Berger

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Blick aus einem Heissluftballon auf Getreidefelder bei Limburg, zwischen denen ein Traktor fährt, aufgenommen am 22.07.2008. (picture-alliance / dpa / Thomas Muncke)
Umwelt und Landwirtschaft seien keine Gegensätze, sagt Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner. "Doch genau das kann man heute leider nicht mehr sagen", kommentiert Alois Berger (picture-alliance / dpa / Thomas Muncke)
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Jetzt kommt es auf die Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner an. Hoffentlich vergisst sie ihre Herkunft und denkt an unsere Gesundheit. Denn die gesellschaftlichen Kosten der modernen Landwirtschaft sind nicht mehr zu leugnen. Insektensterben, Vogelsterben, Nitrate im Trinkwasser und multiresistente Keime im Hühnerschnitzel, das ist die Realität. In den deutschen Mastbetrieben werden mehr Antibiotika eingesetzt als in allen Krankenhäusern zusammen. Weil es billiger ist, als den Tieren mehr Raum zu geben und sie besser zu behandeln. Antibiotika gegen Stress, das ist die traurige Wahrheit. Für jedes Kilo Fleisch werden in Deutschland 147 Milligramm Antibiotika verfüttert. Gesund ist das nicht. So wenig wie Pestizide gesund sind und die Unmengen an Gülle im Grundwasser.

Natürlich gibt es viele Bauern, die vernünftig wirtschaften: Nicht nur Biobauern, die auf Pestizide und auf Medikamente verzichten, auch viele andere, die versuchen, so wenig Chemie wie möglich einzusetzen. Aber es ist leider nicht die Mehrheit der Landwirte und es hat leider auch nichts damit zu tun, ob ein Hof groß oder klein ist. Wer mit Bauern redet, bekommt fast immer dieselben Antworten: Pestizide, Antibiotika, alles harmlos, und: geht nicht anders.

Nirgends ist Fleisch so billig wie in Deutschland

Das wäre vielleicht zu verstehen, wenn Lebensmittel knapp wären. Sind sie aber nicht. Unsere Bauern produzieren zu viel Milch, zu viel Butter, zuviel Fleisch. Niemand muss hungern, wenn die Bauern weniger, aber bessere Lebensmittel herstellen. Nirgends ist Fleisch so billig wie in Deutschland.

Wir brauchen unsere Bauern, und wir brauchen einen gewissen Grad an Eigenversorgung, um im Krisenfall von Importen unabhängig zu sein. Deshalb ist es sinnvoll, Landwirte mit öffentlichen Geldern zu unterstützen. Aber es ist unsinnig, ihnen Geld allein dafür zu geben, dass sie Bauern sind. Derzeit bekommt jeder Landwirt 280 Euro aus Brüssel für jeden Hektar Land, den er bewirtschaftet. Bei 100 Hektar sind das 28.000 Euro. Öffentliches Geld, für das man eine Gegenleistung erwarten kann.

EU-Kommission und Beihilfen

Vor sieben Jahren hat die EU-Kommission einen Teil der Beihilfen an Bedingungen geknüpft: ein bisschen weniger Chemie, ein bisschen mehr Natur- und Umweltschutz. Die Bauernverbände haben getobt: Das sei Einmischung, das sei eine Zumutung. Die Bundesregierung hat dann in Brüssel mitgeholfen, die Auflagen zu verwässern.

Jetzt will es die Kommission weitestgehend den Mitgliedstaaten überlassen, ob und welche Gegenleistungen sie von den Landwirten verlangen wollen. Das ist keine gute Idee. Allein schon, weil die großen Bauernverbände auf die nationalen Regierungen größeren Einfluss haben als auf das Europaparlament in Brüssel.

Die neue Bundesministerin für Landwirtschaft und Ernährung, Julia Klöckner, ist stolz darauf, dass sie selbst aus der Landwirtschaft kommt. Umwelt und Landwirtschaft, sagt sie, seien keine Gegensätze. Doch genau das kann man heute leider so nicht mehr sagen. Wenn Ihr Umwelt- und Gesundheit der Konsumenten wichtig sind, dann wird sie den Landwirten etwas zumuten müssen. Hoffentlich hat sie den Mut dazu.

Alois Berger (privat)Alois Berger (privat)Alois Berger, gelernter Elektroniker, studierte Politik, Wirtschaft und Philosophie in Deutschland, Frankreich und den Philippinen und absolvierte die Deutsche Journalistenschule in München. Er arbeitete als Radioredakteur, Moderator und Reporter in Berlin, damals West- und Ost-Berlin. Danach fast 20 Jahre EU-Korrespondent in Brüssel für Zeitungen, Radio und Fernsehen. Seit fünf Jahren im Rheinland, hier macht er Dokumentarfilme für ARTE, Kommentare, Kolumnen und Hintergrundberichte für Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur. Lebenserfahrung: verheiratet, zwei erwachsene Kinder.

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