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StartseiteCampus & KarriereWie Denkmalschutz Geschichte greifbar machen kann08.01.2018

Europäisches Kulturerbejahr 2018Wie Denkmalschutz Geschichte greifbar machen kann

Im Europäischen Kulturerbejahr 2018 steht das kulturelle Erbe im Mittelpunkt. Wie aber kann man Kinder und Jugendliche dafür sensibilisieren? An vielen Orten würde Geschichte ungeheuer anschaulich und greifbar, sagte Susanne Braun vom Programm "Denkmal aktiv" im Dlf. Entscheidend sei der emotionale Zugang.

Susanne Braun und Thomas Hammer im Gespräch mit Michael Böddeker

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Dr. Susanne Braun von "Denkmal aktiv", dem Schulprogramm der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. (Deutschlandradio / Michael Böddeker)
Dr. Susanne Braun von "Denkmal aktiv", dem Schulprogramm der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. (Deutschlandradio / Michael Böddeker)
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Michael Böddeker: Heute Nachmittag wird in Hamburg das Europäische Kulturerbejahr 2018 eröffnet. Mit einem Festakt im Hamburger Rathaus geht es los. Das Ganze ist eine Initiative der Europäischen Kommission und soll an das gemeinsame kulturelle Erbe Deutschlands erinnern. Insbesondere sollen dabei auch Kinder und Jugendliche sensibilisiert werden für die gemeinsamen europäischen Wurzeln, und deshalb gibt es auch jede Menge Schulprojekte im Rahmen dieses Jahres. Mit dabei ist auch "Denkmal aktiv", das ist das Schulprogramm der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Und über diese Schulprojekte spreche ich mit Susanne Braun. Sie ist die Leiterin von "Denkmal aktiv". Guten Tag!

Susanne Braun: Guten Tag!

Böddeker: Was für Schulprojekte fördern Sie denn mit Denkmal aktiv?

Braun: Wir fördern Schulprojekte an weiterführenden Schulen, also ab Klasse fünf, und das an allgemeinbildenden Schulen und an berufsbildenden Schulen, und das bundesweit.

Böddeker: Was für Denkmäler sind das dann zum Beispiel, die Sie da besuchen?

Braun: Die Schüler besuchen Schlösser, sie besuchen Kirchen, sie besuchen aber auch Fabriken. Sie besuchen Wohnsiedlungen, sie beschäftigen sich auch mit gesetzten Denkmälern. Das heißt, die thematische Vielfalt der Projekte ist ungeheuer groß.

Lehrer Thomas Hammer erzählt aus der Praxis

Böddeker: Darüber, wie so ein Schulprojekt mit Denkmälern konkret aussehen kann, darüber habe ich vor der Sendung auch schon mit einem Lehrer gesprochen, und zwar mit Thomas Hammer von der Medienschule Babelsberg in Potsdam. Er war schon öfter mit Schülerinnen und Schüler seiner Berufsschule unterwegs, um dort Foto- und Videoreportagen zu machen, und er hat mir etwas über diese Schulprojekte erzählt.

Thomas Hammer: Der Anfang ist in der Regel so gestaltet, dass es da einen Tag des offenen Denkmals gibt, und dann versuchen wir, mit den Schülern möglichst viele dieser Denkmale zu besuchen. Dann gibt es eine Einführungsveranstaltung des fachlichen Beraters und Partners, das ist das Landesamt für Denkmalpflege in Brandenburg, und dann versucht man mit den Schülern eine gemeinsame Liste zu erarbeiten, die geeignete Objekte beinhaltet, und diskutiert die Kriterien für den Denkmalschutz. Dann werden die Schüler im weiteren Verlauf vor Ort recherchieren und im Internet recherchieren. Und dann haben wir auch gemeinsame Exkursionen noch mal zu den Objekten, und dann gibt es Fotoshootings und Videoshootings und Interviews mit Menschen vor Ort. Und dann werden die Texte produziert der Fotoreportagen und eine Auswahl der Bilder gemacht. Und der nächste Schritt wäre dann eine Ausstellung der Ergebnisse.

