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StartseiteTag für TagBeten für Mr. President27.04.2017

Evangelikale und TrumpBeten für Mr. President

Am Wochenende ist Donald Trump 100 Tage im Amt. Das evangelikale Milieu, das seine Wahl stark unterstützt hat, ist noch immer von ihm begeistert. Vor allem diejenigen, die nicht regelmäßig sonntags in die Kirche gehen, hoffen auf ihn. Er liefert ihnen eine neue Wahrheit.

Von Jürgen Kalwa

Donald Trump hält eine Rede in einer evangelisch-methodistischen Kirche in Michigan im September 2016 (AFP / MANDEL NGAN)
Donald Trump hält eine Rede in einer evangelisch-methodistischen Kirche in Michigan im September 2016 (AFP / MANDEL NGAN)
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Knapp zwei Wochen, nachdem er das Amt des Präsidenten übernommen hatte, wandte sich Donald Trump zum ersten Mal ganz direkt an all jene, denen er hauptsächlich sein Amt verdankt. Der Anlass: das jährliche sogenannte Gebetsfrühstück in Washington, zu dem mehrere tausend Besucher kommen. Darunter viele Honoratioren.

Es war eine gute Gelegenheit, um das zu verkaufen, was er am besten zu inszenieren versteht. Sich selbst und seine Popularität im rechten politischen Spektrum. Er erinnerte daran, dass er eine erfolgreiche Fernsehshow aufgegeben hatte, um in den Wahlkampf zu ziehen. Ersetzt wurde er von einem Hollywood-Schauspieler, der als Gouverneur von Kalifornien eine politische Laufbahn eingeschlagen hatte – von Arnold Schwarzenegger. Und was geschah?

"Die Quoten sanken in den Keller. Eine totale Katastrophe. Ich würde gerne für Arnold beten, wollen wir?"

Das mit dem Beten erlebt Trump häufiger. Und es geht ihm nahe.

"Die Wörter, die ich am häufigsten auf meinen Reisen durchs Land höre, lauten: Ich bete für dich, Mister President."

Für den Mann, der nach eigenen Worten eine intensive religiöse Erziehung genoss:

"Ich wurde auf jene Bibel meiner Mutter eingeschworen, mit der sie uns Kinder erzogen hat. Dieser Glaube lebt noch heute in meinem Herzen."

Trump bedient evangelikale Interessen

Woraus sich vieles ableiten ließe – vor allem eine politische Ausrichtung auf der Basis des Neuen Testaments. Aber das wollen Amerikas evangelikale Christen von ihrem Präsidenten gar nicht hören. Sie haben andere Sorgen: Zum Beispiel das Gesetz, das Kirchen und anderen steuerbefreiten Organisationen untersagt, in der Politik und bei der Diskussion über Kandidaten explizit Partei zu ergreifen. Trump will das ändern.

Er werde diese Vorschrift – benannt nach dem ehemaligen Präsidenten Lyndon B. Johnson – nicht nur einfach abschaffen, sondern "total zerstören".

Begeisterung im Publikum. Denn viele Christen in Amerika haben eine Verfolgtenphobie kultiviert, die Trump versteht und bedient. Sie fühlen sich Opfer der liberalen Elite.

Trump installierte nicht nur eine streng calvinistische Bildungsministerin, die das säkulare öffentliche Schulsystem finanziell aushöhlen will. Er nominierte einen Richter für den Obersten Gerichtshof, der den Abtreibungsgegnern gefällt. Und er erließ unter dem Vorwand, terroristische Anschläge verhindern zu wollen, Dekrete, die Muslime aus dem Land halten sollen.

Was zählt, ist die Reinheit der Motive, wie sie ein Trump-Berater, der ehemalige New Yorker Bürgermeister Rudy Giuliani offen beschrieb.

