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StartseiteTag für Tag"Seine Judenfeindlichkeit hätte Luther disqualifiziert" 24.10.2016

Evangelischer Kirchentag"Seine Judenfeindlichkeit hätte Luther disqualifiziert"

Wer sich rassistisch äußert, wird zum Evangelischen Kirchentag nicht eingeladen. Auch Luther wäre heutzutage wahrscheinlich ausgeladen worden, sagte Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au im DLF. AfD-Politiker und -Anhänger will sie dennoch nicht per se vom Kirchentag ausschließen.

Christina Aus der Au im Gespräch mit Christiane Florin

Christina Aus der Au im Porträt (36. DEKT )
Christina Aus der Au (36. DEKT )

Christiane Florin: Ich bin nun verbunden mit der Präsidentin des Evangelischen Kirchentags, mit der Theologin Christina Aus der Au. Sie ist Schweizerin und in der Schweiz erreichen wir sie heute Morgen auch. Guten Morgen, Frau Aus der Au.

Christina Aus der Au: Guten Morgen, Frau Florin.

Florin: Als Schweizerin schauen Sie womöglich mit etwas mehr Distanz auf deutsche Befindlichkeiten. Befremdet Sie eine solche Debatte wie die um die AfD?

"Wenn man eine bestimmte Religion ausschließt, schließt man auch die Anghörigen aus"

Aus der Au: Na, einerseits ist uns hier in der Schweiz Deutschland nicht so fremd. Wir sind uns sehr nah und Deutschland ist auch nicht das einzige Land, in dem Debatten um Rechtsrutsche und Rechtsparteien geführt werden. Und dann haben wir auch selber Parteien, die am rechten Rand politisieren. Insofern können wir das sehr gut nachvollziehen.

Florin: Nicht eingeladen wird, wer sich rassistisch äußert. So hat es das Präsidium des Kirchentages beschlossen. Nehmen wir mal eine Aussage wie: "Der Islam gehört nicht zu Deutschland." Ist das schon eine rassistische Aussage?

Aus der Au: Sie wurde dann ja gleich wieder eingeholt durch Aussagen wie: "Natürlich gehören Muslime und Muslima zu Deutschland." Aber ich würde "rassistisch" verstehen als eine Diskriminierung auf Grund einer bestimmten Zugehörigkeit. Und wenn man so eine bestimmte Religion ausschließt aus der Zugehörigkeit zu Deutschland, dann bringt das in meinen Augen schon mit sich, dass man damit auch die Angehörigen dieser Religion ausschließt und insofern das jedenfalls rassistische Konsequenzen hat.

"Wir haben noch nie Parteien ausdrücklich ausgeschlossen"

Florin: Warum haben Sie sich nicht so eindeutig geäußert wie die katholischen Kolleginnen und Kollegen (vor dem Katholikentag in Leipzig), also warum nicht im Vorfeld eindeutig gesagt: "Die AfD bleibt draußen"?

Aus der Au: Wir haben noch nie Parteien explizit eingeschlossen oder explizit ausgeschlossen von daher war das für uns gar keine Diskussionsgrundlage. Wir wollen auch nicht auf Grund einer bestimmten Zugehörigkeit quasi ausschließen oder einschließen, sondern wir haben uns immer schon auf die Kompetenz von Individuen konzentriert und gesagt: "Wir werden Leute einladen, die was zu sagen haben und die es auch so zu sagen haben, dass daraus ein konstruktives Gespräch entstehen kann."

Florin: Zu welchen Themen können Sie sich denn AfD-Politikerinnen und Politiker konstruktiv auf Podien vorstellen?

"Petry und von Storch kann ich mir schlecht zum Thema Flüchtlingspolitik vorstellen"

Aus der Au: Ich würd mir sie nicht als qua AfD- Politikerinnen oder Politiker vorstellen, sondern qua Individuen. Wir diskutieren sehr gerne kontrovers und kritisch. Und wenn es Menschen gibt, die auch zur Flüchtlingspolitik nicht nur sagen: "Es ist alles rosarot und himmelblau, sondern wir wollen das genau angucken". Und wenn man dann wirklich mit den Leuten vor einem Publikum so reden kann, dass es nicht in gegenseitigen Beleidigungen endet oder zu einem Schlagabtausch oder einer Werbeveranstaltung für eine bestimmte politische Partei wird, dann kann ich mir wirklich Menschen aus einem breiten Spektrum da vorstellen.

