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Europa, Schengen, Grenzkontrolle

Visa-Politik behindert Handel zwischen Bulgarien und der Türkei

Bulgarien ist zwar Mitglied der Europäischen Union, Schengenvisa akzeptiert das Land aber bisher nicht. Um aus Nicht-EU-Ländern in das Land zu gelangen, braucht man daher ein spezielles Visum. Vor allem die Türkei leidet unter den schwierigen Einreisebedingungen.

Von Simone Böcker

Metallgatter mit Schild "Schengen" - Visa-Politik begrenzt den Handel zwischen Bulgarien und der Türkei.  (picture alliance / dpa)
Metallgatter mit Schild "Schengen" - Visa-Politik begrenzt den Handel zwischen Bulgarien und der Türkei. (picture alliance / dpa)

An einer Haltestelle im Zentrum der türkischen Grenzstadt Edirne steigt Murat Beltek in den Bus Richtung Universität. Auf der Hauptstraße quer durch die Stadt geht es vorbei an Moscheen und alten Markthallen. Der 26-Jährige ist vor fünf Jahren für sein Studium nach Edirne gezogen.

"Als ich hierher kam, war ich so aufgeregt, weil ich dachte, ich würde dann einfach nach Bulgarien reisen können. Es sind nur 15 Kilometer zwischen uns. Wir sind Nachbarn."

Murat studiert bulgarische Philologie. Doch in Bulgarien war er bislang noch nicht oft. Der Grund: Er braucht wie alle türkischen Staatsbürger ein Visum.

"Ich lebe hier an der Grenze, aber ich kann nicht rüber. Ich verstehe das einfach nicht. Es ist so schwierig, ein Visum zu bekommen. Man muss sehr viele Dokumente einreichen: Einen Versicherungsnachweis, Banksicherheiten, eine Einladung, sie wollen auch eine Hotelreservierung sehen. Für uns Studenten ist es ja noch relativ unproblematisch. Schwieriger ist es für unsere Professoren, wenn sie beispielsweise nach Sofia reisen möchten, um dort an der Uni zu forschen. Sie bekommen kein Visum."

Von diesem Problem ist auch die türkische Geschäftswelt betroffen. Wenige Kilometer außerhalb von Edirne liegt das städtische Industriegebiet. Mehmet Ali Fidan steht mit einem Kollegen in seiner fast leeren Lagerhalle. Der Inhaber einer Firma für Baustoffe zeigt auf die wenigen Ballen mit Isolierfolie und Dämmmaterial.

Vor ein paar Jahren hätten wir hier keine paar Minuten ungestört reden können, so viel war hier los, erzählt der Geschäftsmann. Aber nun war den ganzen Tag noch kein Kunde bei ihm. Seit zehn Jahren treibt er Handel hauptsächlich mit Bulgarien. Aber seit Bulgarien Mitglied der Europäischen Union ist, sei es kaum noch möglich, ein Visum zu bekommen, sagt er.

"Hier in der Industriezone der Stadt spielt sich das Wirtschaftsleben ab. Aber es ist nichts los. 20 Prozent der Geschäfte hier handeln mit Bulgarien. Aber im Moment läuft es bei allen schlecht. Wir befinden uns in der Grenzregion, und wir wollen mit den Balkanländern zusammenarbeiten. Aber die Bürokratie legt uns Steine in den Weg. Das Elementarste ist das Visum. Das ist der erste Schritt."

Fidan holt seine alten Reisepässe aus einem Regal. Sie sind bis auf die letzten Seiten voll mit Stempeln. Als Bulgarien noch kein EU-Mitglied war, gab es diese Probleme nicht, erzählt er. Und auch ein Schengenvisum für Griechenland bekommt er vergleichsweise problemlos. Das letzte Mal war er vor 10 Tagen in Bulgarien. Er ist mit seinem Schengenvisum über Griechenland eingereist. Ein Trick. Aber keine Dauerlösung.

"Unsere Handelsbeziehungen zu Bulgarien sind im Moment gleich null. Wir sind in einem Grenzgebiet. Da müsste der Austausch doch erleichtert werden."

Eigentlich müsste er wieder nach Bulgarien, um Angebote zu machen, Materialien vorzustellen. Aber obwohl er alle nötigen Dokumente beim bulgarischen Konsulat eingereicht hat, wartet er noch immer auf die Visabewilligung. Mehmet Fidan hofft, dass sich seine Probleme bald in Luft auflösen werden – jetzt, da die bulgarische Regierung angekündigt hat, auch Schengenvisa zu akzeptieren.

Dieselbe Hoffnung teilt man auch auf bulgarischer Seite. Die nur wenige Kilometer entfernte Stadt Svilengrad erlebt schon seit Jahren einen Boom, vor allem durch die offenen Grenzen zu Griechenland. Auch mit der Türkei hätte Bürgermeister Georgi Manolov gerne mehr Austausch.

"Die Visa-Politik mit der Türkei ist nicht gut für unsere Region. Die Türkei ist eine schnell wachsende Wirtschaftsnation. Es gibt viele türkische Geschäftsleute, die gerne bei uns investieren würden. Doch ist ein großes Hindernis, dass sie nicht Teil der Europäischen Union sind. Das ist nicht gut für Bulgarien."

Wenn Türken kein bulgarisches Extravisum mehr brauchen, könnte Svilengrad noch mehr von der Lage im Grenzdreieck profitieren, ist Georgi Manolov überzeugt.

"Derzeit ist es viel einfacher für Türken, ein Visum für Österreich, Griechenland oder Deutschland zu bekommen als für Bulgarien. Das ist ein großes Problem für uns. Mit dem Schengenvisum wird sich das ändern."

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