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StartseiteBüchermarktZerbrechlicher Zusammenhalt15.05.2017

Eva Menasse: "Tiere für Fortgeschrittene"Zerbrechlicher Zusammenhalt

Wer glaubt, er habe es hier mit Tiergeschichten zu tun, sieht sich getäuscht. Ähnlich wie in "Lässliche Todsünden", dem ersten Erzählungsband der österreichischen Autorin, setzt ein Vorfall mit Tieren nur den Rahmen für Geschichten. Es geht um fragile Gemeinschaften, deren Zusammenhalt sich als sehr störanfällig erweist. Spielort: das Mittelstandsmilieu.

Von Angela Gutzeit

Die österreichische Schriftstellerin Eva Menasse im Studio. (Deutschlandradio / Oranus Mahmoodi)
Die Frage nach der Wahrheit treibt sie um: die österreichische Schriftstellerin Eva Menasse. Ihre Protagonisten erleben häufiger, wie sich die Realitäten verschieben. (Deutschlandradio / Oranus Mahmoodi)

"Diese Tiermeldungen sind für mich so ein Anstoß, ein Trigger, ein auslösendes Moment, eine Geschichte zu schreiben. Ich habe die wirklich allein nach dem Kriterium ausgewählt, dass ich sofort darin Menschengeschichten gesehen habe. Das erschließt sich jetzt für Sie als Leser nicht unbedingt sofort, aber für mich hat es so’ n künstlerischen Anreiz gegeben."

Man kann es aber auch so sehen: Die Kurztexte über Igel, Raupen, Schafe und was noch so an Tierischem vorkommt, sensibilisieren den Leser für den tieferen Sinn der darauf folgenden Geschichte. Denn auf eines muss man sich bei Eva Menasses Erzählungen gefasst machen: Sie haben fast immer einen doppelten Boden.

Sie beginnen in der Regel mit Sätzen, die das Potential haben, sofort auf ein bestimmtes Szenario einzustimmen. So heißt es in der Eingangserzählung "Schmetterling, Biene, Krokodil": "Ihr Jugendfreund Martin ist  gestorben, und Tom, die Frau, die auf einen Männernamen besteht, sitzt ratlos am Computer und bucht einen Türkeiurlaub mit Wasserrutschen."

Oder zu Beginn der Erzählung "Raupen": "Nach dem Streit mit Katharina zog sich Konrad fast unverzüglich in den Keller zurück, um weiter an seiner Todesanzeige zu arbeiten." Auf den ersten Blick wirken diese Sätze einfach und klar. Sie enthalten jedoch irritierende Informationen: Wieso arbeitet z.B. ein Mann nach einem Streit an seiner eigenen Todesanzeige?  

"Geschichten, die schwingen, die flirren"

Einige Seiten weiter ist in der Regel auch tatsächlich nichts mehr klar. Der Wahrnehmung der jeweiligen Erzählinstanz – sei sie in die Figuren hineinverlegt oder von ihnen losgelöst – ist nicht mehr unbedingt zu trauen. Eva Menasse meinte sie zu dieser auffallenden Realitätsverschiebung in ihren Geschichten:

"Das stimmt. Ich habe gern Geschichten, die schwingen, die flirren, bei denen man sich nicht ganz klar ist, weil ich selbst die Welt so erlebe. Immer wieder prägen sich mir Szenen ein, die im Rückblick dann anders gewesen sein könnten, als ich sie im ersten Moment empfunden habe.

Das ist ein Verfahren, das mich interessiert, weil mich überhaupt diese Frage nach der Wahrheit umtreibt. Wahrscheinlich schon mein ganzes Leben lang, also seitdem ich schreibe."

Autobiografische Aspekte, surreale Wahrnehmung

In der Geschichte "Schmetterling, Biene, Krokodil" fährt eine junge Frau namens Tom mit ihrer Patchwork-Familie in den Türkeiurlaub. Kurz davor hatte sie vom Tod eines Jugendfreundes erfahren, zu dem sie eigentlich überhaupt keinen Kontakt mehr hatte. Aber die Nachricht erschüttert sie offensichtlich so sehr, dass sie ihre Umgebung wie auch ihr Ehe- und Familienleben plötzlich aus einem anderen Blickwinkel sieht. Ihre Wahrnehmungen verschieben sich in fast surrealer Weise.