Florin: Nun inszenieren sich Politikerinnen wie Beatrix von Storch oder auch Frauke Petry als gläubige Christen. Vielleicht ist das Wort "inszenieren" auch schon zu abwertend. Sie stellen sich jedenfalls öffentlich so dar. Nehmen wir diese beiden: Beatrix von Storch, Frauke Petry. Würden Sie die zum Thema Flüchtlingspolitik einladen?

Aus der Au: Das kann ich mir jetzt schlecht vorstellen. Eben deswegen, weil nach allem, was ich gesehen, gehört und gelesen habe, die Wahrscheinlichkeit sehr, sehr groß ist, dass das kein konstruktives Gespräch wird. Was heißt "sich als gläubige Christin inszenieren"? Das kann jeder, das ist auch kein Kriterium. Wir reden auch gerne mit Menschen, die sich nicht als gläubige Christen darstellen.

Kein Wettbewerb "Wer schlägt besser zu"

Florin: Aber es gibt Berührungspunkte zwischen AfD-Anhängern und einem Teil der evangelischen und auch einem Teil der katholischen Kirche, etwa wenn es um das Familienbild geht, wenn es um Anti-Gender-Politik geht, wenn es um die Angst vor dem Islam geht. Wie gehen Sie damit um?

Aus der Au: Ja, das ist wahr. Es gibt eine konservative Strömung auch unter Christinnen und Christen. Und darüber müssen wir reden. Was heißt "Gender"? Was heißt es, dass das Männer- und Frauenbild offenbar auch anders gesehen werden kann als so statisch, wie bestimmte Menschen die Bibel verstehen. Aber dann möchte ich gerne eben darüber sprechen, wie wir Menschen verstehen vor Gott, wie Frau-Sein, wie Mann-Sein gelingen kann, wie Menschen leben und wie wir Menschen respektieren und in unserer Gemeinschaft willkommen heißen können, die sich nicht so eindeutig definieren lassen. Was es bedeutet für unser Christ-Sein, wenn der Horizont vielleicht weiter ist als nur schwarz und weiß. Und was es bedeutet, wenn es darum geht, Menschen von Angesicht und Angesicht zu begegnen und nicht erst mal in Schubladen zu stecken.

Christina Aus der Au blickt nachdenklich zur Seite (36. DEKT)Christina Aus der Au ist die Präsidentin des 36. Deutschen Evangelischen Kirchentags (36. DEKT)

Florin: Das heißt, über Gender würden Sie mit Frauke Petry auf dem Kirchentag sprechen?

Aus der Au: Ich würde sehr ungern vor einem Publikum mit jemand so Herausgehobenen wie Frauke Petry diskutieren, weil ich einfach befürchte, das gibt kein Gespräch. Ich hätte kein Problem mit Ihr beim Bier oder beim Kaffee zu reden über Gender, über ihre Position. Aber sobald da Menschen zuhören, ist ein einfach bei solchen zugespitzten Menschen und Positionen kein Gespräch mehr, sondern ein "Wer schlägt besser zu".

Florin: Was fürchten Sie da? Zu viel Applaus aus dem Publikum?

"Fruchtloser Schlagabtausch, Zeitverschwendung"

Aus der Au: Nein, überhaupt nicht zu viel Applaus aus dem Publikum, sondern einen fruchtlosen Schlagabtausch, eine Zeitverschwendung, weil man nachher nicht weiter ist als vorher. Wir möchten gerne auf dem Kirchentag Gespräche und Podiumsdiskussionen und auch Diskussionen mit dem Publikum, die sehr viel Partizipationsmöglichkeiten haben, wo man nachher sagt: "Aha, jetzt habe ich was gelernt, jetzt bin ich weitergekommen und jetzt habe ich gemerkt, wie sich Menschen aufeinander zu bewegen, wie sich Positionen verändern." Ich befürchte, dass das bei dieser Konstellation so nicht gegeben wäre.

