Freitag, 15.12.2017
StartseiteInterview"Es wäre wichtig, dass die EZB den Einstieg in den Ausstieg beginnt"09.03.2017

EU vor Leitzins-Entscheidung"Es wäre wichtig, dass die EZB den Einstieg in den Ausstieg beginnt"

Der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Banken, Michael Kemmer, hat die Europäische Zentralbank dazu aufgefordert, von ihrer "ultralockeren Geldpolitik" abzurücken. Im DLF sagte er, die EZB müsse in langsamen Schritten aus dem Null-Prozent-Leitzins aussteigen. Dies dürfe jedoch nicht abrupt geschehen, um die Märkte nicht zu beunruhigen.

Michael Kemmer im Gespräch mit Sandra Schulz

Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Banken. (dpa / Sven Hoppe)
Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Banken. (dpa / Sven Hoppe)
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Der Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes erwartet, dass EZB-Chef Draghi auf der heutigen Sitzung "den Einstieg in den Ausstieg" aus der bisherigen Niedrigzinspolitik ankündigen wird. Die EZB habe erkannt, dass es an der Zeit sei, zur Normalität zurückzukehren. Der nullprozentige Leitzins mache keinen Sinn mehr, da die europäische Wirtschaft langsam aber sicher aus ihrer Krise herauskomme. Die EZB müsse kein zusätzliches Geld mehr in die Märkte pumpen.

Sparer sollten trotzdem in absehbarer Zeit nicht mit höheren Zinsen rechnen. Entscheidend sei ein langsames Anwärmen des Marktes seitens der EZB, so Kemmer. Würden die Zinsen ruckartig erhöht, könnte das "einen sogenannten Zinsschock auslösen". 


Das Gespräch in voller Länge:

Sandra Schulz: Am Telefon ist jetzt Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Banken. Schönen guten Morgen.

Michael Kemmer: Schönen guten Morgen, Frau Schulz.

Schulz: Viele Beobachter erwarten ja nicht viel. Gehen Sie davon aus, dass die EZB anfängt, das Geld einzusammeln?

Kemmer: Das wird sie heute sicher nicht tun. Sie wird es heute auch nicht beschließen. So ein Schritt muss sehr, sehr gut vorbereitet werden. Das muss man ganz, ganz vorsichtig machen und auch intensiv ankündigen. Aber wichtig wäre, glaube ich, schon, dass die EZB heute den Einstieg in den Ausstieg beginnt. Das heißt, dass sie einfach deutlich macht, dass sie die Zeichen der Zeit erkannt hat, dass sie sieht, dass die Inflation zurückgekehrt ist, dass das Deflationsgespenst weg ist, soweit es überhaupt ein realistisches Szenario gewesen ist, und dass sie einfach nicht mehr erklärt, wir können auch die Zinsen noch weiter senken, noch mehr Geld in den Markt pumpen, sondern dass sie zu erkennen gibt, wir haben verstanden, dass hier eine gewisse Wende eingetreten ist, und ihr könnt davon ausgehen, dass wir ganz, ganz langsam von dieser ultralockeren Geldpolitik weggehen. Ich glaube, das wäre wichtig und sinnvoll.

Erwartung, dass Draghi "die Zeichen der Zeit erkannt hat"

Schulz: Herr Kemmer, in welcher Form soll die EZB das denn zu erkennen geben, wenn Sie nicht damit rechnen, dass sie was ändert an diesem Leitzins von 0,0 Prozent?

Kemmer: Jetzt ohne Vorankündigung eine Zinserhöhung durchzuführen, das würde die Märkte erschrecken. Das wird Draghi sicherlich auch nicht tun. Das heißt, die einzig realistische Erwartung, die man heute haben kann, ist die, dass er verbal bei seiner üblichen Pressekonferenz, bei seinen üblichen Erklärungen einfach darauf hinweist, dass er die Zeichen der Zeit erkannt hat und dass er auch davon überzeugt ist, dass man langsam wie gesagt den Einstieg in den Ausstieg beginnen kann. Das ist nicht viel, aber es wäre auf jeden Fall ein großer Schritt, ein erster Schritt, und der ist überfällig.

Schulz: Wir haben ja über längere Zeit eher eine Deflationsgefahr gesehen. Jetzt sehen wir die Inflationsrate bei zwei Prozent. Das ist ja sozusagen Gardemaß. Warum werden jetzt diese nervösen Stimmen aus Deutschland laut?

Kemmer: Ich glaube nicht, dass die Stimmen nervös sind. Ich glaube, es gibt eine Aufforderung, zurückzukehren zur Normalität. Das was wir momentan an Geldpolitik sehen, ist ja überhaupt nicht normal. Diese ultralockere Geldpolitik ist Krisenmodus, das ist ein Ausnahmezustand und der rechtfertigt sich dann, wenn die Inflation weit vom Inflationsziel von zwei Prozent weg ist.

Schulz: Gibt es diese Normalität denn?

