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StartseiteForschung aktuellEuropas Griff nach dem Mond16.05.2006

Europas Griff nach dem Mond

EADS plant Radioteleskop auf dem Erdtrabanten

<strong>Raumfahrt. - Am Dienstag begann auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld die Internationale Luft- und Raumfahrtausstellung. Unter den mehr als 1000 Firmen und Agenturen aus über 40 Ländern gibt auch der Raumfahrtkonzern EADS Einblick in seine Visionen - darunter ein automatisches Radioteleskop auf dem Mond. Der Wissenschaftsjournalist Dirk Lorenzen erläutert es im Gespräch mit Gerd Pasch</strong>

Stark genug für den Flug zum Mond: Europas Ariane-5-Rakete. (AP / ESA / CNES / ARIANESPACE)
Stark genug für den Flug zum Mond: Europas Ariane-5-Rakete. (AP / ESA / CNES / ARIANESPACE)
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Internationale Luftfahrtausstellung

Gerd Pasch: Der europäische Raumfahrtkonzern EADS plant, eine unbemannte Kapsel mit einer Ariane-5-Rakete zum Mond zu schießen und auf dessen Rückseite abzusetzen. Der Lander soll als Radioteleskop funktionieren, wenn nach der Landung automatisch an Kabeln hängende Empfänger für Radiowellen herausgeschleudert werden. Diesen Plan stellte das Unternehmen heute auf der Internationalen Luftfahrtausstellung in Berlin vor. Ein ehrgeiziges Unterfangen, aber wie realistisch ist es, Herr Lorenzen?

Dirk Lorenzen: Es ist im Moment sicherlich noch mehr Ehrgeiz als realistisch, aber die Firma sagt: "man muss hier ein bisschen mitspielen und über den heutigen Tellerrand hinaus auch zum Mond schauen" und entwickelt hier eine sehr kreative Idee, die doch ein Konzept hat, das technologisch sicherlich umsetzbar wäre, ohne allzu großen Aufwand. Damit macht ein privates Unternehmen etwas, das eigentlich eine nationale Raumfahrtagentur machen sollte. Zwar scheint etwa das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt nicht allzu viel von dieser Idee zu halten. Dennoch ist EADS sehr optimistisch, das Projekt 2008 auf eine europäische Bühne heben zu können, und dann könnte es vielleicht 2015 so weit sein.

Pasch: Europa will also jetzt auch zum Mond, beteiligt man sich damit am internationalen Wettlauf der Amerikaner und Chinesen?

Lorenzen: Nein, aber Europa könnte gleichsam im Windschatten der beiden großen Raumfahrtmächte auf den Mond gelangen. Amerikaner und Chinesen spielen aber in einer anderen Liga und planen für das kommende Jahrzehnt bemannte Flüge zum Mond. Bei dem heute präsentierten Projekt geht es um automatische Sonden, die auf dem Mond landen sollen – es geht nicht um europäische Astronauten, die zum Mond fliegen sollen. So ein Projekt ist noch in sehr weiter Ferne.

Pasch: Der Vorstoß kommt von der Firma EADS. Geht es rein um wirtschaftliche Interessen?

Lorenzen: Nicht allein, aber es geht auch um wirtschaftliche Interessen. EADS baut die Ariane-Rakete. Und man hat gemerkt, dass die Ariane so schubstark ist, dass man damit auch zum Mond fliegen kann. Bisher nutzt man die Ariane nur zum Aussetzen von Satelliten im Weltraum. Aber ein Flug zum Mond wäre natürlich kein Selbstzweck – und so hat man nach "sinnvoller" Nutzung so eines Unternehmens gesucht. Dabei sind die Konzernstrategen auf ein Radioteleskop gekommen, dass bei diesem LIFE-Projekt auf dem Mond installiert werden soll. LIFE steht für Forschungsinfrastruktur auf dem Mond (Lunar Infrastructure for Exploration). Aber man wird dazu auch neue Technologien entwickeln müssen wie etwa eine punktgenaue Landung auf dem Mond. Das wird man auch bei anderen Projekten wie etwa Europas Marsmission eine Rolle spielen könnte. Es hat also wirtschaftliche wie technologische Aspekte.

Pasch: Warum ist der Mond für die Astronomen so interessant?

Lorenzen: Die Rückseite des Mondes ist eine absolut radioleise Zone. Dort gibt es keinerlei Störung durch Funkverkehr, Radiosender oder Mobiltelefone wie auf der Erde. Solche Störstrahlung macht den Radioastronomen auf der Erde das Leben schwer. Um aber ein Radioteleskop auf den Mond zu bringen, braucht es ganz neue Technologie. Denn natürlich lassen sich keine riesigen Stahlkonstruktionen auf den Mond bugsieren. Bei LIFE wird die Sonde nach dem Aufsetzen automatisch etwa 100 kleine Empfänger an Drahtseilen verschießen – bis zu 100 Meter in die Umgebung. Die Daten der einzelnen Empfänger werden dann erst im Computer zusammengeführt – dort entstehen die Bilder. Mit einem Radioteleskop auf dem Mond könnte man in die Anfänge des Universums blicken. Damals bestand der Kosmos nur aus kaltem Gas, das langsam die ersten Strukturen gebildet hat. Und das leuchtet eben nur im Radiobereich, deswegen braucht man Radioteleskope - und die Forschung an diesen dunklen Gaswolken geht nur auf dem Mond, das geht nicht auf der Erde, denn da stört die Atmosphäre.

Pasch: Und was wird das Projekt kosten?

Lorenzen: Man muss dazu ein bisschen an der Ariane arbeiten, man muss die Landefähigkeit entwickeln und natürlich auch das Teleskop selbst sowie den Datentransfer zur Erde per Laser mit bis zu zwei Gigabit pro Sekunde. Das wird insgesamt etwa 1,4 Milliarden Euro kosten - für die Gesamtentwicklung, den Start und den Betrieb dort oben. Wenn man dann weitere Teleskope dort aufbauen wollte, wäre man sehr viel billiger. Ob das gerechtfertig ist oder nicht: rein mit der Astronomie sicherlich nicht, denn es wäre viel teurer als ein Teleskop auf der Erde - was dies aber gar nicht kann. Nimmt man andere Dinge hinzu wie die Technologie und auch die Faszination, in diese neuen und unerforschten Bereiche des Mondes vorzudringen, dann muss jeder für sich entscheiden. EADS hält den Aufwand offenbar für gerechtfertigt und hofft auf Zustimmung Europas.

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