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StartseiteKultur heuteEuropäische Pressefreiheit und islamische Strafaktion02.02.2006

Europäische Pressefreiheit und islamische Strafaktion

Der Streit um die dänischen Mohammed-Karikaturen geht weiter

Dass der Graben zwischen der westlichen und der nahöstlichen Welt nicht nur durch Deutschland verläuft, zeigt zurzeit das Beispiel Dänemark. Dort hatte die Tageszeitung "Jyllands Posten" schon im September zwölf Karikaturen veröffentlicht, die unter anderem den Propheten Mohammed zeigten. Zeitungen in Deutschland, Frankreich, Italien, Norwegen und Spanien druckten sie nach. Heute nun hat nach Attacken bewaffneter Palästinenser wegen der Karikaturen die EU ihr Büro in Gaza geschlossen.

Von Burkhard Müller-Ulrich

Auch in Pakistan gab es Proteste gegen Dänemark (AP)
Auch in Pakistan gab es Proteste gegen Dänemark (AP)

Der Valentinstag kommt näher. Es liegt schon wieder etwas von 14. Februar in der Luft, und das bedeutet seit 1989 nicht nur Blumen für Verliebte, sondern auch Gewalt islamischer Fanatiker gegen westliche Künstler. Am Valentinstag vor siebzehn Jahren befahl ein iranischer Ayatollah den Muslimen in aller Welt, den englischen Schriftsteller Salman Rushdie zu töten, weil er ein lustiges Buch geschrieben hatte, in dem auch der Prophet Mohammed sanft verspottet wurde. Das war verglichen mit allem, was die künstlerische Avantgarde des Abendlands schon mit Jesus Christus angestellt hat, wirklich ein harmloser literarischer Spaß, aber die Reaktionen gerieten bekanntlich derart außer Verhältnis und Kontrolle, dass die Welt zum ersten Mal eine Ahnung davon bekam, wie ein Clash of Civilizations aussieht – bloß der Ausdruck war damals noch nicht geprägt.

Es gab Massendemonstrationen gegen Rushdie, sein Buch wurde von Leuten, die es nie gelesen hatten, öffentlich verbrannt, seine Verleger und Übersetzer wurden ebenfalls mit Mord bedroht, und tatsächlich blieb es nicht bei Drohungen. In Norwegen und Japan starben Menschen, die sich der Verbreitung eines englischen Romans schuldig gemacht hatten, als Opfer von Attentaten. Gesponsert wurde der ganze Terror auf die dreisteste Weise von einer Staatsführung, die keinerlei Skrupel hatte, sich offen dazu zu bekennen, und das ausgelobte Kopfgeld schrittweise auf zwei Millionen Dollar zu erhöhen. Derweil artikulierten die europäischen Regierungen dem Iran gegenüber ihre "ernste Besorgnis" oder alternativ ihr "zunehmendes Unverständnis" in wohlgesetzten Worten, denn die Wirtschaft brummte und man wollte doch in Persien weiterhin Geschäfte machen.

Wie weit sind wir nach mehr als anderthalb Jahrzehnten mit der Appeasement-Politik gekommen? Die Mullahs werden bald die Atombombe besitzen und keine Minute zögern, die angekündigte Zerstörung Israels ins Werk zu setzen. Dann wird es auf ein paar Mohammed-Karikaturen in einer dänischen Tageszeitung nicht mehr ankommen. Jetzt aber, in diesem geschichtlichen Augenblick, sind es just jene zwölf Zeichnungen, die genauso wie einst Rushdies Roman als Anlass für eine Strategie globaler Eskalation dienen, mit der der militante Islam seine zumindest partielle Modernität erweist. Denn hinter der scheinbaren Verrücktheit der arabischen Empörung – Regime und Parlamente fordern von Dänemark, bis hinauf zur Königin, Entschuldigung und verlangen harte Bestrafung der Karikaturisten – dahinter steckt eine gigantische Propaganda-Maschine, die immerhin schon seit Monaten in Sachen Mohammed-Karikaturen läuft.

Die relative Beliebigkeit der Anlässe zeigt eben gerade, dass es den Islamisten einzig darum geht, den Kulturkonflikt auf die Spitze zu treiben. Ihr Ziel besteht dabei in einer Umkehrung der abendländischen Universalitätsansprüche. Bislang nämlich verwahrte sich die islamische Welt immer gegen die globale Geltung gewisser in der Aufklärung wurzelnden Prinzipien wie Menschenrechte oder Meinungsfreiheit. Dann wurden manche dieser Grundwerte selbst instrumentalisiert, und zwar so, dass man aus der Achtung vor der Würde des Menschen auch grenzenlosen Respekt vor seiner kulturellen Andersheit ableitete – bis hin zu Forderungen, die im reinen Selbstwiderspruch enden, nach dem Motto "Toleranz für die Intoleranz". Jetzt zielt der Druck auf die universelle Geltendmachung islamischer Werte und Regeln. Denn die dänische Zeitung "Jyllands Posten" erscheint weder in Kairo noch in Ryadh, weder in Teheran noch in Bahrein, sondern in Dänemark und zwar auf Dänisch. Sie wird im Gegensatz zu dänischem Feta-Käse auch nicht in arabische Länder exportiert.

Wie also kommen arabische Islamisten dazu, die dänische Presse zu reglementieren? Ganz einfach: auch sie haben etwas vom Wesen der Globalisierung erfaßt. Auf dem Gebiet des Terrorismus gilt das sowieso schon lange. Und heute wurde in Paris der mutige Chefredakteur der Zeitung "France-Soir" gefeuert, weil er die dänischen Karikaturen nachgedruckt hatte. Der Besitzer von "France-Soir" ist nämlich Ägypter.

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