"Er hat es zuerst 'Moslem-Verbot' genannt", sagt Giuliani. "Aber mich dann gebeten, mit Hilfe einer Kommission einen Weg zu finden, wie man das auf legale Weise hinbekommt. Wir haben uns auf 'Gefahr' konzentriert. Anstatt auf Religion."

Landesweite Mehrheiten lassen sich auf diese Weise nicht entwickeln. Aber das stört seine einflussreichen Verfechter wie etwa Richard Land, Präsident des Southern Evangelical Seminary, auch gar nicht. Der Chef der Bildungseinrichtung in North Carolina dreht und wendet die Bibel solange, bis er findet, was er braucht. Und sei es einen Mann im Weißen Haus zu akzeptieren, der geprahlt hatte, dass er Frauen einfach an die Geschlechtsteile fassen würde. Wie passt das zur rigiden Sexualmoral der Evangelikalen?

"Dieser Donald Trump ist längst ein anderer. Und natürlich: Als Christ glaube ich an die Erlösung. Und an zweite Chancen, an dritte Chancen und vierte Chancen", sagt Land.

Ahnungslosigkeit als Erklärungsansatz

Zynismus in Zeiten von Trump ist ein Kalkül, das sich überall breit macht. Vor allem unter der republikanischen Kongressmehrheit. Dort setzt man darauf, dass man mit dem unberechenbaren Trump politische Projekte auf den – rechten – Weg bringen kann.

Die Loyalität wird bisweilen auf ernsthafte Proben gestellt. Etwa dann, wenn Regierungssprecher Sean Spicer sich nach dem Cruise-Missile-Angriff auf einen syrischen Militärflughafen - einer Reaktion auf den Giftgas-Anschlag – zu einem unhaltbaren historischen Vergleich versteigt:

Spicer behauptete nicht nur, Hitler und die Nazis hätten kein Gas gegen die deutsche Bevölkerung eingesetzt. Er schuf sogar einen neuen Begriff: Aus Massenvernichtungslagern wurden extrem harmlos klingende "Holocaust Center".

Vieles in der neuen Regierung lässt sich mit purer Ahnungslosigkeit erklären. So gab Trump inzwischen zu, dass er nicht wusste, wie kompliziert das Gesundheitswesen ist, und dass er die NATO nun doch nicht mehr für überflüssig hält.

Prinzipien bleiben auf der Strecke

Aber das trifft auf den religionsbezogenen Themenkreis nicht zu. Aus fast allem spricht eine bewusst gewählte Phraseologie, die unterschwellig einer autoritären staatlichen Ordnung das Wort redet und den Antisemitismusverdacht einfach in Kauf nimmt.

Die Sätze sind so formuliert, dass sie über die Köpfe der Religionsführer hinweg das Kernpublikum erreichen. Es sind Menschen, wie der New Yorker Journalist Peter Beinart in einem vielbeachteten Essay im politischen Magazin "The Atlantic" so beschrieb: "Konservative, die sonntags kaum noch in die Kirche gehen und die nicht etwa toleranter, sondern intoleranter geworden sind." Ihr Katechismus ist Fremdenfeindlichkeit, eine Fixierung auf Ethnien, Nationalismus und Identität. Auf der Strecke bleiben die Prinzipien der Morallehre.

"Trump war unter den Evangelikalen, die nicht regelmäßig in die Kirche gehen, erfolgreicher als unter den Kirchgängern. Das sind jene weißen Amerikaner, denen es wirtschaftlich schlechter geht und die pessimistisch eingestellt sind", sagte Beinart im National Public Radio neulich.

Das Problem hat weitreichende Folgen:

"Kirchen waren traditionell die Zentralstellen für das Engagement von Amerikanern. Wenn sie diesen Bereich verlassen, entziehen sie sich auch dem staatsbürgerlichen Engagement. Sie ersetzen Kirchen keineswegs durch etwas anderes, was diese Rolle übernehmen könnte."

Sie glauben einfach an eine neue Wahrheit – genannt: Alt-Right.

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