Kemmer: Noch nicht ganz, aber schon weitgehend. Man darf sich von den zwei Prozent auch nicht täuschen lassen. Die sind sehr stark getrieben durch die Energiepreise, die allerdings auch sehr stark zurückgegangen sind. Deswegen verweist die EZB auch auf die sogenannte Kerninflationsrate. Das heißt, die Inflationsrate unter Herausrechnen der Energiepreise und der Nahrungsmittelpreise. Die liegt bei knapp ein Prozent. Allerdings hat die EZB im letzten Jahr die Kerninflationsrate nicht so genau ins Auge genommen, denn da war der Effekt genau umgekehrt. Da lag die Kerninflationsrate über der echten Inflationsrate, weil die Energiepreise stark gefallen sind. Es wäre deshalb jetzt eigentlich schon angemessen, wie gesagt einzusteigen in den Ausstieg.

Schulz: Bei der Kerninflationsrate, da sind zum Beispiel die Energiekosten, die zuletzt ziemlich weit oben waren, rausgerechnet.

Kemmer: Genau.

"Ein Beibehalten der Maßnahmen bringt wenig oder keinen Zusatznutzen"

Schulz: Jetzt frage ich mich aber bei dieser unsicheren Lage, da niemand sagen kann, ob die Inflation nun zurück ist oder nicht, welche Rolle diese zwei Prozent, diese rechnerischen, jetzt überhaupt spielen bei den erheblichen Unsicherheiten, denen wir in Europa entgegenblicken: die Wahlen in den Niederlanden, in Frankreich mit einem zumindest nicht ausgeschlossenen Triumph der Rechtspopulistin Marine Le Pen. Wäre es da nicht besser, jetzt noch weiter auf Kontinuität zu fahren?

Kemmer: Die EZB, Draghi muss das natürlich alles auch mit ins Kalkül beziehen. Aber Fakt ist, dass er ein Inflationsziel hat, und Fakt ist auch, dass die Inflation wieder zurückgekehrt ist. Und letztlich muss man auch sagen, die Sinnhaftigkeit dieser Maßnahmen ist natürlich schon an ihre Grenzen gestoßen. Denn das Ziel, das die EZB damit verfolgt, die Konjunktur anzukurbeln, die Banken zu einer höheren Kreditvergabe zu bewegen, dieses Ziel lässt sich eigentlich nicht mehr erreichen mit dieser ultralockeren Geldpolitik. Die Kreditvergabe ist nicht mehr zinsreagiebel. Die Kreditvergabe hängt davon ab, wie die Bonität der Unternehmen sich entwickelt, und nicht, ob die Zinsen noch weiter runtergehen. Dann muss man auch sehen, dass im Euroraum im letzten Jahr die Sparquote sogar leicht angestiegen ist, weil die Leute mehr sparen, wenn sie keinen Zins bekommen, und das führt dann auch nicht dazu, dass der Konsum steigt, was man ja eigentlich mit diesen Niedrigzinsen möchte, sondern dass die Sparer sich sagen, nein, ich muss mehr auf die hohe Kante legen. Das heißt, die EZB hat ihr Pulver schon weitgehend verschossen. Ein Beibehalten der Maßnahmen bringt wenig oder keinen Zusatznutzen. Sie haben schon Recht: Wir dürfen jetzt nicht Öl ins Feuer gießen, in eine instabile Situation. Deshalb verlangt ja keiner, dass jetzt die EZB ruckartig auf einmal die Zinsen nach oben treibt. Das könnte einen sogenannten Zinsschock auslösen, den keiner will. Aber ein langsames Anwärmen des Marktes, indem man zu erkennen gibt, man hat verstanden, dass dieser Krisenmodus langsam beendet werden muss, das wäre schon sehr richtig und sehr notwendig.

Schulz: Aber trotzdem – Sie haben es gerade angedeutet – haben die Sparer keine Veranlassung, sich darauf einzustellen, dass es absehbar wieder mehr Zinsen geben wird, oder?

Kemmer: So würde ich das sehen. Das wird nicht schnell gehen. Aber es kann jetzt auch nicht unendlich mit dieser Niedrigzins-Situation weitergehen. Wir müssen uns klar machen, das ist ein Krisenmodus, der ist nur für absolute Krisenzeigen geeignet, und diese Krisenzeiten neigen sich Gott sei Dank langsam dem Ende zu. Sie müssen auch sehen: Wir erwarten ja in der Eurozone für dieses Jahr ein Wirtschaftswachstum von etwa 1,7 Prozent. Das ist jetzt nicht wahnsinnig viel, aber es ist schon deutlich mehr, als wir in der Vergangenheit hatten. Und all dieses sollte die EZB schon zum Umdenken veranlassen, denn die Negativzinsen, die Niedrigstzinsen haben natürlich auch ganz erhebliche, sehr, sehr unangenehme Nebenwirkungen.

Schulz: Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Banken, heute Morgen hier bei uns im Deutschlandfunk im Interview. Ganz herzlichen Dank dafür.

Kemmer: Gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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