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Seit 02:07 Uhr Kulturfragen
StartseiteKultur heuteEvangelischer Theologe: "Eine bemerkenswert politische Rede"22.09.2011

Evangelischer Theologe: "Eine bemerkenswert politische Rede"

Friedrich Wilhelm Graf über die Rede des Papstes vor dem Deutschen Bundestag

Der Papst habe "sehr deutlich bestimmte Entscheidungen des Deutschen Bundestages kritisiert", so der evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Graf. Über die "Relativierung des Mehrheitsprinzips" in der Rede des Papstes müsse noch gestritten werden.

Friedrich Wilhelm Graf im Gespräch mit Beatrix Novy

Papst Benedikt XVI. hält eine Rede im Deutschen Bundestag (AP / Markus Schreiber)
Papst Benedikt XVI. hält eine Rede im Deutschen Bundestag (AP / Markus Schreiber)
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Beatrix Novy: Die höchste Sicherheitsstufe im Bundestag konnte jetzt aufgehoben werden, eben erst ist unsere Übertragung der Rede des Papstes im Berliner Reichstagsgebäude zu Ende gegangen, und schon sind wir wieder beim Papst. Bei uns zugeschaltet ist Friedrich Wilhelm Graf, Professor für Theologie und Ethik in München, protestantischer Theologe, sollte man nicht verschweigen. Guten Abend, Herr Graf.

Friedrich Wilhelm Graf: Guten Abend!

Novy: Sie haben die Rede des Papstes eben natürlich verfolgt. Unsere Kollegen vorhin hier in der Sondersendung fanden sie etwas kühl. War das, was hier der Papst im Bundestag als Staatsgast vor einem Parlament sagte, war das das, was Sie erwartet haben, eine politische Rede?

Graf: Ja, es war implizit eine bemerkenswert politische Rede. Der Papst hat sehr deutlich bestimmte Entscheidungen des Deutschen Bundestages kritisiert. Er hat dies getan in Gestalt einer rechtstheoretischen Erwägung, in Gestalt von demokratietheoretischen Erwägungen. Er hat nichts gesagt, was er nicht schon seit 20, 30 Jahren gesagt hat. Für Kenner von Benedikt-Texten war das nichts Neues, aber sicherlich in diesem Kontext für bestimmte Abgeordnete bemerkenswert provozierend.

Novy: Welche Entscheidungen des Bundestages meinen Sie?

Graf: Na ja, der entscheidende Begriff dieser ganzen Rede ist ja weite Vernunft und ein anderes Naturverständnis. Er hat darauf hingewiesen, dass es auch eine Ökologie des Menschen gibt, wie er das genannt hat, dass der Mensch ein Wesen ist, das sich nicht selbst machen kann, mehr ist als sein eigener Wille und Verstand. Da geht es natürlich um die Reproduktionsmedizin, da geht es etwa um die Entscheidung des Bundestages zur Präimplantationsdiagnostik. Hier hat er deutlich darauf hingewiesen, dass er anderes will.
Er hat ja auch sehr klar beschrieben, was er mit der Rede eigentlich will. Er hat ausdrücklich die Formel verwendet, "die wesentliche Absicht seiner Rede sei es". Was will er, was wollte er damit sagen? – Er wollte auf eine in seinen Augen dramatische Situation hinweisen, dass wir einem falschen Rechtsverständnis folgen und dieses falsche Rechtsverständnis in einem falschen Vernunft- und Naturverständnis wurzelt.

Novy: Und dass Recht und Unrecht, gut und böse, zentrale Begriffe dieser Rede, ohne eine letzte Rückbindung an die Religion nicht denkbar sind, kam das auch zum Ausdruck?

Graf: Das kam auch zum Ausdruck, wobei er darauf hingewiesen hat, das ist ihm sehr wichtig, schon seit Langem sehr wichtig, dass das Christentum Recht nicht direkt aus Offenbarung begründet, sondern Recht christlicher Tradition zufolge in Natur und Vernunft begründet werden. Er hat gesagt, dass Naturrecht ja heute weithin als katholische Sonderlehre gilt. Das ist eine massive implizite Kritik an protestantischen Rechtstheorien, an 500 Jahre alter protestantischer Rechtslehre. An dem Punkt hat er auch alte konfessionelle Dissense angesprochen.