Florin: Nun hat der CSU-Generalsekretär Scheuer ja vor einigen Wochen einen Fußball spielenden, ministrierenden Senegalesen als Beispiel gewählt für einen Flüchtling, den man leider nicht so schnell abschieben kann. Fällt so was eigentlich auch unter Rassismus und ist damit ausgeschlossen vom Kirchentag?

Aus der Au:  Das war eine sehr despektierliche, eine verachtende, eine verächtliche Aussage. Das hat ja auch die entsprechenden Reaktionen hervorgerufen. Das ist eine Aussage, die so auf verschiedenen Ebenen mit Werten in Widerspruch steht, die wir vertreten. 

Florin: Das heißt, er würde nicht eingeladen auf ein Podium deshalb?

Aus der Au: Ich glaube nicht, dass wir ihn auf unserer Referentenliste haben.

Luther, Zwingli, Calvin bekommen keinen Persilschein

Florin: Nun gilt als Ausschlusskriterium auch die "Verbreitung gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit", so heißt es in dem Papier des Präsidiums. Wäre Luther da nach heutigen Maßstäben noch dabei?

Aus der Au: Seine Judenfeindlichkeit würde ihn jedenfalls sehr disqualifizieren.

Florin: Das ist aber ein bisschen komisch im Jahr des 500. Jubiläums der Reformation.

Aus der Au: Luther auszuladen?

Florin: Ja.

Aus der Au: Naja, erstens bin ich ja als Reformierte sowieso nicht für Personenkult, auch nicht wenn es um Luther geht. Von daher ist keiner aufgrund seines Namens oder seiner Stellung in der Geschichte davor gefeit, von uns kritisch angeguckt zu werden. Und zweitens muss man jetzt sowieso gleich dazu sagen, das ist 500 Jahre her und da sind die Bandagen um einiges härter gewesen. Was das anbelangt, hätte man auch mit Zwingli und Calvin wahrscheinlich Mühe gehabt, denen einen Persilschein auszustellen, was gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit anbelangt.

"Christlicher Glaube ist etwas Dynamisches"

Florin: Sie haben sich als Theologin auch stark mit Nicht-Religiosität beschäftigt. Wie erklären Sie sich, dass die Zahl der Christen in Europa abnimmt, aber zugleich das christliche Abendland verteidigt wird?

Aus der Au: Da kommt es sehr darauf an, was man unter dem christlichen Abendland versteht. Wenn man diese konservativen Sicht nimmt, dass es Werte sind, die auch vom Christentum lange verteidigt wurden, die aber auch zum großen Teil aus einer bürgerlichen Gesellschaft stammen, wie eben die Kernfamilie oder die Zweigeschlechtlichkeit, die Heterosexualität, dann hat sich da etwas verselbständigt, was – ich finde auch – für Christinnen und Christen eine ungute Entwicklung ist. Dass man Werte rausnimmt, aufbewahrt und sagt: Das wollen wir jetzt verteidigen,  denn das ist christlich. Im Gegensatz dazu ist christlicher Glaube – so wie ich das sehe – etwas Dynamisches, der sich auseinandersetzt mit dem Gottes- und dem Menschenbild vor den biblischen Texten, in der Auseinandersetzung mit den biblischen Texten, aber auch mit den Menschen und die Argumente sucht und versucht, sich hier und jetzt in diesem Geiste zu besinnen und tätig zu sein, … und in den biblischen Texten des Alten und Neuen Testaments begegnet. Das ist eine viel dynamischere Sache, als einfach Werte zu nehmen und zu sagen: So, hier, das ist jetzt das christliche Abendland.

Florin: Das christliche Abendland ist eine dynamische Sache, und Luther hätte heute Schwierigkeiten auf dem evangelischen Kirchentag. Danke an die Präsidentin des Evangelischen Kirchentages CHristina Aus der Au.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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