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Europa am Abgrund?

Deutschland, Griechenland und die Euro-Krise

Von Marc Beise, "Süddeutsche Zeitung"

Im "Euro-Sommer" jagt eine Hiobsbotschaft die nächste.  (picture alliance / dpa /  Sebastian Kahnert)
Im "Euro-Sommer" jagt eine Hiobsbotschaft die nächste. (picture alliance / dpa / Sebastian Kahnert)

Die derzeit wirtschaftlich so starken Deutschen helfen, das war die Idee. Sie bürgen und zahlen notfalls. Unter der Bedingung, dass die überschuldeten Südländer sich Schritt für Schritt reformieren. Dieser Weg funktioniert nicht mehr, so sieht es jedenfalls jetzt aus.

Hier spricht, meine Damen und Herren, ein Freund des Euro. Einer, der die Gemeinschaftswährung aus politischen Gründen einmal wollte. Und der nun, nach 20 Jahren der Euro-Vorbereitung und der Euro-Existenz, erkennen muss, dass das alles nicht so funktioniert hat wie geplant. Und nun?

Nun ist Sommer in Deutschland, aber ein ganz besonderer, ein Euro-Sommer, und das macht keinen Spaß. Weil eine Hiobsbotschaft die nächste jagt, bleiben Politiker im Dauerdienst, die Bürger haben Angst um ihr Geld, sie strömen zu Euro-Podien und suchen den Rat der Wissenschaftler – die sich, natürlich, uneinig sind; es gibt ja auch keine einfachen Lösungen.

Dabei heißt es immer, die Deutschen hätten die Lösung für die Eurokrise in der Hand. Das stimmt aber nur, wenn die Lösung lautet: Geld her! Die Schleusen öffnen, immer mehr Geld drucken, das Finanzsystem am Laufen halten. So hätten es gerne viele Amerikaner und Briten und jene, die viel spekulieren, jemand wie George Soros beispielsweise, der über die englischsprachigen Medien aus allen Rohren feuert. Dieser Weg aber ist den Deutschen in ihrer Mehrheit nicht geheuer. Zurecht, denn er wird am Ende in einem großen Kladderadatsch enden, oder in einer üblen Inflation, die Angespartes aufzehrt, Vermögen vernichtet.

Wenn das aber nicht der richtige Weg ist, dann haben die Deutschen das Thema Euro eben nicht in der Hand. Denn ihr Konzept, das Konzept der Krisenmanagerin Angela Merkel, das der großen politischen Mehrheit im Parlament hieß ja: Fordern und fördern. Man kann auch sagen: Zuckerbrot und Peitsche. Die derzeit wirtschaftlich so starken Deutschen helfen – das war die Idee -, sie bürgen und zahlen notfalls – unter der Bedingung, dass die überschuldeten Südländer sich Schritt für Schritt reformieren. Dieser Weg funktioniert nicht mehr, so sieht es jedenfalls jetzt aus.

Erstens wegen der Menschen in den Krisenländern: die ja Ansprüche aufgeben müssen, Liebgewonnenes, Lebensqualität. Und deren Länder durch das Sparen in einen Abwärtstaumel geraten, der die Dynamik der Gesellschaften zunächst schwächt. Es ist ja schon einiges erreicht worden in diesen Ländern, aber langsam, und zunehmend mühsamer. Und weil das so ist, verweigern sich zweitens auch die Menschen in den reichen Ländern. Zum Beispiel in Deutschland, wo die Solidarität an ihre Grenzen kommt, wo immer mehr Bürger nicht mehr helfen wollen, weil sie den Eindruck haben, es ist ja doch für die Katz.

Nennen wir hier Griechenland, vor allen Dingen Griechenland. Ganz offensichtlich ist der Wille der Deutschen, vieler anderer Europäer auch, nicht mehr da, Griechenland noch zu helfen, das seine Reformen so verschleppt. Am Ende, so sieht es derzeit aus, wird Griechenland wohl das Euro-System verlassen müssen. Die große Katastrophe für den Euro wäre das, anders als vor ein, zwei Jahren, nicht mehr, weil die Märkte damit ohnehin gerechnet haben – das immerhin ist eine gute Nachricht. Dasselbe Schicksal könnte Zypern erleiden, vielleicht Portugal – aber schon beim großen Spanien wird es schwierig, bei Italien würde es an die Substanz gehen.

Wenn Italien im Herbst in Kreditnot geriete, dann kann nur noch die Europäische Zentralbank helfen, indem sie erneut und in großem Umfang Staatsanleihen aufkauft, also die neuen Kredite gibt, die der Markt nicht mehr gibt. Dann aber wären die Schleusen offen, dann wäre die Unabhängigkeit der Notenbank dahin, die doch das Geld stabil halten soll, nicht Staaten finanzieren darf.

Wenn das alles so kommt, vielleicht schon diesen Herbst oder Winter, dann gibt die EZB dem Eurosystem, wie es einmal beschlossen worden ist, den Todeskuss. Und dann kommt für Deutschland der ganz große, der alles entscheidende Moment. Dann haben die Deutschen die Dinge wieder in der Hand. Machen sie weiter mit im Euro, in einem Euro, der nicht mehr ihrem Wirtschafts-, Rechts- und Lebensmodell entspricht? Oder verweigern sie sich – und das hieße: Die Euro-Union, wie wir sie heute kennen, wäre am Ende – mit allen offenen Fragen, mit allen Instabilitäten, deutsch-französischen Zerwürfnissen und so weiter.

An diesem Ergebnis wären dann alle schuld, Deutschland noch am wenigsten. Aber die Welt würde bei Deutschland die ganze Schuld suchen, und würde so ähnlich denken, wie es kürzlich Bundesaußenminister a.D. Joschka Fischer formuliert hat: "Im 20. Jahrhundert hat Deutschland zweimal mit Krieg bis hin zum Verbrechen und Völkermord sich selbst und die europäische Ordnung zerstört. Es wäre eine Tragödie und Ironie zugleich, wenn jetzt das wiedervereinigte Deutschland, diesmal friedlich und mit den besten Absichten, die europäische Ordnung ein drittes Mal zugrunde richten würde."

Genießen wir also, inmitten dieser ganzen Ungewissheit, wenn es denn geht, noch einmal den Sommer. Danach wird es sehr, sehr spannend. Und teuer – das in jedem Fall.

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