Novy: Womit wir möglicherweise an der Kritik, die Sie an dieser Rede haben, wären. Was wäre das?

Graf: Na ja, zunächst ist ja überraschend, mit welcher Intensität er sich auf Hans Kelsen bezogen hat, also auf einen der großen Rechtstheoretiker der Weimarer Republik, den sozusagen Vordenker des politischen Liberalismus auch in der Bundesrepublik. Das war ganz klar gegen Hans Kelsen gerichtet. Und man muss über alles das, was der Papst gesagt hat, argumentativ streiten: über die Unterscheidung von wahrem Recht und Scheinrecht, über die Frage, ob man die Aufklärungstraditionen denn so selbstverständlich für die eigene Sicht der Dinge fruchtbar machen kann. Mir hat nicht eingeleuchtet das kulturkritische Element, also zu sagen, seit 50 Jahren sei die Rechtskultur in einem dramatischen Verfall. Er hat von dramatischer Situation gesprochen, von einer dramatischen Wende. Das vermag ich alles so nicht zu sehen.

Novy: Als habe die Vernunft, die positivistische Vernunft, die er kritisiert, nicht auch die Kritik an sich selbst hervorgebracht?

Graf: Ja, natürlich. Es ist die alte Debatte, die man mit Ratzinger führen muss, über sein Verständnis der Aufklärung. Er hat bestimmte Aufklärungspositionen bis heute innerlich nicht akzeptiert. Das kann man ihm nicht vorwerfen, aber das muss man öffentlich sagen dürfen. Und man muss natürlich auch fragen, ob seine Definition von wahrem Recht, das dann an Gerechtigkeit zurückgebunden ist, wirklich in einer pluralistischen Gesellschaft allgemein verbindlich sein kann. Hier vertritt er eher eine katholische Sonderlehre.

Novy: Dieser Auftritt gehörte wohl kaum zu dem, was Sie einmal zu einem Trend des Christentums erklärt haben, nämlich zum Trend der Eventisierung.

Graf: Na ja, gut. Es ist natürlich ein inszenierter Auftritt, das ist ein Event. Aber der Papst hat sich geschickt verhalten, weil er sich sozusagen auf einer sehr prinzipientheoretischen Ebene bewegt hat. Er hat Begründungsfragen angesprochen, er hat das eingebettet in einen biblischen Kontext durch die Erinnerung an erste Könige, das fand ich rhetorisch alles sehr geschickt. Er hat Elemente der Selbstironie eingebaut, indem er gesagt hat, dass Hans Kelsen im Alter von 84 zugelernt hat, was aber nicht bedeutet, dass Ratzinger im Alter von 84 Jahren dazugelernt hat.

Novy: Ein Lacherfolg?

Graf: Lacherfolg. – Er hat sozusagen ein Kompliment in Richtung Grüne gemacht, das ist bei denen auch ganz gut angekommen.

Novy: Die haben applaudiert. Waren die es?

Graf: Die haben applaudiert. Die waren natürlich ganz froh, dass sie sozusagen 30 Jahre nach dem Start der Ökologiebewegung im Lande noch eine späte Taufe aus Rom erhalten haben. Sie sind damit wirklich, aber das wissen wir ja alle, dass sie in der Mitte des politischen Systems angekommen sind, mit wenigen Ausnahmen. Der entscheidende Punkt, über den zu streiten sein wird, ist die Relativierung des Mehrheitsprinzips. Das ist ja schon was Mutiges, in einem Parlament zu sagen, Mehrheit ist nicht alles. Und worüber zu streiten sein wird: über die Selbstverständlichkeit, mit der dann das Grundgesetz zu einem aus christlicher Tradition stammenden Dokument erklärt wird. Die Menschenrechte und der bundesrepublikanische Diskurs über Menschenwürde, so lassen sich Ideen politisch meiner Wahrnehmung nach nicht herleiten. Aber der Papst hat ja zum Streit darüber eingeladen.

Novy: Ganz herzlichen Dank! – Der Theologe und Philosoph Friedrich Wilhelm Graf deutete uns die Rede des Papstes vor dem Bundestag aus. Vielen Dank, Herr Graf.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


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