Böddeker: Und wie sieht die Arbeit vor Ort, an so einem Denkmal dann konkret aus? Was machen Sie da mit den Schülern?

Hammer: Das Prinzip dabei ist – wir sind eine Berufsfachschule und bilden gestaltungstechnische Assistenten aus, und die sollen sehr selbstständig arbeiten. Das heißt, das, was wir gemeinsam im Unterricht erarbeitet haben, das soll dann selbstständig angewandt werden. Das heißt, nach diesen Exkursionen, wo dann auch der fachliche Berater dabei ist, werden die selbst Interviews führen, sich die entsprechenden Perspektiven für die Fotos aussuchen, bei Videos vorher ein Storyboard schreiben beziehungsweise zeichnen und sich überlegen, wie das gestaltet wird. Und dann werden die selbstständig produzieren.

Böddeker: Sie haben einen fachlichen Berater erwähnt – ist das auch derjenige, der dann noch so ein bisschen was zum geschichtlichen Hintergrund dieser Denkmäler liefert?

Hammer: Genau. Das wären eigentlich zwei Personen, und die betreuen dann teilweise intensiver auch diese Projekte, helfen bei der Kontaktaufnahme und sind vor Ort bei Interviews dabei.

Böddeker: Ist Ihnen da eine bestimmte Begebenheit oder Begegnung besonders im Gedächtnis geblieben, was Sie da erlebt haben?

Hammer: Ja, das kann ich sagen. Da bin ich mit einer Schülerin beim Thema "Unbequeme Denkmale" an der Mauergedenkstätte Bernauer Straße gewesen. Da ging es also einerseits um Fotos, und wir haben dann hier vor Ort versucht, Menschen anzusprechen auch, also ohne vorher einen Interviewtermin abgemacht zu haben. Und da ist angrenzend ein Friedhof, und auf dem Friedhof war eine ältere Dame, die das Grab gepflegt hat, und die hat uns dann eine entsprechende Geschichte erzählt, wie eine Verwandte von ihr mal verhaftet worden ist, praktisch auf dem Friedhof, weil sie des Fluchtversuchs verdächtigt wurde, aus Ostberlin dann nach Westberlin an der Mauer. Und die hat das ganz toll erzählt und auch diese Bedeutung der Mauer für die Leute, die direkt am Rande dessen gewohnt haben, und es war auch für die Schülerin wahnsinnig interessant natürlich, weil auf einmal diese Geschichte greifbar geworden ist. Und das ist auch der Sinn dieser Projekte im Endeffekt, über den Denkmalschutz Geschichte greifbar zu machen.

Böddeker: Das sagt der Lehrer Thomas Hammer von der Medienschule Babelsberg in Potsdam.

Bei mir im Studio ist weiterhin Susanne Braun vom Programm "Denkmal aktiv". Frau Braun, was wir da gerade gehört haben, ist das ein typisches Beispiel für so ein Schulprojekt?

Braun: Ja und nein. Es ist ein typisches Beispiel für ein Projekt, in dem Herr Hammer sagt, wir wollen versuchen, über Denkmale Geschichte greifbar zu machen. Das ist die Intention des Programms insgesamt, mit Schülern Denkmale zu erleben und die Bedeutung des kulturellen Erbes zu vermitteln. Herr Hammer hat es gesagt, er kommt von einer Berufsfachschule. Das heißt, er arbeitet mit Schülern, die bereits schon etwas älter sind, die 16, 18, vielleicht 20 Jahre alt sind und die mit den Projekten vielleicht auch schon eine gewisse Berufsperspektive verbinden. Das ist sicherlich nicht bei allen Projekten so. Oftmals geht es sicherlich bei kleineren Schülern darum, erst einmal das eigene Lebensumfeld zu entdecken, sich mit der gebauten Geschichte vertraut zu machen, einen emotionalen Zugang zur gebauten Geschichte zu finden, herauszufinden, was sagt mir das kulturelle Erbe, was sagt mir dieses Denkmal, was verbinde ich damit, und noch nicht so sehr eine berufliche Perspektive.

