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StartseiteInterview"Die Einwanderungspolitik muss sich ändern"20.02.2015

Europa und die Schleuser"Die Einwanderungspolitik muss sich ändern"

Das Mittelmeer wird zum Grab für Flüchtlinge. Die Politik will die Schleuser bekämpfen - doch das sind leere Worte, findet Andrea di Nicola. Der italienische Jurist ist Spezialist für das organisierte Verbrechen. Im DLF erklärt er, wie die Menschenschleuser ihr extrem lukratives Unwesen treiben.

Christoph Heinemann im Gespräch mit Andrea di Nicola

Ein Schiff vor Lampedusa mit Flüchtlingen aus Libyen. (imago/Milestone Media)
Viele Flüchtlinge, die per Schiff nach Italien wollen, überleben die Überfahrt nicht. (imago/Milestone Media)

Christoph Heinemann: "Wo treffen Flüchtlinge ihre Schleuser?"

Andrea di Nicola: "Schleuser finden sie an den Küsten: in der Türkei, in Libyen, Tunesien oder Ägypten. Die Schleuser sind allerdings das letzte Glied in der kriminellen Kette, so, wie die Dealer im Drogenhandel. Auf ihrem Weg werden die Flüchtlinge mit diesen Schleusern in Kontakt gebracht. Man muss sich vorstellen, dass dies ein weit verästeltes Netzwerk ist mit vielen Agenten, die diese Personen jeweils an den nächsten weiterreichen. Diese Agenten übergeben die Migranten dann den Schleusern. Die Schleuser sind die Handlanger der kriminellen Organisation".

Heinemann: "Sie haben geschrieben, dass auch in jedem abgeschiedenen Nest zwischen Afghanistan und Pakistan jemand, der sich auf Weg machen will, weiß, an wen er sich wenden muss. Es handelt sich um ein perfekt organisiertes Netzwerk ..."

Di Nicola: "Das Netz ist sehr engmaschig. Ein pakistanischer Boss, der in Italien arbeitet  und mit dem wir gesprochen haben, sorgt dafür, dass mehr als 600 Pakistaner pro Jahr mit Visa für Saison-Arbeiter nach Italien einfliegen. Er hat uns erzählt, dass in Italien und anderen europäischen Ländern viele solche ´Mediatoren' – so nennen sie sich – leben. Jeder nutzt die wunden Punkte der europäischen Einwanderungs-Systeme aus. Und so kommen viele Pakistaner hierher, nachdem sie 7.000-10.000 Dollar gezahlt haben".

Andrea dI Nicola ist  Dozent für Kriminologie an der Universität Trient. Gemeinsam mit Giampaolo Musumeci ist er Autor des Buches geschrieben "Bekenntnisse eines Menschenhändlers – Das Milliardengeschäft mit den Flüchtlingen".

Aus Saisonarbeitern werden Asylbewerber

Heinemann: "Welche sind diese wunden Punkte?"

Di Nicola: "Im Fall dieses pakistanischen 'Mediators' ist es das italienische System der Saison-Visa, das in anderen europäischen Ländern ähnlich funktioniert: die namentliche Anforderung des Wirtschafts-Migranten. Also, wenn ich, der Pakistaner Andrea di Nicola, illegal mit Hilfe eines Menschenhändlers einreisen will, geht dieser Menschenhändler zu einem italienischen Unternehmer, besticht ihn mit 2.000 Dollar, und dieser Unternehmer fordert dann diesen Andrea di Nicola namentlich an. Ich komme mit einem Saison-Arbeitsvisum nach Italien, zahle 6.000 Dollar an den 'Mediator'. Da dieser Andrea di Nicola aus dem pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet stammt, und Paschtu spricht, wechselt er das Hemd: sagt, er sei Afghane, nicht mit einer Aufenthaltsgenehmigung für eine Saison, sondern über das Meer gekommen. Er beantragt Asyl, und wenn er das in Italien bekommen hat, lässt er sich von dem pakistanischen Menschenhändler nach Deutschland oder nach England bringen, und zahlt dort noch einmal".

Heinemann: "Wer macht den großen Profit?"

"Hinter den Schleuser stecken die großen Fische"

Di Nicola: "Hinter den Schleuser stecken die großen Fische. Jeder dieser Bosse macht – selbstverständlich schwarz – viele Millionen Euro. Wenn Frontex mit 90 Millionen Euro im Jahr ausgestattet an den europäischen Küsten patrouilliert, muss man wissen, dass allein ein bestimmter türkischer Händler etwa sieben Millionen Euro verdient. Tausende Asylbewerber, Flüchtlinge, Migranten aus wirtschaftlichen Gründen zahlen 5.000 – 15.000 Euro oder  Dollar. Ganze Familien und Dörfer verschulden sich. Die Reisen dieser Menschen sind sehr lange Odysseen, von einem zum nächsten Händler, und jedes Mal müssen sie für ein Stück der Strecke zahlen".

Heinemann: "Vor dem Hintergrund dieser Summen: werden die Kontrollen – etwa im Rahmen des Programms Triton – jemals dicht genug sein?"

Di Nicola: "Unmöglich. Wenn ich bereit bin zu sterben, um nach Italien oder Deutschland zu gelangen, und wenn, obwohl ich 10.000 Euro zahle, die Wahrscheinlichkeit zu sterben bei 50 Prozent liegt, dann zeigt das, wie verzweifelt ich bin. Aus dieser Verzweiflung schöpfen die Menschenhändler Gewinn. Sie sagen: 'wir verkaufen Träume'. Europa muß verstehen, und das haben uns diese kriminellen Händler gelehrt, dass allein repressive Maßnahmen nicht ausreichen – zumindest müßten die Strafverfolgungsbehörden international wesentlich besser zusammenarbeiten. Die Einwanderungspolitik muss sich vor allem ändern. Und man muß die geographischen oder gesetzlichen Schwachstellen beseitigen, die die Arbeit der Händler erst ermöglichen. Denn die suchen 24 Stunden am Tag nach kriminellen Möglichkeiten oder Lücken im System. Die merken das sofort und lachen über Europa. Sie haben uns das so gesagt: sie sehen das als Herausforderung an, wollen sich schadlos halten und lachen uns aus".

Heinemann: "Gegenwärtig sehen Sie keine Möglichkeit, diese Geschäfte zu unterbinden?"

Di Nicola: „Man kann und man muss es. Dazu müsste man die Einstellung ändern: weg von einem Denken in Notfall-Szenarien. Die Händler verfügen über 20 Jahre Erfahrung. Die machen ihr Geschäft. Nur wenn man das Böse zeigt, die Seite des Mondes, die im Verborgenen ist, und nur mit Kenntnissen der kriminellen Organisation und des Business, kann Europa zu einer Zusammenarbeit gebracht werden. Zum Versuch, dieses entsetzliche Drama zu beenden".

Heinemann: Sie beschreiben diese Organisationen als immer beweglicher und besser aufgestellt. Heißt das auch, dass, wenn eine auffliegt, sich gleich eine neue bildet?

Di Nicola: "Das kommt vor. Denn Ersatz steht immer bereit. Da sind junge Leute, die bisher unten in der Hierarchie standen und nun Boss werden können. Das gibt es allerdings in vielen kriminellen Bereichen. Der Unterscheid zu anderen Sparten des organisierten Verbrechens besteht darin, dass wir nichts unternehmen, um das Wasser des Meeres abzulassen, in dem diese Verbrecher, diese großen Fische schwimmen. Da passiert nichts".

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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