Mehrmals taucht in der Geschichte eine attraktive Frau auf, die sich Toms Ehemann am Strand oder im Hotel in scheinbar vertrauter Geste zuwendet. Aufgeklärt werden diese Szenen nicht, aber sie lassen den Leser spüren, dass Menasses Protagonistin ganz offensichtlich den Boden unter den Füßen verliert.

"Das hat mal einen zugegeben autobiografischen Aspekt. In meinem eigenen Leben sind kurz hintereinander 2014 alte enge Freunde und beide sehr plötzlich gestorben. Und ich habe damals die Erfahrung gemacht, dass ich mich selbst beim Weiterleben beobachtet habe. Und diese Erfahrung wollte ich gern in eine Geschichte in einer anderen Weise einbringen. Und deswegen sieht diese Frau in dieser Geschichte viele Dinge zwar, aber sie setzt sie nicht richtig zusammen.

Mir gefällt das sehr gut und ist auch technisch gar nicht so einfach zu machen – eine Geschichte personal so zu erzählen, dass man als Leser weiß, die sieht was, von dem sie  gar nicht versteht, was es bedeutet."

Szenen der Verunsicherung

Auch in der Erzählung "Opossum" weiß der Protagonist, ein verheirateter Mann, nicht so recht, wie ihm geschieht. Er ist nachts allein auf einer Waldstraße unterwegs und bemerkt, dass er vergessen hat, rechtzeitig zu tanken. In einer Waldschänke, die er ansteuert, um dort - wie schon öfter - zu nächtigen und sich Benzin zu besorgen, spielen sich beklemmende und für ihn wie auch für den Leser undurchschaubare Szenen ab. Schließlich wird er zum Abreisen genötigt.

Dieser irritierende Vorfall löst bei dem Mann eine Gedankenflut aus. In personaler Erzählweise offenbart sich dem Leser das Drama der Ehe dieses Protagonisten, die durch ein Liebesverhältnis zu einer anderen Frau außer Kontrolle zu geraten droht. 

Diese Szenen der Verunsicherung, die nicht selten zu einem Höhepunkt führen, um dann im Ungelösten zu verebben oder in der Art der Novelle eine überraschende Wendung zu nehmen, sind vielen Menasse-Geschichten eigen. Und sie beherrscht dieses Erzählprinzip hervorragend.

Fragile Ehen im Mittelstandsmilieu

Auf der inhaltlichen Ebene geht es in diesen Geschichten oft um fragile Ehen und Patchwork-Familien, um Gruppen und Gemeinschaften, deren Zusammenhalt sich als sehr zerbrechlich und störanfällig erweist. In der Geschichte "Haie" löst sich eine Frau von einer Elterngruppe, die sich gegen eine libanesische Familie zusammenrottet. Und in "Schafe" eskalieren die Ereignisse in einer italienischen Künstlerkolonie. Auffällig ist die häufige Verortung der Geschichten im Mittelstandsmilieu, deren Protagonisten sich letztlich immer wieder um sich selbst drehen – ohne Ausweg. Es ist ein Milieu, das Eva Menasse selbst sehr vertraut ist.

"Ich mache solche Sachen ja nicht bewusst. Ich nehme die Dinge natürlich auf, wie ich sie erlebe. Ich bin wie ein Schwamm, der die Sachen sammelt. Mir fällt das auch auf, dass dieses Buch vielleicht ein bisschen pessimistischer ist und auch weniger spaßig als meine früheren Bücher. Das tut mir auch Leid gewissermaßen. Trotzdem suche ich ja eigentlich immer nach dem intensiven Moment."

In der Tat – spaßig sind die Erzählungen in diesem Buch nicht. Dafür sind sie aber sehr viel reifer, in ihrer Abgründigkeit interessanter und formal raffinierter als Menasses Geschichten aus früherer Zeit.

Eva Menasse: Tiere für Fortgeschrittene. Geschichten.
Kiepenheuer & Witsch. 320 Seiten. 20 Euro.

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