Viele Lerninhalte werden miteinander verbunden

Böddeker: Sie haben eben das Stichwort "Emotion" genannt, auch ein persönlicher Zugang zu solchen Denkmälern. Was macht das mit den Schülern, wenn die vor Ort sind und sich dann dort mit der Geschichte auseinandersetzen? Was ist der Mehrwert im Gegensatz dazu, sich das Ganze nur im Klassenzimmer anzuschauen?

Braun: Da fällt mir ein Satz meines Doktorvaters ein, der das vielleicht sehr schön beschreibt. Der hat immer gesagt, "Denkmale erzählen von Menschen". Und wenn wir vor Ort sind, dann wird diese Geschichte so ungeheuer anschaulich und greifbar, und wir können auf einmal erkennen, hier gibt es jemanden, der sich die architektonische Idee, das Konzept überlegt hat. Dann gibt es viele Leute, die daran beteiligt waren, diesen Ort entstehen zu lassen. Neben dem Architekten die eben schon erwähnten Handwerker. Dann gibt es Leute, all diejenigen, die hier gelebt haben, die hier gearbeitet haben, die hier ihre Freizeit verbracht haben, wenn wir uns vielleicht in einem Park befinden. Das heißt, hier werden ganz viele Lehrinhalte, die in den einzelnen Fächern in der Schule vermittelt werden, auf einmal miteinander verbunden. Und das ist sicherlich der große Mehrwert eines solchen Besuches und der Beschäftigung mit dem Denkmal als außerschulischem Lernort.

Böddeker: Sie selbst sehen die Schülerinnen und Schüler mindestens einmal im Jahr, wenn sie ihre Ergebnisse vorstellen von diesen Besuchen. Manchmal sind Sie aber auch mit den Schülern selbst vor Ort schon gewesen. Haben Sie da ähnliche Begebenheiten erlebt wie das, was wir eben von Herrn Hammer gehört haben, der tatsächlich eine Zeitzeugin noch getroffen hat und dann da mit derjenigen gesprochen hat?

Braun: Eine solche Situation konkret habe ich leider nie erlebt. Aber die Schülerinnen und Schüler erzählen ganz häufig von diesen Begegnungen, die für sie ungeheuer wichtig sind. Diese Möglichkeit, in Kontakt zu kommen mit Menschen, ob es jetzt der externe fachliche Partner ist, den Herr Hammer erwähnt hat, oder eben auch Zeitzeugen, mit denen man ins Gespräch kommt. Diese Dame auf dem Friedhof, die erzählt hat aus einer persönlichen Erfahrung – das ist natürlich etwas, was den Schülerinnen und Schülern Geschichte lebendig werden lässt.

Unterschied zwischen Denkmalen und Denkmälern

Böddeker: Zum Schluss noch eine Frage, ich bin mir sicher, manche Hörer haben sich jetzt auch schon gefragt: Wir haben mal Denkmäler und mal Denkmale gesagt. Beides ist irgendwie korrekt, aber es gibt noch einen feinen Unterschied. Wo liegt der?

Braun: Der Unterschied liegt darin, dass die Denkmalwelt einen sehr feinen Unterschied macht zwischen dem Plural Denkmale und Denkmäler. Den Plural Denkmäler verwenden wir für gesetzte Denkmäler, und den Plural Denkmale für all die Orte, die wir heute als authentisches Zeugnis und Quelle gern für die Zukunft erhalten möchten und die wir als Denkmale ausweisen.

Böddeker: Schulprojekte zum Thema Kulturerbe und Denkmalschutz. Viele davon stehen dieses Jahr mit dem Europäischen Kulturerbejahr 2018, das heute eröffnet wird. Darüber gesprochen haben wir mit Susanne Braun vom Programm "Denkmal aktiv". Vielen Dank für das Interview!

Braun: Bitte schön, gern geschehen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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